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Preisanstieg Warum die gefühlte Inflation so viel höher ist als die gemessene

Gefühlt sind die Preise in der Coronakrise deutlich stärker gestiegen als in der Statistik steht. Ökonomen kritisieren die Berechnung der offiziellen Inflationsrate.
05.10.2020 - 04:00 Uhr 4 Kommentare
Die Wahrnehmung des Lebensstandards hänge sehr stark von der Preismessung ab, sagen Ökonomen. Und warnen vor der Illusion niedriger Inflation. Quelle: imago images / Ikon Images
Konsumentin beim Einkauf

Die Wahrnehmung des Lebensstandards hänge sehr stark von der Preismessung ab, sagen Ökonomen. Und warnen vor der Illusion niedriger Inflation.

(Foto: imago images / Ikon Images)

Düsseldorf Das Leben wird immer teurer, jedenfalls nehmen es viele Bürger so wahr. Die amtliche Preisstatistik spiegelt das aber nicht wider: Im Zeitraum von 2004 bis 2020 lag nach Umfragen der Europäischen Kommission, die quartalsweise durchgeführt werden, die wahrgenommene Inflation bei der Bevölkerung im Euro-Raum durchschnittlich fast fünf Prozentpunkte höher als die offiziell gemessene.

Und dieser Unterschied zwischen Gefühl und Statistik ist in der Coronakrise noch einmal gewachsen. Im ersten Quartal 2020 lag die offizielle Inflation in der Euro-Zone bei 1,11 Prozent. Die gefühlte Teuerung betrug dagegen 4,30 Prozent. Im zweiten Quartal, in das die Pandemie fällt, sank die gemessene Inflation auf 0,22 Prozent, während die gefühlte Inflation auf 5,02 stieg.

Häufig wird argumentiert, dass Menschen Preiserhöhungen bewusster wahrnehmen als Preissenkungen, sodass die Wahrnehmung subjektiv verzerrt sei. Das mag stimmen, aber reicht das, um fast fünf Prozentpunkte Differenz zu erklären? Oder warum klaffen öffentliche Wahrnehmung und amtliche Statistik so weit auseinander?

Dieses Missverhältnis könnte an der Inflationsmessung liegen, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Gunther Schnabl, der dazu an der Universität Leipzig forscht. „Die Preise, die in den Läden ausgewiesen werden, finden sich nicht zwingend in den offiziellen Inflationszahlen wieder, da sie von den statistischen Behörden noch verändert werden“, sagt er.

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    Es erfolgt eine Qualitätsanpassung. Für viele Güter, bei denen die Qualität besser wird, werden die Preise heruntergerechnet, um den geldwerten Vorteil auszugleichen. Beispielsweise, wenn ein Smartphone eine neue Spracherkennungsfunktion hat, bei Autos ein Navigationsgerät zur Regelausstattung wird oder ein Kühlschrank energieeffizienter ist.

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    Bei schlechterer Qualität müssten die Preise dementsprechend hochgerechnet werden, zum Beispiel wenn die Portionen in den Restaurants kleiner werden, mehr Pressspan- oder Plastikmöbel verkauft werden, Selbstbedienung um sich greift oder sich die Lebenszeit von Produkten verkürzt.

    Da dies in der Regel nicht erfolge, weil Qualitätsverschlechterungen sehr viel schwerer zu erfassen seien, sei die Qualitätsanpassung verzerrt, so Schnabl. Und wie stark der Qualitätsanpassungseffekt auf die Inflation sei, gäben die Behörden nicht bekannt.

    Illusion niedriger Inflation?

    Laut Statistischem Bundesamt werden die Qualitätsveränderungen symmetrisch einbezogen, Preise könnten also in beide Richtungen korrigiert werden. „Oft wird unterstellt, dass schleichende Qualitätsveränderungen, wie eine geringere Lebensdauer oder Haltbarkeit, bei der Preismessung übersehen werden oder nicht erfasst werden können. Es gibt sicher Fälle, bei denen eine Erfassung kaum oder nicht möglich ist“, schreiben die Statistiker auf Anfrage. Grundsätzlich könne die Behörde Einzelpreisdaten weitergeben, aber „rechtlich und technisch sei das an besondere Bedingungen und Voraussetzungen geknüpft, die im Einzelfall geprüft werden müssen“.

    Die Qualitätsanpassung bei der Inflationsmessung könnte dazu beitragen, dass eine Illusion niedriger Inflation geschaffen wird, kritisiert Ökonom Schnabl. Trotzdem fühlten sich viele Endverbraucher immer ärmer, weil sie für ihren Euro in der subjektiven Wahrnehmung weniger erhalten. Die offizielle Statistik suggeriere jedoch das Gegenteil.

    Ob es für die umfangreichen Qualitätsanpassungen auch politische Gründe gibt, ist unklar. „Unbestritten ist, dass die niedrige gemessene Inflation eine wichtige Legitimation für die ultralockere Geldpolitik der EZB ist, die inzwischen maßgeblich zur Finanzierung von Staatsausgaben im Euro-Raum beiträgt“, so Schnabl.

    Kritiker wie Schnabl sagen, die in der Euro-Zone gemessene Inflation falle auch deshalb künstlich niedrig aus, weil die Preise für selbst genutztes Wohneigentum – und damit die auch in Deutschland stark gestiegenen Immobilienpreise – nicht berücksichtigt würden. Zwar wird im nationalen Verbraucherpreisindex (VPI) selbst genutztes Wohneigentum über den sogenannten Mietäquivalenz-Ansatz abgebildet.

    Dabei wird unterstellt, dass sich die Kosten für das Wohnen im Eigenheim entsprechend der Preisentwicklung für Mietwohnungen und -häuser entwickeln. Aber bei der Ermittlung des für europäische Zwecke berechneten Harmonisierten Verbraucherpreisindexes (HVPI) spielt Wohneigentum noch keine Rolle.

    „Selbstgenutztes Wohneigentum sollte berücksichtigt werden“

    Das findet auch Volker Wieland vom Sachverständigenrat problematisch. „Die Ausgaben der Verbraucher für die Miete sind bereits ein großer Bestandteil des Warenkorbs. Dabei wird jedoch vernachlässigt, dass die Verbraucher, die in eigenen Immobilien wohnen, ebenfalls damit verbundene Anschaffungs- und Erhaltungskosten haben. Dies sollte berücksichtigt werden.“ Der Faktor sei in vielen Ländern Südeuropas zudem noch bedeutender als in Deutschland, da dort die Eigentumsquote deutlich höher liege.

    Aktuell gibt es eine Diskussion, auch auf EZB-Ebene, inwieweit das selbst genutzte Wohneigentum und die Häuserpreisentwicklung bei der Berechnung des HVPI miteinbezogen werden sollten. Damit verbunden wären eine Reihe methodischer Probleme. Zum Teil resultieren sie daraus, dass zur Euro-Zone 19 verschiedene Länder gehören, in denen Wohneigentum und Mieten eine unterschiedliche Gewichtung haben.

    Am Ende müsste jede Änderung des HVPI vom Europäischen Parlament und dem Rat beschlossen werden. Bundesbankpräsident Jens Weidmann sagte zu den Schwierigkeiten: „Für mich wäre der eine oder andere Abstrich bei der Methodik hinnehmbar, wenn wir dafür der Lebenswirklichkeit der Menschen näher kämen.“

    Ökonom Schnabl hat einen alternativen Preisindex erstellt: Hätten eigengenutzte Immobilien beispielsweise einen Anteil von 15 Prozent am HVPI, dann hätte in Deutschland seit 2012 die offiziell gemessene Inflation im Durchschnitt um ein halbes Prozent höher gelegen. Notenbankkenner David Marsh sagte kürzlich dem Handelsblatt: „Wären Vermögenswerte wie Immobilien Teil des Warenkorbs, würde dieser sicherlich der gefühlten Inflation näher kommen.“ Das wiederum trage zur Glaubwürdigkeit der Statistik und der darauf basierenden Notenbankpolitik bei. Das intuitive Gefühl der Verbraucher, dass alles teurer wird, solle ernst genommen werden, forderte Marsh.

    Vermögenswerte wie Immobilien in die Berechnung der Inflation einzubeziehen lehnen die Statistiker bisher ab. „Würde man Vermögenswerte einbeziehen, dann würde das die Aussagekraft des Verbraucherpreisindexes für die Wirtschafts- und Geldpolitik einschränken“, so das Statistische Bundesamt. Bei stabilen Verbraucherpreisen würden sich Schwankungen in der Wertentwicklung dieser Güter auf die Wertsicherung von langfristig laufenden Zahlungen, wie Mieten oder Unterhalt auswirken, da Mieten zum Teil sogenannte Wertsicherungsklauseln enthalten, also an den Verbraucherpreisindex gebunden sind.

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    Wieland hält diese Einstellung für richtig, gibt aber zu bedenken. „Trotzdem sollte die EZB natürlich die Risiken, die sich aus ihrer Politik direkt für die Finanzstabilität und mögliche Übertreibungen bei Vermögenspreisen ergeben, mit in den Blick bei ihren Entscheidungen nehmen, und entsprechend vorsichtig und verhältnismäßig handeln.“ Diese Verhältnismäßigkeit sehen Ökonomen wie Marsh und Schnabl in Gefahr. „Die Nebeneffekte der zunehmend und anhaltend lockeren Geldpolitik können große gesellschaftliche Verwerfungen sein“, warnt Schnabl.

    Denn die Vermögenspreise stiegen enorm, während die Löhne vor allem junger Menschen unter Druck stünden. „Die Wahrnehmung des Lebensstandards hängt sehr stark von der Preismessung ab, so Schnabl. „Hätten wir eine höhere gemessene Inflationsrate – wie dies unsere alternativen Inflationsmaße andeuten – dann wäre die preisbereinigte Lohnentwicklung womöglich schon für einen Zeitraum von bis zu 20 Jahren negativ.“

    Mehr: David Marsh über die EU-Finanzpolitik: „Wir sind mittelfristig auf dem Weg in eine Transferunion“

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    4 Kommentare zu "Preisanstieg: Warum die gefühlte Inflation so viel höher ist als die gemessene"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Auch wenn es schon der dritte Kommentar zu dem Thema ist, und sich nie und nimmer irgendwas ändern wird, kann es nicht subjektiv sein, wenn man den Einkaufskorb sieht in seinem Volumen bewertet und den Preis als Relation dagegen hält. Qualitative Verbesserungen reinzurechnen und Verschlechterungen nicht zu bewerten ist nicht auf "nicht können" zurückzuführen, sondern auf nicht wollen.
      Wenn bei Windeln, Tampons, Hip-Baby-Gläsern usw. weniger als vorher drin ist > für das gleiche Geld < ist das anbieterseitigforcierte Gewinnoptimierung und für den Verbaucher eben Inflation. Ich persönlich empfinde es als schade, dass man uns als "Pöbel" versucht für dumm zu verkaufen.

    • @ H. Oser,
      man muss den Mitarbeitern in den Behörden und auch den zuständigen Politkern "Welpenschutz" gewähren, da sie alle soviel Geld erhalten, dass diese überhaupt keine Preiserhöhungen bemerken. Außerdem werden diese Herrschaften auch nicht persönlich einkaufen gehen bzw. zum einkaufen fahren.
      Außerdem arbeitet man nicht nur mit geschönten sondern auch noch mit v e r a l t e t en
      statistischen Zahlen.
      Diese gefälschten Zahlen erhält der Verbraucher schon seit Jahrzehnten.
      Bei den "grünen" Freitagsdemos sollte man sich darum kümmern.

    • Der Preisanstieg wird offensichtlich nur bei Standardgütern gemessen - welche auch immer das sind. Wenn Sie die Schinken- oder Salami-Packungen aus dem Regal nehmen, bekommen Sie heute 70g für den gleichen Preis, wie vorher für 100g! das sind 30% weniger Inhalt - oder meine Ware wurde jetzt um 30% teuerer. Joghurt Becher, die vorher 500g beinhalteten, haben jetzt nur noch 400g - alles zum gleichen Preis. 100g von 500g weniger, macht 20% weniger Ware für den Verbraucher. Obst und Gemüse wurden im Vergleichzeitraum von 2019 um ca. 5 - 6% teurer. Hat sich eigentlich das statistische Bundesamt auch über die Preise von Lebensmitteln informiert?

    • Unterschied zwischen Gefühl und Statistik ist in der Corona Krise noch einmal deutlich gewachsen.
      Das Wort Gefühl ist willkürlich und Falsch. Die Bürger erleben die tatsächliche Inflation täglich an der Ladenkasse. Die statistische Inflation ist die Regierungsamtliche und beschönigte Inflation.
      Wirtschaftswissenschaftler Gunther Schnabl, der dazu an der Universität Leipzig forscht. „Die Preise, die in den Läden ausgewiesen werden, finden sich nicht zwingend in den offiziellen Inflationszahlen wieder, da sie von den statistischen Behörden noch verändert werden“, sagt er.
      Dann wird eine willkürliche nicht meßbare Qualitätsanpassung vorgenommen. Wenn z.B. eine Waschmaschine nicht mehr 6 sondern jetzt 12 Waschprogramme hat, dann wird bei gleichem Preis einfach der statistische Preis reduziert und das ohne Prüfung ob der Kunde diese zusätzlichen Programm will oder diese überhaupt sinnvoll sind. So wird mit allen Produkten verfahren und schon kommt das gewünschte Ergebnis heraus.

      Mark Twain sage sehr richtig: „There are three kinds of lies: lies, damned lies, and statistics“.

      Mich ärgert so etwas, da ich Statistiken für sehr nützlich und wichtig halte ungemein. Mit solchen Methoden wird die Statistik im gesamten als unglaubwürdige Scharlatanerie abqualifiziert. Hier dient sie einzig und alleine der Politik um sich die Inflation entgegen der Realität schön zu rechnen und sich im verlogenen Ergebnis zu sonnen und merkt nicht, daß einzig und allein die Glaubwürdigkeit der Politik rückläufig ist im Gegensatz zur tatsächlichen Inflation.

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