Mesut Özil

Auf Twitter hat der Fußballer mit dem DFB abgerechnet.

(Foto: AP)

Presseschau „Effekt einer Bombe“ – wie Medien die Özil-Abrechnung kommentieren

Überraschend hat Mesut Özil seinen Rückzug aus der Nationalelf verkündet und mit dem DFB abgerechnet. Wer Schuld an dem Eklat ist – darüber ist sich die Presse uneinig.
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DüsseldorfWochenlang ist er von allen Seiten für seine Fotos mit dem türkischen Präsidenten kritisiert worden, wochenlang hat Mesut Özil dazu geschwiegen. Bis zum gestrigen Sonntag. Da verkündete der Fußballer schließlich seinen Rückzug aus der deutschen Nationalmannschaft: „Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, da ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre“, schrieb er auf Twitter.

Diese Entscheidung sei ihm extrem schwergefallen. Er habe das deutsche Trikot mit großem Stolz und Enthusiasmus getragen, „aber jetzt nicht mehr“, heißt es in der auf Englisch verfassten Erklärung. Seine Abrechnung mit dem DFB kommentierten viele Medien. Die Pressereaktionen im Überblick.

Spiegel Online: „DFB hätte sich zur Integration bekennen müssen“

Zwar kritisiert das Nachrichtenmagazin, dass Özils Rücktrittserklärung wenig Selbstkritik beinhaltet. Aber nach Ansicht des Kommentators enthält sie viel Wahres: Der DFB hätte sich zur Integration bekennen müssen, „und das hätte bedeutet: Deutschland sind wir alle, unabhängig von Herkunft oder Meinung“. Es sei die Aufgabe des DFB und insbesondere seiner Führung gewesen zu erkennen, „dass die Debatte über ein PR-Problem hinausgeschritten war – und dass die Spieler zu schützen sind“.

Bild: „Özil will Grindel offenbar als Rassisten brandmarken“

Die Boulevardzeitung positioniert sich ganz klar gegen Özil. Er bekenne sich nicht zu Werten wie Meinungsfreiheit und Toleranz, er habe kein kritisches Wort über Erdogan verlauten lassen und in seiner Erklärung keine Selbstkritik geübt. Stattdessen habe es „Wutattacken“ gegen Grindel gegeben, „den er als Rassisten brandmarken und offenbar stürzen will“. „Bild hätte nie Özils Rauswurf aus der Nationalelf gefordert. Jetzt wäre es so weit gewesen, falls er nicht selbst zurückgetreten wäre.“

Wer so über Deutschland denke, könne nicht für Deutschland spielen. „Um es mit Özils Worten zu sagen: Genug ist genug.“

Welt: „Es darf keinen zweiten Fall dieser Art geben“

Auf allen Seiten gibt es nur Verlierer – diese Bilanz zieht die „Welt“ nach Özils Rücktrittserklärung. Die deutsche Fußball-Elf verliere einen „Ausnahmekönner“ und Özil selbst an Wertschätzung. Für den DFB stehe vieles auf dem Spiel, weil er „den Fall Özil“ unterschätzt habe. „Der Verband muss nun beweisen, dass er lernen kann und bereit ist zur Veränderung. Es darf keinen zweiten Fall dieser Art geben.“

Frankfurter Rundschau: „DFB und Kanzlerin haben Özil zum Integrationsbotschafter stilisiert“

Das Frankfurter Medium übt scharfe Kritik am Deutschen Fußball-Bund (DFB) und an Angela Merkel: Gegen seinen Willen hätten ihn der DFB und die Kanzlerin zum Integrationsbotschafter stilisiert. „Er war damit schon immer heillos überfordert. Alle Beteiligten wussten das sehr genau. Aber es war ihnen des schönen Scheins wegen egal.“ Jetzt zahlten sie einen hohen Preis dafür, und eine gespaltene Gesellschaft zahle diesen Preis gleich mit.

Nach Auffassung des Autors gehört es zu Özils persönlicher Tragik, dass ausgerechnet er zum „Bolzball seiner türkischen Berater, der geglückten Wahlkampagne des Präsidenten Erdogan, des DFB bei dessen missratener Titelverteidigung und einer auch von enthemmter Bösartigkeit getriebenen Debatte auf dem Resonanzboden von Rassismus“ geworden sei, „gegen den jeder mal treten durfte“. Dabei sei es nur Özils Absicht gewesen, guten Fußball zu spielen.

Neue Zürcher Zeitung: „Durch Özils Rücktritt ist dem DFB eine unliebsame Entscheidung abgenommen worden“

Wie Gündogan hat Özil nach Ansicht der „NZZ“ versucht, das Treffen mit Erdogan als eine „Zusammenkunft rein privater Art“ begreiflich zu machen. „Was er allerdings genauso wie sein Mitspieler übersah – oder womöglich übersehen wollte –, ist der Umstand, dass allein schon aufgrund von Erdogans Amt ein politischer Zusammenhang besteht.“ Özil sträube sich gegen diese Wahrnehmung, seine Erklärung werde aber an der öffentlichen Wahrnehmung wenig ändern.

„Durch Özils Rücktritt ist dem DFB, der im Zuge dieser Affäre zu keinem Zeitpunkt souverän gewirkt hat, eine womöglich unliebsame Entscheidung abgenommen worden.“ Für den Neuaufbau des DFB-Teams kann sich Özils Demission laut „NZZ“ gar als Chance erweisen.

Corriere della Sera (Italien): „Rückzug ist verheerend für den bereits verkratzten Mythos einer vielfältigen Nationalmannschaft“

Die italienische Zeitung schreibt über Özils Rücktritterklärung, dass sie „den Effekt einer Bombe“ gehabt habe. Sein Rückzug sei ein „schmerzlicher Bruch, voller Groll“. Dieser sei „verheerend für den bereits zerkratzten Mythos einer vielfältigen und bunten Nationalmannschaft, die Symbol für die gelungene Integration in einem siegreichen Deutschland war und die auch fester Bestandteil der politischen Narration von Kanzlerin Angela Merkel war“.

Habertürk: „Deutschland muss sich bei Özil entschuldigen“

Die türkische Zeitung „Habertürk“ vertritt in einem Kommentar die Ansicht, Deutschland müsse sich bei dem Fußballer entschuldigen. „Ein Land kann nicht so treulos sein“, schreibt der Sportkommentator des regierungsnahen Blatts, Halil Özer. „In das Land, in dem er (Özil) Fußball spielt, kommt ein Staatsmann seiner ursprünglichen Heimat – der Präsident –, und natürlich kann sich Mesut mit ihm fotografieren lassen“, findet das Blatt. Nicht Özil, sondern die Deutschen hätten die Politik in den Sport gemischt. „Mesut hat getan, was richtig ist.“

Sein „Habertürk“-Kollege Serdar Ali Celikler meint, einen „rassistischen Kopf“ erkannt zu haben, der in Deutschland noch immer im Hintergrund agiere. Der habe Özil „regelrecht zu dieser Entscheidung gezwungen“.

Mit Material von Reuters und dpa.

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