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Private Altersvorsorge Renditelose Riester-Rente: Verbraucherzentralen machen mit Alternativkonzept Druck

Die Große Koalition vernachlässigt die Stärkung der privaten Altersvorsorge. Die Verbraucherzentralen machen nun mit einem eigenen Konzept Druck. Kritiker sehen jedoch Risiken.
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Von 2017 auf 2018 sank der Bestand an Riester-Verträgen um etwa 10.000. Quelle: dpa
Rente

Von 2017 auf 2018 sank der Bestand an Riester-Verträgen um etwa 10.000.

(Foto: dpa)

BerlinVor einigen Wochen versuchte Finanzstaatssekretär Jörg Kukies auf einer Handelsblatt-Veranstaltung Aufbruchstimmung beim Thema private Altersvorsorge zu verbreiten. Die Große Koalition denke über ein Standardprodukt nach, um die „anfängliche Euphoriewelle“ bei der Riester-Rente wieder zu entfachen. „Unser Ziel ist es, da wieder Wachstum und Dynamik reinzubringen“, sagte Kukies.

Union und SPD hatten in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, im Dialog mit Versicherungswirtschaft und Verbraucherschützern die „zügige Entwicklung eines attraktiven standardisierten Riester-Produkts“ anzugehen. Doch in der Praxis liegen die Bemühungen brach. Und von Euphorie ist bei Riester schon lange nichts mehr zu spüren.

Die Verbraucherzentralen machen nun Druck mit einem Alternativmodell zu der ungeliebten Zusatzrente, die 2001 unter der rot-grünen Bundesregierung eingeführt wurde und nach dem früheren Arbeitsminister Walter Riester (SPD) benannt ist. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) wirbt für ein staatlich organisiertes Angebot zur privaten Altersvorsorge, die sogenannte „Extrarente“.

Diese unterscheidet sich von der von Versicherungsunternehmen angebotenen Riester-Rente vor allem darin, dass ein öffentlicher Träger private Fondsmanager mit der Vermögensverwaltung beauftragt. Außerdem sollen alle Arbeitnehmer automatisch über ihren Arbeitgeber einbezogen werden – es sei denn, sie widersprechen.

„Verbrauchern werden meist teure, kaum rentable und unflexible Rentenversicherungen angeboten, von denen vor allem die Versicherungswirtschaft und deren Vertriebe profitieren“, kritisiert vzbv-Chef Klaus Müller. Das von den Verbraucherschützern entwickelte Konzept ermögliche dagegen eine „kostengünstige und gewinnbringende Anlage“.

Vor fast zwei Jahrzehnten brachte Rot-Grün mit Blick auf den demografischen Wandel eine weitreichende Reform der gesetzlichen Rentenversicherung auf den Weg. Neben dem umlagefinanzierten System trat eine staatlich geförderte Zusatzvorsorge in Kraft, die auf dem Prinzip der Kapitaldeckung basiert.

Mit Zulagen und Steueranreizen sollten die Bürger zum Sparen für das Alter bewegt werden, um so eine Absenkung des Rentenniveaus auszugleichen. Ziel des Altersvermögensgesetzes war, „die Rentenversicherung auch langfristig für die jüngere Generation bezahlbar zu erhalten und ihr im Alter einen angemessenen Lebensstandard zu sichern“.

In der Praxis hat die Riester-Rente nicht den gewünschten Schwung entwickeln können. In der Anfangsphase stieg die Zahl der Verträge zwar steil an, seit einigen Jahren stagniert die Nachfrage nach Riester aber. Zuletzt ging sie sogar zurück. Nach Angaben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales sank der Bestand an Riester-Verträgen von 2017 auf 2018 um etwa 10.000 auf 16,59 Millionen.

Dazu kommt: Etwa ein Fünftel der Verträge sind ruhend gestellt, sie werden also aktuell nicht mit Beitragsleistungen bespart. Außerdem ist die Gruppe der Bundesbürger, die über Riester für das Alter vorsorgen, kleiner als die Anzahl der Verträge. Das liegt daran, dass eine Person mehrere Riester-Verträge abschließen kann.

Arbeitnehmer werden automatisch einbezogen

Das Modell der VZBV unterscheidet sich in mehreren Punkten von der Riester-Rente. Während sich bei Riester die Bürger selbst um die Zusatzvorsorge kümmern müssen, sollen bei der Extrarente Arbeitnehmer automatisch über ihren Arbeitgeber einbezogen werden.

Ihnen bleibt dabei die Möglichkeit, zu widersprechen und die Einzahlungen jederzeit zu beenden. Mit der „Opt-Out“-Variante ist die Hoffnung verbunden, dass deutlich mehr Menschen zusätzlich für das Alter vorsorgen.

Laut VZBV-Konzept sollen Einzahlungen der Arbeitnehmer flexibel etwa zwischen fünf und mehreren Hundert Euro im Monat möglich sein. Die Höhe soll auch laufend zu ändern sein. In einer „Basisvariante“ sollen vier Prozent des Bruttoeinkommens als monatliche Einzahlung vorgesehen werden. Auch Selbstständigen soll die Extrarente offenstehen, sie müssten sich aber aktiv um einen Vertrag bemühen.

Anders als bei den von der Versicherungswirtschaft angebotenen Riester-Produkten schwebt den Verbraucherschützern ein öffentlicher Träger vor, der über zeitlich befristete Ausschreibungen private Fondsmanager beauftragt, die Einzahlungen in die Extrarente anzulegen. Damit sollten hohe Verwaltungskosten und Abschlussprovisionen vermieden werden, die bei vielen Riester-Verträgen die Rendite schmälern würden.

Eine weitere Rendite-Falle bei der Riester-Rente ist die Vorgabe, dass Sparer in der Auszahlungsphase mindestens das gesamte eingezahlte Kapital zurückerhalten müssen. Wegen dieser Garantie sind nur sehr konservative Anlageformen möglich, die im aktuellen Niedrigzinsumfeld kaum Kapitalerträge ermöglichen.

Das Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) simulierte vergangenes Jahr 10.000 Kapitalmarktszenarien für einen typischen Riester-Sparplan. Das Ergebnis: In zwei Drittel der Fälle lag die jährliche Rendite zwischen null und einem Prozent.

Das VZBV-Modell verzichtet auf Garantien und soll durch einen hohen Aktienanteil bessere Erträge an den Kapitalmärkten erwirtschaften. Die damit verbundenen Risiken sind nach Auffassung der Verbraucherschützer vertretbar: „Langfristig, also über Zeiträume von 20 Jahren oder länger, sind diese Renditen in der Vergangenheit im Durchschnitt immer positiv gewesen“, heißt es in dem Konzept.

„Verbraucher profitieren so von der Wertschöpfung der Unternehmen in Deutschland, Europa und der Welt.“ Der Aktienanteil könnte dabei schrittweise in schwankungssicherere Anlageformen umgeschichtet werden, je näher das Rentenalter rückt.

Ganz neu ist die Idee der Extrarente nicht. Hessen trommelt im Bundesrat seit einiger Zeit für sein „Deutschland-Rente“-Konzept mit einem staatlich organisierten Standardprodukt der zusätzlichen Altersvorsorge. Eine Anfang des Jahres veröffentlichte Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) zeigt Vorzüge eines Altersvorsorgekontos auf, das in eine ähnliche Richtung geht.

Grünen-Chef Robert Habeck begrüßte den Vorstoß der Verbraucherschützer. Die Riester-Rente sei geprägt von geringen Renditen, hohen Vertriebs- und Verwaltungskosten und teuren Zinsgarantien. „Oft lohnt sich der Abschluss nur wegen der staatlichen Förderung und in vielen Fällen noch nicht einmal dann. Das muss aber nicht so sein“, sagte Habeck der Deutschen Presse-Agentur.

Der rentenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Ralf Kapschack, nannte die Idee der Extrarente eine „gute Diskussionsgrundlage“, um zu dem im Koalitionsvertrag vereinbarten Standardprodukt bei der privaten Altersvorsorge zu kommen.

Für die Sozialdemokraten stehe jedoch weiterhin die Stärkung der gesetzlichen Rente im Mittelpunkt, sagte Kapschack dem Handelsblatt. Die beste Ergänzung der ersten Säule sei zudem die betriebliche Altersversorgung.

Risiko für die Sparer?

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) übte Kritik am Vorschlag der Verbraucherschützer. Das Konzept setze voll auf den Aktienmarkt, das Risiko müssten allein die Sparer tragen. Zudem ziele der Vorschlag in erster Linie auf Arbeitnehmer. Nötig sei aber eine Altersvorsorge unabhängig vom beruflichen Status.

„Es ist auch nicht nachvollziehbar, warum der Vorschlag kostengünstiger sein sollte als bestehende Angebote – Vertriebsaufwand und Verwaltungskosten müssten Arbeitgeber und Steuerzahler tragen“, erklärte der GDV. Die Versicherungswirtschaft warnt vor einem „riskanten Systemwechsel“ und fordert stattdessen auch ein Standardprodukt innerhalb der Riester-Rente. Dazu müsse auch das komplexe Förderverfahren für die Zusatzrenten vereinfacht werden.

Auch wenn der Ruf der Riester-Rente angekratzt ist, stehen viele Deutsche einer Zusatzvorsorge für das Alter offen gegenüber. Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts KantarEmnid im Auftrag der VZBV würden 58 Prozent aller Verbraucher gerne mehr privat für das Alter vorsorgen, nennen aber mangelndes Vertrauen in die Angebote am Markt als Hinderungsgrund. Dass der Staat ein Standardprodukt für die private Altersvorsorge organisieren sollte, finden demnach 73 Prozent der Befragten richtig.

Die Verbraucherschützer fordern die Bundesregierung auf, noch in diesem Jahr ein Gesetzgebungsverfahren für eine Stärkung der privaten Altersvorsorge auf den Weg zu bringen. Zuständig wären das Finanz- und das Sozialministerium. Die beiden SPD-geführten Häuser scheinen bei dem Thema aber keine Eile zu haben - trotz öffentlicher Ankündigungen wie denen von Finanz-Staatssekretär Kukies.

Der im Koalitionsvertrag vereinbarte Dialogprozess hat jedenfalls noch nicht begonnen. „Bislang fehlen konkrete Schritte, wie der Teil des Koalitionsvertrags zum Standardprodukt umgesetzt werden soll“, sagt Dorothea Mohn, Leiterin des Finanzmarktteams bei der VZBV, dem Handelsblatt.

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1 Kommentar zu "Private Altersvorsorge: Renditelose Riester-Rente: Verbraucherzentralen machen mit Alternativkonzept Druck"

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  • Die SPD und auch die anderen Parteien denken doch vorrangig darüber nach, wie sie die Steuern erhöhen können - siehe CO2 Steuer.... auf die Idee auch mal für den Bürger zu arbeiten, statt ihre Pfründe auszubauen, kommen sie nicht. Insofern wird es noch lange, lange dauern, bis man vielleicht irgendwann mal beginnt darüber nachzudenken, ob eine Deutschland Rente mit wichtiger, sinnvoller Investition in Produktionsgütern und wertvollen Unternehmen auch tatsächlich sinnvoll sein könnte.
    Ja, meine Damen und Herren Politiker, die Investition in eigene Gesellschaften/Unternehmen und damit in die eigene Infrastruktur ist sinnvoll, ermöglicht es auch für "kleine" Sparer. Das ist überfällig.
    Grundsätzlich sollte die Investition in Unternehmen-Aktien nicht schlechter gestellt sein als in Gold oder in Immobilien - das führt besonders bei Immobilien zu spekulativen Auswüchsen.

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