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Kommentar zur Flüchtlingspolitik Neuankömmlinge sind ein Geschenk des Himmels

Flüchtlingswellen sind eine feste Größe in der Menschheitsgeschichte und waren stets ein globales Problem, meint Historiker Michael Wolffsohn. Um zu sehen, was kommt, muss man kein Prophet sein. 14 Zukunftsthesen.
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Weiterfahrt: Flüchtlinge aus Syrien verlassen die griechische Insel Kos. Quelle: AFP
Flüchtlinge aus Syrien

Weiterfahrt: Flüchtlinge aus Syrien verlassen die griechische Insel Kos.

(Foto: AFP)

1. Flüchtlingswellen sind wie der Klimawandel. Man kann sie abschwächen und verzögern, nicht aber verhindern. Der Klimawandel ist eine feste Größe der Erd- und Menschheitsgeschichte. Politisch, klimatisch, wirtschaftlich oder militärisch bedingte Migration beziehungsweise Flüchtlingswellen und Völkerwanderungen sind eine Konstante der Menschheitsgeschichte (zum Thema Klima- und Menschheitsgeschichte empfehle ich nachdrücklich Josef Reichholfs wunderbares und jedermann verständliches Buch „Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends“).

Wer nur sich selbst und sein eigenes Heute sieht, hält Klimawandel und Migration für (s)eine Gegenwart oder Zukunft.

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.
Professor Tacheles

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.

2. Keine Migrationswelle der Menschheitsgeschichte war ein lokal oder regional begrenztes Ereignis. Oft wirkte sie global – auch bevor man von „Globalisierung“ sprach. Jede Migrationswelle dauerte relativ lang und bewirkte in der freiwillig oder unfreiwillig aufnehmenden Gesellschaft fundamentale Veränderungen.

3. Alle Migrationswellen glichen, im wörtlichen Sinne, einer Revolution, indem sie die bestehenden Verhältnisse vollkommen umkehrten. Man denke an die beiden Indoeuropäischen Völkerwanderungen ab ca. 2.000 und 1.200 v. Chr. Ein anderes Beispiel sind die Hunnen. Sie wurden im 4. Jahrhundert von den Chinesen vertrieben und vertrieben ihrerseits die Germanen. Diese „wanderten“ vom 4. bis 6. Jahrhundert west- und südwärts. Die Einwandernden vertrieben oder vernichteten dabei die Einheimischen. Seltener vermischten sie sich friedlich mit den bereits Ansässigen. Nicht viel anders verlief die Slawische Völkerwanderung vom 5. bis 7. Jahrhundert.

4. So gesehen haben nicht nur „die Deutschen“ Angst vor dem oder den Fremden. Diese Angst ist eine Menschheitsangst. Sie basiert auf eigener oder tradierter Erfahrung. Oft schlägt sie aber, ganz und gar unnötig, in Hysterie um. Nicht jede Flüchtlings- oder Zuzugswelle war oder ist nämlich ein Tsunami oder auch nur andeutungsweise eine Bedrohung.

5. Die Angst ist dumm. Nämlich die Angst von Einheimischen (nicht nur der deutschen) vor friedlich kommenden, Schutz oder nur ein besseres Leben suchenden Ein- oder Zuwandernden war historisch und ist auch heute nur hysterisch, dumm und ihre Vertreibung immer ebenso unmoralisch, wie im eigenen Interesse, schädlich. So war beispielsweise die jüdische und hugenottische beziehungsweise protestantische Zuwanderung für jede aufnehmende Gesellschaft ein Gewinn, ihre Vertreibung oder Vernichtung sowohl mörderisch als auch selbstmörderisch.

Eine andere Form der Migration war vorgestern der „Import“ von versklavten Schwarzafrikanern nach Amerika. Er brachte damals den Sklavenhaltern wirtschaftliche Vorteile. Die Nachfahren der Sklaven und Sklavenhalter müssen seit gestern und bis heute und morgen die Folgeprobleme tragen. Enorm ist die gesellschaftliche Sprengkraft. Daran kann nicht einmal ein schwarzer Präsident in den USA Grundlegendes ändern.

6. In Anbetracht all dessen geht es uns gut. Den Klimawandel können wir (noch) verlangsamen. Die Migrationswelle ist, trotz aller immensen kurzfristigen Probleme und Ängste, langfristig so etwas wie ein Geschenk des Himmels. Wer, wie die überalterten Deutschen und andere Westeuropäer, weder Inder noch Kinder, also demografisches Gleichgewicht sowie Wohlstand, will oder bekommt, braucht Zuwanderer. Seien es Flüchtlinge oder anderer Menschen-„Nachschub“.

Deshalb gilt: Wer heute stöhnt, wird morgen verwöhnt – erfährt jedoch spätestens übermorgen kulturelle, religiöse, rassische, also fundamentale gesellschaftliche Verwerfungen. Sie können friedlich verlaufen. Garantiert ist das nicht.

7. Umgekehrt gilt folgende Aussage bezogen auf Staaten, in denen Menschen ermordet, aus ihnen vertrieben werden, fliehen oder nur des besseren Lebens willen auswandern: Heute vertreiben oder verlieren sie die meist besser Qualifizierten. Morgen und erst recht übermorgen werden sie deshalb noch größere Überlebensprobleme haben.

Eine dreifache Revolution

„Der Rassismus ist das Sahnehäubchen“

8. Auf uns bezogen bedeutet das: Heute ist die Aufnahme von Flüchtlingen ein Akt der Nächstenliebe, der Menschlichkeit und kurzfristig ein Riesenproblem. Morgen schlägt unsere Moral von heute unwillentlich in Unmoral um, denn sie schwächt die schwächeren Herkunftsstaaten.

9. Man könnte sagen, dies wäre die gerechte Strafe für die Mörder, Vertreiber und Versager. Doch nicht die Mörder, Vertreiber und Versager werden langfristig bestraft. Sie erleben den durch sie verursachten nationalen Selbstmord nicht mehr. Ihre Kinder und Kindeskinder werden hierunter leiden. Wie so oft, trifft es die Falschen.

10. „Frieden durch Föderalismus“, also Selbstbestimmung regionaler oder personaler Gruppen, keine Unterdrückung von Minderheiten, sondern Minderheiten-Mitbestimmung. Nur diese Formel garantiert das Ende von Blutvergießen und Elend in den Herkunftsstaaten. Das bedeutet: Die meisten Herkunftsstaaten müssen umgebaut werden. Ob die jeweiligen Führungspersonen und –gruppen diesen Umbau freiwillig vollziehen, darf bezweifelt werden. Sie ziehen Krieg und Bürgerkrieg vor, um an der Macht zu kleben.

Die von ihnen Vertriebenen kommen in den Westen. Unter diesem Aspekt stellt sich die Frage nach humanitären Interventionen scheinbar neu. Tatsächlich wäre dies zum Beispiel 2011/12 in Syrien und im Irak nötig gewesen. Der Rückzug aus Libyen und Eintags- oder Chaosaktionen in Afrika (Mali, Zentralafrikanische Republik, Kongo, Elfenbeinküste, Somalia) entbehrten jeder politischen Strategie. Die militärischen Siege waren Scheinsiege.

Nach der Vertreibung von Libyens Diktator Gaddafi ließen sich Sarkozy und Cameron als Befreier feiern, in Mali inszenierte Hollande diese Peinlichkeit. Gebessert hat sich nichts. Wer draufhaut, ohne zu denken, verschlimmert nur Schlimmes – und fördert Flucht und Vertreibung, also (aus unserer Perspektive) den künftigen Flüchtlingsstrom.

11. Die meisten Menschen der gegenwärtigen Völkerwanderung sind, mit Ausnahme christlicher Balkanbürger (sofern sie nicht, wie zu erwarten, bald wie auch immer ausgewiesen werden), Muslime. Die Islamisierung Westeuropas wird rapide beschleunigt. Muslime werden in Deutschland und Westeuropa einstweilen keine Mehrheit, doch eine rasant wachsende Minderheit. Das ist keine Überfremdung, wohl aber eine gesellschaftliche, kulturelle und religiöse, also eine dreifache Revolution.

12. Diese dreifache Revolution führt dazu, dass Deutschland und Westeuropa mehr als bisher Nebenkriegsschauplätze der Konflikte innerhalb der islamischen Welt und ihrer Gegner werden. Weil Nahost und die Islamische Welt bei uns sind, importieren wir auch die innerregionalen Konflikte; einschließlich Terror.

13. Diese dreifache Revolution bewirkt auch neue Geschichtsbilder und diese eine neue Außenpolitik. Die enge Zusammenarbeit zwischen Hitler-Deutschland und der arabisch-islamischen Welt im Holocaust und Zweiten Weltkrieg dürfte ebenso anders gesehen werden wie die traditionelle Nahostpolitik des Westens.

14. Besonders Deutschland stöhnt unter der Last der Flüchtlinge und Asylsuchenden. Diese Völkerwanderung beweist aber eindeutig: Die Behauptung Deutschland und „die Deutschen“ wären unbeliebt und ungeliebt, ist Quatsch.

Man muss kein Prophet sein, eher ein Kenner der historischen Mechanik, um wenigstens etwas Zukunft vorhersehen zu können.

Der Historiker Michael Wolffsohn, 68, ist Autor des Buches „Wem gehört das Heilige Land?“ (12. Auflage 2015). Im Juni 2015 erschien die zweite Auflage „Zum Weltfrieden“.

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161 Kommentare zu "Kommentar zur Flüchtlingspolitik: Neuankömmlinge sind ein Geschenk des Himmels"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Diese "Geschenke des Himmels" haben in Suhl einen hohen Sachschaden angerichtet, Menschen verletzt und in Angst und Schrecken versetzt. Nein Danke für ein solches Geschenk! Man sollte die Einrichtung nicht reparieren, sondern die Schäden lassen. jeder lebt eben in der Umgebung, die er sich selbst geschaffen hat, kaputte Toilletten, offene Türen für Jeden, kaputte Fenster, auch wenn es kalt wird... Ist doch schön...

  • Ein Geschenk, das diesen Namen verdient, kann man auch ablehnen und zurückschicken!

  • Ich habe grundsätzlich nichts gegen diese "Geschenke des Himmels". Allerdings mache ich mir Sorgen, wie wir die ganzen Flüchtlinge über den Winter bekommen sollen, wenn schon jetzt die Unterkünfte fehlen? Überwintern im Zelt? In Deutschland? So schnell geht die Klimaerwärmung nun doch nicht. Haben unsere Politiker dazu schon Pläne und wenn ja, welche? Wir haben jetzt bald Ende September, bald werden die Nächte wieder deutlich kälter. Was dann?
    Man hört bzw. liest dazu nichts...Nur allgemeine Panik über den Status quo.

  • @ Herr Jordache Gehrli -

    >> So vielleicht?? >>

    Die könnten noch krasser :

    "" Wir nehmen heute schon 40 % aller Flüchtlinge in Europa auf, WÄHLT die CDU, wir sind auch bis zu 100 % in 2017 befähigt ! ""

  • "Die Zahlen alleine sind Hetze" Blöder gehts nicht!

  • aus einem andern Zusammenhang gerissen, aber durchaus auch auf die "Flüchtlingsfrage" übertragbar:

    „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.“

    Warten wir also mal ab, welche Dosis Deutschland "verträgt" bevor es kollabiert.
    Andere Länder sind mit den Selbstversuchen wohl etwas vorsichtiger.

    Aber die schwarz-rot-rot-grüne medizinische Abteilung der neuen Volkskammer wertet die Ergebnisse spätestens bei der Obduktion des Patienten dann aus........

  • Ich überleg mir auch gerade: WAS wird sich die CDU in 2017 auf die Wahlplakate pinseln:

    "CDU/CSU....der Garant für noch mehr Flüchtlinge und noch mehr Milliarden nach Griechenland!! Wir kümmern uns um alles - nur nicht um Euch Deutsche!!
    Weiter so Deutschland - wir verplempern Ihre Steuergelder mit Dr. Angela Merkel !"

    So vielleicht??

  • Tja, wie geht es weiter. Wir fahren in allen Bereichen gegen die Wand und die Presse findet das alles toll, vor allem die Massenflut von Menschen, die ja offenbar wegen unserer Sozialsysteme herkommen - sonst wäre ja Polen, Italien oder Spanien ebenso beliebt! Diese Leute sind oft Analphabeten und werden unser demographisches Problem noch verschlimmern, sie zahlen nicht später mal unsere Rente, nein, sie verfrühstücken sie gleich jetzt! Sie bringen ihre Konflikte mit, uns gegenüber aber nur Verachtung, ja z.T. Haß! in der FAZ sind Kommentare bei Asylthemen inzwischen unmöglich - tja, der Bürger hat gemerkt, was hier läuft. Letzte Chance: BTW 2017?

  • Wie sehr die Krisenherde der Erde die "Innenentwicklung" des Landes tangieren, lässt sich doch gerade sehr gut erörtern - warum sollen wir uns dann aus unserer geopolitischen Rolle verabschieden?

  • Man sollte diese Aussagen vll. in dem historischen Kontext sehen, in dem sie gemeint sind. Wie sich Einwanderung auswirkt entscheidet in der heutigen Zeit zum Glück nicht mehr das Recht des stärkeren. Eine stabile und tolerante Gesellschaft wird sicherlich fruchtbar aus der Einwanderung hervorgehen. Die Toleranz unserer Gesellschaft lässt sich hoffentlich nicht an diesen Beiträgen hier ablesen.

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