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Professor Tacheles zur Flüchtlingskatastrophe Der „Christenclub“ als Traumziel

Die Flüchtlinge in Not fliehen nicht in die reichen islamischen Staaten wie Saudi-Arabien. Sie versuchen es im vermeintlich christlich-antiislamischen Westeuropa, weil deren eigene Staaten politische Totgeburten sind.
Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.
Professor Tacheles

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.

BerlinJenseits von verständlichem, menschlichem Beileid und Mitleid bergen die Flüchtlingstragödien im Mittelmeer überraschende Lehren. Eine davon lautet: Anders als oft von manchen Muslimen und noch mehr Nicht-Muslimen behauptet, betrachten viele Muslime weder Deutschland noch Westeuropa und, jawohl, Israel nicht als „antiislamisch“ beziehungsweise antimuslimisch.

Man schaue auf die Herkunft der meisten nach Europa strebenden und dabei entsetzlich leidenden sterbenden Flüchtlinge: Syrien, Eritrea, Somalia, Ägypten, Libyen, Algerien, Tunesien, Marokko, Mali, Niger, Gambia, Zentralafrikanische Republik, Nord- und Mittel-Nigeria.

Das sind weitgehend oder teilweise ausschließlich muslimisch geprägte Staaten. Dort wurde ihnen immer wieder eingeredet, Europa denke und verhalte sich wie ein exklusiver Christenclub. Nicht zuletzt aus der Debatte um den EU-Beitritt der Türkei kennen wir dieses Märchen.

Wohin wollen nun Muslime in Not? Teils ins prowestlich-islamische Jordanien (das seit 1994 einen Friedensvertrag mit Israel hält). Teils fliehen sie in die Türkei. Beide Länder nehmen sie auf, aber sind nicht das Traumziel der Flüchtlinge. Es zieht sie nicht in steinreiche islamische Staaten wie Saudi-Arabien, die Golf-Emirate, Kuwait oder gar den Iran (sofern diese Staaten die Flüchtlinge aufnähmen). Sie wollen aus dem muslimischen Morgenland ins vermeintlich christlich-antiislamische Deutschland und Westeuropa.

Aus Sicht der vermeintlich politisch Korrekten in Deutschland, Westeuropa und ganz allgemein der so oft verurteilenden Weltgemeinschaft (zum Beispiel Uno) kommt es noch viel schlimmer: Viele muslimische Flüchtlinge aus den genannten Staaten, besonders aus Eritrea, dem Sudan und Somalia wollen nach Israel, in den jüdischen Staat. Vor einem Jahr erwartete man dort, dass rund eine Million Muslime aus Nahost und Afrika nach Israel fliehen wollten.

Für die Regierung sowie die Mehrheit der Gesellschaft Israels war das eine Horrorvision. Sie fürchteten um den jüdischen Charakter des jüdischen Staates. Prompt wurden weitgehend unüberwindbare Grenzbefestigungen zur Sinai-Halbinsel errichtet. Das ist der kürzeste Landweg aus Ost-Afrika. Viele der muslimischen Flüchtlinge, die Israel vorher erreicht hatten, wurden oder werden ausgewiesen. Sie flohen und fliehen nach Westeuropa – sofern sie es erreichen.

Im Prinzip unterscheidet sich – aus unterschiedlichen Gründen – die abweisende Haltung der europäischen und israelischen Regierungen sowie weiter Teile der jeweiligen Gesellschaften also nicht wesentlich voneinander. Schaut man auf die Grenze zwischen den USA und Mexiko, erkennt man das gleiche Muster.

Es sind bequeme, beliebte Instrumente gegen uns

Was sagt uns das politisch und grundsätzlich? Das in Mexiko angeblich so verhasste „Gringo“-Land USA ist für zigtausende in Not geratener angeblicher Gringo-Hasser aus Mexiko und anderen lateinamerikanischen Staaten das Traumziel. Der in der islamischen Welt angeblich so verhasste Judenstaat Israel ist für zigtausende von Muslimen in Not das Traumziel.

Deutschland und Westeuropa, der angeblich antiislamische und rassistisch gegen Schwarzafrikaner denkende und handelnde „Christenklub“, ist das Traumziel zigtausender in Not geratener Muslime, seien sie „weiß“ oder „schwarz“.

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Was das uns sagt? Wir sollten die gegen uns Deutsche, Europäer – auch gegen die USA und Israel – gerichteten Vorwürfe für das nehmen, was sie sind: Bequeme, beliebte Instrumente gegen uns, die USA oder Israel. Wir, die USA und, ja, sind bei Muslimen, Schwarzen und Hispanics in Not (das sind derzeit zig Millionen) besser und zurecht beliebter als die Antipropagandisten, die eben jene Not ausgelöst haben, aus durchsichtigen Gründen behaupten.

Das heißt nicht, es gäbe in Deutschland, Europa, den USA und Israel keine antiislamischen oder rassistischen Einstellungen und Handlungen. Das heißt nicht, dass Regierungen und Gesellschaften in Deutschland, Europa, USA und Israel die Flüchtlinge in Not willkommen hießen, dass es keine antiislamischen oder rassistischen Parteien, Parteiungen, Einstellungen und Handlungen gäbe. Das heißt nicht, dass man die (nicht nur auf See) in Not geratenen Flüchtlinge ausreichend rettete oder auch nur ausreichend hinschaute.

Das heißt aber, dass Millionen Menschen in Not sehr wohl wissen, wo Menschen trotz unbestreitbarer Defizite an Menschlichkeit menschlicher sind als in ihrer Heimat.

Hilfe für die Menschen in Not tut not, hier und jetzt. Man übersehe jedoch nicht, dass Soforthilfe nur sofort hilft und kein einziges Grundproblem löst. Das Grundproblem der Herkunftsländer und -regionen der Flüchtlinge ist dies: Ihre Staaten sind gedanklich so errichtet worden, dass sie seit jeher Todgeburten waren. Sie zu „stabilisieren“, was manche jetzt fordern, ist gut gemeint, doch falsch gedacht und kann deshalb nicht richtig gemacht werden.

Prof. Dr. Michael Wolffsohn, Historiker an der Bundeswehruniversität München, hält Vorträge über nationale sowie internationale Politik und Wirtschaft. Er berät Entscheidungsträger in diesen Bereichen und ist Autor zahlreicher Bücher u. a. „Wem gehört das Heilige Land?“ (11. Auflage 2014), „Juden und Christen“, „Zum Weltfrieden“ (2015).

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