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Prognose der Bertelsmann-Stiftung In Grundschulen fehlen bald noch mehr Lehrer als erwartet

In Deutschland werden mehr Kinder geboren, die Grundschulen werden voller – aber es fehlen Lehrer. Die Prognose der Bertelsmann-Stiftung fällt düster aus.
Update: 09.09.2019 - 12:54 Uhr Kommentieren
Bis zum Jahr 2025 werden Prognosen der Bertelsmann-Stiftung zufolge mindestens 26.300 Lehrer an Grundschulen fehlen. Quelle: dpa
Erste Klasse in einer Grundschule

Bis zum Jahr 2025 werden Prognosen der Bertelsmann-Stiftung zufolge mindestens 26.300 Lehrer an Grundschulen fehlen.

(Foto: dpa)

Berlin Wieder einmal müssen sich die Kultusminister vorrechnen lassen, dass ihre Prognosen der Realität hinterherhinken. Nach Berechnungen einer Studie für die Bertelsmann-Stiftung werden im Jahr 2025 gut 26.000 Grundschullehrer fehlen. Dafür legten die Autoren die jüngste Bevölkerungsprognose des Bundeamts für Statistik vom Juni diesen Jahres zugrunde.

Der Mangel fällt damit voraussichtlich weit dramatischer aus, als die Kultusministerkonferenz (KMK) selbst berechnet hatte. Sie war im Herbst vergangenen Jahres noch davon ausgegangen, dass 2025 rund 10.000 Grundschullehrer fehlen würden. Ursache für diesen großen Unterschied ist, dass die Statistiker sowohl eine höhere Geburtenzahl als auch eine höhere Zuwanderung berücksichtigten: Unterm Strich führt das zu knapp 3,2 Millionen statt nur drei Millionen Grundschülern.

Und wenn es bis 2025 nicht gelinge, die bis dahin entstandene Lehrkräftelücke zu schließen, drohe der Lehrermangel bis 2030 fortzubestehen, warnen die Autoren. Zu ihnen zählen der renommierte Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn von der Bertelsmann-Stiftung, die schon in früheren Prognosen einen gravierenderen Lehrermangel vorhergesagt hatten.

Sie rechnen nun von 2025 bis 2030 mit einem zusätzlichen Bedarf von 10.600 Lehrern. Auch hier kommt die Studie zu ganz anderen Ergebnissen als die KMK: Für die zweite Hälfte des Jahrzehnts ist der Zusammenschluss von Bildungs- und Forschungsinstitutionen nämlich von einem Überschuss von 6.750 Lehrern ausgegangen. All diese Zahlen basieren auf einem gleichbleibenden Schlüssel von 16,5 Schülern pro Lehrer aus. Zusätzliche Bedarfe – wie vor allem die geplante Ausbau der Ganztagsschulen – sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Die KMK räumt ein, dass der Mangel auch nach ihren internen Zahlen „größer ist als zunächst angenommen“ sei. Man habe „die Entwicklung im Blick“, und werde im November selbst eine neue Berechnung vorlegen, teilte ein Sprecher mit. Bertelsmann-Vorstand Jörg Dräger forderte seine Ex-Kollegen unterdessen auf, künftig jährliche neue Prognosen für den Lehrerbedarf zu erstellen, damit man früher reagieren könne.  

„Wir brauchen schnelle Lösungen“

„Die Bewältigung des Lehrermangels ist eine Herkulesaufgabe“, sagt Dräger. Weil es aber noch viele Jahre dauere, bis die zusätzlich eingerichteten Studienplätze für das Lehramt an Grundschulen auch mehr Absolventen hervorbringen, „brauchen wir schnelle Lösungen, um gute Bildung für alle gewährleisten zu können.“

Kurzfristig empfiehlt die Bertelsmann-Stiftung daher ein ganzes Bündel von Maßnahmen. Zentral sind dabei die sogenannten Quereinsteiger – Akademiker also, die kein Lehramtsstudium absolviert haben. Nach Vorstellungen der Stiftung könnten sie und Gymnasiallehrkräfte auf Zeit in den Grundschulen eingesetzt werden. Beide müssten jedoch in Grundschulpädagogik nachgeschult werden.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, hatte kürzlich kritisiert, dass das Schulsystem aktuell unter dem „größten Lehrermangel der letzten 60 Jahre“ leide. Er schätzt, dass in dem laufenden Schuljahr 2019/20 deutschlandweit 15.000 Stellen nicht besetzt werden können.

Länder arbeiten mit 40.000 Quereinsteigern

Der Grundschulverband hatte zudem auf die besonders dramatische Lage in der Primarstufe hingewiesen. Deren Vorsitzende Maresi Lassek warnt vor einer „Katastrophe, wenn sich Bund, Länder und Gemeinden nicht zu einem gemeinsamen Notprogramm aufraffen“. Der Verband fordert, dass schnell mehr Lehrer ausgebildet werden und dass denen, die in Teilzeit arbeiten – zum Beispiel jungen Müttern – attraktive Angebote gemacht werden, damit sie ihre Arbeitszeit aufstocken

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert, den Numerus clausus (NC) für das Lehramt an Grundschulen abzuschaffen sowie die Zahl der Studien- und Lehramtsanwärterplätze deutlich auszubauen. „Es ist eine Schande, dass junge Menschen, die sich für den wichtigen Beruf der Grundschullehrerin oder des Grundschullehrers entschieden haben, keinen Studienplatz bekommen“, sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe.

„Statt eine Ausbildungsoffensive zu starten, gibt es in einigen Bundesländern immer noch einen NC für das Grundschullehramt“, kritisierte Tepe. Nahezu flächendeckend sei das etwa in Baden-Württemberg der Fall, aber auch in Bayern, NRW und dem Saarland gebe es an vielen Hochschulen  NCs für Grundschullehrer. NC verhängen die Hochschulen selbst, wenn sie keine ausreichenden Kapazitäten für alle Bewerber haben.  Gleichzeitig gebe es vielfach „zu viele Absolventen für das gymnasiale Lehramt. Deshalb müssten die Länder, die die Grundschullehrkräfte noch nicht nach der Gehaltsgruppe A13 bezahlen, endlich nachziehen“, fordert Tepe.

Nach wie vor ist die Situation in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. Die Länder reagieren bereits auf vielfältige Weise, etwa mit Änderungen der Schulorganisation, Initiativen zur Steigerung der Zahl der Lehramtsstudierenden sowie der Steigerung der Attraktivität des Berufs. Das brauche jedoch Zeit, um Wirkung zu entfalten, so die KMK.

Die Bundesländer versuchen auch, den Bedarf im Moment zunehmend mit reaktivierten Pensionären und vor allem Quereinsteigern zu decken. Aktuell seien rund 40.000 Stellen mit „gering qualifiziertem Personal“ besetzt. Der Lehrerverband hat mehrfach darauf hingewiesen, dass dagegen im Prinzip nichts spricht. Allerdings erhielten viele keine ausreichende pädagogische Ausbildung.

„Wir haben Bundesländer, in denen die Mehrzahl – teilweise zwei Drittel, wenn man nach Berlin oder Sachsen schaut – der neu Eingestellten Quereinsteiger sind“, merkt der Präsident des Lehrerverbands Meidinger an. Für die Hilfslehrer finde keinerlei Vorqualifikation statt oder – wenn überhaupt – lediglich ein Kurz-Crashkurs. Der Lehrerpräsident führt auch die Rückschritte, die Bildungsstudien in der jüngsten Zeit etwa für die Grundschüler gezeigt hatten, auf das Personalproblem zurück.

Mehr: In Deutschland mangelt es an Chancengleichheit, kritisieren viele. Eine neue Studie zeigt: Die Deutschen wollen, dass der Staat entschiedener dagegen vorgeht.

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