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Projekt Gaia-X Digitale Aufholjagd: Altmaiers Cloud-Alternative für Europa

Cloud-Dienste sind überwiegend in der Hand ausländischer Konzerne. Der Wirtschaftsminister versucht die Dominanz nun mit einer europäischen Cloud aufzubrechen.
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Neben dem Bundesforschungsministerium haben an Gaia-X auch mehrere Dax-Konzerne mitgewirkt. Quelle: Getty Images/Science Photo Libra
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Neben dem Bundesforschungsministerium haben an Gaia-X auch mehrere Dax-Konzerne mitgewirkt.

(Foto: Getty Images/Science Photo Libra)

Düsseldorf, Berlin Große Projekte erhalten oft Namen aus der antiken Mythologie. So ist es auch bei Gaia-X, benannt nach einer Gottheit, die den alten Griechen als personifizierte Erde galt: Mit dieser Initiative will Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in Deutschland und Europa eine Cloud-Infrastruktur für die Wirtschaft schaffen. Am Dienstag will er auf dem Digitalgipfel in Dortmund das Projekt vorstellen.

Erste Details stehen in einem Strategiepapier aus Altmaiers Ressort, das dem Handelsblatt vorliegt. Neben dem Bundesforschungsministerium haben an Gaia-X auch mehrere Dax-Konzerne mitgewirkt, darunter die Deutsche Bank, SAP, Siemens und die Telekom sowie die IG Metall.

„Wir, Vertreter der deutschen Bundesregierung, Wirtschaft und Wissenschaft, streben eine leistungs- und wettbewerbsfähige, sichere und vertrauenswürdige Dateninfrastruktur für Europa an“, heißt es in dem Papier. „Dazu haben wir unter dem vorläufigen Projektnamen Gaia-X die Grundlagen für den Aufbau einer vernetzten, offenen Dateninfrastruktur auf Basis europäischer Werte erarbeitet.“

Der Vorstoß soll ein technologisches Defizit der deutschen Wirtschaft beheben. Derzeit nutzen hiesige Unternehmen für die Speicherung riesiger Datenmengen in der Cloud mangels Alternativen häufig amerikanische Anbieter. Amazon Web Services (AWS) und Microsoft dominieren den Markt, Google und Alibaba investieren massiv, um aufzuholen.

Die Plattformen der großen Konzerne bieten eine Vielzahl von Funktionen zu günstigen Preisen. Wenn es um so etwas wie die Vernetzung von Fabriken oder die Nutzung von Künstlicher Intelligenz geht, sind sie der deutschen Konkurrenz weit voraus. Die Politik fürchtet, dass Deutschland in Abhängigkeiten gerät und an Souveränität verliert. Hier setzt Gaia-X an.

Ziel des Projekts ist eine vernetzte, offene Dateninfrastruktur auf Basis europäischer Werte, „die den höchsten Ansprüchen an digitale Souveränität genügt und Innovationen fördert“, schreiben die Initiatoren in ihrem Papier. Gaia-X sei als „Wiege eines offenen digitalen Ökosystems“ gedacht, in dem Daten „sicher und vertrauensvoll“ verfügbar gemacht, zusammengeführt und geteilt werden können.

Die Idee ist, eine „europäische, souveräne und vernetzte Dateninfrastruktur“ aufzubauen, schreibt der Minister in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt. „Datensouveränität und Datenverfügbarkeit sind der Schlüssel für digitale Innovationen“, argumentiert Altmaier. Er will die Rahmenbedingungen so gestalten, „dass unsere Unternehmen und insbesondere auch Start-ups ihre Stärken konsequent nutzen können, um erfolgreiche eigene Geschäftsmodelle in Deutschland und Europa zu schaffen und global wettbewerbsfähig zu sein“.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) sieht Gaia-X als eines der wichtigsten Digitalprojekte, um die Spitzenposition der deutschen und europäischen Wirtschaft international zu verteidigen. „Denn die Macht über die Daten in Europa soll nicht mehr in den Händen einiger weniger Konzerne anderswo liegen“, sagte Karliczek dem Handelsblatt.

Eine eigene Dateninfrastruktur soll auch Schutz vor Zugriffen aus dem Ausland bieten. Konkret sorgt der sogenannte Cloud Act für Bedenken, der US-Behörden seit 2018 erlaubt, auch auf jene Daten zuzugreifen, die US-amerikanische IT-Anbieter im Ausland speichern. „Dazu benötigen wir eine Antwort, wir müssen uns positionieren“, sagt Karl-Heinz Streibich, Präsident der Akademie der Technikwissenschaften, dem Handelsblatt. „Wenn uns digitale Souveränität wichtig ist, dann müssen wir die Hoheit über unsere Datenbestände behalten. Am besten über eine eigene Cloud-Infrastruktur auf Basis unseres deutschen und europäischen Rechtssystems.“

Dass dafür eine Nachfrage besteht, zeigt eine aktuelle Studie des Digitalverbands Bitkom. Danach muss für jeweils zwei Drittel der befragten Firmen der Hauptsitz des Cloud-Anbieters (67 Prozent) sowie das Rechenzentrum (66 Prozent) im Rechtsgebiet der EU liegen. Auch der Sicherheitsaspekt ist wichtig. 73 Prozent der Befragten fürchten bei Public-Cloud-Lösungen einen unberechtigten Zugriff auf sensible Unternehmensdaten.

Gaia-X soll kein Großanbieter werden, kein „Hyperscaler“ nach Vorbild von Microsoft und Amazon. Vielmehr sieht das Konzept ein Netzwerk von Cloud-Plattformen und ergänzenden Diensten vor, von einem „dezentralen“ oder „virtuellen“ Hyperscaler ist in Altmaiers Ressort die Rede. Damit das nicht für Verwirrung sorgt, soll es einen gemeinsamen Standard für den Datenaustausch geben. Das Netzwerk soll Großunternehmen, Mittelständler, Start-ups, staatliche Einrichtungen und die Wissenschaft umspannen.

Diese werden nach Vorstellung der Initiatoren beispielsweise gemeinsam Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz entwickeln: Autohersteller könnten sich Daten mit Verkehrsbetrieben teilen, Gesundheitsdienstleister sich mit Forschungslaboren und Start-ups zusammenschließen. Erste Bestandteile sind bereits bekannt.

So entwickelt die Fraunhofer-Gesellschaft in der Initiative „International Data Spaces“ einen sicheren Datenraum, der Grundlage für den sicheren Datenaustausch in verschiedenen Branchen sein soll. Und die Friedhelm Loh Group entwickelt mit ihrer Tochterfirma German Edge Cloud ein Mini-Rechenzentrum, das Industriebetrieben bei der Vernetzung mit Partnern und Verarbeitung von Daten helfen soll – die Kontrolle, so das Versprechen, behält das Unternehmen.

„Überfälliger Vorstoß“

Trotz vieler offener Fragen stößt die Cloud-Initiative Altmaiers auf breite Unterstützung. „Prinzipiell halte ich es für richtig, zur Wahrung der digitalen Souveränität auch industriepolitisch aktiv zu werden“, sagte der digitalpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Jens Zimmermann, dem Handelsblatt. Damit die Pläne des Ministers am Ende zum Erfolg führen, brauche es aber noch mehr europäische Unterstützung. Hier müsse Altmaier dringend weitere Partner mobilisieren.

Der Grünen-Digitalpolitiker Dieter Janecek sprach von einem überfälligen Vorstoß. „Der deutsche und europäische Weg darf aber nicht sein, eigene monopolartige Tech-Giganten großzuziehen“, mahnte er. Der Fokus müsse auf der Stärkung einer vielfältigen und innovativen IT-Landschaft liegen, indem Unternehmen durch rechtssichere Kooperationsformen auch befähigt würden, alternative Angebote zu marktbeherrschenden Anwendungen und Akteuren zu entwickeln.

Auch Altmaiers Parteifreund, der CDU-Digitalexperte Tankred Schipanski, ist überzeugt: „Ein Projekt wie Gaia-X kann der europäischen Digitalwirtschaft zum Durchbruch verhelfen.“ Ob es funktioniere, werde vor allem von der Wirtschaft abhängen, „die an einem gewissen Punkt den Sprung wagen muss – von den großen US-Anbietern hin zu europäischen Playern“. Gaia-X biete insofern eine große Chance und könne einen „substanziellen Beitrag“ zu Deutschlands digitaler Souveränität leisten.

Altmaier drückt aufs Tempo. Im ersten Halbjahr 2020, so sein Plan, soll eine Organisation für Gaia-X gegründet werden. „Sie wird der Kern des europäischen Ökosystems sein.“ Das Wirtschaftsministerium glaubt, dass Gaia-X eine Chance gegen AWS, Azure und andere Dienste hat.

„Aufbauend auf existierenden Lösungen und deren Weiterentwicklung wollen wir aus Europa heraus wettbewerbsfähige Angebote für die Welt entwickeln.“ Dabei könnten auch Marktteilnehmer außerhalb Europas mitwirken, sofern sie die Ziele der Datensouveränität und Datenverfügbarkeit teilen.

„Datensouveränität und Datenzugang sind wesentliche Erfolgsfaktoren für eine datengetriebene Wirtschaft“, sagte Oliver Süme, Vorstand des Verbands der deutschen Internetwirtschaft. Der Präsident des IT-Verbands Bitkom, Achim Berg, ist vorsichtig optimistisch. „Die technische, organisatorische und rechtliche Komplexität des Projekts Gaia-X ist hoch“, sagte Berg dem Handelsblatt. Letztlich müsse sich Gaia-X am Markt bewähren, sowohl was Funktionalität und Leistungsfähigkeit als auch Nutzerfreundlichkeit und Kosten angeht. „Der Markterfolg wird der Lackmustest von Gaia-X – und darauf kommt es an.“

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