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Psychotherapeuten Gehalt Die Ausbeutung der Psychotherapeuten

Wer Psychotherapeut werden will, muss drei Jahre Ausbildung und mehr als 20.000 Euro investieren. Danach ist das Gehalt mickrig. Drei Psychotherapeutinnen berichten von ihren Erfahrungen.
  • Anne-Lena Leidenberger
10.07.2018 - 15:02 Uhr Kommentieren
Hohe Kosten Psychotherapeutenausbildung
Auszubildene haben hohe Kosten

Christine, Psychotherapeutin in Ausbildung: „Ausverkauf“.

Dieser Artikel ist am 10. Juli 2018 bei Orange - dem jungen Portal des Handelsblatts - erschienen.

150 Euro: Das verdient Christine momentan im Monat. Die 26-Jährige ist jedoch keine Ein-Euro-Jobberin, Ehrenamtliche oder Schulpraktikantin. Christine hat fünf Jahre studiert und einen Masterabschluss im Fach Psychologie. Würde sie, wie viele ihrer Studienfreunde, als Psychologin in einer Klinik oder einem Unternehmen arbeiten, läge ihr monatliches Gehalt jetzt zwischen 3000 und 4000 Euro.

Doch Christine will Therapeutin werden – und der einzige Weg dorthin geht über die sogenannte „Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin“. 24 Stunden wöchentlich arbeitet sie im praktischen Teil ihrer Ausbildung an der Charité in Berlin, der größten Uniklinik in Deutschland.

Dort übernimmt sie teilweise Aufgaben, für die ihre Kolleginnen mehr als das Zehnfache bezahlt bekommen. Zusätzlich kostet ihre dreijährige Ausbildung insgesamt mehr als 20.000 Euro. Wie kann es sein, dass man sich in Deutschland verschulden muss, wenn man Psychotherapeutin werden will?

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    Psychotherapeuten-Ausbildung: 150 Euro Gehalt, 500 Euro Kosten

    Psychotherapie – übersetzt heißt das so viel wie „Behandlung der Seele“. Immer mehr Menschen in Deutschland haben psychische Probleme, auch jüngere: Vor kurzem zeigte eine neue Studie, dass jeder sechste Student an einer seelischen Krankheit leidet, viele von ihnen an Depressionen. Solche Menschen brauchen Hilfe, durch Medikamente und durch eine Therapie. Doch wer es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen Menschen zu helfen, der hat es selbst alles andere als einfach.

    Wer selbst einmal eine eigene Psychotherapiepraxis eröffnen möchte, der muss auf fünf Jahre Studium nochmal eine Zusatzausbildung drauflegen. Und die hat es in sich – rund drei bis fünf Jahre dauert diese Weiterbildung in Vollzeit und kostet, je nach Therapieart, zwischen 20.000 und 70.000 Euro.

    Die sogenannten PiAs (Psychotherapeuten in Ausbildung) müssen unter anderem insgesamt 1800 Stunden selbst in einer Klinik mitarbeiten und mindestens an der Behandlung von 30 Patienten beteiligt sein. Hinzu kommen 600 selbstständig durchgeführte Therapiestunden und 600 Stunden Theorieausbildung. 120 Stunden müssen sich die PiAs auch einer Selbsterfahrung unterziehen, sich also selbst therapieren lassen. Bezahlen müssen sie das alles aus eigener Tasche.

    „Die Ausbildung zur Psychotherapeutin kann nur machen, wer sich anderswo Geld besorgt“

    Eine „Aufwandsentschädigung“ von 150 Euro im Monat bekommt Christine für ihre Arbeit an der Charité Berlin. Gleichzeitig hat sie monatliche Ausbildungskosten von durchschnittlich 500 Euro. Andere Kliniken, so Christine, zahlen den PiAs für ihren Einsatz überhaupt kein Geld. An den Wochenenden kann sie nur selten von dem Arbeitsalltag ausspannen, denn da findet ein Großteil der Theorieseminare statt. „Die Ausbildung kann nur machen, wer sich irgendwie anders finanziell absichern kann“, sagt die Berlinerin.

    Die Miete und ihren Lebensunterhalt stemmt sie mit zwei weiteren Nebenjobs neben ihrer kräftezehrenden Vollzeitausbildung. Selbst damit reicht das Geld nur, weil Christine zusätzlich von ihren Eltern unterstützt wird. Andere PiAs müssen einen Kredit aufnehmen, sagt die 26-Jährige.

    Katharinas Ausbildungssituation sieht ähnlich düster aus, 450 Euro verdiente sie für ihre Arbeit an der Klinik monatlich. Die PiA aus Lüneburg macht ihre Ausbildung am VTFAW in Hamburg – einem Institut zur Heilung von Verhaltensstörungen. Katharina hat während des praktischen Ausbildungsteils an zwei Kliniken im Großraum Hamburg gearbeitet, einer Psychiatrie in Wandsbeck und der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf.

    Das VTFAW ist ihr Ausbildungsinstitut und für den theoretischen Teil ihrer Ausbildung verantwortlich. Es muss die PiAs mit genug Arbeitsstellen für den praktischen Ausbildungsteil versorgen, also sogenannte „Kooperationsverträge“ mit Kliniken in der Umgebung schließen. „Häufig gibt es mehr Kooperationsverträge, als Kliniken tatsächlich Leute einstellen. Deswegen nehmen PiAs auch oft solche ausbeuterischen Angebote an“, erklärt Katharina.

    Das Gehalt für die Ausbildung zum Psychotherapeuten ist überall unterschiedlich – aber immer winzig

    Geregelt wurde ihr Einkommen durch einen Praktikantenvertrag, „Auf Seite 1 wurde erst einmal klar gestellt was wir alles nicht sind und worauf wir keinen Anspruch haben“, erzählt sie. Der politische Kampf für bessere Arbeitsbedingungen ist hart. Als „PiAimStreik“ twittert Katharina über die Fortschritte.

    „Keiner fühlt sich zuständig“, sagt die 28-Jährige, „die Verantwortung wird nur hin und her geschoben“. Es gäbe keine Gesetze, die den Kliniken vorschreiben, wie sie die angehenden Psychotherapeuten bezahlen müssten und den Gewerkschaften seien die Hände gebunden, weil ihr Berufsstand in der Personalverordnung nicht vorkomme, offiziell in den Kliniken also überhaupt nicht existiere. Hinzu komme auch das Unverständnis von außen.

    „Sozialversicherung? Das hätte ich jetzt nicht gedacht, aber wenn Sie darauf bestehen“, zitiert Katharina ein Gespräch, das sie mit einem Personaler geführt hat. Die Bedingungen, unter denen sie arbeitet, würden von der Lust und Laune der Klinik abhängen – Gehalt, Versicherung und Vergünstigungen, wie Fahrtickets und Mensaessen? Dafür bekäme Katharina nicht mal den Ausbildungsstatus zugesprochen. Arbeitspensum und Verantwortung? Soll sie natürlich übernehmen, wie eine fertig ausgebildete Teilzeitkraft.

    Psychotherapeutin in Ausbildung: „Bin ich länger als zwei Wochen krank, kann ich meine Miete nicht mehr zahlen“

    Das Thema Absicherung ist auch Anna, PiA aus Ulm, im Kampf für bessere Ausbildungsbedingungen wichtig. Am Universitätsklinikum Ulm verdient sie mit knapp über 1.000 Euro brutto monatlich im deutschlandweiten Vergleich relativ viel – trotzdem reicht es kaum zum Leben. „Wäre ich länger als zwei Wochen krank, könnte ich meine Miete nicht mehr bezahlen“, sagt Anna. Im Krankheitsfall gibt es für die Psychotherapeuten in spe kein Gehalt. Und Urlaub? Ist nicht im Tarifvertrag festgeschrieben, das macht jede Uniklinik anders.

    Ein Jahr musste die Ulmerin vorher Vollzeit arbeiten, um sich zumindest einen Teil der Ausbildung finanzieren zu können. „Wenn man später keine eigene Praxis gründen will, lohnt sich das Ganze finanziell nicht“, sagt Anna.

    Neben der Gehaltsfrage und der Absicherung gäbe es viele weitere offene Baustellen bei der Ausbildung zur Psychotherapeutin. PiAs aus anderen Teilen Deutschlands berichten über fehlende Arbeitnehmerrechte, chaotische Zugangsvoraussetzungen und mangelnde Offenheit bei den Ausbildungskosten.

    Der Kampf für bessere Bedingungen bei der Psychotherapeuten-Ausbildung

    Was ist die Lösung? Derzeit diskutiert die Branche den vom Gesundheitsministerium vorgelegten Arbeitsentwurf zur Reform der Psychotherapeutenausbildung. Der sieht eine „Angleichung der Psychotherapeutenausbildung an andere akademischen Heilberufe“ vor. Das bedeutet: Ein Psychotherapie-Masterstudium soll die teure Ausbildung ersetzen.

    Nach dem Abschluss dieses Studiums können sich die angehenden Psychotherapeutinnen in einer Weiterbildung auf die Arbeit mit Erwachsenen oder Kindern und Jugendlichen spezialisieren. Die praktische Arbeit im Rahmen der neuen Ausbildung sollen die Kliniken dann angemessen bezahlen und versichern, ähnlich wie die Facharztausbildung nach dem Medizinstudium. Wer sich zum Facharzt ausbilden lässt, verdient schon im ersten Jahr mehr als 4000 Euro pro Monat.

    Christine, Katharina, Anna und viele ihrer PiA-Kolleginnen hoffen, dass sich endlich etwas an ihren Arbeitsbedingungen ändert. Alle drei sind politisch aktiv. Demonstrationen, Unterschriftenaktionen, Informationsveranstaltungen, Netzwerktreffen, Tarifverhandlungen – nichts hatte bisher den gewünschten Erfolg. Immerhin: Proteste haben die Tarifverhandlungen ins Rollen gebracht und die Bezahlung an Unikliniken in Baden-Württemberg verbessert.

    Man wolle aber nicht aufgeben, sagt Katharina. „Wir wollen endlich die nötige Wertschätzung für unsere Arbeit.“ Wer den Job machen will, braucht aber vor allem: Überzeugung. Denn auch nach fünf Jahren Studium und drei Jahren Ausbildung liegt das Einstiegsgehalt als Psychotherapeut in einer Klinik bei rund 3500 Euro pro Monat. Mehr Geld verdient nur, wer eine eigene Praxis aufmacht.

    Mehr: Psychotherapie via Smartphone – Kann das funktionieren?

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