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Qualifizierung So kämpfen Betriebe gegen Analphabetismus und Rechenschwächen

Weil Personal fehlt, bieten immer mehr Betriebe auch Angelernten Kurse für Deutsch und Rechnen. Dabei wünschen sie sich mehr Unterstützung.
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Quelle: Imago

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BerlinMarc Berggold führt eine Gebäudereinigung mit 200 Mitarbeitern in Schwetzingen – „branchenüblich multikulti, viele Angelernte“. Sie reinigen Ämter, Industriebetriebe und Schwimmbäder. „Manchmal werden sie dort ganz einfache Dinge gefragt, wo die Umkleide ist zum Beispiel – und können nur mit den Schultern zucken.“ Keine Flüchtlinge, „sondern Männer und Frauen, die oft schon viele Jahre bei uns leben, aber noch immer sehr schlecht Deutsch sprechen“. Das macht selbst simple Formulare wie den Urlaubsschein zum Problem.

33 Mitarbeiter absolvierten daher nach der Schicht im Betrieb einen Grundbildungskurs „Richtig sprechen und verstehen – ich bin dabei“. „Das ist viel besser als in der Volkshochschule, wo sie niemand kennen und sich nicht richtig trauen“, sagt Berggold. Er ist hochzufrieden: Mitarbeiter, die fachlich gut waren, aber nicht richtig kommunizieren konnten, „sind heute Vorarbeiter und lernen sogar neue Leute an“.

Der erste Kurs lief im Rahmen des vom Bundesbildungsministerium geförderten Projekts „Alpha Grund“. „Aber wir machen das auf jeden Fall weiter, auch ohne Zuschuss“, sagt Berggold. Heutzutage müsse man „jeden fördern, der sich dafür interessiert“.

Der badische Betrieb steht für Tausende im Land: Vielerorts herrscht quasi Vollbeschäftigung, zugleich steigen die Anforderungen auch für Ungelernte. Arbeiter in der Logistik, am Band oder in Reinigungsbetrieben müssen heute nicht nur deutsch kommunizieren, sondern ihre Arbeit auch auf Displays dokumentieren. „Das können aber viele Helfer gar nicht, weil sie große Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben haben“, warnt der Bildungsexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Axel Plünnecke.

Das Logistikunternehmen Dachser in Memmingen nutzte Alpha Grund, um 15 Mitarbeiter sprachlich fit zu machen – nach der Frühschicht oder vor der Spätschicht. Diese wollten sich neben dem Job nachqualifizieren, hatten aber Probleme mit Fachvokabular und Rechnen.

„Am Ende haben alle die Prüfung zum Fachlageristen bestanden“, sagt Personalchefin Maud Leichtle. Der Eifer sei groß gewesen – obwohl zunächst kaum mehr Lohn lockte. „Wichtig war, dass sie sich nun gleichwertig fühlen und bessere Perspektiven haben.“

Das Problem ist enorm: Nach der Leo-Studie gibt es in Deutschland mehr als sieben Millionen erwachsene, sogenannte funktionale Analphabeten, die nicht flüssig lesen und schreiben. 57 Prozent davon arbeiten trotzdem.

Manche Migranten sprechen nur so viel Deutsch, dass es für den Alltag reicht. Aber auch viele in Deutschland Aufgewachsene verlassen die Schule nur halbgebildet. Laut den Pisa-Tests erfüllt rund ein Fünftel der 15-Jährigen beim Lesen, Schreiben und Rechnen nicht die Mindestanforderungen – die Betroffenen nehmen das Problem dann mit in den Beruf.

Zudem wächst die Bedeutung von Geringqualifizierten sogar: Noch immer hat ein Viertel der Erwerbstätigen keinen Berufsabschluss. Im Zuge des Booms ist die Zahl der an- und ungelernten Erwerbstätigen laut IW zwischen 2013 und 2017 um fast 900.000 auf gut fünf Millionen gewachsen.

Angesichts der Personalknappheit versuchen immer mehr Unternehmen, deren Defizite zu beheben, damit sie zumindest Anweisungen lesen oder schriftlich Informationen weitergeben können: Nach einer IW-Studie haben zuletzt 44 Prozent der Unternehmen mit Geringqualifizierten diesen Programme zur „Grundbildung“ angeboten. Vier Jahre zuvor waren es lediglich 29 Prozent.

Und zwei Drittel der Unternehmen erwarten, dass der Bedarf an Grundbildung der Mitarbeiter künftig noch steigt – 2014 glaubte das nur ein Drittel, so Studienautorin Sigrid Schöpper-Grabe.

Viele Angelernte haben große Probleme im Lesen und Schreiben. Axel Plünnecke, Institut der deutschen Wirtschaft

Dafür wünschen sich die Betriebe aber deutlich mehr Hilfe vom Staat: Mehr als die Hälfte hätte gern finanzielle Unterstützung, fast ebenso viele wünschen sich eine Informationsstelle mit gebündelten Beratungsangeboten.

Die vorhandenen Förderprogramme für erwerbstätige Geringqualifizierte – wie etwa das WeGeBau-Programm der Bundesagentur für Arbeit – sehen bislang die reine Nachhilfe in elementaren Lese-, Schreib- oder Rechenfähigkeiten nicht vor, so die IW-Experten.

Wie man es machen kann, zeigt das Projekt Alpha Grund. Hier haben zumindest acht der Bildungswerke der Wirtschaft ausprobiert, welche Aktivitäten sinnvoll sind. Bisher profitierten aufgrund des Pilotcharakters jedoch nur wenige Tausend Menschen. Das IW empfiehlt, das Projekt auf alle Bundesländer auszudehnen. Um deutlich mehr Menschen zu erreichen, sollte die Förderung derer, die solche Nachhilfe nötig haben, allerdings auch innerhalb der allgemeinen Arbeitsmarktförderung auf eine breitere Basis gestellt werden.

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