Ariane Reinhart

Die Continental-Personalvorständin appelliert auch an die Eigenverantwortung der Mitarbeiter in puncto Weiterbildung.

Qualifizierungschancengesetz Unternehmen erwarten Korrekturen beim Weiterbildungsgesetz

Die Wirtschaft will Nachbesserungen beim Qualifizierungschancengesetz. Continental-Personalvorständin Reinhart stört vor allem die Förderungspraxis.
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BerlinOrdnungspolitisch sei es in allererster Linie Aufgabe der Unternehmen, für Weiterbildung und Qualifizierung zu sorgen, hatte Hubertus Heil (SPD) im Juni im Bundestag betont. Doch offenbar traut der Arbeitsminister das den Unternehmen nur bedingt zu. Denn nach seinem „Qualifizierungschancengesetz“, über das der Bundestag an diesem Donnerstag erstmals debattiert, will der Staat künftig nur Weiterbildungen fördern, wenn sie länger als vier Wochen dauern – und außerhalb des Betriebs stattfinden.

Hier hofft die Wirtschaft noch auf Korrekturen im parlamentarischen Verfahren: „Es bringt gar nichts, wenn wir unsere An- und Ungelernten vier Wochen oder länger in einen Klassenraum sperren, da ist Enttäuschung programmiert“, sagte die Personalvorständin des Autozulieferers Continental, Ariane Reinhart, dem Handelsblatt. Effizientes Lernen gehe am besten im Betrieb, weil sich da Lernerfolge durch den Praxisbezug schneller einstellten und die Mitarbeiter entsprechend motiviert seien. Auch IG-Metall-Chef Jörg Hofmann hatte schon vor einiger Zeit im Handelsblatt eine entsprechende Korrektur angemahnt.

Heils Gesetz sieht vor, dass sich Firmen je nach Größe 50 bis 100 Prozent der Lehrgangskosten und 25 bis 75 Prozent des fortgezahlten Arbeitsentgelts erstatten lassen können, wenn sie Mitarbeiter zur Weiterbildung schicken. Die Regierung reagiert damit vor allem auf wachsenden Qualifizierungsbedarf im Zuge der Digitalisierung der Arbeitswelt.

Mit der Begrenzung auf außerbetriebliche Weiterbildung will sie verhindern, dass sich Unternehmen Qualifizierungen bezahlen lassen, die sie ohnehin durchgeführt hätten. Reinhart hält diese Begründung aber für „nicht nachvollziehbar“. Die Herausforderungen durch die Digitalisierung könne auch ein Konzern wie Continental unmöglich allein stemmen. Deshalb hält Reinhart die Staffelung der Förderung nach Unternehmensgröße auch für fragwürdig.

Konzept erwartet

Hier stößt sie allerdings auf Widerspruch auch aus den eigenen Reihen. Man solle die Digitalisierung realistisch angehen, sagte der Merck-Vorstand und Präsident des Chemiearbeitgeberverbands BAVC, Kai Beckmann, dem Handelsblatt. „Ich teile nicht die Horrorprognosen von massenhaften Jobverlusten, und es ist auch nicht so, dass künftig jeder ein Data-Analyst sein muss.“

Staatliche Förderung kleiner Unternehmen sei aber durchaus sinnvoll, solange sie nicht am Bedarf vorbeigehe: „Töpferkurse in der Toskana dürfen nicht finanziert werden“, sagte Beckmann. Auch Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer macht sich dafür stark, die Förderung auf kleine und mittlere Unternehmen zu beschränken und bei 2 000 Beschäftigten die Grenze zu ziehen. Continental käme dann, anders als von der Regierung geplant, gar nicht mehr in den Genuss von Fördermitteln.

Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Peter Weiß (CDU), sieht das Qualifizierungschancengesetz ohnehin nur als ersten kleinen Schritt auf dem Weg zu der im Koalitionsvertrag versprochenen Nationalen Weiterbildungsstrategie. Dazu müssten Arbeitsminister Heil und seine für Bildung zuständige Kabinettskollegin Anja Karliczek (CDU) jetzt endlich einen gemeinsamen Vorschlag vorlegen, forderte Weiß.

Lesen Sie hier das gesamte Interview mit Continental-Personalvorständin Ariane Reinhart:

Frau Reinhart, am Donnerstag debattiert der Bundestag über das Qualifizierungschancengesetz. Geht das Gesetz in die richtige Richtung?
Wir unterstützen als Unternehmen präventive Qualifizierung, denn das Wissen und die Erfahrungen unserer Mitarbeiter sind die wichtigste Ressource, über die wir verfügen. Und wir stehen vor enormen Umbrüchen durch die Digitalisierung. Bis 2020 werden wir allein bei Continental mehr als 1.400 Experten für Künstliche Intelligenz brauchen. Aber ich sehe Nachbesserungsbedarf am Gesetzentwurf.

Welchen?
Es darf nicht sein, dass nur Weiterbildungen gefördert werden, die außerhalb des Betriebs stattfinden. Das widerspricht jeglicher Erfahrung mit Lerneffektivität. Es bringt gar nichts, wenn wir unsere An- und Ungelernten vier Wochen oder länger in einen Klassenraum sperren. Da ist Enttäuschung vorprogrammiert. Effizientes Lernen geht am besten im Betrieb, weil sich da die Lernerfolge durch den Praxisbezug schneller einstellen und die Mitarbeiter entsprechend motiviert sind.

Das Arbeitsministerium will verhindern, dass Unternehmen Fördermittel abgreifen, die ohnehin im Betrieb qualifizieren…
Das halte ich für ein nicht nachvollziehbares Argument. Denn die Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, können die Unternehmen gar nicht alleine stemmen. Wenn wir nur 20 Prozent unserer Mitarbeiter in Deutschland neun Monate lang qualifizieren wollen, kostet uns das eine Milliarde Euro.

25 Prozent der Lehrgangskosten und Lohnfortzahlung können Sie sich vom Staat ersetzen lassen …
Bleiben immer noch 750 Millionen Euro. Abgesehen davon muss auch jeder Mitarbeiter Verantwortung für die eigene Beschäftigungsfähigkeit übernehmen – indem er beispielsweise private Zeit in Weiterbildung investiert. Ich halte die Staffelung der Förderung nach Unternehmensgröße ohnehin für fragwürdig. Alle Unternehmen, die ein nachhaltiges Personalentwicklungskonzept vorweisen können, sollten die gleiche Förderung erhalten. Dann ist auch sichergestellt, dass das Geld der Beitragszahler zielführend investiert wird.

Bisher ist es eher so, dass Beschäftigte Qualifizierungsangebote nur zögerlich nutzen. Wie wollen Sie das ändern?
Die Motivation ist in der Tat eine Aufgabe, die wir gemeinsam mit der Arbeitnehmervertretung angehen müssen. Manchmal wissen wir gar nicht, welche Talente bei uns schlummern. Vielleicht arbeitet jemand in der Fertigung, der in seiner Freizeit programmiert. Wir müssen herausfinden, welche Mitarbeiter welche Fähigkeiten haben und auch Lust zur Weiterbildung.

Das Qualifizierungschancengesetz soll nur ein erster Schritt sein. Was erhoffen Sie sich von der geplanten Nationalen Weiterbildungsstrategie?
Ich würde mir wünschen, dass die Wirtschaft mit ihrer Praxiserfahrung noch stärker gehört wird. Zudem sollten die Lehrpläne der Universitäten und Fachhochschulen besser auf die künftigen Bedarfe der Unternehmen abgestimmt werden.

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