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Qualifizierungsmöglichkeiten FDP träumt von der Weiterbildungsrevolution in Deutschland

Ein „Freiraumkonto“ für Erwerbstätige und „Midlife-Bafög“ für Geringverdiener: So will die FDP ein zweites Bildungssystem zur Weiterqualifizierung schaffen.
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Auch klassische Bildungseinrichtungen, also Universitäten oder Berufsschulen, müssten sich für das Thema Weiterbildungen öffnen, findet der FDP-Sozialpolitikexperte Johannes Vogel. Quelle: dpa
Weiterbildungen

Auch klassische Bildungseinrichtungen, also Universitäten oder Berufsschulen, müssten sich für das Thema Weiterbildungen öffnen, findet der FDP-Sozialpolitikexperte Johannes Vogel.

(Foto: dpa)

Berlin Die FDP fordert die Schaffung eines zweiten Bildungssystems zur Weiterqualifizierung. Dies sei in Zeiten der Digitalisierung „eine Frage von nationaler Bedeutung“, sagte der FDP-Sozialpolitikexperte Johannes Vogel dem Handelsblatt. „Anders werden wir den Wettbewerb mit den USA oder aufstrebenden Nationen in Asien nicht bestehen können.“

In einem Beschluss skizziert die Bundestagsfraktion der Freien Demokraten, wie die Weiterbildungsrevolution in Deutschland aussehen sollte: Beschäftigte sollen mit staatlicher Förderung und Unterstützung des Arbeitgebers auf einem „Freiraumkonto“ Geld ansparen können, mit dem sie sich weiterbilden oder beruflich umorientieren können. Geringverdienern soll mit einem „Midlife-Bafög“ die Weiterqualifizierung ermöglicht werden.

Universitäten und Berufsschulen will die FDP konsequent auf lebenslanges Lernen ausrichten. Auf Grundlage des Fraktionsbeschlusses will die Partei nun einen Antrag in den Bundestag einbringen. Im Interview mit dem Handelsblatt wirft Vogel der Großen Koalition vor, bei der Weiterbildung zu klein zu denken.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr Vogel, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil will die Qualifizierungsmöglichkeiten für Beschäftigte in einem „Arbeit von morgen“-Gesetz ausbauen. Eine gute Idee, oder?
Ich halte das im Grundsatz für eine gute Idee. Das Problem ist, dass Union und SPD gut bei großen Namen von Gesetzen sind, aber schlecht bei wirklich großen Würfen. Insgesamt zeichnet sich die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der letzten Jahre dadurch aus, dass die Reformen der Agenda 2010 in wesentlichen Fragen rückabgewickelt werden – etwa bei der unverantwortlichen Destabilisierung der Rente. Eine echte Agenda 2030, um den Arbeitsmarkt für Megatrends wie die Digitalisierung fit zu machen, vermisse ich komplett – genau das bräuchten wir aber. Der Sozialstaat der Zukunft muss zum modernen Arbeitsmarkt passen. Ein zentrales Thema wäre da die Weiterbildung.

Union und SPD kümmern sich doch darum: Es gibt das Qualifizierungschancengesetz, es gibt eine Nationale Weiterbildungsstrategie…
Die Ankündigung einer Nationale Weiterbildungsbildungsstrategie war eines der potenziell spannendsten Projekte dieser Legislaturperiode. Aber was wurde diesen Frühsommer dann vorlegt? Nicht mehr als die finanzielle Aufstockung eines bestehenden Programmes, keine einzige neue Idee. Das ist doch keine ‚nationale Strategie‘! Und dass die Bundesagentur für Arbeit neue Möglichkeiten bei der Qualifizierung Beschäftigter hat, ist völlig richtig – deshalb haben wir dem Gesetz letztes Jahr auch zugestimmt. Aber wir können doch nicht dabei stehenbleiben, dass der Großen Koalition nicht mehr einfällt, als auf die Möglichkeiten einer Behörde zu schauen. Untersuchungen zeigen: Zwei Drittel der Beschäftigten nehmen in Deutschland noch immer nicht regelmäßig an Weiterbildungen teil.

Der Bundestagsabgeordnete ist Sozialpolitikexperte der FDP. Quelle: imago images/Metodi Popow
Johannes Vogel

Der Bundestagsabgeordnete ist Sozialpolitikexperte der FDP.

(Foto: imago images/Metodi Popow)

Was müsste denn geschehen?
Was uns als Freie Demokraten vorschwebt, ist ein echtes zweites Bildungssystem für das ganze Leben. Wir haben niemals ausgelernt – das ist die Idee dahinter. Dafür müssen wir drei Säulen zusammenbringen: Die Angebote der Bundesagentur, eine steuerliche Förderung von Qualifizierung gerade in kleinen und mittleren Unternehmen und schließlich neue Instrumente für eine Unterstützung der persönlichen Weiterbildung.

Sie wollen diese Aufgabe also auf den einzelnen Beschäftigten abwälzen…
Nein! Wir wollen eben anders als die Große Koalition drei Säulen kombinieren – auf einer alleine kann das neue Haus nicht stehen. Die Bundesagentur sollte für Angestellte aktiv werden, wenn es Qualifizierungsbedarf aufgrund der individuellen Situation am Arbeitsmarkt oder regionalen wirtschaftlichen Strukturbrüchen gibt. Die Unternehmen wiederum betreiben Weiterbildung, weil sie gute Fachkräfte brauchen. Aber wir dürfen das Thema nicht nur in potenziellen Krisen oder in Unternehmensinteressen denken. Alleine schon, weil die Lebenswege immer vielfältiger werden, wir mehr Selbständige und Zick-Zack-Lebensläufe haben. Unser Arbeitsmarkt besteht heute nicht mehr nur aus Angestellten.

Wie soll das denn funktionieren?
Mit einem Freiraumkonto für alle Erwerbstätigen. So etwas Ähnliches gibt es mit den Langzeitkonten schon, nur wird es bislang kaum genutzt, weil es an einzelne Unternehmen gekoppelt ist und nicht an das Individuum. Das wollen wir nach Schweizer Vorbild ändern und das Ganze zu einer Art gefördertem Bildungssparen erweitern, indem Beschäftigte dort einen Teil ihres Gehalts steuer- und abgabenfrei einzahlen können. Zusätzlich sollen Einzahlungen des Arbeitgebers oder die Umwandlung von Überstunden möglich sein.

Das können sich nur Beschäftigte leisten, die nicht auf jeden Cent schauen müssen…
Für Geringverdiener wollen wir genau deshalb ergänzend ein Midlife-Bafög einführen. Da würde dann der Staat jährlich einen bestimmten Betrag, zum Beispiel 1000 Euro, auf das Konto einzahlen. Wie damals das Bafög ganzen Bevölkerungsschichten die Universitäten geöffnet hat, könnte das Midlife-Bafög die lebenslange Weiterbildung breit verankern.

Das setzte aber voraus, dass die Menschen auch ihr Leben lang lernen wollen.
Wir müssen als Gesellschaft die Debatte führen, dass Weiterbildung keine Last ist, sondern für jede und jeden eine Chance – um den Horizont zu erweitern und Pilot des eigenen Lebens zu sein. Gleichzeitig können wir so das gesellschaftliche Aufstiegsversprechen unabhängig vom Alter oder Bildungsgrad erneuern und sicherstellen, dass alle im Wandel gut teilhaben können – falls nötig, auch durch berufliche Umorientierung. Als Liberale rufen wir selten nach dem Staat. Aber es gibt nahezu keine größere Staatsaufgabe als Bildung. Und im 21. Jahrhundert lässt sich das nicht mehr definieren als einmaligen Abschluss einer Ausbildung oder eines Studiums.

Wo soll die Weiterbildung denn stattfinden?
Wir müssen auch die klassischen Bildungseinrichtungen, also Universitäten oder Berufsschulen, für das Thema öffnen. Außerdem müssen wir digitale Bildungsangebote schaffen, die leicht zugänglich sind und bei denen Zertifikate erworben werden können.

Müssen Sie da nicht erstmal die Länder überzeugen, die sind doch zuständig?
Die Schaffung eines zweiten Bildungssystems zur Weiterqualifizierung ist eine Frage von nationaler Bedeutung. Da müssen Bund und Länder zusammenkommen. Der Bildungsföderalismus muss im 21. Jahrhundert ankommen. Anders werden wir den Wettbewerb mit den USA oder aufstrebenden Nationen in Asien nicht bestehen können. Nicht der Bildungswettbewerb zwischen Bremen und Niedersachsen ist entscheidend, sondern zum Beispiel derjenige zwischen Europa und China.
Herr Vogel, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Der digitale Fortschritt führt das traditionelle Ausbildungsverständnis ad absurdum. Deshalb müssen neue Ideen her.

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