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Installation in Barcelona

Kunststoffmüll kann durch besseres Recycling vermieden werden.

(Foto: dpa)

Rafael Laguna de la Vera „Effektives Plastikrecycling ist eine Riesenaufgabe und ein Megatrend“

Die US-Einrichtung Darpa ist ein Vorbild der neuen „Agentur für Sprunginnovationen“. Ihr Chef erklärt, wie er nach deutschen Technologie-Vorreitern sucht.
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Berlin Der neue Chefinnovator im Auftrag der Bundesregierung, Rafael Laguna de la Vera, will eine neue Generation von Computern fördern: „Das nächste ganz große Ding könnte ein neuer analoger Computer sein – wie früher mit großen Schränken und vielen Kabeln, nur in modern“, sagte der Chef neuen Agentur für Sprunginnovationen, dem Handelsblatt.

Er könnte digitalen Computern weit überlegen sein, weil deren Fortschritt bei der Speicherkapazität an ihre Grenzen stoße und „er nur einen Bruchteil der Energie braucht“. Es sei schließlich nicht möglich, künftig „neben jedes Rechenzentrum drei AKW zu stellen“. Und auch der Quantencomputer ist noch Forschungsmaterial.

Schon heute seien Forscher im „Silicon Saxony“ in der Lage, solche neuen analogen Computer zu bauen, sagte Laguna. Zwar stehe die Entwicklung noch am Anfang, „aber wir haben das Know-how, vor allem die nötigen Spitzen-Mathematiker, in Deutschland“. „Und wir müssen es anschieben, bevor es andere tun – der Erfinder Bernd Ulmann wird heute schon von der Nasa eingeflogen.“ Der analoge Computer werde das erste Projekt der Agentur, „die Anbahnung läuft auf Hochtouren.“

Die Agentur für Sprunginnovationen wird in Leipzig angesiedelt und soll für die Suche nach bahnbrechenden Innovationen für die ersten zehn Jahre mindestens 1,15 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt bekommen. Bisher „gibt es sehr wenig deutsches Wagniskapital, besonders für die Spätphasen, das meiste kommt aus den USA, Saudi-Arabien oder China“, sagte Laguna.

Um frei agieren zu können, fordert er, dass die Bundesregierung im Aufsichtsrat anders als geplant weniger als die Hälfe der Stimmen erhalten müsse, so dass Vertretern der Wirtschaft und der Wissenschaft in der Mehrheit seien.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Laguna, sind Sie als erfolgreicher Gründer und Unternehmer nicht das beste Beispiel dafür, dass wir gar keine Agentur für Sprunginnovationen brauchen?
Nein. Gründer, die es allein versuchen, werden bei uns oft praktisch enteignet. Venture-Capital-Geber können sich hierzulande die Rosinen herauspicken und 99 Prozent der Interessenten nach Hause schicken. Meine Firma Open-Xchange ist einmal fast pleitegegangen, bevor ich eine Finanzierung bekommen konnte. 2007 musste ich die halbe Belegschaft entlassen und den Rest ein halbes Jahr privat bezahlen. Unzählige Unternehmen mit guten Ideen gibt es nicht mehr in Deutschland, weil ihnen die Luft ausging. Es gibt sehr wenig deutsches Wagniskapital, besonders für die Spätphasen, das meiste kommt aus den USA, Saudi-Arabien oder China.

Der Mitgründer der Open-Xchange AG setzt sich für eine offene europäische Cloud ein. Quelle: Sinan Muslu / Open-Xchange
Rafael Laguna de la Vera

Der Mitgründer der Open-Xchange AG setzt sich für eine offene europäische Cloud ein.

(Foto: Sinan Muslu / Open-Xchange )

Sie sollen jetzt für Deutschland Genies finden, die sogenannte Sprunginnovationen liefern – also bahnbrechende Innovationen wie das Rad, das Internet, Penicillin?
Nach einer Sprunginnovation ist die Welt nicht mehr so, wie sie vorher war, denken Sie an das Auto oder das Handy. In den letzten zehn Jahren fällt mir noch Uber oder AirBnB ein.

Wo lauern denn solche Megaideen, mit denen sich in Deutschland gutes Geld verdienen ließe?
Digitale Computer stoßen an Grenzen: Moore‘s law, wonach sich die Speicherkapazität alle anderthalb Jahre verdoppelt, gilt schon lange nicht mehr, und sie verbrauchen immer mehr Energie. Aber wir können ja schlecht neben jedes Rechenzentrum der Zukunft drei AKWs stellen. Auch der Quantencomputer ist noch Forschungsmaterial. Das nächste ganz große Ding könnte deshalb ein neuer analoger Computer sein – wie früher mit großen Schränken und vielen Kabeln, nur in modern.

Was soll der können?
Er ist weit überlegen, weil er etwa ein Fitzelchen Mäusehirn nicht nur simuliert, sondern nachbaut – und dafür nur einen Bruchteil der Energie braucht. So etwas könnten wir in Silicon Saxony schon bauen.

In welchem Stadium ist der neue analoge Computer?
Noch am Anfang, und bei der Entwicklung kann natürlich viel schiefgehen. Aber wir haben das Know-how, vor allem die nötigen Spitzenmathematiker, in Deutschland. Und wir müssen es anschieben, bevor es andere tun. Der Erfinder Bernd Ulmann wird heute schon von der Nasa eingeflogen. Das wird unser erstes Projekt, die Anbahnung läuft auf Hochtouren.

Und all das managen Sie dann ausgerechnet aus Ihrem Geburtsort Leipzig, dem Standort der Agentur?
Ja, das wollte ich so. Die Aufbruchstimmung in Leipzig ist prächtig – vielleicht wie in Berlin vor zehn Jahren. Aber wir werden Genies in der ganzen Republik fördern. Ich bekomme jetzt schon stapelweise Ideen zugeschickt, ich kann auf die Großforschung zugreifen, bei Bedarf gründen wir eigene Tochtergesellschaften. Dazu brauchen wir Innovationsmanager, die eigene Netzwerke mitbringen, Genies finden können und begleiten. Interessenten bitte unter [email protected] melden!

Dürften Sie als Unternehmer auch mit eigenem Geld einsteigen, wenn die Agentur eine tolle Innovation auftut?
Als Mitglied der Gründungskommission hätte ich das dem Agenturchef erlaubt – als ich noch nicht wusste, dass ich es selbst werde. Aber die Kommission hat entschieden, dass da zu große Interessenkonflikte lauern.

Müssen denn alle Projekte, die die Agentur anstößt, irgendwann Gewinn bringen?
Nein. Wenn wir Projekte finden, die der Volkswirtschaft nutzen, weil sie zum Beispiel bundesweit Lehrlinge und Ausbilder zusammenbringen oder eine brillante Idee für ein produktives Grundeinkommen haben, finanzieren wir auch das.

Veranstalten Sie wie Ihr Vorbild, die US-Agentur Darpa, Wettbewerbe?
Ja. Wir beginnen mit drei Wettbewerben: Energieeffizientes KI-System, Organersatz aus dem Labor und Weltspeicher. Die hat der Bund gestartet und wir übernehmen sie, weil ich sie für sinnvoll halte.

Das klingt nicht so, als ob sie ganz frei agieren könnten ...
Doch, das ist die Bedingung. Deshalb darf die Politik auch nicht die Hälfte des Aufsichtsrats der Agentur besetzen, der die Projekte absegnet. Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft müssen in der Mehrheit sein. Das müssen wir noch ändern.

Und das Geld? Die Darpa hat jährlich 3,4 Milliarden Dollar zur Verfügung. Sie bekommen bis 2022 erst mal 150 Millionen Euro und dann vielleicht für zehn Jahre eine Milliarde. Ist das nicht mickrig?
Ja. Aber wir müssen ja erst mal anfangen – und für deutsche Verhältnisse ist man mit 100 Millionen Euro im Jahr schon ein Riesen-Venture-Capital-Geber. Zudem hat die Darpa 300 Leute und treibt vor allem militärische Projekte an – wir arbeiten nur zivil. Und Herr Altmaier hat versprochen, dass Geld das geringste Problem sein wird, wenn es gut läuft.

Sie müssen also schnell echte Knaller liefern, sonst wird Ihnen der Hahn zugedreht?
Nein. Klar herrscht jetzt Euphorie, aber es wird die Zeit kommen, dass wir 15 oder 20 Projekte finanziert haben, die ersten fünf sind schon kaputt und bei den anderen ist noch kein Erfolg in Sicht. Dann werden wir erklären, dass das Wagniskapitalgeschäft Zeit braucht. Deshalb muss auch die Auflage fallen, dass Projekte maximal fünf Jahre lang gefördert werden dürfen.

Wie viele Projekte haben Sie neben dem analogen Computer schon im Hinterkopf?
Die Pipeline ist übervoll, ich werde überhäuft mit Ideen, die wir noch sichten müssen. Derzeit gibt es vier weitere Top-Projektideen: Eine davon ist effektives Plastikrecycling. Das ist nicht nur eine Riesenaufgabe, sondern ein Megatrend: Die Leute sind bereit, dafür auch Geld zu bezahlen.

Woher kommen die Genies?
Ich setze vor allem auf Forscher, die eigentlich ausgegründet werden sollten. Ich werbe bei Uni-Rektoren, dass sich ihre High-Potentials frühzeitig bei uns melden. Ich rede mit Unternehmen, habe etwa bei Bosch mit dem Chef für den Bereich Künstliche Intelligenz gesprochen. Dort gibt es coole Ideen, die sich vielleicht erst in 15 Jahren rechnen. Das macht auch Bosch vielleicht nicht – wir könnten das.

Und wie verhindern Sie das nächste MP3-Desaster? Die Idee zur Kompression von Audiodaten entstand bei Fraunhofer, das große Geld verdienten andere.
Es ist mein Job, alle potenziellen Top-Erfinder und ihre Organisationen so zu sensibilisieren, dass sie rechtzeitig zu uns kommen, um aus der genialen Idee ein Business zu machen.

Können auch Erfinder aus dem Ausland gefördert werden?
Wir fördern Individuen, das können auch Franzosen oder Chinesen sein. Sie müssen nur hier arbeiten.

Macht es nicht mehr Sinn, Megainnovationen gleich im europäischen Rahmen zu suchen und zu fördern?
Klar. Ich treffe noch diese Woche in Paris die Kollegen aus Europa und Japan, Israel und der Schweiz. Das ist der Kreis, in dem wir kooperieren müssen, um den USA und China Konkurrenz machen zu können.

Was ist das Topthema bei der Digitalisierung, Ihrem ureigensten Feld?
Eine europäische Cloud. Die muss mit offener, föderierter, genehmigungsfreier Software als Netzwerk organisiert sein – als Gegenmodell zum Turbokapitalismus des Silicon Valley und zum diktatorischen chinesischen Modell. Bei Huawei haben wir Angst, dass die Chinesen Daten absaugen. Aber wir wissen auch nicht, was in einem Cisco-Router passiert. Der einzige Weg, das zu verhindern, sind offene Systeme. Das muss die europäische Antwort sein, die die Franzosen ja bereits vorbereiten. Dazu machen wir ein Projekt, wie man die europäischen Systeme koppeln kann, zusammen mit der geplanten Daten-Plattform für die Wirtschaft Gaia-X.

Und wie soll sich die europäische Cloud durchsetzen?
Wichtig ist, dass der Staat diese offenen Systeme kauft, dann zieht auch die Industrie nach. Es kann nicht sein, dass ausgerechnet Airbus – unser europäisches Gemeinschaftsunternehmen – sein komplettes Mailsystem bei Google ansiedelt. Andere rennen zu Amazon und lassen sich dort einsperren. Es ist im Interesse unserer Wirtschaft, Big Data hier bei uns zu organisieren. Wenn wir das orchestrieren, läuft das. Unter diesem Schirm kann man dann auch die deutsche und die europäische IT-Industrie zusammenbringen.

Was verdient Deutschlands neuer Innovationspapst?
(lacht) Das ist noch nicht klar, da müssen wir uns noch einigen. Aber ich lege ja trotzdem los.

Her Laguna, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Zwischen Wettbewerb und Förderung: Das erwartet die Bundesregierung von ihrem neuen Chef-Innovator.

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