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Raumfahrt Aus der Nordsee in den Weltraum: Vier Unternehmen planen schwimmende Raketen-Startrampe

Vier Firmen gründen eine GmbH, die einen deutschen „Spaceport“ planen und betreiben will. Erste Starts von Miniraketen sind ab 2023 geplant – trotz hoher Regulierungshürden.
16.12.2020 - 03:50 Uhr Kommentieren
Von einem solchen Schiff aus der Nordsee sollen ab 2023 Miniraketen Satelliten ins All tragen. Quelle: Harren&Partner/GOSA
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Von einem solchen Schiff aus der Nordsee sollen ab 2023 Miniraketen Satelliten ins All tragen.

(Foto: Harren&Partner/GOSA)

Berlin Die Idee eines deutschen Weltraumbahnhofs wird konkret. Vor einer Woche hat sich auf Initiative des Industrieverbands BDI ein Unternehmenskonsortium gegründet, das Raketenstarts von Deutschland aus ins All ermöglichen will. Beteiligt an der „German Offshore Spaceport Alliance“ GmbH (Gosa) sind der Bremer Raumfahrtkonzern OHB, die Reederei Harren & Partner, die Media Mobil GmbH und die Tractebel DOC Offshore GmbH.

Dass das Konsortium ziemlich maritim anmutet, ist Strategie: Der „Weltraumbahnhof“ soll de facto ein Schiff sein, das als mobile Startrampe dient. Erfahrungen aus dem Transport und dem Aufbau von Offshore-Windrädern in der Nordsee will das Konsortium nutzen.

Künftig sollen Miniraketen Satelliten aus den nördlichsten Hoheitsgewässern Deutschlands in der Nordsee ins All schicken. Der Vorteil: Menschen würden von dem Lärm nicht belästigt, wenn die Raketen nur über Wasser fliegen.

Erste Starts sind für 2023 avisiert

Gosa will nach Aussagen von OHB-Chef Marco Fuchs ab 2023 Starts anbieten. Der Zeitplan ist ambitioniert. „Wichtig ist, dass wir andere Interessen mit einbeziehen, wie Luftfahrt, Seeschifffahrt, Umweltschutz, die ja alle von Raketenstarts betroffen wären“, sagte Fuchs dem Handelsblatt. Auch die US-Raumfahrtbehörde Nasa müsse ja jeweils sehr genau planen, wann und wie der Luftraum für ihre Starts gesperrt und Schiffsrouten umgelegt werden müssen.

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    „Wir wollen diese Fragen in der Konzeptphase bis Ende 2021 klären“, so Fuchs. Dann werde sich auch entscheiden, „ob wir es wirklich hinkriegen können“. 2022 würde nach diesem Zeitplan die Realisierungsphase beginnen, damit ab 2023 Starts stattfinden können.

    „Wir wissen natürlich, dass regulatorische Fragen komplex sein können und Verzögerungen nicht auszuschließen sind“, sagte Fuchs.

    Von einem solchen Schiff aus der Nordsee sollen ab 2023 Miniraketen Satelliten ins All tragen. Quelle: Harren&Partner/GOSA
    Schiff

    Von einem solchen Schiff aus der Nordsee sollen ab 2023 Miniraketen Satelliten ins All tragen.

    (Foto: Harren&Partner/GOSA)

    Gespräche haben bereits mit Thomas Jarzombek (CDU), Weltraumkoordinator der Bundesregierung im Wirtschaftsministerium, und mit Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) stattgefunden: Nachgeordnete Behörden des Verkehrsministeriums sind für die Koordination der Seeschifffahrt und des Luftverkehrs zuständig.

    „Grundsätzlich ist der Weltraum-Startplatz eine gute Idee“, sagte Jarzombek dem Handelsblatt und lobte den Industrieverband BDI dafür, dass er die Realisierung so systematisch vorantreibt. Das Konsortium müsse es nun aber auch tatsächlich hinbekommen, die vielen regulatorischen Fragen zu sortieren und Ideen zur Lösung dieser komplexen Fragen zu präsentieren, sagte er.

    Während Wirtschafts- und Verkehrsministerium dem Projekt aufgeschlossen gegenüberstehen, formiere sich im Umweltministerium Widerstand, heißt es aus dem Kreis der Beteiligten. Starke Unterstützung erfährt Gosa von Bremens Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt. Die neue Kooperation aus Raum- und Schifffahrt verspricht neue Arbeitsplätze.

    Deutschland soll eine führende Raumfahrt-Nation werden

    Das Ziel jedenfalls ist ambitioniert: Deutschland soll zu einem führenden Land in der kommerziellen Raumfahrt aufsteigen – und insbesondere in Europa die Führung übernehmen. Ein naher Startplatz ist der letzte noch fehlende Baustein in der Kette. Bisher starten Raketen nur von den altbekannten Startplätzen in den USA, Russland/Kasachstan und Französisch-Guayana. Die neuen Space-Unternehmen müssen auf den jeweils nächsten Start einer Ariane- oder Falcon-Rakete warten und ihre Satelliten als Zuladung anbringen.

    Mehrere Firmen bauen und betreiben hierzulande Satelliten, etwa die US-Firma Planet mit Niederlassung am Berliner Ku’damm. Deren Chef Will Marshall freut sich über jeden zusätzlichen Startplatz, weil dann im Wettbewerb die Preise für Starts sinken können.

    Grafik

    Aktuell entwickeln in Deutschland drei Firmen Miniraketen, „Microlauncher“ genannt: Isar Aerospace, HyImpulse und die OHB-Tochter Rocket Factory Augsburg (RFA). Alle drei werden vom Bundeswirtschaftsministerium mit 25 Millionen Euro gefördert.

    Microlauncher können pro Flug Lasten von 500 bis 1000 Kilogramm Gewicht in den Weltraum tragen. Zum Vergleich: Die kleinste Falcon-Rakete des US-Unternehmens SpaceX von Elon Musk befördert 23 Tonnen pro Flug.

    „Von der Startplattform würde die gesamte Industrie profitieren“, sagte BDI-Raumfahrtexperte Matthias Wachter dem Handelsblatt. Sie sei „eine einmalige Chance, um eine unmittelbare Partizipation am dynamischen Zukunftsmarkt Weltraum zu ermöglichen“. Zudem will der BDI Wettbewerb und Innovationen in der deutschen Weltraumindustrie fördern.

    Warten auf die Realisierung von Satelliten-Konstellationen

    Die Microlauncher könnten dann groß ins Geschäft kommen, wenn Konstellationen aus Hunderten Kleinsatelliten im Orbit platziert werden. Konstellationen sollen jederzeit jeden Ort der Erde abbilden können. SpaceX und Amazon planen solche Konstellationen, das europäische Satellitensystem Galileo soll stetig ausgebaut werden.

    Wann genau welche künftigen Konstellationsbetreiber den Transport Hunderter Kleinsatelliten nachfragen, steht allerdings noch in den Sternen. Corona hat auch hier vieles verzögert.  

    Die meisten Kleinsatelliten der Zukunft sollen kommerziell genutzt werden: Zum Beispiel könnten Landwirte Dürreschäden frühzeitig aus dem All entdecken, Logistiker ihre Lastwagenflotten besser um Staus herum lotsen, Telekommunikationskonzerne Lücken im Mobilfunknetz schließen. Interessiert ist aber auch die Bundeswehr.

    Anders als heute wollen die Raumfahrtfirmen Satelliten nicht mehr nur über dem Äquator platzieren, sondern in polare und sonnensynchrone Umlaufbahnen bringen, um von diesen Positionen aus die ganze Erdoberfläche abzubilden.

    Die Gesellschaft Gosa ist offen für weitere Partner, und sie will die Startplattform neutral für alle Raketenhersteller betreiben, betonten Wachter und Fuchs. In der New-Space-Szene herrscht die Befürchtung, dass Gosa die OHB-Beteiligung RFA bevorzugen könnte.

    Weitere strategische Partner von Gosa sind der Versicherungsspezialist Lampe & Schwartze und der Logistikdienstleister BLG. Die Gesellschaft ist zudem bereit, weitere Partner aufzunehmen.

    Mehr: Raketen-Start-ups gewinnen Interesse von Investoren

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