Reaktion auf Japan Merkels Anti-Atom-Kurs brüskiert die Wirtschaft

Am Vormittag warnte die deutsche Wirtschaft noch vor Schnellschüssen in der Atomfrage. Vergebens. Merkel forciert ihren Anti-AKW-Kurs und schafft bittere Fakten für die Atomindustrie.
Update: 15.03.2011 - 14:13 Uhr 51 Kommentare

Merkel: Sieben deutsche AKW werden stillgelegt

BerlinAngela Merkel spricht in der Atomfrage Klartext - und übergeht dabei führende Vertreter der deutschen Wirtschaft: Diese werden vom schnellen Takt energiepolitischer Entscheidungen der Bundesregierung buchstäblich überrollt. Während die Regierung die Verlängerung der Atomkraftwerkslaufzeiten für drei Monate aussetzte und mit der zeitweisen Abschaltung von sieben alten Anlagen Tatsachen schuf, mahnten Wirtschaftsverbände, erst einmal alle Fakten der Atomkatastrophe in Japan zu klären und auszuwerten. Doch Herumlavieren kann sich die Kanzlerin im Superwahljahr 2011 nicht erlauben. Umso deutlicher fiel die Ansage Merkels aus: Alle sieben bis Ende 1980 in Betrieb genommenen deutschen Atomkraftwerke (Biblis A, Biblis B, Neckarwestheim I, Brunsbüttel, Unterweser, Philippsburg 1, Isar I) werden vorübergehend vom Netz genommen. Als Reaktion auf die Katastrophe in Japan sollen alle Meiler in Deutschland überprüft werden. Bis zum 15. Juni sollen alle Sicherheitsfragen beantwortet werden, teilte die Kanzlerin nach einem Treffen mit den Ministerpräsidenten der Länder mit Atomkraftwerken in Berlin mit.

Merkel im Gespräch mit Umweltminister Röttgen. Quelle: dapd

Merkel im Gespräch mit Umweltminister Röttgen.

(Foto: dapd)

An dem Treffen nahmen auch die Bundesminister für Umwelt und Wirtschaft, Norbert Röttgen und Rainer Brüderle, teil. Röttgen sagte, das geltende Atomgesetz decke die vorübergehende Abschaltung der Meiler ab. Brüderle betonte, es gebe auch ohne die sieben Anlagen eine hinreichende Versorgungssicherheit in Deutschland.

Der Energiekonzern Eon hat umgehend angekündigt, sein Atomkraftwerk Isar 1 vorläufig abzuschalten. "Eon wird den Leistungsbetrieb seines ältesten Kernkraftwerks Isar 1 für die Dauer des Moratoriums der Bundesregierung unterbrechen", teilte der Konzern am Dienstag mit. Damit wolle der Versorger einen "Beitrag zur Versachlichung der aktuellen Diskussion um die Kernenergie" leisten.

Auch RWE reagiert: Der Essener Konzern nimmt den ältesten deutschen Atommeiler Biblis A kurzfristig vom Netz. Der Meiler Biblis B steht bereits seit Ende Februar wegen einer Revision still. Die beiden Biblis-Anlagen zählen zu den sieben Altanlagen, die laut Merkel bei der anstehenden Sicherheitsüberprüfung des gesamten deutschen Atomkraftwerksparks vom Netz gehen.

"Angesichts der Katastrophe in Fukushima ist es richtig, auch bei uns zu überprüfen, ob es aus den Ereignissen in Japan konkrete Hinweise gibt, wie wir unser hohes Sicherheitsniveau noch weiter ausbauen können", erklärte RWE am Dienstag in Essen. Grundsätzlich stelle RWE die Laufzeitverlängerung aber nicht in Frage. Dazu gebe es sicherheitstechnisch keine Veranlassung.

EnBW will das Atomkraftwerk Neckarwestheim I bei Heilbronn in den nächsten Tagen vom Netz nehmen. Dies geschehe freiwillig und sei nur vorübergehend, erklärte das Unternehmen am Dienstag in Karlsruhe. Die Abschaltung erfolge vor dem "Hintergrund der dramatischen und menschlich zutiefst bewegenden Ereignisse in Japan". Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich zuvor mit den Ländern darauf verständigt, dass die sieben vor 1980 gebauten Kernkraftwerke vorübergehend abgeschaltet werden.

Wie lange die AKW abgeschaltet bleiben, blieb offen. Röttgen hatte am Montag gesagt, er gehe davon aus, dass ein während des dreimonatigen Moratoriums abgeschalteter Atommeiler gar nicht wieder ans Netz gehe.

Die vorübergehende Abschaltung von sieben deutschen Atomkraftwerken hat den Preis für börsengehandelten Strom in Deutschland umgehend in die Höhe getrieben. Der Terminkontrakt zur Lieferung von Strom im nächsten Jahr schoss an der Leipziger Energiebörse EEX um bis zu 6,3 Prozent auf 58,50 Euro je Megawattstunde in die Höhe. Dies ist der höchste Stand seit Anfang Januar 2009. "Es gibt Panik, es wird für alle Eventualitäten eingekauft, auch wenn die Leute denken, dass dies übertrieben ist", sagte ein Händler.

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann, hatte dagegen gesagt: "Wegen der grundlegenden Bedeutung der Energieversorgung von Privathaushalten, öffentlichen Einrichtungen und der Unternehmen dürfen wir uns Schnellschüsse nicht leisten." Das Motto "Sicherheit zuerst" muss laut Driftmann erst recht nach den tragischen Ereignissen in Japan gelten. "Politik und Industrie müssen jetzt Klarheit gewinnen, was in Japan geschieht, und dann analysieren", erklärte er. Für Deutschland sei dann anschließend zu prüfen, ob gegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen seien. Dafür müsse das Drei-Monats-Moratorium genutzt werden. "Besonnenheit und Transparenz müssen jetzt Trumpf sein. Panik und Parteipolitik sind dagegen schlechte Ratgeber", warnte er. Letztlich sei auch die Frage zu beantworten, wie Deutschland sicher und bezahlbar mit Strom versorgt solle und zugleich die CO2-Ziele erreichen werden sollten.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) verwies auf Nachfrage lediglich auf ein Zitat seines Präsidenten Hans-Peter Keitel gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Danach sagte Keitel: "Sicherlich kann man nach den furchtbaren Ereignissen in Japan auch energiepolitisch nicht zur Tagesordnung übergehen. Die Politik sollte aber sorgfältig darauf achten, auf der Grundlage von Fakten zu urteilen." Solange diese Fakten noch nicht bekannt seien, müsse sie sich Zeit für eine sachgerechte Entscheidung nehmen. "Ich wünsche mir, dass sie sich extrem verantwortungsvoll mit den Tatsachen auseinandersetzt und darauf verzichtet, jetzt zu schnell und zu emotional zu entscheiden", sagte Keitel

Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Reaktion auf Japan - Merkels Anti-Atom-Kurs brüskiert die Wirtschaft

51 Kommentare zu "Reaktion auf Japan: Merkels Anti-Atom-Kurs brüskiert die Wirtschaft"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die Frage nach dem Atommüll finde ich noch viel wesentlicher, als die Frage der Sicherheit. (Die würde sich sofort nicht mehr stellen, wenn man von den AKW-Betreibern den Abschluss einer Haftpflichtversicherung mit realistischer Deckungshöhe für den Gau fordern würde.)
    Ich finde es einfach unverantwortlich, den nachfolgenden Generationen auf der Erde diese Bürde aufzulasten. Man könnte vielleicht die vielen Tonnen Atommüll auf den Mond schiessen. Da wär das Problem zwar "aus der Welt", aber mit der Wirtschaftlichkeit der Atomkraft wär´s wohl auch vorbei...

  • In DE ist die 100%ige Versorgung mit EE ganz offensichtlich machbar:

    http://100-ee.de/index.php?id=61&tx_ttnews[pointer]=4&tx_ttnews[tt_news]=193&tx_ttnews[backPid]=203&cHash=7d05ab38af

    http://www.unendlich-viel-energie.de/de/detailansicht/article/4/globales-regeneratives-energiesystem-bis-2050-moeglich.html

    http://blog.metropolsolar.de/2010/07/uba-100-ee-strom-bis-2050/

    Schwellenländer werden umso schneller aufschließen, wenn sie erst gar nicht dem fossilen Wahn verfallen.
    Viele Schwellenländer können Solarenergie noch viel besser nutzen als wir, da Sonne en masse. DAS ist deren Chance.

    Nach einer Atomkatastrophe werden die Japaner einen Teufel tun und noch weiter groß auf Atomstrom setzen.

    3 mal Atomverseuchung in 70 Jhren reichen.


    Welchen Schulabschluss haben SIE?

  • Beschäftige dich mit dem Thema. Lesen bildet.

  • Falsch, KontraA.
    Es ist absolut ausgeschlossen, 7 Mrd. Menschen durch Kuhscheißevergasung, Windmühlen und Solar aus Gadaffis Wüste zu versorgen. Vielleicht ist man in 50 bis 70 Jahren in der Lage, Kernfusionsreaktoren zu bauen. Aber das ist derzeit völlig offen. Windmühlen und Solar können allenfalls im geringen Prozentbereich ergänzen.
    Stell dir vor, bei Daimler will die Frühschicht die Roboterstraßen hochfahren und nebenan läuft ein Grüppchen Windmühle und ein Bauer wirft Kuhscheiße in eine Biogasanlage.
    Merkst du jetzt, wie naiv deine Idee ist. Megastädte wie Tokyo, Moskau, Paris, Bombay etc. wird man ohne Kernkraft niemals versorgen können.


  • Ist hier wirklich Platz für Beschimpfungen? Eine Vollversorgung durch Erneuerbare Energien ist möglich, man muß es nur wollen. Es geht nicht von heute auf morgen, aber es geht. Speziell desshalb weil uns für die Zukunft gar nichts anderes übrigbleibt.

  • @Athene
    Dir ist wegen deiner Blödheit nicht mehr zu helfen. Darf ich mal nach deinem Schulabschluss fragen?
    Da eine Vielzahl der japanischen Kernkraftwerke wegen Wartungs- und Nachrüstungsarbeiten jetzt längerfristig abgestellt werden müssen, tritt dort genau das ein, was auch der BRD droht:
    Japan wird kurzfristig z.B. von Siemens gelieferte Gaskraftwerke aufstellen. Die lassen sich in ein paar Monaten in Modulbauweise schnell errichten. Außerdem wird die Kohleverstromung auf Maximallast hochgefahren.
    Es droht dadurch ein gigantischer Preisanstieg bei fossilien Energieträgern, wo die Schwellenländer auf der Strecke bleiben werden. Über die zusätzlichen CO2-Mengen, die die Japaner jetzt in die Atmosphäre blasen müssen, darf man gar nicht nachdenken.
    Die Japaner sind ein intelligentes Volk. Sie werden die Lehren aus dem Unfall ziehen und zur absolut alternativlosen Kernenergie zurückkehren. Die Versorgung von 7 Mrd. Erdenbürger mit Strom ist ohne Kernkraft absolut ausgeschlossen. Kernkraft ist die Zukunft der Energieversorgung der Menschen, auch wenn es den ideologisch verbohrten Öko-Chaoten hier nicht passt.

  • Die Atombefürworter sollten sich ihren persönlichen Brennstab im nächsten AKW abholen. Da haben die Kinder auch was interessantes zum Spielen.

  • @all

    Die 7 Atomkraftwerke abzuschalten ist kein großes Problem, es gibt Reservekraftwerke. Mittelfristig hat DE Einsparpotentiale von bis zu 20 % beim Strom. Plus den Zubau von EE , da können wir die nächsten 10-15 Jahre ALLE AKW`s abschalten. Es gibt 2 Expertisen, die besagen, das bis 2050 der Strom komplett aus EE gedeckt werden ann. Andere Länder erden folgen, sind uns jetzt schon gefolgt.

    Nur die Geldmacher, Raffgeier und Aktionäre und Lobbyiisten und ihre Nutznießer wollen das verhindern.

  • Wenigsten hat man das Kaiser-Adelspack damals aus dem Land gejagt, sollte man heute auch tun, samt Geldadel.

  • @Andre

    Wegen Leuten wie Ihnen müsssen wir unnötig höhere Stromkosten zahlen. Aktionäre können gerne abhauen, ohne Rückkehrgarantie , DIE sind die wahren Parasiten, nur damit EON und Co in der Weltgeschichte einkaufen gehen können und Anteilseigener fette Dividene kriegen, zahlen wir soviel für die Kwh, einschließlich für die Strafen für Kungeleien und Korruption, Pfui Deibel.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%