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Rechtsextremismus Youtuber Rezo bezeichnet Seehofer nach Games-Vorstoß als „krass inkompetent“

Der Rechtsextremist von Halle streamte seine Tat über Twitch, eine Plattform, die vor allem von Gamern genutzt wird. Das ruft den Bundesinnenminister auf den Plan.
Update: 13.10.2019 - 21:30 Uhr Kommentieren
Der Innenminister fordert, die Gamer-Szene stärker in den Blick zu nehmen. Quelle: dpa
Horst Seehofer

Der Innenminister fordert, die Gamer-Szene stärker in den Blick zu nehmen.

(Foto: dpa)

Berlin Der Attentäter von Halle hatte nicht nur geplant, möglichst viele Juden zu töten. Er wollte bei seinem Amoklauf auch vor ein großes weltweites Publikum treten. Er suchte sich für den Live-Stream die Web-Plattform Twitch aus, die zu Amazon gehört.

Hier streamen vor allem Gamer ihre Computerspiele, darunter Games wie „League of Legends“, „World of Warcraft“, „Fortnite“, aber auch Sportsimulationen wie „Fifa 20“ und andere Spiele. Es gibt auf Twitch auch eine Kategorie „In Real Life“, in der Videos veröffentlicht werden, die sich mit anderen Themen beschäftigen.

Nichtsdestotrotz reicht Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) allein der Umstand, dass der 27-jährige Rechtsextremist die Streaming-Plattform Twitch zur Verbreitung seines Tat-Videos nutzte, aus, um den Gamer-Bereich stärker in den Fokus zu nehmen. Die Branche reagiert entsprechend gereizt und warnt davor, nach dem Halle-Terror nun alle Gamer unter Generalverdacht zu stellen.

Im „Bericht aus Berlin“ der ARD sagte Seehofer: „Das Problem ist sehr hoch. Viele von den Tätern oder potenziellen Tätern kommen aus der Gamer-Szene. Manche nehmen sich Simulationen geradezu zum Vorbild. Wir müssen die Gamerszene stärker in den Blick nehmen.“

Am späten Sonntagnachmittag präzisierte der Minister seine Position auf Twitter: „Wir prüfen derzeit alle Facetten, wie Rechtsextremismus besser bekämpft werden kann. Wir sehen, dass Rechtsextremisten das Internet und auch Gaming-Plattformen als Bühne für ihre rechtswidrigen Inhalte missbrauchen. Ob analog oder digital: Wir wollen Rechtsextremisten überall dort bekämpfen, wo sie aktiv sind.“

Mit seinem ersten Vorstoß löste Seehofer im Netz heftige Reaktionen aus. Auch der Verband der deutschen Games-Branche reagierte mit scharfer Kritik. „Die Games-Community unter einen Generalverdacht zu stellen, zeugt vor allem von Unkenntnis und Hilflosigkeit und lenkt von den wirklichen gesellschaftlichen und politischen Ursachen für solche Taten ab“, sagte Verbands-Geschäftsführer Felix Falk. „Der Bundesinnenminister sollte nicht hilflos einem Medium und dessen Community die Schuld geben, sondern aktiv die gesellschaftlichen Probleme der Radikalisierung und zunehmenden Fremdenfeindlichkeit angehen, die zu solchen furchtbaren Taten wie in Halle führen.“

SPD kritisiert „sinnlose“ Debatte

Laut Falk sind Games längst zu einem festen Bestandteil des Alltags Millionen Deutscher geworden. Fast jeder zweite hierzulande spiele. „Eigentlich müsste jedem längst klar sein“, so Falk: „So wenig wie man Filme oder Bücher für Hass und Gewalt verantwortlich machen kann, so wenig sind Games und ihre Community hierfür die Ursache.“ Stattdessen gebe es in Deutschland ein „beängstigendes Problem mit Rechtsextremismus“.

Nach Angaben des Verbands hat der Games-Markt in Deutschland im ersten Halbjahr 2019 weiter zugelegt: Im Vergleich zu den ersten sechs Monaten 2018 ist der Umsatz mit Games und Spiele-Hardware um 11 Prozent von 2,5 auf 2,8 Milliarden Euro gewachsen. Zum Wachstum trugen vor allem Gebühren für Online-Dienste bei, deren Umsatz um 52 Prozent auf 228 Millionen Euro gewachsen ist. Um 28 Prozent ist zudem der Markt für In-Game-Käufe gewachsen. Hiermit wurden in den ersten sechs Monaten des Jahres 1,1 Milliarden Euro umgesetzt.

Die SPD-Netzpolitikerin Saskia Esken sprach mit Blick auf Seehofer von „sinnlosen“ Debatten über Computerspiele und anlasslose Chatüberwachung. Es werde Zeit, dass Seehofer und das Innenministerium den Rechtsextremismus „ernsthaft bekämpfen und keine Strohfeuerdebatten anzünden, um vom eigenen Totalversagen abzulenken“, schrieb Esken auf Twitter.

Jedoch: „Die Anbieter von Plattformen, die das Streamen von Livevideos, aber auch die sonstige Verbreitung von Videomaterial ermöglichen, haben eine besondere Verantwortung“, sagte der digitalpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Jens Zimmermann, dem Handelsblatt. „Es ist jetzt genauer zu klären, wie schnell und effektiv auf Twitch reagiert wurde.“ Zimmermann sieht zudem die Sicherheitsbehörden in der Pflicht, die Aufklärung rechter Strukturen im Internet zu verstärken.

FDP-Chef Christian Lindner ergänzte: „Mir fallen so viele Maßnahmen ein, die ergriffen werden sollten, um gegen Rechtsextremismus vorzugehen – Die „Gamer Szene“ unter Generalverdacht zu stellen, ist keine davon.“

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast mahnte zur Sachlichkeit in der Debatte. „Wir sollten mal in Ruhe auf das Problem schauen. Und genau hinsehen“, schrieb sie auf Twitter. „Und uns nicht über das Wort Gamer-Szene von Seehofer in die Irre leiten lassen. Um die geht es nämlich nicht.“

Unions-Netzpolitiker kritisieren Seehofer

Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte Künast, dass es teilweise die Spiele oder die Chatspalten seien, in denen Rechtsextremismus oder Cybergrooming stattfänden. Sie beobachte daher die Gaming-Szene seit längerer Zeit mit Sorge. „Games müssen Teil des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes werden“, forderte die Bundestagsabgeordnete. Diese vor zwei Jahren in Kraft getretene Gesetz zur Eindämmung von Hasskriminalität muss ohnehin evaluiert und geändert werden. Dann sei es „zwingend“, die Games mit reinzunehmen.

Auch der Grünen-Digitalpolitiker Dieter Janecek sieht Handlungsbedarf. „Neben einer grundlegenden Überarbeitung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes, insbesondere mit verbesserten Meldeverfahren, braucht es eine deutlich bessere Ausstattung der Sicherheitsbehörden, Strafverfolgung und Justiz“, sagte Janecek dem Handelsblatt. „Wenn Attentate gefilmt und live im Internet übertragen werden, kommt es auf jede Sekunde für Gegenmaßnahmen an.“ Umgehende polizeiliche Präsenz vor Ort, Beweismittelsicherung und eine Entfernung der Inhalte aus dem Netz müssten „zügig sichergestellt“ werden.

Der netzpolitische Verein der Unionsparteien „cnetz“ empfahl Seehofer indes, sich besser zu informieren. Die Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) „kann Sie sachkundig aufklären“, schrieb der Verein auf Twitter – „und bitte instrumentalisieren Sie keine schlimmen antisemitische Anschläge zur Diskreditierung vieler Menschen“.

Der Attentäter von Halle hatte sein Twitch-Konto erst vor zwei Monaten eröffnet und in dieser Zeit nur ein Video hochgeladen. Das im Netz aufgetauchte „Manifest“ des Angreifers legt nahe, dass er nicht unbedingt bei Twitch zu Hause war, sondern auf der Internet-Plattform 8chan, die bei Rassisten sehr beliebt ist. Auf dem Portal werden Anschläge und Amokläufe gefeiert und der Hass zelebriert. Nach dem Amoklauf in einem Walmart-Kaufhaus in El Paso im US-Bundesstaat Texas Anfang August ging 8chan offline, auch weil technische Dienstleister wie Amazon den Stecker zogen. Deshalb musste sich der Halle-Attentäter eine neue Plattform suchen.

Auf Twitch erreichte Stephan B. lediglich fünf Nutzer, die den Stream live in Echtzeit verfolgten. Immerhin 2200 Menschen schauten sich danach die 35 Minuten lange Aufzeichnung an, bevor die Plattform das Treiben mitbekam und das Video auf der Plattform sperrte. Die Zeit reichte aber aus, die krude Botschaft aus Halle in andere Netzwerke überschwappen zu lassen. Megan Squire, Computer-Wissenschaftlerin an der Elon University im US-Bundesstaat North Carolina, fand in einer ersten Analyse heraus, dass das Video innerhalb von 30 Minuten über öffentliche Kanäle des Messengers Telegram rund 15.600 Nutzer erreicht hat. Das Video tauchte auch schnell im Web-Forum 4chan auf, in dem sich auch unzählige Trolle und Hassprediger versammeln.

Mit der Gamer-Szene haben solchen Plattformen jedoch nichts zu tun. Seehofers Gedankenspiel läuft somit mehr oder weniger ins Leere. Das dürfte auch eine Erklärung dafür sei, dass der Minister im Netz teilweise Häme und Spott überzogen wird. „Wie kann man seinen Job immer und immer wieder so sehr verkacken?“, schrieb etwa der Youtuber Rezo auf Twitter. Seehofer „und seine Crew sind echt so krass inkompetent“. Rezo hatte kurz vor der Europawahl im Mai mit seinem Video „Die Zerstörung der CDU“ unter anderem die Klimapolitik der Partei heftig kritisiert.

Auch der Youtuber Florian Mundt alias LeFloid ging hart mit dem Innenminister ins Gericht. Auf Twitter schrieb er: „Hat Seehofer den Arbeitgeber gewechselt & ist jetzt Satiriker? Oder meint der alte verwirrte Mann das tatsächlich ernst? Dann ist es wohl wirklich Zeit für's Betreute Wohnen ey...“

Mehr: Innenminister Seehofer prüft Verbote gegen rechtsextreme Gruppierungen. Lesen Sie hier, warum die AfD-nahe „Identitäre Bewegung“ dazugehören sollte.

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