Reformpläne Jedem dritten Betrieb drohen durch Azubi-Mindestlohn deutlich höhere Kosten

Die Bundesregierung plant eine Mindestvergütung für Auszubildende. Das Forschungsinstitut BIBB hat nun ausgerechnet, was auf die Betriebe zukommen könnte.
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Ein Mindestsatz dürfte für viele Unternehmen zu deutlichen Mehrkosten führen. Quelle: picture alliance / Westend61
Aubsildungsvergütung

Ein Mindestsatz dürfte für viele Unternehmen zu deutlichen Mehrkosten führen.

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Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Das werden viele junge Leute erfahren, wenn sie jetzt ins neue Ausbildungsjahr starten und Ende August ihren Kontostand anschauen. Wer sich in Ostdeutschland im Fleischerhandwerk ausbilden lässt, erhält 310 Euro im Monat. Schornsteinfeger oder Bäcker bekommen laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Ost wie West 500 Euro oder weniger.

Und dabei handelt es sich um die tarifliche Ausbildungsvergütung. In nicht tarifgebundenen Betrieben wird teilweise noch weniger gezahlt. Für die Gewerkschaften ist deshalb klar: Wenn Betriebe zu Beginn des Lehrjahres über nicht besetzte Ausbildungsplätze klagen und jeder vierte Auszubildende seine Lehre abbricht, dann hat das auch mit der Bezahlung zu tun.

„So ist auffällig, dass bei den Friseurinnen und Friseuren die Quote der Vertragslösungen bei rund 50 Prozent liegt“, sagte die Vizevorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Elke Hannack, dem Handelsblatt. Das sei für Betriebe wie Azubis gleichermaßen schlecht. Die Mindestausbildungsvergütung könne neben der Verbesserung der Ausbildungsqualität ein Schutz gegen Abbrüche sein.

Die Bundesregierung will die Mindestausbildungsvergütung bis zum 1. Januar 2020 im novellierten Berufsbildungsgesetz verankern, auch um die duale Ausbildung attraktiver zu machen. So steht es im Koalitionsvertrag. Noch ist offen, bei welchem Betrag die Untergrenze, die vor allem auf nicht tarifgebundene Unternehmen zielt, eingezogen werden soll.

Das BIBB hat in einer Studie, die dem Handelsblatt vorab vorliegt, schon mal die Belastung der Betriebe für verschiedene Szenarien durchgespielt.

Kleinbetriebe betroffen

Demnach müssten bei einer Mindestausbildungsvergütung von 500 Euro im ersten Lehrjahr rund elf Prozent aller Ausbildungsbetriebe ihren Lehrlingen mehr zahlen als heute. Bei einer Untergrenze von 650 Euro wäre schon mehr als jeder dritte betroffen. Die Simulation lasse zwar keine abschließenden Aussagen über die tatsächlichen Auswirkungen zu, kommentierte BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser die Zahlen. Aber: „Letztendlich gilt es, die Ausbildungsbereitschaft gerade der Kleinbetriebe nicht weiter zu gefährden.“

Denn sie sind es, die die Hauptlast der Ausbildung tragen. 85 Prozent der Ausbildungsbetriebe haben weniger als 50 Beschäftigte. Von den Kleinstbetrieben mit weniger als zehn Beschäftigten wären 17 Prozent durch eine Untergrenze von 500 Euro tangiert. Bei 650 Euro wäre es dagegen schon fast jeder zweite. Die Unternehmen im Osten wären überproportional betroffen.

Die 650 Euro hat das BIBB dabei nicht aus der Luft gegriffen. So fordert der DGB, die Untergrenze bei 80 Prozent der durchschnittlichen tariflichen Ausbildungsvergütung einzuziehen. Für 2017 hätte das 635 Euro im ersten Lehrjahr entsprochen. Danach stiege die Vergütung über 696 Euro im zweiten und 768 Euro im dritten, auf 796 Euro im vierten Jahr. „Im Kern geht es um die Frage: Sehen Betriebe ihre Azubis als billige Arbeitskräfte, oder investieren sie in ihre künftigen Fachkräfte?“, sagt Hannack.

Die BIBB-Zahlen zeigen, dass das Handwerk von einer Untergrenze besonders stark tangiert würde. Demnach zahlt heute jeder zweite Handwerksbetrieb weniger als 650 Euro, immerhin noch jeder fünfte unterschreitet die 500-Euro-Marke.

Etwas besser sieht es im Zuständigkeitsbereich der Industrie- und Handelskammern (IHK) aus. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Eric Schweitzer, hatte denn auch jüngst bei der Präsentation der Ausbildungsumfrage erklärt, dass die geplante Untergrenze seine Verbandsmitglieder wahrscheinlich kaum treffen werde. Ein Trugschluss: Denn 650 Euro Mindestvergütung bedeuten laut BIBB auch für 27 Prozent der IHK-Betriebe eine Mehrbelastung.

Beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sieht man die Pläne der Bundesregierung äußerst kritisch. „Ausbildungsvergütung und Lohn dürfen nicht in einen Topf geworfen und verwechselt werden“, sagte Generalsekretär Holger Schwannecke dem Handelsblatt. Eine Ausbildungsvergütung sei ein Zuschuss zum Lebensunterhalt während einer Zeit des Lernens und Erlernens, Azubis seien noch keine vollwertigen Arbeitskräfte.

„Auch ein Student bekommt während seiner universitären Ausbildung schließlich keine Studienvergütung“, sagte Schwannecke. Dafür habe er Vergünstigen wie zum Beispiel ein Semesterticket, von denen Lehrlinge nicht profitierten.

Die Wirtschaft fürchtet vor allem die höheren Kosten. Über alle Ausbildungsbereiche, Betriebsgrößen und Regionen hinweg wenden die Unternehmen heute 7114 Euro je Auszubildendem und Jahr auf. Nach der Simulation des BIBB würden diese Kosten durch die Vergütungsuntergrenze um zwei bis sieben Prozent steigen.

Sollten Betriebe durch staatlich festgesetzte Mindestausbildungsvergütungen überfordert werden, würde sich vermutlich der ein oder andere Betrieb aus der Ausbildung zurückziehen, warnt Schwannecke. Ein Alarmruf: Denn schon im vergangenen Jahr ist die Quote der Ausbildungsbetriebe an allen Unternehmen erstmals unter 20 Prozent gesunken.

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