Reichensteuer Welche „Geldsäcke“ wollen wir überhaupt schröpfen?

Eine Reichensteuer ist gut fürs Gemüt, aber nicht unbedingt für die Wirtschaft. Die oberen zehn Prozent bezahlen schon die Hälfte aller Steuern. Darunter der Mittelstand, der für Jobs sorgt.
  • Josef Joffe
22 Kommentare
Eine Hand voller Euro- und Cent-Muenzen: Wen wollen wir überhaupt noch schröpfen? Quelle: ap

Eine Hand voller Euro- und Cent-Muenzen: Wen wollen wir überhaupt noch schröpfen?

(Foto: ap)

HamburgDie Reichen werden reicher, und deshalb gehören sie geschröpft. Klar doch – umso mehr heute, da Regierungen Banken und Pleitestaaten retten, mithin Aktionäre und Investoren. Diese Lesart ist plausibel. Auch Marktliberale sprechen von „moral hazard“, vom „Anreiz zum Fehlverhalten“. Die Botschaft lief so: „Bereichert euch. Kauft Risikoanleihen, die viel mehr bringen als deutsche. Oder hochverzinste Derivate. Geht’s schief, springt Vater Staat ein. Denn es gilt: too big to fail.“

Das wissen die Absahner, also werden sie weiter zocken. So belohnt der Staat das Laster. Daraus folgt allerlei Kapitalismuskritik, diesmal nicht gegen die Dickbäuche mit der Zigarre, sondern gegen die „Märkte“. Wenn „die da“ so reich geworden sind, und zwar unter dem Schirm der Allgemeinheit, dann sollen sie auch abgeben.

Bloß: Wen wollen wir eigentlich schröpfen? Die Versicherung, die unsere Policen ausgestellt hat? Die Banken, deren Aktienfonds wir gekauft haben? Hmm, die vielleicht nicht, aber warum nicht die Reichen als solche, die sowieso zu wenig Steuern zahlen. Was ist „zu wenig“? Bezogen auf das Jahr 2007, hat eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung festgestellt: Das unterste Fünftel der Steuerpflichtigen zahlt praktisch keine Steuern – jene, die weniger als 8.200 Euro pro Jahr an Rente oder Lohn beziehen. Interessanter ist das „reichste Zehntel“: Das zahlt über die Hälfte (52 Prozent) des Steueraufkommens. Und die ganz Reichen – ein Prozent? Die waren (2002) für mehr als ein Fünftel des Steueraufkommens gut.

Wie reich sind denn die „Reichen“, die Top-Ten-Prozent? Nicht besonders. Ihr Jahreseinkommen betrug 2007 im Durchschnitt knapp 90.000 Euro. Zahlen sie auch genug? Auf den ersten Blick nein, denn der effektive Steuersatz lag nicht etwa beim höchsten (heute: 42 Prozent), sondern bei 24 Prozent, die dadurch zustande kommen, dass allerlei (legale) Abzüge die Steuerpflicht verringern. Hinterziehen die auch? Das Spiel ist heute schwerer geworden: Kapitalerträge werden inzwischen genau wie der Lohn „an der Quelle“ besteuert – neuerdings auch das Gebunkerte in der Schweiz.

Dennoch möge die Kluft zwischen Höchst- und Effektivsatz bedenken, wer die „Geldsäcke“ schröpfen will. Je mehr Einkommen einer hat, desto besser weiß er, wie man es dem Fiskus vorenthält. So entstand in Deutschland eine ganze Abschreibungs- und Subventionsindustrie, die Kapital nicht gerade in produktive Zweige lenkte. Grundsätzlich: je höher die Steuern, desto niedriger der effektive Ertrag. Das gilt vorweg für die gesenkte Unternehmenssteuer (25 Prozent). Wer sie anheben will, sollte wissen, dass Kapital scheu wie ein Reh und flüchtig wie eine Gazelle ist – jedenfalls in der globalisierten Welt. Das Kapital, das im Ausland arbeitet, schafft hier weder Jobs noch Steuererträge.

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22 Kommentare zu "Reichensteuer: Welche „Geldsäcke“ wollen wir überhaupt schröpfen?"

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  • Ein guter Bericht.
    Informativ und kritisch.
    Gefällt mir :o)

  • Schafft die Abgeltungssteuer ab, alle subventionierten Freibeträge, setzt das Kirchhof Modell (OK- ein paar Pünktchen mehr für die oberen Einkommensschichten)um, kontrolliert wirksam (mit strengen Strafen und nicht durch Amnestie) die Steuerflüchtlinge, beseitigt unsinnige, nicht mehr gebrauchte Behörden (Julius Haucap --> über 50 Behörden), zurrt den Amtseid mit Konsequenzen fest, stoppt Ämterhäufungen und Machtmissbrauch und stellt Steuergeldverschwendungen unter Strafe, dann sind wir einen gewaltigen Schritt weiter, was Gerechtigkeit angeht.

  • "Gewinn" ist ein buchhalterisch und gesetzlich genau definierter Begriff. "Ertrag" ebenso.

    Besorgen Sie sich eine simple BWA und lassen Sie sich erklären, was der Ertrag, der Gewinn, eine Privatentnahme ist, und wo was gebucht wird, und dann von allem: Welcher Betrag steuerlich relevant ist.

  • Die Kubaner waren da konsequenter

    Früher gab es da Reiche(Leistungsträger)
    und Arme, (Verbraucher)

    Aber die Reichen hat man ALLE rausgeekelt?

  • Ja da hilft nur eine Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze!!!
    Bei Sozialabgaben kann man nämlich nicht betrügen oder gar absetzen.
    Letzlich ist es eh egal ob durch Steuer oder durch die Sozialabgaben der "Topf" gefüllt wird!

  • @norbert
    Zitat:
    "M.E. sollte gar keine Umverteilung stattfinden"

    gepaart mit der Aussage:

    "Es werden Gewinne besteuert, egal, ob ich sie entnehme oder nicht."

    kann ich Sie leider nicht ernst nehmen.

    zu den Gewinnen: ein Unternehmer hat es wohl noch selbst in er Hand, ob er Gewinne macht oder die Erträge re-investiert und eben keinen Cent Steuern zahlt;

    zu der Umverteilung:
    ohne die Umverteilung per Kredit (immobiliengesichert und dann nachträglich von Papa Staat - oder gleich von Papa Staat) hätten wir durch die Ungleichverteilung seit Jahrzehnten eine ständig schrumpfende Wirtschaft, eine "sich selbst verstärkende Abwärtsspirale".

    Die Aussage "M.E. sollte gar keine Umverteilung stattfinden"
    gepaart mit der Kritik am fiat-money-system kann daher nur als lächerliche Tagträumerei eines Unwissenden gewertet werden.

  • @keeper
    "als Privatentnahme gegönnt"
    Es werden Gewinne besteuert, egal, ob ich sie entnehme oder nicht.

    "es geht weniger um "Gerechtigkeit" als vielmehr um "Funktionstüchtigkeit" der Gegebenheiten innerhalb des Systems;"
    Darf ich Sie provozieren ? Die Gegebenheiten funktionieren doch.
    Ich habe eher den Eindruck, daß sich viele ungerecht behandelt fühlen, daß es also eher um gefühlte Gerechtigkeit geht.

    "Fazit: die Umverteilung darf nicht weiterhin über Kredit - sondern muß über die Steuern stattfinden."
    M.E. sollte gar keine Umverteilung stattfinden, sondern jeder, der sich nicht selber ernähren kann, sollte unterstützt werden, daß er in die Lage versetzt wird, sich seinen Unterhalt selber zu erarbeiten. Für diese Unterstützung erwarte ich die Mitarbeit des Unterstützten.

    "Kapitalerträge sozialisieren + Erbschaftsmasse deckeln."
    Versuchen Sie besser, mit den vorhandenen Mitteln auszukommen, anstatt weiter nach fremdem Eigentum zu schielen.

    "... wenn wir eine "Leistungsgesellschaft" wollen, dann muß auch die "Eigenleistung" - und nicht primär das Eigentum entlohnt werden."
    Eigentum erwirbt man in der Regel als Folge der eigenen Leistung und nicht, indem man anderen etwas wegnimmt.

    Mit der Abschaffung des "fiat-money"-Systems wäre schon eine Menge gewonnen.

  • Zitat norbert:
    "Ich bin einer von denen, die mal im siebenstelligen Bereich verdient haben und dabei jährlich insgesamt weit mehr als fünfzig Prozent Steuern gezahlt haben."

    @ werter norbert,

    Dann waren Sie entweder Arbeitnehmer - und siebenstellig bekommen da nur wenige (vom "verdienen" will ich da jetzt nicht weiter sprechen);
    oder Sie haben sich den siebenstelligen Betrag als Privatentnahme gegönnt - was ich jetzt auch nicht weiter kommentieren brauche ....

    des weiteren:
    es geht weniger um "Gerechtigkeit" als vielmehr um "Funktionstüchtigkeit" der Gegebenheiten innerhalb des Systems;

    natürlich funktioniert auch ein wegen Ungerechtigkeit nicht akzeptiertes System - wie die derzeitige "Eigentumsgesellschaft" mangels Motivation und gemeinschaftlichem Zugehörigkeitsgefühl nicht wirklich rund,

    allerdings geht es hier um das aktuelle Kernproblem, welches in der Krise nun klar zum Vorschein kommt:
    der Wirtschaftskreislauf funktioniert aufgrund der Ungleichverteilung nicht mehr - bzw. eben schon seit längerem nur noch per Umverteilung mittels "Kredit".

    ... und dies funktioniert langfristig eben nicht -> da es zwangsläufig zu Überschuldung führt;

    Fazit:
    die Umverteilung darf nicht weiterhin über Kredit - sondern muß über die Steuern stattfinden.

    ... Jetzt muß man sich eben überlegen,
    an welchen Stellen man die Steuern ansetzt - um die Motivation der gierigen und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie nicht nicht übermäßig zu strapazieren.

    Kapitalerträge sozialisieren + Erbschaftsmasse deckeln.

    ... wenn wir eine "Leistungsgesellschaft" wollen,
    dann muß auch die "Eigenleistung" - und nicht primär das Eigentum entlohnt werden.

  • schatzmeister: Vielleicht brauchen wir einfach die Arbeitsplätze. Und die Gehälter der Beschäftigten für die Binnennachfrage. In Deutschland sind die Ausgaben des Staates seit Jahren gesunken. Deswegen haben wir so gute Straßen, hervorragende Infrastruktur in den Städten, gute Bildungseinrichtungen usw.
    Das Problem in Deutschland ist, daß die Steuereinnahmen noch stärker als die Ausgaben gesunken sind. Im Vergleich zur letzten CDU/FDP-Regierung Kohl/Genscher. Damals Spitzensteuersatz 53%, jetzt 43% bzw. 25% für Kapitaleinkünfte (Quellensteuer), Abschaffung der Vermögenssteuer, Senkung der Kapitalertragssteuer fast auf das Nieveau Irlands (15%, in Irland 12,5%, EU-Durchschnitt 25%), Senkungen der Erbschafts- und Schenkungssteuern usw.

  • Die Steuereinnahmen Deutschlands bestehen nur zu einem geringen Teil aus der Einkommensteuer - wenn man die Lohnsteuer herausnimmt. Im Jahr 2010 betragen die Steuereinnahmen aus indirekten Steuern (Mehrwertsteuer, Kfz-Stuerer, Tabaksteuer usw.) 51,8%. 1980 waren das nur 41,5%, 1990 43,3% und 2000 47,9%.
    Das die oberen 10% die Hälfte aller Steuern zahlen, ist und bleibt ein Märchen.

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