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Report Auf Wahlkampftour mit FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg

In Thüringen will die neue Generalsekretärin die FDP aus der Krise führen. Reicht ihre zurückhaltende Art aus, um das Parteiklientel für sich zu gewinnen?
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Die neue FDP-Generalsekretärin auf dem Parteitag in Berlin: Sie lächelt oft und hört konzentriert zu. Poltern liegt ihr nicht. Ihre Kritiker legen ihr das als Schwäche aus. Quelle: ddp images / Henning Schacht
Linda Teuteberg

Die neue FDP-Generalsekretärin auf dem Parteitag in Berlin: Sie lächelt oft und hört konzentriert zu. Poltern liegt ihr nicht. Ihre Kritiker legen ihr das als Schwäche aus.

(Foto: ddp images / Henning Schacht)

Erfurt Es riecht nicht ein bisschen nach Kuhmist in Frohndorf bei Sömmerda in Thüringen an diesem Tag. Es stinkt. Es stinkt, wie 1.000 Kühe eben stinken, die in offenen Laufställen untergebracht sind und natürlich alle Exkremente fallen lassen. Der Gestank ist atemraubend.

Linda Teuteberg lässt sich den Atem nicht rauben. Die Generalsekretärin der FDP entsteigt ihrem 5er-BMW wie in der Taft-Haarspray-Werbung: Die blonde Lockenfrisur steht, der Blazer, die Bluse, die Ballerinas sitzen, und Teuteberg hat auch noch genug gute Luft, um zu lächeln. Sie lächelt dieses freundlich-neutrale Lächeln mit dem leicht geöffneten Mund und den hochgezogenen Mundwinkeln, das schon in ihrer noch kurzen Amtszeit zu ihrem Markenzeichen geworden ist.

Den Gestank von Kuhmist wegzulächeln dürfte in dieser Zeit eine ihrer leichtesten Übungen gewesen sein. Teuteberg hat seit fünf Monaten ein Amt inne, das sehr herausfordernd ist. Die 38-Jährige ist Generalsekretärin der FDP, einer Partei, die es zwar im September 2017 nach nur einer Legislaturperiode in der außerparlamentarischen Opposition mit 10,7 Prozent der Stimmen prompt wieder geschafft hat, in den Deutschen Bundestag einzuziehen; einer Partei aber auch, deren Spitzenpersonal es seitdem in der politischen Großwetterlage sehr schwerfällt, sich zu positionieren.

Die FDP kann derzeit nicht von der Schwäche der beiden sogenannten Volksparteien CDU und SPD profitieren. Sie verharrt seit Monaten Umfragen zufolge deutschlandweit bei rund acht Prozent. Ja, sie droht sogar zwischen den beiden neuen großen kleinen Parteien, den Grünen und der AfD, zerrieben zu werden, die in Umfragen deutlich zweistellig liegen. Für diese Lage wird neben Parteichef Christian Lindner zunehmend auch Teuteberg mit verantwortlich gemacht. Sie sei zu unsichtbar, zu still, zu wenig krawallig, lächele nur.

In ihrer erst kurzen Amtszeit musste die gebürtige Brandenburgerin schon zwei Wahlniederlagen mit vertreten: Die Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen im September endeten für die FDP desaströs. Die Liberalen scheiterten an der Fünfprozenthürde und sind weiter nicht in den Landtagen vertreten. In Thüringen, wo am 27. Oktober gewählt wird, besteht zumindest noch die Hoffnung, dass Spitzenkandidat Thomas Kemmerich und seine liberalen Getreuen den Wiedereinzug schaffen. Für Teuteberg wäre das ein erster, notwendiger Erfolg.

Damit das gelingt, dafür ist Teuteberg als „Chefwahlkämpferin“ an diesem Tag in Erfurt und Umgebung unterwegs. Sie – und auch andere Spitzenliberale wie Lindner und sein Vize Wolfgang Kubicki – bringen sich ein, wie sie es in Brandenburg und Sachsen nicht getan haben. In Thüringen geht es auch um die eigene Ehre.

Es braucht in diesem Amt kein zweites Alphamännchen. Teuteberg muss dennoch viel schärfer, pointierter, inhaltlich stärker auftreten. Andrea Römmele, Professorin für politische Kommunikation an der Hertie School of Governance

Teuteberg ist an diesem Morgen aus Berlin nach Erfurt gekommen. Spät am Abend geht es weiter nach Jena. Ein Fahrer bringt sie von Termin zu Termin. Stets eine Autolänge voraus: Thomas Kemmerich. Er und Teuteberg sind ein ungleiches Paar, schätzen sich aber eigenen Aussagen zufolge sehr.

Er ist ein kräftiger Fast-Zwei-Meter-Mann mit Glatze, lauter Stimme, von Haus aus Unternehmer, gebürtiger Aachener, aber seit der Wende in Thüringen tätig, bekannt für klare Kante. So tönt er beim Ausstieg aus seinem Dienstwagen in Sömmerda: „Puuuh, extrem gute Landluft hier...“ Und auf seinen Wahlplakaten steht: „Endlich eine Glatze, die in Geschichte aufgepasst hat.“

Sie dagegen: eine zierliche Blondine, Juristin (Verwaltungsrecht), die lieber lächelt und zuhört als poltert und alles besser weiß. Erfahren im politischen Betrieb, im unternehmerischen eher im Auszubildendenstatus. Dass man sie nicht unterschätzen sollte, das hat sie schon früh bewiesen. Teuteberg gewann 2013 den Pro-Sieben-Wettkampf „Absolute Mehrheit“ von und mit Stefan Raab.

Das ungleiche Paar steht inzwischen am Kuhstall der Agra GmbH in Sömmerda und hört sich die Sorgen und Fragen von Geschäftsführer Sylvio Key an. Der mittelgroße und kräftige Mann mit dem Schnurrbart und der Steppweste über dem Hemd klagt über die neue Düngemittelverordnung, die Verteuflung des landwirtschaftlichen Großbetriebs („Ich soll 400 meiner 1.000 Kühe verkaufen ...?!“) und die durch Brüssel überbordende Bürokratie. Seine Litanei endet in der Aussage: „Ich finde nur Restriktionen. Ich fühle mich wie Don Quijote!“

Teuteberg lächelt, hört zu, nickt, lächelt, fragt nach („Quersubventionierung?“), nickt, kommentiert („Wollen wir ehrlich sein ...“), lächelt. Während des Gesprächs mit Key schreibt sie Stichpunkte in ihr kleines blaues Notizbuch, das sie stets bei sich trägt. Sie wirkt ehrlich interessiert und kennt sich auch aus.

Die Lage der ostdeutschen Bauern ist ihr aus ihrer Zeit als Landtagsabgeordnete in Brandenburg grundlegend vertraut. Und sie weiß: Die früheren DDR-Großbetriebe sind quasi der Mittelstand und die Industrie weiter Teile Ostdeutschlands. Und die Geschäftsführung und Mitarbeiter sind somit potenzielle FDP-Wähler. Ob Key dazu gehören wird, ist fraglich. „Sie ist eine gute Zuhörerin“, lobt er nach dem Gespräch, und sagt weiter: „Ich hätte mir aber mehr Dialog gewünscht und auch Aussagen, was sie für uns tun kann.“

Es ist Wahlkampf. Die Brandenburgerin soll mit diesen und anderen Einsätzen ihrer Partei im Allgemeinen und einer Person im Speziellen dienen: Christian Lindner. Der 39-Jährige hat die Partei aus der traurigsten Phase ihrer Geschichte herausgeführt: der außerparlamentarischen Opposition.

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