Helge Braun

Der Kanzleramtschef ist ein „Workaholic“.

(Foto: picture alliance / Bernd von Jut)

Report Kanzleramtschef Helge Braun – unterwegs mit Merkels Notarzt

Helge Braun soll als Chef des Kanzleramtes Angela Merkels wohl letzte Legislatur organisieren. Selbst für einen Mediziner wie ihn eine Grenzerfahrung.
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Berlin, GießenEndlich rauscht sie heran, die schwarze Limousine mit dem gewichtigen Mann, der das Kanzleramt so selten verlässt. Die Direktorin der Berliner Peter-Ustinov-Schule, eine schmale Frau mit modischem Kurzhaarschnitt, ist ganz verzückt. Auch weil sie im letzten Moment die Schülerin aufgetrieben hat, die Helge Braun schüchtern begrüßen wird.

Der Kanzleramtsminister schüttelt Hände, tauscht Freundlichkeiten aus. Neben dem Hessen im schwarzen Oversize-Anzug wirken Schülerin und Direktorin sehr zart. Doch trotz seiner imposanten Körperfülle ist Braun niemand, der jeden Raum dominiert. Allüren sind dem 45-Jährigen fremd. Statt sich in den Vordergrund zu drängen, hört Braun lieber zu. In der Politik wie in der Schule.

Als Braun dann doch redet, hält er aber sogar die notorischen Faxenmacher in der letzten Reihe bei Laune, fast 50 Minuten lang. Und das, obwohl die Themen, die sich drei Schüler-Moderatoren für ihr Interview mit dem Politiker ausgesucht haben, schwere Kost sind: Dieselverbot, Brexit, die Zukunft Europas. Als Jugendlicher, erzählt Braun, war er zum Schüleraustausch in Frankreich.

Damals musste er noch Mark in Franc tauschen. „Weil ich sparsam war, habe ich das Geld nicht ausgegeben“. Zu Hause angekommen, tauschte er es wieder zurück. Von zwei Mal Tauschen sei ein Viertel seines Geldes verschwunden. Durch den Wechselkurs. „Darüber muss man sich in Europa heute keine Gedanken mehr machen“, sagt er. Junge Menschen mit Zahnspangen und entzündeten Talgdrüsen nicken.

Selbst als später noch drei Mädchen mit ihrer Ukulele ein paar Ständchen vortragen, zeigt sich auf dem Gesicht dieses vielbeschäftigten Mannes kein Zeichen von Unruhe. Wie Buddha sitzt Braun auf einem Holzstuhl. Seine Hände ruhen auf den Kniescheiben, er lächelt selig, wie in Meditation. Die Kinder singen „What a wonderful world“, und es wirkt, als würde Braun gleich mit ihren Engelsstimmchen davonschweben.

So entspannte Momente erlebt Helge Braun in Zeiten von Trump, Rechtspopulismus und digitaler Revolution nur selten. Angela Merkels vierter und wahrscheinlich letzter Kanzleramtsminister muss die Arbeit einer Bundesregierung organisieren, in der sich allerlei denkbare Nachfolger aus dem Schatten der Kanzlerin herauskämpfen wollen. Braun muss eine Mannschaft zusammenhalten, in der selbst die eigene Union zeitweise Auflösungserscheinungen zeigte. Er muss die einzelnen Minister auf Projekte einschwören, die über die eigene Karriereplanung hinausgehen.

Als ob das nicht genug wäre, kümmert sich Braun als Chefkoordinator gemeinsam mit Dorothee Bär (CSU) auch noch um das Großprojekt Digitalisierung. Wobei klar ist, wer das Tandem lenkt: Braun. Damit hat er sich die zweite Vollzeitstelle aufgehalst. Braun mag gemütlich wirken, doch arbeiten kann er wie ein Ochse.

Fragt sich nur, ob Fleiß da reicht. In Unternehmen und Verbänden herrscht der Eindruck, dass die Bundesregierung wirtschaftspolitisch aktuell nicht viel zustande bringt. Das liegt auch an ihrer Organisation, für die Braun mit zuständig ist. Der Hesse konnte nicht verhindern, dass die Zuständigkeit für das Megaprojekt Digitalisierung in der Bundesregierung hoffnungslos zerfaserte. Mehrere Kommissionen, ein Digitalkabinett, ein Digitalrat mischen mit. Das könnte Braun noch auf die Füße fallen: Daran, wie gut er Deutschland in die Digitalisierung führt, wird man ihn später messen.

Geht es nach dem Hessen, sollen ab 2022 alle geeigneten Verwaltungsvorgänge über ein Bürgerportal abgewickelt werden. Bisher ist nur ein verschwindend kleiner Teil der rund 500 Verwaltungsdienstleistungen digitalisiert. Doch schon hier hakt es gewaltig: Johannes Ludewig, Chef des Normenkontrollrats, sieht die Bundesregierung bereits in Verzug, die Wirtschaft ist vom lahmen Reformtempo genervt.

Desinteresse am Thema, wie es viele beim zuständigen Minister Seehofer erkennen, kann man Braun zwar nicht vorwerfen. Aber der Kanzleramtsminister muss sich auch um viele andere Themen kümmern. Er hat aus Sicht mancher Wirtschaftsvertreter einfach zu viele Bälle in der Luft.

Der CDU-Politiker ist an allen Zukunftsthemen dieser Bundesregierung beteiligt. Gleichzeitig bleibt Helge Braun selbst für die vergleichsweise wenigen Menschen, die wissen, wer er ist, ungreifbar wie ein Phantom. Ein „Helge Wer?“, der sogar für einen Kanzlerinnen-Zuarbeiter wenig bekannt ist. Sein direkter Vorgänger Peter Altmaier war vorher Umweltminister, Thomas de Maizière war schon wegen seines Familiennamens bekannt. Roland Pofalla wusste zumindest, mit denkwürdigen Sätzen im Gedächtnis zu bleiben.

Braun dagegen arbeitet still und versucht die Bruchlinien dieser fragilen Koalition nicht allzu weit aufreißen zu lassen. Zum Beispiel, als CSU-Chef Horst Seehofer die Regierung im Juni wegen eines Streits über die Zurückweisungen von Flüchtlingen an der deutschen Grenze in eine schwere Krise stürzte.

Liebe fürs Detail

In zahlreichen Telefonaten, Nacht- und Sonntagssitzungen fahndete Braun nach Kompromissen zwischen dem krawalligen Bajuwaren Seehofer und der kühlen Regierungschefin. „Eine Ausnahmesituation“ wird der Hesse rückblickend sagen. Ausgleichen, deeskalieren, den gemeinsamen Nenner finden, auch wenn die Stimmung aufgeheizt ist – das sind die Eigenschaften, die Braun für Merkel so wertvoll machen, sagen Vertraute.

Auch bei den Sozialdemokraten äußert man sich fast überschwänglich. Schon während der Koalitionsverhandlungen sei sich Braun nicht zu schade gewesen für Detailarbeit. Er habe sogar persönlich in die Tasten gegriffen und ganze Passagen des Koalitionsvertrages formuliert. „Wir haben schon da alle gedacht: Wenn die Kanzlerin nicht blöd ist, macht sie Helge Braun zu ihrem Kanzleramtschef“, sagt einer, der dabei war.

Ohne Braun, so der Eindruck, herrsche im Kanzleramt „ziemlich viel Chaos“. Anders als Altmaier sei Braun sehr strukturiert. „Es ist eine Wohltat, ihn im Kanzleramt zu haben“, sagt einer aus der SPD, der viel mit ihm zu tun hat. Natürlich sei klar, dass er als CDU-Mann seine Kanzlerin beschützt. Aber Braun verstehe sich auch als ehrlicher Makler zwischen den Regierungsparteien. „Er ist ein echt umgänglicher Kerl.“

Ein Millionenpublikum bemerkte Braun zum ersten Mal, als er Ende Februar in der Tagesschau als designierter Kanzleramtschef „Schönen guten Abend, Frau Atalay“ sagte und in die Kamera strahlte, als werde die Moderatorin ihm gleich eine Schultüte in die Hand drücken. Tat sie nicht, stattdessen hagelte es kniffelige Fragen. Etwa, wie Braun damit zurechtkomme, trotz 16-Stunden-Arbeitstagen auf öffentliche Anerkennung zu verzichten und im Hintergrund zu walten. Schließlich war Braun zuvor Staatsminister im Bundeskanzleramt und dort Koordinator für Flüchtlingsfragen. Braun antwortete, es sei nun einmal seine Aufgabe, dass die Regierungsgeschäfte liefen. Das zarte Lächeln wollte nicht von seinen geröteten Wangen weichen.

Helge Braun bei seiner Ernennung zum Bundesminister für besondere Aufgaben. Quelle: picture alliance / SvenSimon
Ernennung des Bundeskabinetts 2018

Helge Braun bei seiner Ernennung zum Bundesminister für besondere Aufgaben.

(Foto: picture alliance / SvenSimon)

Inzwischen ist Braun seit einem halben Jahr Kanzleramtschef. Schon morgens um 7.45 Uhr sitzt er mit Merkel zusammen und spricht mit ihr den Tag durch. Er hilft ihr, die Ziele aus dem Koalitionsvertrag umzusetzen, das Kabinett zu steuern, den Kommunikationsfluss zu den Ländern zu erhalten, Konflikte im Griff zu behalten.

Brauns Aufstieg ins Zentrum der Macht verlief fast ausschließlich über Posten in der Bundesregierung: 2009 wurde er parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium (BMBF), vier Jahre später zweiter Mann hinter Altmaier im Kanzleramt, wo er sich als Staatsminister um Bürokratieabbau und die Bund-Länder-Koordination kümmerte. Immer nah an der Macht, aber unsichtbar.

Wer also ist dieser Mann aus Gießen, der die Politik der Bundesregierung prägt wie kaum ein anderer? Was treibt den ausgebildeten Narkosearzt an, der sich trotz eines Abiturschnitts von 1,0 als „Aufwandsoptimierer“ bezeichnet? Wie schafft es einer, der mit der Digitalisierung das Großprojekt unserer Zeit auf seinen Schultern trägt, nicht irgendwann körperlich und geistig zusammenzuklappen? Und wenn er sich als oberster Regierungsmanager bewährt hat – woran wird sich Braun als Nächstes messen?

 Ein „Haus der 1000 Themen“ nennt seine ehemalige Chefin das BMBF. Annette Schavan traut dem Hessen alles zu und kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Selten habe sie einen besser organisierten Mitarbeiter erlebt, sagt sie. Sie beschreibt ihren ehemaligen parlamentarischen Staatssekretär als einen, der sich fast mit „kindlicher Forscherfreude“ in komplizierte Sachthemen gestürzt habe, einen, der schnell „das Wesentliche erfasst, beschreibt und sich nicht in Details verliert“.

Schon damals habe er das „digitale Büro gelebt. Auf seinem Schreibtisch“, erinnert sich die ehemalige Forschungsministerin, „standen zwei Bildschirme, dazu die Tastatur, kein Papier, nie Zettelchen“. Während andere Politiker gerade begannen, sich vom Faxgerät zu lösen, erschien Braun mit dem iPad unter dem Arm zu Sitzungen, „immer bestens vorbereitet“. Besonders imponiert habe Schavan, dass Braun es sich nie gemütlich gemacht, sondern immer hinterfragt habe, wo er mit einem Projekt stehe und ob man auf andere Weise bessere Ergebnisse erzielen könne. „Helge ist ein durch und durch innovativer Mensch.“

Vielleicht auch deshalb, weil der Gießener nach einem harten Arbeitstag gern noch zu populärwissenschaftlicher Lektüre greift. Die Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ liest er gern, er mag Texte über Astronomie oder Kernphysik. Immer auf der Suche, Neues zu erfahren, woraus er Honig für sich und seine Arbeit ziehen kann. „Denn Helge“, sagt ein langjähriger Freund, „liebt Analogien, Parallelen“.

Gerade begeistert sich Braun für das Buch „Die Honigfabrik: Die Wunderwelt der Bienen“. Darin steht, wie ein erfolgreicher Bienenstock organisiert ist. Ähnlich wie im Kanzleramt dreht sich darin alles um die Matriarchin. Bei den Bienen steuert die Königin ihre Untertanen mittels Duftinformationen. Doch Bienen sind pragmatisch, mitleidslos könnte man auch sagen. Ist der Königinnenduft zu schwach, wird sie abgesetzt. Damit das nicht passiert, müssen die Ammenbienen die Königin gut umsorgen. Sie putzen die Regentin und füttern sie mit besonders eiweißreicher Nahrung, führen sie zur Eiablage und kümmern sich um den Nachwuchs. Lauter kleine Brauns.

Ihrer Vertrauten Angela Merkel hatte Schavan diese fleißige, aber uneitle Arbeitsbiene – eine seltene Kombination in der Politik – jedenfalls wärmstens empfohlen. Merkel fragte den Hessen, als der 2013 zum dritten Mal in den Bundestag einzog, ob er im Kanzleramt als Staatsminister die Bund-Länder-Koordination übernehmen wolle. Ein Job, der als Schwerstarbeit gilt. Mit den Ländern zu verhandeln bringt kaum Ruhm, kostet dafür Kraft und Nerven. Doch Braun freute sich und sagte „Ja“.

Bei Brauns war es „total entspannt“

Aus Merkels Umfeld ist zu hören, sie sei sehr zufrieden mit dem Hessen. Sie fühle sich wohl und sicher mit ihrem Chef BK, der mit seiner ausgleichenden Art Ruhe in den stressigen Politikbetrieb bringe. Wer Braun kennt, weiß, was gemeint ist. Auch in hektischen Momenten nimmt sich Braun die Zeit, seine Sätze auszuformulieren. Woher hat Braun diese Ruhe, diese Stressresistenz?

Anselm Kreuzer arbeitet als Komponist und Musikproduzent in Köln. Ein bisschen sehen die Freunde sich ähnlich mit dem fahlen Haupthaar – nur dass Kreuzer etwa halb so viel auf die Waage bringen dürfte wie Braun. Kreuzer kennt Braun seit der fünften Klasse, ab der siebten sind sie befreundet.

Beide besuchten die Liebigschule Gießen. Schon als Jugendlicher habe sich Braun für Technik und Sachthemen begeistert, sagt Kreuzer. Ihre Freundschaft begann mit der Frage, was man mit einem Taschenrechner alles anstellen könne. Später zockten sie gemeinsam am Amiga Baller- oder Strategiespiele, programmierten oder tüftelten an Grafik- und Musikprogrammen. Oft zu Hause bei den Brauns, der Vater Gynäkologe, die Mutter Lehrerin. „Total entspannt“ sei es dort zugegangen, erinnert sich Kreuzer.

Braun war ihm gleich aufgefallen, weil er schon in der fünften Klasse einen Kopf größer als alle anderen war, so Kreuzer. Und Braun, das Hemd immer ordentlich in der Bundfaltenhose, das Haar trug er gescheitelt, wie ein anderer Mitschüler berichtet, unterschied sich von Gleichaltrigen auch in anderen Dingen. „Er war schon immer etwas reifer, sowohl körperlich als auch geistig“, meint Kreuzer. Braun wurde respektiert, aber da war auch Distanz, heißt es von anderer Seite. Gerade auch, weil Braun, schon als Schüler in der Jungen Union, mehr mit Helmut Kohl als mit Punk anfangen konnte. Ziemlich uncool.

„Helge weiß, bis wohin er geht und wo Schluss ist“, meint Kreuzer. Er ging zwar gern und häufig auf Partys, aber zündeten sich andere einen Joint an, verabschiedete sich Braun. Sicher, auch Braun kennt Wein und Bier, aber besoffen hat ihn Kreuzer bis heute „nicht ansatzweise“ erlebt. Obwohl er Braun als einen der Gäste kennt und schätzt, die bis in die Morgenstunden sitzen bleiben „und mit denen man herzlich lachen und Spaß haben kann“. Den nötigen Schlaf für einen harten Arbeitstag holt Braun sich schon mal auf der Rückfahrt in der Limousine.

Und noch etwas fiel Kreuzer an seinem Freund auf: „Er sprach schon früher nie hastig, ließ sich die Ruhe nicht nehmen.“ Diese Gelassenheit sei angeboren, meint Kreuzer. Andere konnte das auch mal fuchsig machen. In der Schule beschossen sie Braun einmal mit Radiergummis, um ihn zu reizen, erinnert sich ein anderer Mitschüler. Irgendwann musste er doch explodieren. Das tat er auch. Nach einem kurzen Ausbruch analysierte Braun die Situation aber und beschloss, dass es nicht lohne, weitere Energie auf die Provokationen zu verwenden.

Der Kanzleramtschef rückt auch Merkels Stühle zurecht. Quelle: Getty Images; Per-Anders Pettersson
Angela Merkel

Der Kanzleramtschef rückt auch Merkels Stühle zurecht.

(Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson)

Kreuzer beschreibt Braun als jemanden, der sich um seine Freunde kümmert, der zuhören kann und neue Perspektiven aufzeigt. Doch Braun kann auch anders als drollig. Vor allem, wenn es um Geld oder die eigene Karriere zu gehen scheint. Um Kronzeugen für seine eher ungemütlichen Seiten zu finden, muss man seinen Wahlkreis in Gießen besuchen. Dort finden jedenfalls nicht alle, dass Braun die Zeit im Kanzleramt demütiger gemacht habe.

Ein Mitstreiter der CDU Gießen, die Braun als Kreisvorsitzender führt, spricht gar von „gutsherrenartigem Auftreten“. Braun schare einen kleinen Kreis Vertrauter um sich und beteilige den übrigen Kreisverband nicht mehr. Statt Diskussionen fielen Beschlüsse. Dieses Gebaren sei relativ neu. „Da ist ihm Berlin zu Kopf gestiegen, das sehen auch viele andere so.“ Und der besonnene Herr Braun könne auch mal laut werden.

In finanziellen Fragen sei Helge Braun gegenüber den Vereinigungen in der Partei nicht nur sehr „zugeknöpft“. Es sei mitunter zu „heftigen Auseinandersetzungen“ gekommen. Er gebe kein Geld mehr her, soll Braun schon mal gebrüllt haben. Braun, den der Parteifreund als „knallharten Verhandler“ beschreibt, „weiß genau, wie Machtpolitik funktioniert und wer von seiner Unterstützung abhängt“. Wer nicht spurt, der höre schon mal: „Du brauchst mich noch.“

Und umgekehrt weiß auch Braun, von wem er abhängt, um politisch weiterzukommen. Ulrich Lenz, der einige Jahre Fraktionsvorsitzender im Gießener Kreistag war, steuert seinen grauen Mercedes-Kombi durch die Gießener Innenstadt. Am Beifahrerfenster fliegen das nach dem Agrochemie-Pionier Justus von Liebig benannte Museum und die Universität vorbei, an der Braun Medizin studiert hat. Hier und da duckt sich ein wenig Fachwerk zwischen Neubauten und Kaufhäuser.

Durch dieselben Straßen jagte Braun auch schon im Krankenwagen als Notfallmediziner. „Schwerverletzte verarzten, das liegt nicht jedem. Braun kann so was“, sagt Lenz. Seine 74 Lebensjahre sieht man dem launigen Ehrenbürgermeister des Nachbarstädtchens Linden kaum an. Er kennt Braun, seit der als ehrgeiziger Kreisvorsitzender der JU Gießen „uns alten Beuteln“ neue „Präsentations- und Darstellungsformen“ für Politiker vorstellte. Über 20 Jahre sind seitdem vergangen.

Sicher: Braun behält nicht nur die Ruhe. Er ist auch fleißig, hochintelligent, in vielem seiner Zeit voraus, zuverlässig und in der Lage, politische Projekte nicht nur zu denken, sondern auch umzusetzen. Doch sein Aufstieg aus den Niederungen der Gießener Kommunalpolitik bis ins Zentrum der Macht ist mit keinem anderen Politiker stärker verbunden als mit Hessens Ministerpräsidenten Volker Bouffier, ebenfalls ein Eigengewächs der Stadt. „Ohne Volker“, sagt Lenz, „wird man in der Gießener CDU nichts.“

Als sich Gießens Bundestagsabgeordneter Adolf Roth in den Ruhestand verabschiedete, fragte Bouffier den 29-jährigen Braun, ob der nicht dessen Nachfolger werden wolle. Bouffier war bereits hessischer Innenminister, so war der Weg in den Bundestag frei für Braun. 2002 zog er zum ersten Mal ins Parlament ein.

„Torsten war stinksauer“

Rüdiger Veit war lange Brauns Wahlkreis-Konkurrent. Der SPD-Politiker ist kein Christdemokraten-Fresser, er bezeichnet sich sogar als Freund von Bouffier. Treffen mit Braun beschreibt Veit dagegen als „weder negativ noch besonders positiv“. Es wundert Veit selbst, aber nähergekommen sei er Braun anders als dessen CDU-Vorgängern nicht, es habe nicht „gemenschelt“. Geachtet, aber distanziert: Es scheint, als wiederhole sich der Eindruck, den Braun in der Schule bisweilen hinterließ, auch bei seinem politischen Widersacher.

Braun unterlag Veit einmal bei der Bundestagswahl 2005 und verlor seinen Sitz im Parlament – der einzig sichtbare Knick in der Vita des Erfolgsmenschen. Die „Gießener Allgemeine“ schrieb vom „Hoffnungsträger a. D.“ Plötzlich musste der wieder Schichtdienst auf der Intensivstation schieben, ohne zu wissen, wie und ob es in der Bundespolitik je für ihn weitergehen würde.

Doch bei der folgenden Wahl konnte sich Braun wieder gegen Veit durchsetzen. Braun sei immer fair gewesen, sagt der SPD-Mann. Bis auf einmal. An diese Geschichte erinnern sich Veit und andere Lokalpolitiker allerdings bis heute, obwohl sie über zehn Jahre zurückliegt. Besonders Torsten Schäfer-Gümbel (SPD) dürfte sie in leidvoller Erinnerung behalten haben. Auch Volker Bouffier, mit dem sich Schäfer-Gümbel aktuell bei der hessischen Landtagswahl duelliert, spielt dabei eine wichtige Rolle.

 Nach der Kreistagswahl im Landkreis Gießen 2006 soll eine Große Koalition im Prinzip beschlossene Sache gewesen sei. Die Kreisvorsitzenden ihrer Parteien, Schäfer-Gümbel (SPD) und Braun (CDU), sollen schon so weit in den Verhandlungen gewesen sein, dass sie im Prinzip nur noch Posten zu verteilen brauchten. Bei der SPD, so wird es kolportiert, lag die fertige Pressemitteilung schon in der Schublade. Doch Braun, der Schäfer-Gümbel in dem Glauben gelassen habe, mit der SPD ein Bündnis schmieden zu wollen, bereitete parallel dazu eine Koalition mit den Freien Wählern und der FDP vor – die sich am Ende so auch bildete. „Torsten war stinksauer“, sagt Veit.

„Die Sache mit Schäfer-Gümbel war mies“, sagt auch Lenz rückblickend, der seinen Wagen jetzt zu Helge Brauns Privathaus lenkt, einem weißen Betonwürfel am Stadtrand. „Aber dahinter steckte vor allem Bouffier.“ Lenz war damals Verhandlungsführer und erinnert sich gut an den Anruf aus Wiesbaden, mit dem Bouffier die Große Koalition in Gießen beerdigt hatte.

Der wollte keine Koalition mit der SPD, und der „liebe Landesvater“ sei nun einmal sehr bestimmend. „Braun hat ordentlich Prügel von der SPD bekommen, doch was sollte er tun? Er hatte damals noch Sand unter den Füßen und war für sein Fortkommen als Politiker von Bouffier abhängig“, meint Lenz. Die Situation sei jedenfalls „furchtbar peinlich“ gewesen. „Die ersten Sitzungen danach waren schrecklich.“

Braun sagt dazu, es habe nun einmal beide Koalitionsoptionen gegeben, der CDU-Kreisvorstand und der Kreisparteitag hatten sich einstimmig für die bürgerliche Koalition entschieden. Der Entscheidung sei Braun gefolgt.

Aus der Anekdote lassen sich einige Schlüsse ziehen. Sie erklärt nicht nur, warum Bouffier und Schäfer-Gümbel keine Freunde mehr werden. Sie legt auch nahe, dass der sonst so makellose Dr. Braun bereit ist, die guten Sitten auch mal beiseitezuschieben, wenn sie das eigene Fortkommen behindern. Ja, Braun tut das Nötige, um Gestaltungsspielraum auf höchster Ebene zu bekommen. Um sein Potenzial voll abzurufen und seine Grenzen testen zu können. Um immer Neues zu lernen, Schwieriges zu meistern. Dafür ist er bereit, einiges zu opfern, auch weite Teiles seines Privatlebens, wie Vertraute sorgenvoll berichten.

Die Steine springen und knirschen unter den Reifen, als CDU-Mann Lenz abbremst. Brauns Wohnhaus, erzählt er, ist vollautomatisiert, der Chef BK regelt Temperatur und Jalousien per Handyapp von Berlin aus. „Braun ist ein Workaholic“, aber anders, als das auf seiner Webseite steht, beziehe sich das nicht auf den Garten, lacht Lenz.

Die Beziehung zu Brauns Frau Katja, die in der hessischen Landesvertretung in Berlin arbeitet, sei ausgezeichnet. „Kein Wunder, sie sehen sich ja kaum“, scherzt er und streichelt sein Lenkrad. Lenz schätzt, dass Braun seit 20 Jahren zwischen zehn und 15 Stunden am Tag arbeitet. „Ich habe keine Ahnung, wie lang man so ein Pensum durchhält.“ Dazu diese Abschottung in dem Betonbunker mit seinen unterirdischen Gängen, in dem es so furchtbar steif zugehe. Lenz meint das Kanzleramt. Kontakt zu den „normalen Leuten“ könne sich Braun schon aus Zeitgründen kaum erlauben. „Das ist schon eine Art professioneller Vereinsamung“, so sieht es der politische Wegbegleiter.

Als Chef des Bundeskanzleramts setzt sich Helge Braun bereits gegen 7:45 Uhr mit der Kanzlerin zusammen. Quelle: dpa
Helge Braun

Als Chef des Bundeskanzleramts setzt sich Helge Braun bereits gegen 7:45 Uhr mit der Kanzlerin zusammen.

(Foto: dpa)

Auch Freunde kennen die Sorgen um Braun. Für den Job auf eine Familie zu verzichten, das sei schon eine harte Entscheidung. Für das „extreme Leben“, das der Politiker führe, die starke Arbeitsbelastung, habe er ein Ventil: das Essen. In seinen frühen 20ern habe Braun, der früher beim MTV Gießen Basketball spielte, den Kampf gegen die Pfunde aufgegeben. Sitzt man zusammen, bestellt sich Braun im Laufe des Abends schon mal das nächste Gericht. Eine Woche im Jahr nimmt er Urlaub. Er tritt ihn an, wenn die Kanzlerin ihren beendet hat.

Wofür das alles? Arbeiten rund um die Uhr, die Gesundheit höchsten Strapazen aussetzen. Ständig mittendrin im politischen Zirkus, mit seinen Seilschaften, Sitzungen, Taktierereien und nie endenden Debatten. Will da einer irgendwann auch mal ein Orchester dirigieren, statt es nur zu managen?

Seine alte Chefin Schavan sagt über Braun, „Helge war immer ein Hoffnungsträger in Hessen. Er weiß, wie ein Ministerium funktioniert, und nun kennt er auch das Kanzleramt. Inzwischen gehört er definitiv zur Führungsreserve in der CDU.“ Warum sollte einer wie er nicht darüber nachdenken, Kanzler zu werden?

Das fragen sich zumindest manche Wegbegleiter hinter vorgehaltener Hand. In der Tat werden bald die Spekulationen Fahrt aufnehmen. Im Herbst ihrer Kanzlerschaft muss Angela Merkel ihre Nachfolge vorbereiten. Braun zählt genau wie Annegret Kramp-Karrenbauer und Peter Altmaier zu Merkels engen Vertrauten. Zudem ähneln sich Braun und Merkel. Eitelkeit ist ihnen fremd, beide analysieren lieber, statt sich zu erregen. Sie behalten die Ruhe, sind pragmatisch. Sollte Braun allerdings ein noch höheres Amt, die Kanzlerschaft gar, ernsthaft anstreben, müsste er an seiner Bekanntheit arbeiten.

Aus informierten Kreisen heißt es, Helge Braun spiele im inneren Machtgefüge der CDU eine wesentliche Rolle. Er sitzt nicht nur täglich mit Angela Merkel zusammen. Er pflege auch beste Beziehungen zu Kramp-Karrenbauer, Unionsfraktionschef Volker Kauder, Peter Altmaier oder Verteidigungsministern Ursula von der Leyen. Man schätze Braun, weil er in der Lage sei, zu verbinden, statt zu spalten. Er könne konzeptionell arbeiten, aber auch Rechtspopulisten durch seine intellektuelle Gravitas inhaltlich Paroli bieten. Die Fähigkeit, Inhalte zu entwickeln, sei insbesondere für den anstehenden Generationswechsel in der Ära nach Merkel von immenser Bedeutung.

Zudem weiß Braun mit Hessen einen mächtigen Landesverband hinter sich. Auch dort steht ein Generationswechsel an. Volker Bouffier ist 66 Jahre alt. Wenn er sich in einigen Jahren aus der Politik zurückzieht, könnte Braun das bekannteste Gesicht in der Hessen-CDU sein.

Wer im Machtgefüge der Bundes-CDU etwas werden will, braucht den Rückhalt seines Landesverbandes. Braun hat ihn. Seine Beliebtheit speist sich andererseits aber daraus, dass man Braun nicht als potenziellen Konkurrenten um die Kanzlerschaft im Blick hat. Würde Braun aus dem Schatten der Macht ins Sonnenlicht streben, müsste er wohl gegen bisherige Verbündete kämpfen. In der Union ist es Usus, die Kanzlerkandidatur einem Ministerpräsidenten oder dem Vorsitzenden der Bundestagsfraktion anzutragen. Ist Braun einer für die erste Reihe? Will er das überhaupt?

Merkel erspüre Dissens, sagt Braun

Brauns karg eingerichtetes Büro im siebten Stock des Bundeskanzleramtes ist nur wenige Schritte von dem der Kanzlerin entfernt. An seiner Bücherwand hängt ein Gerhard Richter. Das Bild, die deutsche und die europäische Fahne vor seinem Schreibtisch und eine Vase mit gelben Rosen auf einem Glastisch sind die einzigen Farbtupfer. Brauns rechter Arm hängt über der Lehne, nur sein Zeigefinger rührt hin und wieder kleine Kreise in die Luft.

Die Frage nach der Kanzlerschaft bringt Braun an diesem heißen Augusttag zum Glucksen. Es ist aber eine kontrollierte Heiterkeit, die da in seinem Lachen mitschwingt, ein Lachen wie eine Mauer. „Daran habe ich wirklich noch keinen einzigen Gedanken verschwendet“, antwortet Braun, der mit seinem schwarzen Ledersessel verschmolzen scheint. Mehr wird er zu der Kanzlerfrage nicht sagen.

 Seinen Aufstieg erklärt sich Braun ganz simpel. „Ich versuche das, was ich tue, gut zu machen.“ Strategien habe er sich keine zurechtgelegt. Bislang wurde er immer gefragt, ob er die nächste Position übernehmen wollte: „Ich habe nie an Gitterstäben gerüttelt.“ Sein Arbeitsstil: Alles entemotionalisieren, Unveränderliches hinnehmen, keine Ursachenforschung betreiben, nicht in Selbstzweifel verfallen, Gemeinsamkeiten suchen und bei allem eine Null-Fehler-Strategie anwenden. Das habe er als Narkosearzt gelernt, die Leute sollten ja schließlich wieder aufwachen.

Wenn Braun von Angela Merkel spricht, huscht ehrliche Bewunderung über sein Gesicht. Die Belastung im vergangenen halben Jahr sei schon „heftig“ gewesen, räumt er ein. Braun freut sich, dass sich seine Arbeitstage mit zehn Stunden wieder in Richtung Normalität bewegen. Er finde es erstaunlich, wie Merkel so eine Phase wegstecke. „Und ich bin 20 Jahre jünger, da darf ich nicht anfangen zu schwächeln“, sagt er kichernd.

Besonders fasziniert ihn an seiner Chefin aber „ihr unfassbarer Instinkt“. Sie könne Unstimmigkeiten „förmlich riechen“. Einen Dissens, der anderen verborgen bleibt, aus einer Vorlage herauslesen. Die Nöte und Interessen anderer antizipieren, eine für erfolgreiche Verhandlungen unersetzliche Fähigkeit. Und eben auch mal so lange am Tisch sitzen bleiben, bis alle anderen einknicken, weil sie nur noch schlafen wollen. „Wie macht sie das nur, wie wird man so gut, die Wünsche und Motivationen anderer zu erkennen?“, fragt sich Braun oft.

Vielleicht findet die Forscherseele Braun auch darauf in seinem Bienenbuch Antworten. Die Bienenmajestät, lernt man darin, erspürt mit ihren sensiblen Tastorganen feinste Schwingungen auf der Wabe‧ und macht sich mittels Vibration bei ihrem Volk bemerkbar. Das erinnert an Merkels Feingefühl.

An den Bienen könnte sich der Chef BK auch abschauen, wie man Informationen effektiv verbreitet. Die Insekten führen dazu einen komplizierten „Schwänzeltanz“ auf, mit dem sie möglichst viele „Nachtänzerinnen“ im Stock inspirieren. Auch Braun muss schließlich einen Weg finden, damit die Ministerien sich stärker für die Digitalisierung öffnen. Ein zähes Unterfangen. Und über wenig kann sich der sonst so gelassene Braun mehr ärgern, als wenn er Digitalisierungsprozesse „liebevoll aufsetzt“ und dann „aus mangelndem Engagement“ wenig passiert.

Dass seine Kabinettskollegen selbst Engagement für Langfristprojekte wie die Digitalisierung entwickeln, darauf kann sich Braun aber kaum verlassen. Der Mann, der mit harter Arbeit, aber ohne harte Kämpfe bis ins Zentrum der Macht kam, muss beginnen, die Agenda stärker selbst zu setzen. Es mag sein, dass in einem Kabinett mit Jens Spahn (CDU), Olaf Scholz (SPD) oder Horst Seehofer (CSU) die Ego-Taktik manches inhaltliche Projekt in den Hintergrund drängt.

Aber es wäre an Braun, genau das zu verhindern. Bislang versucht er, das Gewusel bei Digitalthemen als Vorteil zu verkaufen: „Ich möchte, dass jeder Minister digitale Kompetenz hat“, sagt er. Aber anders als Bienen arbeiten Minister nun mal nicht instinktiv zusammen.

Immerhin: Dauert es zu lange, ist auch Braun aus der Ruhe zu bringen, dann drängelt auch der buddhahafte Kanzleramtsminister. Zumindest ist es in der Berliner Peter-Ustinov-Schule so. Dort haben die jungen Moderatoren ihre Zeit bereits weit überzogen. Braun und sein Sprecher tauschen Blicke aus, als die Schüler noch ein Gruppenfoto machen wollen.

Nun hat es der CDU-Politiker doch eilig. „Wenn es ganz schnell geht“, willigt Braun ein. Er stellt sich hinter die Gruppe. Keiner traut sich zu sprechen, Braun flüstert „ganz, ganz leise“ und lächelt sanft, seine Wangen glänzen. Es knipst ein paar Mal, dann eilt der Chef BK hinaus, der Blazer fliegt, die Hosenbeine flattern, zur schwarzen Limousine. Zurück in seinen Bienenstock.

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