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Robert Habeck Schick im Schlick

Robert Habeck, grüner Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein, gilt als cool, als Mischung aus Punk, James Dean und Robin Hood. Und was nützt es ihm?
  • Mariam Lau
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Robert Habeck: Der Spitzenkandidat von Bündnis 90/Die Grünen in Schleswig-Holstein beim Leuchtturm Westerhever an der Nordseeküste. Quelle: dpa

Robert Habeck: Der Spitzenkandidat von Bündnis 90/Die Grünen in Schleswig-Holstein beim Leuchtturm Westerhever an der Nordseeküste.

(Foto: dpa)

Was für ein schöner Sonntag. Robert Habeck, 42, grüne Hoffnung von Schleswig-Holstein und gelernter Philosoph, hat sich beim taz-Kongress an der Spree bei bestem Kaiserwetter über Das gute Leben ausgelassen. Dann hat er sich Winfried Kretschmann geschnappt, um mit dem ersten grünen Ministerpräsidenten zur Wahlkampf-Wattwanderung in den hohen Norden zu fahren. Wie sie da so am Kanzleramt vorbeischlendern in Richtung Hauptbahnhof, könnten sie nicht verschiedener sein: Nord und Süd, jung und alt, protestantisch - katholisch. Aber politisch stehen die beiden sich sehr nah. Man könnte sich fast hinreißen lassen, von einem Projekt zu sprechen.

Habeck und Kretschmann repräsentieren den neuen Kraftpol der Grünen: die starken Länder, die sich vom »Raumschiff Berlin«, dem Führungsquartett und seinem Quotengerangel, weitgehend verabschiedet haben. Es sind Grüne mit einem eigenen Heimatbegriff; Grüne ohne Angst vor dem Volk und ohne Angst vor persönlicher Verantwortung in politischen Ämtern. Sogar eine grüne Innenpolitik können sie sich vorstellen. Beide bestreiten ihre Wahlkämpfe als alleinige Spitzenkandidaten; Doppelspitzen werden von ihnen nicht goutiert, Quartette gar als »organisierte Verantwortungslosigkeit« abgetan. Mit ihren Sympathien für vieles, was sonst die Union vertrat - privat vor Staat zum Beispiel -, gehören sie zu denen, die man früher »Ökolibertäre« genannt hat. » Wir arbeiten am selben Ziel«, sagt Habeck über den grünen Regierungschef aus Stuttgart; »die Grünen als Volkspartei, obwohl ich das Wort nicht so mag. So ein Ökobauer bei uns - der ist nicht >Scholle< und Provinzialismus; das hat etwas Widerständiges, Punkiges, Eigenwilliges.« Habeck hat einmal ein Buch über »linken Patriotismus« geschrieben, über das viele Parteifreunde die Nase rümpfen. » Bei mir ist der Patriotismus ein bisschen erarbeitet, bei Kretschmann ist er ererbt«, sagt er.

Wenn Schleswig-Holstein am 6. Mai wählt, geht es für Robert Habeck nicht einfach nur um 12 oder 14 Prozent, um die Mitgift in einer rot-grünen Koalition mit Torsten Albig. Er muss auch beweisen, dass es geht: die Grünen als Heimatpartei. Wenn es in Stuttgart geklappt hat, könnte es doch wohl auch in Kiel gehen. Und wenn es in Kiel klappt, dann sollte es womöglich auch einmal in Berlin funktionieren. Es könnte sich die Hausmacht formieren, die Habeck fehlte, als er 2006 in den Parteivorstand aufrücken wollte. Insofern ist Schleswig-Holstein auch eine Abstimmung über das künftige Gesicht der Grünen.

Kaum hat man sich im Abteil niedergelassen, haben die Bodyguards des Ministerpräsidenten an der Tür Platz genommen, erhebt sich sofort die Frage, was zum Teufel eigentlich mit den Grünen los ist. Vor einem Jahr standen sie bei 30 Prozent! Ein Glas Prosecco kann zwar diese Frage nicht abschließend klären, hebt aber die Stimmung, die ohnehin mit jedem Kilometer Entfernung von der Hauptstadt an Heiterkeit gewinnt. Imitationen vom Redegestus mancher grüner Bundestagsabgeordneter - dieser ganz speziellen Mischung aus Spott und Bescheidwisserei, die nie so klingt, als wolle man das Land regieren, weil man es liebt, sondern weil man recht behalten will - treiben das Gespräch auf die Frage zu, woher die schlechte Stimmung kommt. Eine Partei flieht vor einer Nachricht - warum?

„Wir versuchen von unten eine grüne Identität jenseits von Flügeln, Lagern und Großwetterstrategien zu entwickeln“

Robert Habeck(l) wandert bei Westerhever gemeinsam mit dem baden-württembergischen Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) durch das schleswig-holsteinische Wattenmeer. Quelle: dpa

Robert Habeck(l) wandert bei Westerhever gemeinsam mit dem baden-württembergischen Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) durch das schleswig-holsteinische Wattenmeer.

(Foto: dpa)

Die beiden müssen nicht lange nachdenken. Sie reden nicht das erste Mal über diese Frage. Für Habeck wie für Kretschmann ist 2005 das Schlüsseljahr - als Habeck anfing, politische Verantwortung zu übernehmen. Da waren die Grünen in praktisch keiner Landesregierung mehr vertreten. Deshalb wuchs der Fraktion im Bundestag eine überdimensionale Macht zu, die seither das Bild der Partei in der Öffentlichkeit prägt. » Hier in Berlin ist die Politik eingeklemmt in das eiserne Gehäuse der Taktik«, meint Habeck. » Ständig kämpft man gegen die anderen um das knappe Gut der medialen Aufmerksamkeit. Bei uns in der Provinz versuchen wir, von unten eine grüne Identität jenseits von Flügeln, Lagern und Großwetterstrategien zu entwickeln.« Inzwischen hätten die Grünen eine Reihe exzellenter, erfolgreicher Oberbürgermeister und Landesminister - aber ohne Verbindung mit Berlin.

»So kommt es«, seufzt Habeck, »dass die Berliner Republik gelegentlich im eigenen Saft schmort und wir vor Ort auch.« Etwa auf halber Strecke in den Norden nähert sich die Stimmung im Abteil der gut gelaunten Ratlosigkeit, was die möglichen Koalitionspartner der Grünen betrifft. Die CDU hat Habeck und Kretschmann, die Schwarz-Grün nie ideologisch abgelehnt haben, ziemliche Enttäuschungen bereitet - Habeck durch das Wiederbeleben alter Grünen-Ressentiments, Kretschmann durch eine verantwortungsfreie Oppositionspolitik der Union in Baden-Württemberg. » Welches Reformprojekt haben die mal wirklich vorangetrieben, auf eigenes Risiko?«, fragt sich Habeck. Mit der SPD sind die Affekte noch komplizierter, gerade weil man teilweise in denselben Milieus nach Wählern fischt. Allerdings gebe es keine Partei, die bei der grünen Basis so verhasst sei wie die FDP. » Die stehen für alles, was Grüne ablehnen, schon vom Habitus«, meint Habeck, der sich kürzlich mit dem FDP-Spitzenkandidaten Wolfgang Kubicki ein vergnügliches politisches Schattenboxen in Elmshorn geliefert hat. Eine Ampel, die bei einem starken Einzug der Piraten in den Landtag womöglich die einzige Option der Grünen ist, ist da schwer vorstellbar.

Es gab einen Moment in diesem verrückten Wahlkampf, da war Robert Habeck der Verzweiflung nah. Er hatte als grüner Spitzenkandidat von Schleswig-Holstein doch alles richtig gemacht: den Landesverband belebt und professionalisiert, Distanz nach Berlin gehalten, das Volk besucht zu Land, zu Wasser und zu Pferd, Nachtfahrten mit der Polizei unternommen. Sogar zum Stagediving im Kieler Club Max ist es gekommen. Und trotzdem waren die Piraten in einer Horrorumfrage auf einen Schlag, und scheinbar anstrengungsfrei, fast an ihm vorbeigezogen. An ihm, den die Presse wechselweise als »Brad Pitt«, »James Dean«, »Punk« oder »Robin Hood« geadelt hatte; der also offensichtlich kein Coolness-Problem besaß.

Da ist Habeck für einen Moment der Glaube weggerutscht. Dass es überhaupt um irgendetwas geht in der Politik. Dass die Leute mit den Grünen mehr verbinden könnten als eine »Dagegen-Partei«, die so lange gebraucht wird, wie sie sich bei Gorleben an Bahngleise kettet; aber eben nicht mehr, wenn sie mitverantwortet, was zum Beispiel aus dem Atommüll wird. Das ganze schmerzhafte Erwachsenwerden der Grünen - soll alles für die Katz gewesen sein?

»Wenn es bei der Dagegen-Partei bleiben soll«, hat er kurz nach der Umfrage auf einer nächtlichen Autofahrt nach Berlin gesagt, »dann ist da kein Platz für mich.«

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