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Robert Koch-Institut RKI-Chef Wieler: „Virus kann sich in einigen Gebieten mittlerweile unkontrolliert ausbreiten“

Nach der Rekordzahl von mehr als 11.000 Neuinfizierten hat sich das RKI zur Lage in Deutschland geäußert. Präsident Wieler erläuterte, wo sich die Menschen anstecken – und mahnt.
22.10.2020 Update: 22.10.2020 - 16:03 Uhr 3 Kommentare
Der Chef des RKI warnt vor einer unkontrollierbaren Ausbreitung des Virus. Quelle: AFP
Lothar Wieler

Der Chef des RKI warnt vor einer unkontrollierbaren Ausbreitung des Virus.

(Foto: AFP)

Berlin Die psychologische Grenze von 10.000 Infizierten ist nun auch in Deutschland überschritten: Das Robert Koch-Institut (RKI) hat an diesem Donnerstag gemeldet, dass in Deutschland innerhalb eines Tages 11.287 Menschen positiv auf das Virus getestet wurden. Der bisherige Höchstwert lag bei 7830, am Mittwoch waren es noch 7595 gewesen. Die Zahl der gemeldeten Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus erhöhte sich um 30 auf 9905.

Der Chef des RKI, Lothar Wieler, schlug auf einer Pressekonferenz Alarm und appellierte an die Menschen in Deutschland, sich an die Regeln zu halten: Mittlerweile könne sich das Virus in einigen Gebieten unkontrolliert ausbreiten. Eine Nachverfolgung von Infektionsketten sei nicht mehr völlig möglich. Und weiter: „Inzwischen ist die Situation insgesamt sehr ernst geworden.“

Wieler forderte vor allem strenge Abstands- und Hygieneregeln im privaten Bereich ein und verwies dabei stets auf die AHA+L-Regeln, also das Abstandhalten, Händewaschen, das Tragen einer Alltagsmaske und das regelmäßige Lüften geschlossener Räume.

Auch die Corona-Warn-App, die mehr als 20 Millionen Mal heruntergeladen wurde und Hinweis auf Kontakte mit Infizierten geben soll, werde weiterentwickelt. Man habe gesehen, dass sich das Virus vor allem im privaten Bereich bei Treffen verbreite, dagegen weniger in Verkehrsmitteln oder in Hotels.

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    Die aktuellen Infektionszahlen sind zwar im Vergleich zu anderen großen europäischen Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien , die schon jetzt mehr als 30.000 oder 40.000 Fälle aufweisen, noch wenig. Jedoch warnte der RKI-Chef: Die zuletzt aufgeflammte Debatte über eine Strategie der Herdenimmunität müsse endgültig vom Tisch. Denn damit drohten „auch in Deutschland Millionen Infizierte und Hunderttausende von Toten“, sagte Wieler auf Nachfrage. 

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    Herdenimmunität bezeichnet die Strategie, eine Pandemie sozusagen laufen zu lassen und nur die besonders anfälligen Gruppen zu schützen, bis in der Bevölkerung eine Infektionsrate und damit eine Immunität von 60 bis 70 Prozent erreicht ist – und das Virus dann auch nicht mehr zu den Risikogruppen durchdringen kann.

    Im Frühjahr hatten Länder wie Schweden und zeitweise auch Großbritannien sowie die Niederlande auf diese Strategie gesetzt. Sie kehrten erst davon ab, als die Infektionszahlen drastisch stiegen und die Kliniken überlastet waren.

    Wielers Kalkulation ist einfach nachzuvollziehen: Bisher wurden in Deutschland rund 390.000 infiziert, rund 10.000 Menschen sind mit oder an Covid gestorben. Das ergibt eine rechnerische Todesrate von gut 2,5 Prozent. Die Todesrate dürfte tatsächlich jedoch sogar noch höher sein. Denn von den zuletzt Infizierten steht die Zahl der Todesopfer erst in einigen Wochen fest.

    Doch auch auf dieser Basis ergeben sich rechnerisch bei einer „Durchseuchung“ von 70 Prozent der Bevölkerung rund 57 Millionen Infizierte – und mehr als eine Million Tote. 

    Dazu kommt noch, dass die Virologen noch immer nicht wissen, wie groß der Immunitätsschutz nach überstandener Infektion tatsächlich ist. Es gibt mittlerweile zumindest Einzelfälle, bei denen eine Wiederansteckung aufgetreten ist. Zudem vermuten Forscher, dass der Infektionsschutz umso niedriger ist, je schwächer die Krankheitssymptome waren. 

    WHO warnt vor Laisser-faire-Ansatz

    Forscher aus den USA und Großbritannien hatten zuletzt dennoch in der „Great-Barrington-Erklärung“ erneut vorgeschlagen, bei der großen Masse der Bürger eine Durchseuchung auch zuzulassen. Sie argumentierten, dass anderenfalls die harten Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus „irreparable Schäden verursachen, wobei die Unterprivilegierten unverhältnismäßig stark betroffen sind“.

    Nach Angaben der Initiatoren haben bereits viele Hunderttausend Menschen die Erklärung unterzeichnet.

    Prompt folgte heftige Gegenwehr: So warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit drastischen Worten vor diesem virologischen Laisser-faire-Ansatz. „Niemals in der Geschichte des Gesundheitswesens wurde Herdenimmunität als eine Strategie gegen einen Ausbruch eingesetzt, geschweige denn gegen eine Pandemie“, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

    In Deutschland warnte die Gesellschaft für Virologie (GfV), der auch der Wissenschaftler Christian Drosten angehört: „Mit Sorge nehmen wir zur Kenntnis, dass erneut die Stimmen erstarken, die als Strategie der Pandemiebekämpfung auf die natürliche Durchseuchung großer Bevölkerungsteile mit dem Ziel der Herdenimmunität setzen.“

    Eine unkontrollierte Durchseuchung würde zu einer eskalierenden Zunahme an Todesopfern führen. Denn selbst bei strenger Isolierung älterer Menschen gebe es noch weitere Risikogruppen, die viel zu zahlreich, zu heterogen und zum Teil auch unerkannt seien, um aktiv abgeschirmt werden zu können. 

    Zwar sind heute vor allem die Alters- und Pflegeheime in Deutschland weit besser geschützt als im Frühjahr während der ersten Welle. Doch zu den Risikogruppen gehören auch die Millionen von Menschen über 60 Jahre, die gesund sind und normal am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. 

    Zu den „vulnerablen Gruppen“ gehören zudem nicht nur Krebskranke, Diabetiker und Lungenkranke, sondern auch stark übergewichtige Menschen jeden Alters sowie schwangere Frauen. Ein besonderer Schutz oder gar eine Isolation all dieser Menschen über viele Monate sei also praktisch nicht möglich, warnen sowohl die GfV also auch das RKI.

    Herdenimmunität unethisch und hochriskant

    Herdenimmunität ohne Impfung anzustreben sei unethisch sowie medizinisch, gesellschaftlich und damit auch ökonomisch hochriskant, argumentiert die Gesellschaft für Virologie mit Blick auf den „Beginn einer exponentiellen Ausbreitung“ nun auch in Deutschland.

    Und warnt, dass aufgrund der „explosiven Infektionsdynamik, die wir in allen Hotspots quer durch Europa feststellen, ab einer bestimmten Schwelle auch in bisher unkritischen Regionen die Kontrolle über das Infektionsgeschehen verloren geht“.



    Schon jetzt sind nach Angaben des RKI einige Gesundheitsämter nicht mehr dazu in der Lage, alle Infektionsketten nachzuverfolgen. Damit stehe zu erwarten, dass eine Strategie der Herdenimmunität zu einer raschen Überlastung der Gesundheitssysteme führe, „was zum Beispiel in Deutschland allein schon wegen des Mangels an Intensivpflegekräften bereits bei weit unter 20.000 Neuinfektionen pro Tag der Fall sein könnte“, so die GfV. 

    Aktuell sind von den rund 30.000 Intensivbetten in Deutschland zwar noch rund 10.000 frei und nur knapp 1000 mit Covid-Patienten belegt. Doch viel entscheidender sei der Mangel an qualifiziertem Personal in den Intensivstationen, hatte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) im Handelsblatt gewarnt.

    Zudem sei schon in zwei bis drei Wochen auch in den Kliniken wieder eine Unterversorgung mit Schutzmasken und Handschuhen zu befürchten, nach denen weltweit die Nachfrage rapide gestiegen sei.

    Das Bundesgesundheitsministerium sieht das allerdings anders, beziehungsweise will sich noch nicht über künftige Probleme äußern: „Stand heute befürchtet das Bundesministerium für Gesundheit keine Engpässe“, teilte ein Sprecher auf Anfrage mit. Sollte sich die Lage ändern, könne man kurzfristig reagieren.

    Unabhängig davon bezeichnete Wieler allein die Überlegung, dass man ja ruhig abwarten könne, solange es noch frei Betten gebe, als „zynisch“. Angesichts der Bedrohung warnt auch der RKI-Chef erneut vor der Illusion, Deutschland werde wie in der Vergangenheit auch in Zukunft relativ glimpflich davonkommen.

    Er sieht sowohl in der Politik als auch bei der Einsicht der Bürger noch „Luft nach oben“. Die Politik müsse dafür sorgen, die Schutzmaßnahmen und vor allem die entscheidenden Kriterien für deren Verschärfung möglichst einheitlich zu gestalten, mahnte er. 

    Eine Änderung der Corona-Strategie lehnt Wieler ab. Allerdings sprach er sich auch gegen neue Schwellenwerte aus, wie dies Bayerns Ministerpräsident gefordert hatte. Markus Söder hatte neben den Schwellenwerten von 35 und 50 Infizierten pro 100.000 Einwohnern innerhalb einer Woche noch einen zusätzlichen Wert von 100 gefordert, ab dem etwa eine Sperrstunde ab 21 Uhr greifen solle.

    Hintergrund ist, dass es viele Kreise gibt, in denen die Infektionswerte mittlerweile bei mehr als 100 Infizierten pro 100.000 Bewohnern liegen.  

    Diese Regionen und Länder sind nun Risikogebiete

    Wegen der steigenden Corona-Infektionszahlen wurden die Schweiz, Irland, Polen, fast ganz Österreich und große Teile von Italien zum Risikogebiet erklärt. Ausgenommen in Österreich ist nur das Bundesland Kärnten, teilte das Auswärtige Amt am Donnerstag mit.

    In Italien sind unter anderem die Hauptstadt Rom, die Toskana, Venetien, die Lombardei und Südtirol betroffen. Die Reisewarnungen gelten ab Samstag. Vor Reisen zu den zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln wird hingegen nicht mehr gewarnt.

    RKI-Chef Wieler: „Wir wissen nicht, wie sich das Infektionsgeschehen weiterentwickelt“

    Österreichs Hauptstadt Wien sowie die westlichen Bundesländer Vorarlberg und Tirol standen bereits zuvor auf der roten Liste. Nun kamen auch die an Deutschland grenzenden Bundesländer Salzburg, Oberösterreich, Niederösterreich sowie das Burgenland und die Steiermark hinzu.

    Für die Alpen-Bundesländer in Österreich, die sich bereits auf die Wintersaison vorbereiten, ist die deutsche Reisewarnung ein herber Schlag. Der Tourismus ist für sie eine wichtige Einnahmequelle, er macht 15 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts aus und sorgt für Hunderttausende Arbeitsplätze. Pro Wintersaison werden mehr als 59 Millionen Übernachtungen verzeichnet, ein Großteil der Gäste kommt aus Deutschland.

    Mit Agenturmaterial.

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    3 Kommentare zu "Robert Koch-Institut: RKI-Chef Wieler: „Virus kann sich in einigen Gebieten mittlerweile unkontrolliert ausbreiten“"

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    • Wir sollten alsbald zurückkehren zur Schwarzen Null und wie gehabt, an Forschung bezüglich Viren und Bakterien noch eiserner sparen. Dann können wir endlich das bekommen, was viele Menschen fürchten, eine resistente Welt-Depression, ganz ohne "Finanz-Herdenschutz" in den reichen Ländern und endlich mal wieder Millionen von Insolvenzen verursachen. Dass wir so arm werden wie in den Schwellenländern. Es leben die Schwarze Null.

    • Unethisch ist es, einseitig zu berichten und zu ignorieren, dass die sogenannten Infizierten nur PCR-Test-Positive sind, die auch nicht zwingend ansteckend sein müssen, und nur ein Bruchteil (ca. 6% lt. CDC-Studie in den USA) der sogenannten Corona-Opfer wirklich durch Corona gestorben sind und die Mikrobe nur die Letalität einer maximal mittelschweren Influenza hat. Zudem ist es den alten Leuten im Pflegeheim mit diversen Vorerkrankungen wahrscheinlich auch lieber im Beisein ihrer Verwandten paar Monate früher zu sterben als an Einsamkeit und sich wie im Gefängnis zu fühlen.

    • Unethisch ist es, einseitig zu berichten und zu ignorieren, dass die sogenannten Infizierten nur PCR-Test-Positive sind, die auch nicht zwingend ansteckend sein müssen, und nur ein Bruchteil (ca. 6% lt. CDC-Studie in den USA) der sogenannten Corona-Opfer wirklich durch Corona gestorben sind und die Mikrobe nur die Letalität einer maximal mittelschweren Influenza hat. Zudem ist es den alten Leuten im Pflegeheim mit diversen Vorerkrankungen wahrscheinlich auch lieber im Beisein ihrer Verwandten paar Monate früher zu sterben als an Einsamkeit und sich wie im Gefängnis zu fühlen.

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