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Röttgen-Rauswurf Kritik an Merkels „Schreckensherrschaft“

Hat es Angela Merkel mit dem zackigen Rauswurf von Bundesumweltminister Norbert Röttgen übertrieben? Ja, sagt so mancher objektive Beobachter und nun auch CDU-Leute. Die Kritik an ihrem Stil wird lauter.
Update: 17.05.2012 - 16:30 Uhr 79 Kommentare
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) direkt vor dem Rauswurf Röttgens. Quelle: dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) direkt vor dem Rauswurf Röttgens.

(Foto: dpa)

BerlinDer Sprecher des einflussreichen konservativen Seeheimer Kreises in der SPD, Johannes Kahrs, wertet die Entlassung von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) als weiteren Beleg für die Regierungsunfähigkeit der schwarz-gelben Koalition und fordert als Konsequenz daraus Neuwahlen im Bund. „CDU, CSU und FDP beschäftigen sich nur noch mit sich selber“, sagte Kahrs Handelsblatt Online.

Zudem verliere die Koalition in den Ländern eine Wahl nach der anderen und damit auch ihre Mehrheit im Bundesrat. In dieser Lage schaffe es Angela Merkel (CDU) aber nicht, „ihrer Regierung, ihrer Koalition, ein gemeinsames Ziel, eine Idee oder gar eine Vision zu geben“.

Damit sei sie als Regierungschefin gescheitert, ist Kahrs überzeugt. „Deshalb wären jetzt Neuwahlen gut für unser Land.“ Ein Wahlkampf würde aus der Sicht von Kahrs in allen Parteien zu einer Fokussierung auf die wichtigen Themen führen und den Bürgern klar die politischen Alternativen aufzeigen.

Die Reaktionen bei der Opposition wie auch der CDU illustrieren die Heftigkeit von Merkels Entscheidung. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, sagte: „Norbert Röttgen war ein Bauernopfer, mit dem die Kanzlerin sich selber vor Kritik schützen wollte“. „Die Entlassung ihres ehemaligen Vertrauten ist ein Zeichen der Schwäche. Angela Merkel gesteht damit ein, wie schlimm es um die Regierung steht.“

Der Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth sieht in Röttgens Entlassung eine Gefahr für Merkel. „Das Signal an die eigene Partei finde ich problematisch“, sagte Langguth dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Eine Parteichefin, die so abrupt den Stab über einen langjährigen Mitstreiter bricht, verbreitet auf Dauer nicht Wohlgefühl und Vertrauen, sondern Furcht und Schrecken“, sagte der CDU-Kenner. Um solche Führungsfiguren werde es „irgendwann sehr einsam“.

Langguth deutete Merkels Entscheidung als „Signal des Entgegenkommens“ in Richtung von CSU-Chef Horst Seehofer und den Unionsfraktionsvorsitzenden Volker Kauder (CDU), beide bekanntermaßen Gegner Röttgens. Insbesondere Seehofer hatte Röttgen nach der Wahlniederlage in NRW scharf angegriffen und indirekt die Kanzlerin in Mithaftung für die schlechte Performance genommen.

Norbert Röttgen (CDU) wartet darauf, geschminkt zu werden. Quelle: dpa

Norbert Röttgen (CDU) wartet darauf, geschminkt zu werden.

(Foto: dpa)

Auch in der nordrhein-westfälischen CDU kommt immer mehr Unmut gegen Kanzlerin Angela Merkel auf. CDU-Landtagsfraktionschef Karl-Josef Laumann sagte am Mittwoch in Düsseldorf: „Ich verstehe nicht, dass Norbert Röttgen bis Sonntagabend 18 Uhr als der hervorragende Umweltminister galt, der er war, und heute entlassen wird.“ Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Wenn jemand am Boden liegt, muss man nicht noch drauftreten.“ „Zeit Online“ sagte er: „Ich hätte ihm im Amt eine zweite Chance gegönnt.“ Und: „Ein bisschen mehr Menschlichkeit würde uns ganz gut anstehen.“

Bundestagspräsident Norbert Lammert nannte Merkels Entscheidung bedauerlich für Röttgen, das Ministerium und die CDU. „Ich hätte mir eine andere Konstellation gewünscht“, sagte Lammert am Mittwochabend am Rande einer CDU-Veranstaltung in Erfurt. Er habe Röttgen hoch angerechnet, dass er direkt nach dem CDU-Wahlfiasko in Nordrhein-Westfalen als Landesvorsitzender zurückgetreten sei und so den Weg für einen Neuanfang des Landesverbandes freigemacht habe.

Merkel hatte Röttgen, der Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen gewesen war, drei Tage nach der krachenden Niederlage im bevölkerungsreichsten Bundesland am Mittwoch gefeuert, nach Angaben aus Koalitionskreisen weil er nicht zurücktreten wollte. Merkel begründete den in ihrer siebenjährigen Kanzlerschaft einmaligen Schritt mit den anstehenden Herausforderungen der Energiewende. Die zu bewältigen traute sie ihrem angeschlagenen Gefolgsmann offensichtlich nicht mehr zu. Zum Nachfolger ernannte sie den Saarländer Peter Altmaier, bisher Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion.

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79 Kommentare zu "Röttgen-Rauswurf: Kritik an Merkels „Schreckensherrschaft“"

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  • PS: Sieht übrigens so aus, als müssten Sie sich demnächst die Zeit für einen kleinen Kinobesuch nehmen ;-)

    http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2012/05/19/drk_20120519_0849_f54f9042.mp3

  • Rapid,

    >> Wie alt muß man sein, um das selber kapiert zu haben?

    Wie alt waren Sie, damals? Wahrscheinlich auch 16, 17, da hat man uns das ja in der Schule beigebracht und wir waren nicht vom simsen, facebooken und chatten so abgelenkt, daß wir nicht so recht mitbekamen, was um uns herum lief. Nicht daß wir das alles wirklich verstanden hätten, sie wurden Anarcho, ich kurzfristig mal Maoist. Woraus man lernen kann, daß man politisch sein kann, ohne wirklich zu verstehen, was Politik ist. Man ist jung, man darf träumen. Man stellt sich eine bessere Welt vor. Und die Dinge waren so schön klar, schwarz und weiss, man wusste, wer welche Hüte aufhatte.

    Das hat sich ja alles im Verlauf der 80er/90er geändert. Allen war ja "klar", daß man die Welt nicht verbessern kann (hat man jedenfalls versucht uns einzureden) und es irgendwie leichter ist, einfach wegzukonsumieren, was da war.

    Bis vor ein paar Jahren war ja denn auch alles graugestuft und in dieser Palette scheinen sich einige ziemlich verirrt zu haben, die nicht mehr mitbekommen haben, daß in Deutschland bis in die 70er alte Nazis schon mal Ministerpräsidenten werden konnten, egal ob sie nach Kriegsende noch schnell ein paar Deserteure hinrichten liessen ...

    Heute ist alles für Jüngere so verwirrend, gerade für die in den 90ern und 2Ks sozialisiert wurden. Ich befürchte, die werden nie lernen, was Politik ist ...

    Hier lese ich manchmal Dinge, wo ich mich frage: Ist der nun "links" oder "rechts"? Oder gar beides und kann es bloß nicht unterscheiden?

    Die aktuelle Generation ist ja zumindest wieder interessiert, meine Älteste ist Piratin, mein Stiefsohn Grüner - beide treffen sich gelegentlich auf PiratenCons. Vor drei Jahren hätte ich das für einen Wunschtraum gehalten.

    Es besteht also Hoffnung ;-)

  • Tja Hardy, man muß den Leuten wirklich erklären wie Politik "geht". Wie alt muß man sein, um das selber kapiert zu haben? 40? 50? 60? Oder nie? Ich fürchte, manche kapieren es nie, andere haben es schon in relativ frühen Jahren erkannt und machen sich auch weiter keine Illusionen mehr, sondern nehmen "Realitäten" schlicht so wie sie sind, rein "phänomenologisch" nämlich.

  • Mal halblang Ihr zwei.

    Also, es gab _vorher_, also vor der Wahl, jede Menge Versuche, Röttgen klar zu machen, daß er, wenn er die Wahl verliert, nach NRW gehen _müsse_. Das hat er von sich abperlen lassen. Böser Fehler!

    Dann hat er sich mit seinem Versuch, die NRW Wahl zur Abstimmung über Muddis EuroPolitik umzudefinieren, sozusagen hinter Muddis Rockschößen versteckt. Noch böserer Fehler!

    Als er die Nummer dann versemmelt hat und ihm Muddi erklärte, er möge doch jetzt im "höheren Interesse" zurücktreten und nicht durch seine Anwesenheit die weitere Energiewende zu belasten, herumgejammert, daß ihm niemand beistand, als der böse Seehofer sein Interview abfeuert und gegreint, er würde _nicht_ gehen. Wie ein patziger Bub. Schwerster Fehler.

    Oha. An der Stelle feuert der Chef _jeden_. Da werden nun mal keine Bonbons verteilt. Die 1:36 sind nur diesem Gegreine geschuldet. Er wollte nicht hören, was sie ihm sagt: Du gehst oder ich feuere dich.

    Er hat wahrscheinlich darauf spekuliert, daß er ja sozusagen NRW sei und die seinen ihn nicht hängenlassen.

    Schwerer Fehler: She's The Boss.

    Immerhin, Freunde, hat sie ihm die Peinlichkeit erspart, von Seehofer, der gerade den abwesenden BuPrä vertritt, seine Entlassungsurkunde zu erhalten - der Termin wurde auf nächste Woche verschoben.

    Also, mal halblang, ich kann Muddi auch nicht ab, aber - egal wie sie es gemacht hätte, es wäre "falsch" gewesen. Wenn sie ihn gehalten hätte, hätte sie sich wochenlang anhören müssen, sie könne nicht führen.

    Dann schon lieber 1:36 und die Sache ist gefressen, so einfach ist das: Eine nüchterne Entscheidung.

    Jetzt muss sie sich noch eine Woche lang das Gejammer der betroffenen Krokodile anhören und dann ist pillo!

    Die Karawane zieht weiter, die Hunde heulen, wenn schert da noch ein Röttgen ...

  • herbert.w.

    Pffffft. Also, ich glaube, Sie haben so gut wie alles verpasst.

    Das gesamte Interview kannte ich definitiv _vor_ der Wahl ... Nur weil sie etwas verpasst haben, heisst das nicht per se, daß es nicht auch nicht "da" ist.

    Altmeier ist vor allem deshalb bekannt, jedenfalls unter jüngeren, computeraffinen und älteren Professionals, wegen der Tatsache, daß er der erste war, der sich mit dieser Klientel ausgesprochen hat. Er gilt als der Twitter-King der CDU. Ältere wie ich kennen ihn als Teil der PizzaConnection, die einen schwarz/grünen Flirt betrieben, der dem dicken Helmut böse aufstiess.

    Röttgen war ein selbstverliebter Gockel, der allen Ernstes glaubte, er könne in Berlin bleiben, wenn er NRW vergurkt. Nope. Dann auch noch auf dem letzten Meter der Kanzleröse einen Knopf an den Backen zu nähen, weia, das war dumm. Madame ist rachsüchtig.

    Bitte keine Krokodilstränen. Es ist heiss in der Küche und Röttgen ist tatsächlich in der Hitze weggeschmolzen wie ein Eisbecher. So jemand kann Sozialpädagoge im Kindergarten werden, aber doch nicht Politiker.

    Herbert, wie sagte Ihr Vorbild?

    "Der Herr badet gerne lau".

    Eben ...

  • @trouby

    >> In Wirklichkeit tut sie nichts wirklich richtig.

    Im Gegensatz zu Rot/Grün.

    Die haben einfach zu viel gemacht ... Und das war auch wieder falsch ... Deutschland kann man nur regieren, wenn man das Glück hat, daß Vorgängerregierungen arbeiten und man sich auf deren Lorbeeren ausrugen kann.

    Sie kennen die goldene Regel? Finden Sie in jeder Amtsstube: "Wer arbeitet macht Fehler. Ergo ..."

    Die Merkelsche wird noch unsere Kanzlerin sein, wenn ihr Kopf längst in einem Glas schwimmt und ihre Gedanken an einen Computer weitergeleitet werden!

  • R2D2

    Schön wie Sie meine These, daß euroneurotische bei einem Thema wie - sagen wir einmal die Verteuerung von Schnürsenkeln - es mit eins, zwei kleinen Hoppsern schaffen, zu ihrem Lieblingsthema zu gelangen.

    Erlebe ich bei den "fanatischen Euromantikern" übrigens nie, die ja angeblich den Euro zur "Religion" erhoben haben und ebenso angeblich jeden, der nicht ihrer Meinung ist, sofort wegmobben ...

    Danke für den Beweis!

  • R.Rath

    "konservativ"

    Ah, da springt mir natürlich sofort die SWR2 von vorgestern in die Tastatur

    Paul Nolte: "Wir sind das Volk"

    http://mp3-download.swr.de/swr2/aula/swr2aula_20120517_wir_sind_das_volk.6444m.mp3

    Um den Begriff mal zu erden - so sieht das ein "Konservativer", der darin auch schön beschreibt, wer sich für "konservativ" hält - es aber nicht ist in Sachen Euro und Europa zb.

  • Rapid

    >> nachvollziehbar und stringent

    Definitiv.

    Wobei ja eigentlich niemand über den _eigentlichen_ Witz lacht: Er wollte partout nicht nach NRW und jetzt kann er nicht mal mehr ...

    Aber, machen wir uns mal nix vor: Seehofer hat Recht (sage ich nur ungern, ist aber so) - wir brauchen ein Energieministerium.

    So wie das bisher lief, diese Neidhammeleien zwischen CDU/FDP/CSU um die Energiewende, so kann das im Grunde nicht weiter gehen. An der Stelle könnte einem Röttgen leid tun, wenn er nicht so ein unerträglich eingebildeter Fatzke gewesen wäre.

    Aber: die Energiewende wäre ja eigentlich der Job des Wirtschaftsministers, der aber auch keinen Plan hat und im Grunde genau so gefeuert gehört wie Röttgen. Was die Regentin aber nicht kann. Die Schrödersche hingegen ...

    Diese Regierung ist defintiv die schlechteste zu meinen Lebzeiten.

    Man hört, Röttgen habe es abgelehnt, zurückzutreten und statt dessen gegreint, man habe ihn nicht unterstützt, als Seehofer seine Kanone auspackte und abfeuerte. 1:37 sind da ja 60 Sekunden zu viel für so einen Jammerlappen.

    Naja, hoffentlich schicken sich Horst und Angela jetzt wieder SMS, wenn sie schon nicht mehr miteinander telefonieren.

    Ansonsten: Jede Menge Krokodilstränen über die "Herzlosigkeit", das HB läßt seine Springer-Mumie "Schreckensherrschaft" in Stein meisseln, alle sind ganz ganz ganz traurig.

    Der beliebteste Politiker des Landes, Helmut Schmidt, war kalt wie eine Hundeschnauze. Hat ihm nicht geschadet.

    Naja damals waren Journalisten ja auch keine heulsusigen Warmduscher, die jede Störung der gefühlten Harmonie mit dämlichen Anspielungen auf den "grande terreur" quittieren und so versuchen, den Marat raushängen zu lassen.

  • margritt

    >> Ich weiß übrigens was ein Klassenfeind ist,
    >> meine Eltern waren Klassenfeinde

    Danke, daß Sie eine meiner Vermutungen so elegant belegen. Das konnte man nur in einem Teil des Landes sein, in dem Kinder lernten nach Moskau zu gucken. Schon klar, daß man da so seine Schwierigkeiten hat, in einer Gesellschaft anzukommen, die in die andere Richtung blickt.

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