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Rückzug Sahra Wagenknecht kandidiert nicht mehr als Linken-Fraktionschefin

Die populäre Politikerin will aus gesundheitlichen Gründen auf ihr Amt verzichten. Wer ihre Nachfolge antritt, ist noch nicht absehbar.
Update: 11.03.2019 - 18:01 Uhr Kommentieren

Sahra Wagenknecht gibt Fraktionsvorsitz ab

BerlinNach vier Jahren als Chefin der Linksfraktion tritt Sahra Wagenknecht im Herbst nicht mehr für das Amt an. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Montag aus Fraktionskreisen. Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) berichtete, gab die 49-Jährige im Fraktionsvorstand gesundheitliche Gründe für ihren Schritt an. Wagenknecht führt die Fraktion seit Oktober 2015.

Die Entscheidung Wagenknechts wurde dem Handelsblatt in Fraktionskreisen bestätigt. „Es ist ein herber Verlust für die Linke insgesamt“, hieß es. Wagenknecht sei „mit Abstand die beliebteste und populärste Linken-Politikerin mit großer Strahlkraft innerhalb der Partei“. Menschlich sei ihr Schritt nachvollziehbar, hieß es in den Kreisen weiter.

Linksfraktionsvize André Hahn wertet den Rückzug Wagenknechts als Verlust für die öffentliche Wahrnehmung seiner Partei. „Ich bedaure die Entscheidung, auch weil Sahra Wagenknecht für die mediale Außendarstellung der Fraktion eine ganz wichtige Rolle spielt“, sagte Hahn dem Handelsblatt.

Zuletzt hatte Wagenknecht wegen einer nicht näher genannten Krankheit zwei Monate lang pausiert und deshalb auch beim Linken-Parteitag in Bonn gefehlt. Inzwischen gehe es ihr wieder gut, teilte sie der Fraktion mit. „Die lange Krankheit, deren Auslöser in erster Linie Stress und Überlastung waren“, habe ihr Grenzen aufgezeigt, „die ich in Zukunft nicht mehr überschreiten möchte“, heißt es in ihrem Schreiben, aus dem das RND zitiert.

Bis zum Herbst, wenn turnusmäßig die Neuwahl des Fraktionsvorstands ansteht, will Wagenknecht ihre Aufgaben trotzdem weiter wahrnehmen. Danach bleibe sie selbstverständlich politisch aktiv und werde sich weiter für ihre Überzeugungen und sozialen Ziele engagieren.

Wagenknecht hatte erst am Wochenende mitgeteilt, sich aus der Führung der von ihr mitgegründeten linken Sammlungsbewegung „Aufstehen“ zurückziehen zu wollen. Dieses Engagement hatte in der Fraktion für viel Streit gesorgt und auch den Zwist zwischen Wagenknecht und den Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger verschärft.

Viele Linke waren zuletzt auch unzufrieden mit Wagenknechts Alleingängen in der Flüchtlingspolitik. In der Fraktion wurde sogar laut über einen Putsch nachgedacht – bis man sich im Januar wegen der anstehenden Landtagswahlen einen Burgfrieden aufzwang.

Politisch sind die Konsequenzen von Wagenknechts Entscheidung für die Linke noch nicht übersehbar. Wer ihre Nachfolge antreten könnte, ist unklar. In Teilen der Fraktion wurde es in diesem Zusammenhang als „sehr bedauerlich“ bezeichnet, dass die Strategie um das Lager der Linken-Chefs Kipping und Riexinger nun aufgegangen sei.

„Eine gebildete und meinungsstarke Politikerin“

Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner sieht nun größere Chancen für Bündnisse zwischen Sozialdemokraten und Linken. „Eine personelle Neuorientierung an der Spitze der Bundestagsfraktion der Linkspartei erleichtert es möglicherweise in der Zukunft, die Potenziale für eine progressive Regierungskoalition diesseits der Union auch zu realisieren“, sagte Stegner der Deutschen Presse-Agentur. „Diese Option war mit Sahra Wagenknecht an der Spitze immer eher theoretischer Natur.“

Die Vizechefin der Linksfraktion im Bundestag, Sevim Dagdelen, sieht keine verbesserten Chancen für ein mögliches linkes Bündnis. „Eine progressive Politik im Bundestag, wofür es lange eine Mehrheit gegeben hat, scheiterte bisher immer an der SPD“, sagte Dagdelen dem Handelsblatt. „Wer mit Gregor Gysi nicht willens war, Hartz IV abzuschaffen, Kriegseinsätze zu beenden und abzurüsten, wird es vermutlich auch in Zukunft nicht wollen.“

Auch aus anderen Parteien gab es bereits Reaktionen. FDP-Chef Christian Lindner twitterte: „Mit Sahra Wagenknecht teile ich kaum eine Meinung, aber eine gebildete und meinungsstarke Politikerin ist Frau Wagenknecht.“ Das halte die Demokratie lebendig. „Also Respekt vor der Entscheidung, und für die Gesundheit wünsche ich alles Gute.“

Die Nachricht über Wagenknechts Rückzug fällt auf einen geschichtsträchtigen Tag. Vor genau 20 Jahren, am 11. März 1999, war ihr Ehemann Oskar Lafontaine als Finanzminister und SPD-Chef zurückgetreten.

Wagenknecht. aus Jena stammende Tochter einer Deutschen und eines Iraners, eckte schon als junge Frau in der DDR an, durfte damals nicht studieren. Nach der Wende holte sie das unter anderem in Groningen nach. Als Volkswirtin erwarb sie den Doktortitel. Noch heute wird Wagenknecht immer wieder an ihre Zeit als Vertreterin der „Kommunistischen Plattform“ der Linken erinnert, auch wenn sie viel von der damaligen Schärfe abgelegt hat.

Nach dem Aufstieg in der Partei ließ sie ihre Mitgliedschaft in der Gruppierung ruhen. Was geblieben ist: Wagenknecht will einen Gegenentwurf zu dem, was sie als „Kapitalismus“ und „Neoliberalismus“ kritisiert.

Die Wucht, mit der sie ihre Thesen für ein sozial gerechteres Deutschland vorträgt, bringt ihr viel Aufmerksamkeit. In Talkshows ist sie gefragt, auf Facebook hat sie Hunderttausende Likes, und als Rednerin kann Wagenknecht ganze Hallen für sich einnehmen. Nicht nur wegen ihrer gekonnten Rhetorik – sondern weil sie kompetent wirkt.

Wagenknecht polarisiert und fasziniert gleichermaßen. Das nötigt selbst Politik-Urgesteinen wie Peter Gauweiler Respekt ab. Beeindruckt von Wagenknechts ökonomischem Sachverstand, lobte der CSUler einst ihre analytischen Fähigkeiten in ihrem Buch „Freiheit statt Kapitalismus“. „Das ist alles sehr lesenswert“, sagte Gauweiler vor sechs Jahren.

Mit Material von dpa

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