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Rüstung Deutsch-französisches Kampfflugzeug – wie Politik und Industrie einander blockieren

Deutschland und Frankreich planen, das modernste Luftverteidigungssystem der Welt zu entwickeln. Aber jeder will Chef des Riesenprojekts sein.
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Die Konzerne Airbus und Thales streiten um die Entwicklung des Nachfolgers. Quelle: Reuters
Eurofighter der Luftwaffe

Die Konzerne Airbus und Thales streiten um die Entwicklung des Nachfolgers.

(Foto: Reuters)

Paris, BerlinMit einem kühnen Plan überraschten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatspräsident Emmanuel Macron im Juli 2017 die Europäer: Man wolle gemeinsam ein neues Kampfflugzeug entwickeln, als Nachfolger des Eurofighters und der französischen Rafale. Am Dienstag setzte Macron noch eins drauf und forderte sogar eine echte europäische Armee.

Die gemeinsame Rüstung ist eine Kampfansage an die US-Amerikaner. Denn die haben bereits mehreren europäischen Ländern ihre moderne F-35 verkauft. Die Bundesluftwaffe fehlt ihnen noch als Abnehmer. Noch, aber vielleicht nicht auf Dauer, muss man heute hinzusetzen. Denn beim Projekt „FCAS“, englisches Kürzel für „Zukünftiges Luftkampfsystem“, kriselt es, noch bevor die Planungen wirklich begonnen haben.

Festgelegt wurde zwischen den Verteidigungsministerinnen Frankreichs und Deutschlands, Florence Parly und Ursula von der Leyen, bisher lediglich, dass beim Kampfflugzeug Frankreich die Führungsrolle haben soll. Nicht aber, wie die industrielle Führung beim Gesamtsystem FCAS aussehen wird.

Anders als häufig bei deutsch-französischen Projekten streiten sich weniger die Politiker als die Industriellen. „Aktuell erleben wir einen Wettbewerb zum einen zwischen Frankreich und Deutschland und gleichzeitig einen innerhalb der Industrien beider Länder“, heißt es in deutschen Regierungskreisen.

Während Dassault und Airbus über Kooperationen redeten, drängten in Frankreich Thales und ein weiterer Konzern darauf, den Auftrag für die Steuerung des Gesamtsystems zu bekommen, um die auch Airbus kämpft.

Die Rivalität ist verständlich: Es geht um sehr viel Geld. Ein dreistelliger Milliardenbetrag steht in Aussicht. Entwickelt werden soll bis 2040 sehr viel mehr als ein Flugzeug, nämlich ein „System der Systeme“, das Satelliten, Drohnenschwärme, gelenkte Raketen, Überwachungs- und Tankflugzeuge sowie Schiffe integriert.

Thales attackiert Airbus

„Es wäre gut, wenn Airbus die Führung hätte“, meldete Dirk Hoke, Chef von Airbus Defence and Space, kürzlich forsch in einem französischen Interview eigene Ambitionen an – und löste damit Empörung aus. „Es kann nicht sein, dass eine Nation das Leadership hat über die andere bei der Integration des Systems“, lehnt ein französischer Industrieller Hokes Vorstoß ab.

Airbus soll deutsch sein? Frankreich sieht Airbus stets als blau-weiß-rote Edelmarke. Doch bei FCAS ist alles anders. Da „behandelt man uns so, als seien wir ein deutsches Unternehmen“, mault ein Airbus-Vertreter. Man, das ist vor allem ein französischer Konkurrent: Thales.

Das Rüstungs- und Elektronikunternehmen kann zumindest teilweise mit Airbus mithalten, stellt Satelliten und Steuerungen für Flugzeuge her, hat viel in Künstliche Intelligenz investiert und bietet alles für vernetzte Soldaten oder das elektronisch gesteuerte Kampfgeschehen der Zukunft an.

Thales jedenfalls denkt nicht im Traum daran, Airbus die Führung zu überlassen. Doch statt wie Hoke die Öffentlichkeit zu suchen, äußert sich Thales im Hintergrund, spielt vor allem seine exzellenten Kontakte zur französischen Rüstungsagentur DGA und zur Politik aus. Das zahlt sich aus.

So schrieb Jean-Charles Larsonneur, Abgeordneter der Macron-Partei La République en Marche (LREM) und Berichterstatter des Verteidigungsausschusses, vor wenigen Tagen: „Es ist vereinbart worden, dass Frankreich eine überragende Rolle bei der Führung des FCAS haben wird.“

Genau dies ist nicht vereinbart worden. Dassault hat lediglich die Führung beim Flugzeug, Airbus die bei der bereits in diesem Sommer auf der Luftfahrtmesse ILA präsentierten europäischen Drohne. Die Führung des „Systems der Systeme“, bei Weitem der anspruchsvollste Teil, ist offen.

Thales versucht, die Decke auf seine Seite zu ziehen, mit Argumenten, die sich Larsonneur zu eigen macht: Frankreich habe nicht nur die technische Kompetenz, sondern nur ein französisches Unternehmen könne den nahtlosen Übergang von der aktuellen Generation von Kampfflugzeugen zu einem völlig neuartigen System garantieren.

Außerdem suche man keine Hegemonie – die Deutschen könnten ja deutsche Systeme in ihren Flugzeugen verbauen. Nach dieser Logik allerdings könnte wie in der Vergangenheit jeder sein eigenes Waffensystem entwickeln – doch genau dafür fehlt das Geld. Es wird ein europäisches oder gar kein FCAS geben.

Ministerium mahnt zu Geduld

Nach Aussagen eines Sprechers des Verteidigungsministeriums laufen weiterhin Gespräche über das neue Kampfflugzeugsystem. Man sei noch lange nicht so weit, die Arbeiten zwischen einzelnen Unternehmen aufzuteilen, „die Abstimmung umfasst insbesondere die Koordination der erforderlichen Studie im Jahr 2019, um das Programm zielgerichtet gemeinsam aufzusetzen“, sagte er. In der Studie soll die technische Plattform entwickelt und erst dann festgelegt werden, wer welchen Arbeitsanteil bekommt.

In der deutschen Industrie herrscht die Sorge, dass sich Frankreich bereits einen Anteil von über 80 Prozent sichern will. Das allerdings würde die Bundesregierung nicht akzeptieren, ist in ihren Kreisen zu hören: Denn dann gebe es keine Möglichkeit mehr, neben Airbus das Projekt auch noch für weitere Firmen aus anderen europäischen Ländern zu öffnen.

Bundestagsabgeordnete haben bereits reagiert. Bei einem Besuch des Verteidigungsausschusses bei den französischen Partnern in Paris hat es nach Darstellung des SPD-Verteidigungsexperten Fritz Felgentreu zwei Botschaften gegeben. „Die Botschaft von uns war, dass wir beim FCAS auf eine echte Partnerschaft bestehen. Airbus muss angemessen beteiligt sein, es darf nicht alles an französische Firmen gehen.“

Die Botschaft der Franzosen wiederum sei gewesen: Ohne gemeinsame Exportvorschriften wird es nicht gehen. Man könne kein gemeinsames System entwickeln, dessen Ausfuhr von Deutschland einseitig zu stoppen sei. Die SPD hat dafür Verständnis. „Wir hätten am liebsten eine europäische Rüstungsexportrichtlinie und eine europäische Genehmigungsbehörde“, sagt Felgentreu. Der SPD sei bewusst, dass „diese nicht 1:1 den deutschen

Regeln entsprechen wird.“ Für die Zeit bis dahin könnte sich Felgentreu vorstellen, dass Frankreich exportieren darf, wenn der deutsche Anteil einen vereinbarten Schwellenwert nicht übersteigt.
Vielleicht aber zerbrechen sich die Parlamentarier den Kopf umsonst. Wenn die Politik den Kleinkrieg der Unternehmen nicht bald beendet und ihnen klare Vorgaben für die Entwicklungsstudie macht, dann wird es nie ein FCAS geben.

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