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Samstagsreport Manager trauen sich plötzlich in die Politik – aber warum?

In Hannover will ein ehemaliger VW-Topmanager Oberbürgermeister werden, in Bremen wäre ein Unternehmer fast Bürgermeister geworden – was wollen und was können die Wirtschaftslenker dort erreichen?
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Der IT-Unternehmer geht nach der Sommerpause als Oppositionsführer ins Bremer Parlament. Quelle: DAVID HECKER/EPA-EFE/REX
Carsten Meyer-Heder nach dem Sieg in Bremen

Der IT-Unternehmer geht nach der Sommerpause als Oppositionsführer ins Bremer Parlament.

(Foto: DAVID HECKER/EPA-EFE/REX)

Hannover Es fehlt nur noch, dass Bruce Willis mit der Maschinenpistole um die Ecke kommt – dann wäre die Kulisse perfekt. Wie in einem apokalyptischen Blockbuster schaut das Betongerippe aus, durch das sich Eckhard Scholz gerade führen lässt. Unkraut sprießt durch die Bodenplatten, Putz bröckelt von den mit Graffiti beschmierten Wänden, Bauzäune schützen vor gefährlichen Stellen.

Scholz blickt durch seine randlose Brille an den 22-stöckigen Wohntürmen hoch, schüttelt immer wieder den Kopf, als er die brachen Ladenräume im Untergeschoss sieht. Er rümpft die Nase wegen des Uringestanks. Das Ihme-Zentrum, in den Sechzigern mal als Stadt in der Stadt geplant, ist heute ein Schandfleck für Hannover.

Seit Jahren soll es grundsaniert werden, Dutzende Architekten haben den Bau schon zum hippen Stadtquartier entwickelt – aber nur am Computer. Kürzlich kaufte Finanzinvestor Lars Windhorst den Komplex mit Europas größtem durchgängigen Betonfundament. Doch solange die mehr als 600 Wohneigentümer nicht einstimmig über die neue Nutzung der Gemeinschaftsflächen entscheiden, passiert hier gar nichts.

„Willkommen im wirklichen Leben“, sagt Eckhard Scholz. Der 55-jährige Ingenieur kennt bisher ein ganz anderes. Eines, in dem seine Entscheidungen schnell umgesetzt werden. Eines ohne Ruinen, ohne Uringeruch. Sein gesamtes Berufsleben hat er im VW-Konzern verbracht, viele Jahre im Topmanagement. Er war Entwicklungsvorstand bei Skoda, später Chef von VW Nutzfahrzeuge, dessen Hauptsitz im Hannoveraner Stadtteil Stöcken liegt.

Im September 2018 hörte er bei VW auf. Ende Oktober 2019 tritt er bei der Oberbürgermeisterwahl in Hannover an – einer Stadt, die seit Kriegsende von der SPD regiert wird. Scholz kandidiert für die CDU, tritt aber als Unabhängiger an. Lange galt es als Gesetz, dass sich Unternehmer und Manager von politischen Ämtern lieber fernhalten.

In der Politik wird einfach aus Prinzip etwas gegen die andere Partei gesagt. Carsten Meyer-Heder (CDU-Landeschef in Bremen)

Es gibt zwar auch im Bundestag den einen oder anderen – der ehemalige Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger etwa, der seit 2017 in der FDP-Fraktion sitzt. Aber das Gros der Parlamentarier sind noch immer Beamte, Gewerkschafter und Anwälte. „Der Gedanke, Fraktionsdisziplin üben zu müssen, ist ihnen, den Individualisten und Freiheitsliebhabern, ein Gräuel“, schrieb der Politikwissenschaftler Franz Walter noch 2015.

Warum sollten sich Wirtschaftskapitäne für ein niedrigeres Gehalt von der Presse attackieren, in Gremien aufreiben und auf Parteitagen anschreien lassen? Inzwischen aber liegt Scholz sogar im Trend – dazu muss man nicht mal bis nach Washington schauen, wo ein Immobilienunternehmer das Weiße Haus bewohnt.

Bei der Landtagswahl in Bremen holte der IT-Unternehmer Carsten Meyer-Heder zwar die Mehrheit der Stimmen – geht nun aber als Oppositionsführer in die Bürgerschaft. Im Rostocker Rathaus tritt Anfang September der dänische Unternehmer Claus Ruhe Madsen sein Amt an.

Sogar um den SPD-Vorsitz bewirbt sich seit dieser Woche mit Robert Maier der Chef eines erfolgreichen Start-ups – weil er Angst hat, dass das Land zu weit nach rechts rückt. Und selbst an der vordersten Managerfront gibt es mit Siemens-Chef Joe Kaeser einen Mann, der sich immer wieder politisch äußert – und dem seit geraumer Zeit nachgesagt wird, er strebe ein Amt in der Politik an.

Ist es Geltungsdrang, Idealismus oder die Sehnsucht nach Macht außerhalb von Büroräumen und Werkshallen, was die Bosse zur Politik bringt? Glauben sie, besser regieren zu können als Berufspolitiker? Haben sie damit sogar recht?

Um Geld geht es nicht

Eines ist klar: Um Geld geht es Eckhard Scholz schon mal nicht. Zuletzt soll er als CEO bei VW Nutzfahrzeuge einen niedrigen einstelligen Millionenbetrag im Jahr verdient haben, heißt es in Konzernkreisen. Noch immer bekommt er von seinem alten Arbeitgeber ein Ruhegeld. Er hat seinen Bonus angespart – und lässt ihn sich nun über eine Altersteilzeitregelung auszahlen. Als OB in Hannover würde er rund 11.000 Euro brutto im Monat verdienen, ein Bruchteil des alten Salärs.

Zum Abendessen in der Innenstadt kommt Scholz mit dem Rad, eine Lederjacke über dem Hemd, nur der grüne Skoda-Rucksack erinnert noch an sein altes Leben. Die Bedienung in dem dunklen Kellergewölbe, das einen Pub beheimatet, spricht nur Englisch. Scholz bestellt Bier und Sandwich. „Das kenne ich hier ja noch gar nicht“, sagt er und schaut sich neugierig um.

Scholz lernt die Stadt gerade noch einmal ganz neu kennen. Klar, er hat sich hier auch als Unternehmenschef bewegt, im Schützenverein, im Lions Club, bei den Karnevalisten. Aber er wohnte bislang in Braunschweig. Die beiden Städte verbindet eine ähnlich große Rivalität wie Köln und Düsseldorf, vor allem im Fußball. Entweder man ist 96er oder Fan der Braunschweiger Eintracht.

Scholz ist bekennender 96-Fan, bei jedem zweiten Heimspiel versucht er im Stadion zu sein. Nach seinem Ausscheiden bei VW wurde er ausgerechnet als Präsidentschaftskandidat bei der Eintracht gehandelt, was ihn nun verfolgt. Scholz kann darüber nur den Kopf schütteln. Es sind diese kleinlichen Angriffe, die ein öffentliches Amt mit sich bringen, mit denen er nicht gerechnet hat. „Auch die Verrohung der Sprache hat mich schockiert, vor allem im Internet“, gesteht er ein.

Der frühere Manager von VW will einen „echten Neuanfang“ für Hannover – und den als Oberbürgermeister umsetzen. Quelle: Handelsblatt
Eckhard Scholz

Der frühere Manager von VW will einen „echten Neuanfang“ für Hannover – und den als Oberbürgermeister umsetzen.

(Foto: Handelsblatt)

Kontra zu kriegen, Kritik für Kleinigkeiten, das ist für ihn etwas Neues. Die VW-Sparte, die in Hannover den Transporter (Kosename: Bulli) produziert, hat Scholz von einem Rekordjahr zum nächsten geführt. Der Gewinn hat sich unter seiner Ägide fast vervierfacht, 2018 waren es rund 850 Millionen Euro. Am Ende war Scholz Herr über 22.000 Mitarbeiter. „Es war ein hochemotionaler Abschied, wir alle hatten Tränen in den Augen“, erinnert sich Scholz.

Für die CDU ist der unverbrauchte Kandidat eine große Chance, wenn ihm der Spagat gelingt: Scholz will zum einen die treuen CDU-Wähler mitnehmen und hofft, sie nicht durch das fehlende Parteibuch zu vergraulen. Und er will der SPD Stimmen in der Arbeiterschaft abnehmen. Jeder dritte Job in Hannover hat direkt oder indirekt mit der Automobilbranche zu tun. Vielleicht wählen die Hannoveraner gerade einen, der die örtliche Wirtschaft aus der Nähe kennt.

Die Bremer haben genau das getan – beinahe jedenfalls: Auch bei der dortigen Bürgerschaftswahl setzte die CDU nach Misserfolgen, die bis zum Anfang der Bundesrepublik zurückreichen, auf einen Kandidaten aus der Wirtschaft: Carsten Meyer-Heder, Gründer der Unternehmensgruppe team neusta, überraschte mit einer bunten, frischen Kampagne, wirkte wie der authentische Outsider gegen eine SPD, die sich in den Jahrzehnten an der Regierung abgenutzt hatte.

Meyer-Heder gelang das Unmögliche: Die CDU landete im roten Bremen vor der SPD, Meyer-Heder hätte Chef des Senats werden können. Doch die Grünen entschieden sich für Rot-Rot-Grün statt für Jamaika.

Keine Privatsphäre mehr

„Einen Vorteil hat das Ganze natürlich auch“, sagt Meyer-Heder und schmunzelt in den Telefonhörer. „Als Ministerpräsident könnte ich jetzt nicht drei Wochen Urlaub am Gardasee machen.“ Nach der Sommerpause bleibt er der Politik trotzdem treu. Er ist Landesvorsitzender der CDU, nahm seinen Sitz in der Bürgerschaft an.

Was den 58-Jährigen im Rückblick am meisten überrascht hat, ist die große Öffentlichkeit durch die Kandidatur. „Alle schauen genau darauf, was ich sage und tue und was nicht“, erzählt er. „Ich kann auch nicht mehr so locker in der Kneipe sitzen wie früher.“ Der größte Unterschied beider Welten: Im Unternehmen habe man mal Streit mit den Kunden, aber am Ende finde sich immer eine Lösung. „In der Politik wird einfach aus Prinzip etwas gegen die andere Partei gesagt.“

Er findet, dass der Politikbetrieb ein in sich geschlossenes System ist, und möchte seinen Beitrag leisten, dass sich das ändert. „Ich hoffe, ich konnte andere Quereinsteiger motivieren“, sagt Meyer-Heder. Das Wichtigste ist für ihn die finanzielle Unabhängigkeit. Nur dann könne man auch Positionen beziehen, die sich um die Sache drehen.

Für Eckhard Scholz war die Kandidatur am Ende eine Gefühlsentscheidung, die er zusammen mit seiner Frau getroffen hat. „Hannover verdient es einfach, einen guten Oberbürgermeister zu haben“, immer wieder habe die CDU ihn in den Vorjahren darauf angesprochen.

Auch wenn er zu den genauen Gründen seines VW-Ausstiegs schweigt – man hört, es habe Differenzen mit Konzernchef Herbert Diess gegeben: Scholz wollte mit Mitte 50 noch mal etwas Neues wagen. „Für einen anderen Autokonzern zu arbeiten kam für mich nicht infrage“, sagt der fünffache Vater. Frührente auch nicht. „Nichts zu tun kann ich mir nicht vorstellen.“ Es habe auch branchenfremde Angebote gegeben. Aber die OB-Kandidatur habe ihn am meisten gereizt.

Er spricht immer wieder vom „echten Neuanfang“, den die Stadt braucht. Dabei ist ihm klar, dass das Amt kein Spaziergang ist. „Wenn die Konjunktur nachlässt, ist das kein einfacher Job.“ Rund 80 Prozent des Haushalts sind fixe Kosten, etwa für Sozialleistungen. Scholz will den Blick ändern.

Ich halte am Optimismus fest, etwas verändern zu können. Lencke Steiner (FDP-Fraktionschefin in Bremen)

„Es ist eine einzige Krankheit in Deutschland, dass immer nur ans Geldverteilen gedacht wird und nicht daran, wie das Geld in die Kasse kommt“, findet er. Bei der Wirtschaftsförderung sei viel zu wenig passiert. Auch das Bauamt müsse effizienter werden. Es gebe Dutzende Bauherren, die bereit sind zu bauen und den Wohnungsmarkt entspannen könnten. „Aber denen werden ständig Auflagen als Knüppel zwischen die Beine geworfen.“

Und auch beim Thema Digitalisierung hinke Hannover hinterher. „Ich will einen verantwortlichen Dezernenten dafür“, kündigt er an. Scholz möchte eine andere Kultur ins Rathaus bringen, die Beamten sollen wieder mit Spaß zur Arbeit gehen. Und er fordert mehr Pragmatismus. „Wenn eine Idee gut ist, ist mir egal, von welcher Partei sie kommt.“

Bei Scholz schwingt viel Idealismus mit. Aber auch Naivität. Lencke Steiner weiß, wovon sie spricht. Die Unternehmerin, bekannt aus der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“, sitzt schon seit 2015 für die FDP in die Bremer Bürgerschaft, ist seitdem Fraktionschefin. Ihr ist negativ aufgefallen, dass „am Ende fast immer die Koalitionsdenke Vorrang hat“. Steiner hätte Meyer-Heder gern zum Bürgermeister gewählt.

Die 33-jährige Steiner trat schon mit Anfang 20 in den Betrieb ihrer Eltern ein, vor zehn Jahren übernahm sie die Geschäftsführung bei W-Pack Kunststoffe. „Im Unternehmen gibt es immer Leute, die für bestimmte Projekte den Hut aufhaben und auch die Konsequenzen für Fehler tragen“, betont Steiner. Solche Verantwortlichkeiten würden in der Politik fehlen. „Wenn ein Minister Mist im Haushalt baut, landet das im Rechnungsprüfbericht, aber es gibt keine Sanktionsmöglichkeiten.“

Die Unternehmerin ist seit 2016 Fraktionschefin der FDP im Bremer Landtag. Quelle: DAVID HECKER/EPA-EFE/REX
Lencke Steiner bei der Europawahl

Die Unternehmerin ist seit 2016 Fraktionschefin der FDP im Bremer Landtag.

(Foto: DAVID HECKER/EPA-EFE/REX)

Den Spaß an der Politik hat sie trotzdem nicht verloren. „Ich halte am Optimismus fest, etwas verändern zu können“, erklärt sie. Sie finde es wichtig, dass sich mehr Unternehmer für die Politik entscheiden. „Wir haben einen anderen Blick auf die Dinge, sind vielleicht nicht immer ganz so glatt geschliffen.“ Aber genau das brauche es, damit mehr Diskussionen angestoßen werden und nicht alles in Hinterzimmern besprochen wird.

Im Januar haben Steiner und ihre Familie das Unternehmen verkauft. Was ihr jetzt schon fehlt: mal was Neues auszuprobieren, der innovative Ansatz. „Das kann man in der Politik nicht so einfach, auch wenn ich immer wieder versuche, es in die Politik zu übertragen.“ Künftig wird sie sich auf ihr Mandat konzentrieren – obwohl, so ganz auch nicht.

Sie ist als Speakerin unterwegs, und bald kommt noch ein neues Projekt dazu, das sie noch nicht verrät. „Ich brauche immer was Zusätzliches als Ausgleich“, sagt Steiner. Über Meyer-Heder spricht sie nur positiv. „Sich als Unternehmer für die Politik zu entscheiden, dazu gehört Visionskraft, Durchhaltevermögen, die Fähigkeit, Leute zu motivieren.“ Das habe Meyer-Heder alles mitgebracht. Was sie ihm hoch anrechne: dass er auch in der Opposition weitermache.

In Hannover fährt Eckhard Scholz mit seinem weißen VW-Multivan in Richtung Linden-Nord, ein Stadtteil westlich des Zentrums. Der Wagen hat einen Kühlschrank, eine Küchenzeile, hinten passen die Fahrräder drauf. Zweimal war Scholz damit schon campen, geht auch gern wandern, vor Kurzem ist er den Meraner Höhenweg entlanggekraxelt.

Ohnehin braucht er den Sport als Ausgleich. Ohne Joggen, erzählt er, hätte er sein Managerleben nicht ausgehalten. Er war viel unterwegs, drei Hotelbetten pro Woche waren Standard. Indien, Afrika, Südamerika. „Irgendwann weiß man nicht mehr, wo man den Wecker ausschlagen muss.“

Bürgernähe ist wichtig für Veränderung

Die Kondition wird er nun in Bothfeld-Vahrenheide oder Linden-Limmer brauchen. Akribisch bereitet er sich mit seinem siebenköpfigen Team auf die heiße Wahlkampfphase vor, die Mitte August startet. An diesem Julimorgen flaniert Scholz durch die Limmerstraße, eine der trendigsten Kieze.

Hier reiht sich Kneipe an Restaurant an Café – und Busse und Stadtbahnen düsen mitten durch die Fußgängerzone. Die Geschäftsleute kennen nur ein Thema: den geplanten Hochbahnsteig. Damit auch Rollstuhlfahrer in die Bahn kommen, sollen Plattformen auf die Straße gebaut werden. Dann gäbe es aber weniger Platz für Radfahrer und Fußgänger – und für die abends gut gefüllten Lokalterrassen.

Scholz betritt ein Café, viele Tische gibt es nicht, im Sommer stellen sie einige nach draußen. „Ich weiß nicht, ob es sich für uns lohnt, ohne Terrasse weiterzumachen“, sagt die Frau hinter der Theke. Ihr Vater betreibe den Laden seit 30 Jahren, sie selbst habe eine Tochter zu ernähren.

Scholz ist bedrückt nach dem Besuch. „Warum setzt man den Bahnsteig nicht woandershin?“, fragt er den Tross von sechs CDU-Leuten, die ihn durchs Viertel führen. „Wir müssen da tief genug bohren, dann konkrete Pläne auf den Tisch legen.“ Scholz ist jemand, der alles durchdringen will, bis ins kleinste Detail. Nur dass es jetzt nicht um die Antriebswelle für den T6 geht oder das Octavia-Facelift, sondern um Hochbahnsteige und marode Wohnklötze.

Er fährt in die verschiedenen Viertel, spricht mit Bürgern, Geschäftsleuten, trifft Unternehmer, wirbt um Spenden. Es ist sein großer Vorteil, dass er die lokalen Größen alle schon kennt: Hörgerätefabrikant Martin Kind, Kekshersteller Werner Bahlsen, Drogist Dirk Roßmann. „Ich will einen engen Dialog mit den Unternehmern, ich will wissen, wie die alle ticken“, sagt Scholz.

Seine Tour endet an diesem Tag in Sahlkamp, eins von Hannovers Problemvierteln. Die Quote derer, die Sozialleistungen beziehen, liegt hier bei 50 Prozent, der Anteil der Migranten ist noch höher. Als er an einem Wohnblock vorbeiläuft, spricht ihn ein Mann von der Seite an. „Kann ich Ihnen helfen? Sie laufen hier so interessiert rum.“

Der Mann ist Hausmeister, er kümmert sich seit fünfeinhalb Jahren um die Wohnblocks hier. „Fick Deine Mutter“, sei er schon von den Ausländern beschimpft worden. Auch „Du Nazi!“ habe er schon zu hören bekommen. „Wir sind doch mittlerweile Bürger zweiter Klasse“, sagt der Hausmeister. „So weit würde ich nicht gehen“, entgegnet Scholz. „Ach“, sagt der Mann, „wir haben doch genug Leute hier in Deutschland, die keine Arbeit finden.“

Scholz spürt viel Frust bei den Leuten, Enttäuschung. Über die Politik, über die Einwanderung. „Es gibt zu viele Abgehängte in Deutschland, das muss man ernst nehmen“, sagt er auf dem Rückweg in die Innenstadt. Er war viel unterwegs in seinem Managerleben, hat viel Armut gesehen. „Uns geht es hier so gut“, findet Scholz. „Aber das kommt bei den Leuten nicht an.“

Er ist mit Herzblut dabei, das merkt man. Komplett fokussiert darauf, acht Jahre ins Rathaus zu ziehen. Hat er einen Plan B? „Nein, über Alternativen nachzudenken würde mich nur ablenken“, meint Scholz. Er fühlt sich frei, unabhängig. Bei seinem großen Netzwerk wäre er wohl ohnehin nicht lange arbeitslos.

Mehr: Noch bis zum 1. September können sich SPD-Mitglieder um den Vorsitz der Partei bewerben. Mit Robert Maier hat nun auch ein Vertreter der Wirtschaft seine Kandidatur angekündigt.

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