Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Saskia Esken im Interview SPD-Vorsitzende zu Schulstart: „Ich bin sehr skeptisch mit Blick auf das Ansteckungsrisiko“

Esken warnt davor, den Schulunterricht nach den Sommerferien wieder normal laufen zu lassen. Das Beispiel Israel zeige, dass auch Schulen zu Infektionsherden werden können.
13.07.2020 - 04:07 Uhr Kommentieren
Obwohl ihre Partei im Umfragetief steckt, bleibt die SPD-Chefin optimistisch. Quelle: dpa
SPD-Vorsitzende Saskia Esken

Obwohl ihre Partei im Umfragetief steckt, bleibt die SPD-Chefin optimistisch.

(Foto: dpa)

Berlin Mit den Problemen an Deutschlands Schulen beschäftigt sich Saskia Esken schon lange. 2012 wurde sie stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende in Baden-Württemberg. Als sie ein Jahr später in den Bundestag einzog, engagierte sich die heutige SPD-Co-Vorsitzende in der Bildungs- und Digitalpolitik.

In der Coronakrise stehen Eskens Themen nun im Fokus wie nie zuvor: Homeschooling, digitale Bildung, die Schließung von Kitas und Schulen sowie deren schrittweise Wiedereröffnung stellen das Bildungssystem vor ungeahnte Herausforderungen.

Im Gespräch mit dem Handelsblatt soll es deshalb vor allem um ein Thema gehen: Wie geht es an Deutschlands Schulen in Zeiten von Corona weiter? Esken warnt davor, davon auszugehen, dass der Schulbetrieb nach der Sommerpause wieder völlig normal laufen werde.

Manche Studien zeigen zwar, dass Kinder vielleicht nicht zu den großen Viren-Überträgern gehören, wie anfangs befürchtet wurde. Esken überzeugt das aber noch nicht: „Ich bin sehr skeptisch mit Blick auf das Ansteckungsrisiko, denn die vorliegenden Studien geben uns keine Sicherheit, dass die Gefahr unter Kindern und Jugendlichen zu vernachlässigen ist.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Das Beispiel Israel zeige, dass normaler Schulunterricht maßgeblich zu einer zweiten Pandemie-Welle beitragen kann, so Esken. „Auch bei uns sind neue Hotspots vor allem dort entstanden, wo Menschen in geschlossenen Räumen nah beieinander sind.“ Mittlerweile würden auch in Deutschland einzelne Schulen für 14 Tage in Quarantäne geschickt, weil bei einer Infektion nicht klar abgegrenzt werden kann, wer mit wem Kontakt hatte.

    Mehr Kompetenzen für Schulen

    „Jetzt im nächsten Schuljahr auf das Abstandsgebot in den Schulen zu verzichten ist daher aus meiner Sicht mit einem Risiko verbunden“, sagt Esken. Auf jeden Fall müsse vermieden werden, dass Schüler nach den Ferien wieder in vollgestopften Schulbussen unterwegs seien und täglich mit Hunderten anderer Schüler und zig Lehrkräften zusammenkommen, weil alle gleichzeitig Pause machten.

    Esken fordert die Kultusminister daher auf, Konzepte zu entwickeln, die die Ansteckungsrisiken minimieren. Die Politik sollte dabei mehr den Schulrektoren vertrauen. Viele Schulen hätten in den vergangenen Wochen Konzepte für kontaktreduzierenden Unterricht entwickelt – „und waren dann sehr überrascht, als sie erfuhren, dass die Politik diese gar nicht für nötig hält“, so Esken. „Es wäre sehr bedauerlich, wenn diese vielen guten Ideen jetzt zu den Akten gelegt werden.“

    Die 58-Jährige plädiert dafür, aus der Not eine Tugend zu machen und künftig mehr Projektunterricht zu organisieren, so wie er etwa in Finnland praktiziert wird. Schüler könnten etwa über ein, zwei Wochen ein physikalisches Problem bearbeiten – mit einem oder maximal zwei Lehrern, anstatt alle ein, zwei Stunden den Lehrer und womöglich auch noch die Gruppe zu wechseln. Esken: „Das stärkt das Interesse und die Problemlösungsfähigkeit der Schüler – und reduziert ganz nebenbei auch die Anzahl der Kontakte und damit das Ansteckungsrisiko massiv.“

    Eine hohe Verantwortung kommt bei alldem den Lehrern zu. Sie stehen in der Coronakrise teils in der Kritik, tatenlos zu Hause zu bleiben. Esken warnt davor, alle Lehrer über einen Kamm zu scheren. Viele Lehrkräfte hätten die Schüler von Anfang an sehr gut digital versorgt. „Wenn sich einzelne aber ein, zwei Wochen gar nicht bei den Kindern melden, dann kann das schon verbittern“, so Esken. Sie verstehe „die Verzweiflung der Eltern und auch den daraus entstehenden Zorn“. Familien hätten sich in ihrer Doppel- und Dreifachbelastung im Corona-Lockdown sehr alleingelassen gefühlt.

    Lehrer müssen Verantwortung gerecht werden

    Wie viele andere Berufsgruppen mussten auch Lehrkräfte in dieser Ausnahmesituation besondere Einsatzbereitschaft, Kreativität und Mut aufbringen. „Natürlich ist nicht jeder und jede fit im Einsatz digitaler Medien. Eltern dürfen aber schon erwarten, dass alle Lehrkräfte ihrer Verantwortung gerecht werden“, so Esken.

    Dies gelte auch für ältere Lehrer, die zur Risikogruppe gehören und aus Angst vor Ansteckung den Klassenraum verständlicherweise meiden. Ältere Lehrer könnten aber in der Entwicklung und Betreuung von Lernangeboten im Homeschooling eingesetzt werden. „Dass ältere Lehrer per se weniger technikaffin sind, halte ich für ein Vorurteil“, sagt Esken. Neugierde und Veränderungsbereitschaft seien nicht an eine bestimmte Altersgruppe gebunden.

    Zum Start der Bundestags-Sommerpause blickt Esken, die im Dezember 2019 zur neuen Parteivorsitzenden gewählt wurde, auf turbulente erste Amtsmonate zurück. Gemeinsam mit ihrem Co-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans sei ihr einiges von dem gelungen, wofür sie angetreten sei: „Wir haben die Zusammenarbeit in der SPD und in der Koalition schon ein Stück weit verändert und sind auch bei den Inhalten vorangekommen.“

    Bei manchen Themen habe auch Corona Türen geöffnet. So gebe es eine höhere Bereitschaft zu Investitionen, mehr Dreh in der Digitalisierung und eine beherztere Politik gegen den Klimawandel. „Und auch bei der Grundrente haben wir den Knoten endlich durchgeschlagen. Das ist ein großer Erfolg.“

    Verlorene Glaubwürdigkeit

    In Umfragen zahlt sich das bislang nicht aus. Während die Union in der Coronakrise auf fast 40 Prozent davongezogen ist, steckt die SPD bei 15 Prozent fest. Esken mahnt zur Geduld. Ihre Partei habe über die Jahre einen Glaubwürdigkeitsverlust aufgestaut. Menschen setzten hohe Erwartungen in die SPD, „viel zu oft getrübt von der Frage: ,Knickt ihr am Ende doch ein?‘ Diesen Glaubwürdigkeitsverlust zu überwinden dauert seine Zeit.“

    Auch wenn die Koalition in der Coronakrise hohe Zustimmungswerte erhält, strebt Esken keine Wiederauflage an. „Die Große Koalition sollte immer die Ausnahme bleiben, denn sie schadet der Demokratie. Wir streben ein progressives Bündnis unter Führung der SPD an.“ Also unter einem SPD-Kanzler. Welche Eigenschaften dieser mitbringen muss, hat Esken für sich definiert. „Ein Kanzlerkandidat muss Regierungsfähigkeit und Zuverlässigkeit ausstrahlen und eine Vision für die Entwicklung einer Gesellschaft haben, die glaubhaft sozialdemokratisch ist und Zuversicht schafft.“

    „Zuversicht schaffen“, „Zuverlässigkeit“, „Regierungsfähigkeit“ – das sind Attribute, die sich vor allem ein SPD-Spitzenpolitiker gern zuschreibt: Olaf Scholz. Für viele Genossen ist der Finanzminister inzwischen die erste Wahl für die Kanzlerkandidatur. Dies bringt Esken und Walter-Borjans in eine Zwickmühle. Sie hatten für die SPD-Parteispitze kandidiert, um dem Partei-Establishment etwas entgegenzusetzen – für das niemand so sehr steht wie Scholz. Und gegen den Esken und Walter-Borjans die Stichwahl letzten Endes ja auch gewannen.

    Es könnte daher als Zeichen der Schwäche gewertet werden, wenn die Parteispitze ausgerechnet Scholz zum Kanzlerkandidaten kürt. Esken sähe darin kein Problem. „Bei der Frage, wer für eine erfolgreiche Kanzlerkandidatur geeignet sein könnte, kommt es uns nicht darauf an, ob wir mit unserer Entscheidung irgendwelchen Zuschreibungen genügen“, sagt sie. „Es kommt darauf an, dass wir gemeinsam kämpfen und gewinnen können.“

    Mehr: Die SPD-Vorsitzenden sind zufrieden mit der GroKo, betonen aber die Unterschiede zur Union.

    Startseite
    Mehr zu: Saskia Esken im Interview - SPD-Vorsitzende zu Schulstart: „Ich bin sehr skeptisch mit Blick auf das Ansteckungsrisiko“
    0 Kommentare zu "Saskia Esken im Interview: SPD-Vorsitzende zu Schulstart: „Ich bin sehr skeptisch mit Blick auf das Ansteckungsrisiko“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%