Schuldenkrise Spekulieren mit der Krise – ein Selbstversuch

Warum sich immer nur Sorgen machen, warum nicht einfach mal selbst munter mitspekulieren? Harald Schumann hat den Selbstversuch gewagt und genau verfolgt, wie sich aus der Krise Profit schlagen lässt.
  • Harald Schumann
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Börsenhändler in Frankfurt: Die Krise muss gar nicht so schlimm sein. Vorausgesetzt, man spekuliert mit. Quelle: dapd

Börsenhändler in Frankfurt: Die Krise muss gar nicht so schlimm sein. Vorausgesetzt, man spekuliert mit.

(Foto: dapd)

Berlin1. Unbedachte Worte

Zuweilen verraten ein paar unbedacht gesprochene Worte mehr als alle klugen Reden. Ein solches Kunststück gelang Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vorvergangene Woche in der Debatte über die Kontrollrechte des Bundestages bei der Bekämpfung der Euro-Krise Natürlich dürfe das Haushaltsrecht des Parlaments nicht beschnitten werden, versicherte Schäuble. Aber „bei der Ausgestaltung der parlamentarischen Entscheidungen“, so mahnte er, sei darauf zu achten, „dass wir spekulative Prozesse nicht anheizen“.

Diese Warnung war ebenso berechtigt wie unverschämt. Gewiss, Anleger könnten gut daran verdienen, wenn sie über eine angesetzte parlamentarische Beratung vorab von Interventionen des Stabilisierungsfonds (EFSF) erfahren würden, etwa wenn der Kauf von Anleihen eines Krisenlandes geplant ist. Sie müssten nur schnell selbst die jeweiligen Wertpapiere kaufen und anschließend darauf warten, dass die Euro-Retter mit ihren Käufen die Kurse nach oben treiben. Gleichwohl war Schäubles Einlassung tolldreist und verriet, dass er sein Publikum für dumm hält.

Denn er und seine Kollegen aus den übrigen Euro-Staaten veranstalten fortwährend genau das, wovor er die Verteidiger der Rechte des Bundestages warnt: Ihre kurzsichtige und von den Interessen der Finanzindustrie gesteuerte Politik hat den Markt für Staatsanleihen der Euro-Länder in eine wahre Bonanza für Spekulanten verwandelt. Seit nun schon anderthalb Jahren können da kapitalkräftige Anleger und Fondsmanager nach wiederkehrendem Muster mit ein paar Mausklicks auf Kosten von Sparern und Steuerzahlern gigantische Gewinne kassieren – und das ohne jedes Risiko.

Tagebucheintrag: Montag, 3. Mai 2010

Sie wollen es wieder tun. Am Wochenende hat das Bundeskabinett die deutsche Beteiligung am geplanten Kreditpaket für Griechenland beschlossen. Damit ist klar: Ein Jahr, nachdem schon die Gläubiger der deutschen Krisenbanken mit an die 100 Milliarden Euro aus Steuergeld freigekauft wurden, müssen nun auch die Anleger in griechische Staatsanleihen für ihre Fehlinvestitionen nicht haften. Das ist nichts anderes als Sozialismus für Reiche, und es macht mich wütend. Seit Jahren predigen Konzernfürsten und ihre Wasserträger in Regierungsämtern dem Volk die Regeln der Marktwirtschaft, um Lohnsenkungen für Arbeitnehmer und Steuersenkungen für Kapitalbesitzer zu rechtfertigen.

Doch jetzt, da es um Banken und ihre vermögenden Kunden geht, zählen die Regeln des Marktes nicht mehr. Für die zweite Bankenrettung binnen eines Jahres will ich aber nicht mehr bezahlen. Und siehe da, nichts ist einfacher als das. Das auf Druck der Banken und Versicherungen konzipierte Gläubigerschutzprogramm stellt sicher, dass die griechische Regierung alle bis 2011 fälligen Schulden bedienen kann. Darum sind nun Griechenland-Anleihen, die schon bald zur Rückzahlung anstehen, genauso sicher wie Bundesanleihen. Aber das schlägt sich in den Kursen zunächst nicht nieder. Noch immer werden die entsprechenden Papiere für weniger als 90 Prozent ihres Nennwerts gehandelt.

Vermutlich müssen viele Vermögensverwalter trotz der von Merkel und ihren Euro-Kollegen ausgesprochenen Garantien verkaufen, weil die Ratingagenturen die Griechen-Anleihen auf Ramschniveau herabgestuft haben und ihre internen Regeln ihnen das Halten solcher Papiere verbieten. Meine Wahl fällt daher auf die fünfjährige griechische Anleihe mit der Wertpapierkennnummer A0GSUC, die 2006 zum Zinssatz von 3,9 Prozent aufgelegt wurde. Jetzt ist sie für 88,25 Prozent ihres Nennwerts zu haben, obwohl sie schon am 20. August 2011 – von den Euro-Ländern garantiert – zu 100 Prozent zurückgezahlt wird. Da kann der Kurs nur steigen.

Es bietet sich eine „one-way-bet“, wie es die professionellen Händler nennen. Darum kaufe ich über ein kostenloses Depot bei meiner Online-Bank zum Preis von 8825 Euro griechische Schulden, die in gut einem Jahr garantiert 10 000 Euro bringen werden, plus 3,9 Prozent Zins. Jetzt bin ich auch ein Gläubiger des griechischen Staates und damit endlich auf die Gewinnerseite gewechselt. Die Bundesregierung bürgt für meinen Gewinn.

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14 Kommentare zu "Schuldenkrise: Spekulieren mit der Krise – ein Selbstversuch"

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  • .
    "die so sicher sind wie Bundesanleihen, aber drei mal so viel Ertrag bringen"

    Was fühl ich mich so sicher in Deutschland !!!!!?
    .


  • Die staatlichen Manöver bereits 2008 anläßlich der Bankenkrisen und dann wieder 2010 bis heute anläßlich von Staatenkrisen haben ja gezeigt, daß damit keine Probleme wirklich gelöst wurden. Es wurden lediglich vorhandene Schulden neu verteilt und neue Schulden zusätzlich geschaffen.

    Die eigentlichen Krisenverursacher kamen und kommen gut dabei weg, Kapitaleigner können gut daran verdienen und die Risiken werden am Ende 'schön' gleichmäßig auch auf völlig Unbeteiligte übertragen.

  • Irgendwie fehlt mir hier wie in Facebook der "gefällt mir" Button... ^^


  • >>"There ain't no such thing as a free lunch"<<

  • Haha, sehr netter Artikel.
    Habe mich gut amüsiert :)
    Aber ich würde aufpassen bei solchen Artikeln. Ich weiß zwar, dass das Handelsblatt an ein eher wirtschaftlich gebildetes Klientel gerichtet ist, aber wenn das jemand liest, der keine/wenig Ahnung von Wirtschaft hat, könnte er noch denken, dass er ernst gemeint ist...

  • Ausgezeichneter Artikel der sich wohltuend von dem übrigen Europa-Gesülze abhebt.

    Ein Möchtegern elderly Statesman meint man müsse eine neue Geschichte erzählen und einen großen Bogen spannen. Dabei ist die Geschichte erschreckend profan.
    Es geht in Europa nur um drei Dinge:
    um Macht,
    um die Hoffnung, ein Denkmal gesetzt zu bekommen und
    um Geld.
    Wer etwas anderes glaubt, dem ist nicht zu helfen, der ist ein hoffnungsloser Phantast.

    Die Wahrnehmung, die man des Öfteren liest, nämlich dass die Gelder in einem schwarzen Loch verschwinden, ist definitiv falsch. Es ist eher so wie in dem bekannten Börsen-Bonmot:
    „Das Geld ist nicht weg, es hat nur ein anderer“.
    Es finden also letztlich nur Kontenbewegungen statt. Bevor die Steuergelder allerdings wieder bei Banken und Versicherungen aufschlagen werden sie noch in einen Sieb geschüttet, damit ein Staat der Pleite ist, Bezüge von Rentnern und Staatsbediensteten auszahlen kann.

    Was das noch mit den schönen Europa-Visionen eines Alfred Grosser zu tun hat?
    Gar nichts. Leider.

  • Wie sagte Warren Buffet so schön: "There’s class warfare, all right, but it’s my class, the rich class, that’s making war …."

  • .
    Lasst euch mit dem stärker werdenden Dollar wie eine Quietscheente in der Badewanne nach oben heben. Denn nur mit einem stärker werdenden Dollar kann man der amerikanischen Bevölkerung helfen.
    Wann der Stöpsel gezogen wird und der Dollar mal wieder ein Stück mehr seiner Substanz dahin verliert, wo er ihn immer hin verliert, muß aber jeder für sich selbst entscheiden.
    .

  • @jommi

    "daytrader, auch du kriegst noch deine quittung präsentiert."

    -> Keine Sorge, die hat er bereits präsentiert bekommen. Anfangs August lag er nahezu jeden Tag falsch. Dann hat er Commerzbank zu früh gekauft und hält an Gold fest. Er macht längst nicht mehr die Profite wie noch zu Beginn seiner Beiträge. Irgendwann gehören auch seine Kommentare der Vergangenheit an.

  • Nein, er wird sie eben nicht bekommen, wenn er schnell genug realisiert! Das ist ohne weiteres möglich, weil die Politik dies an den Fäden der big player will. Dass da ein paar Tropfen an solche möchtegern Gambler verschüttet werden ist im großen Spiel absolut unerheblich.
    Das Problem vieler Intellektueller ist, dass sie zu kompliziert denken und deshalb sich gar nicht vorstellen können, dass es soooo einfach sein kann, aus einer Krise Profit zu schlagen.
    Aber die Fakten beweisen, nur in solchen Krisen werden Vermögen geschaffen. Nur...., es wird immer schwieriger, weil zwischenzeitlich unendliches Kapital eingesetzt werden muss um das zu realisieren und dieses Kapital wurde von eineigen wenigen Figuren eingesammelt und kann nun nach Belieben die sog. Märkte, die keine mehr sind, jonglieren!

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