Serie Agenda 2020 Deutschland vor der Demografiefalle – diese Probleme muss die Rentenkommission lösen

Die alternde Bevölkerung stellt den Sozialstaat vor große Herausforderungen. Nur mit mutigen Reformen wird das Rentenversprechen finanzierbar bleiben.
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Im deutschen Rentensystem muss dringend etwas passieren. Quelle: Imago/Westend61
Großvater und Enkel

Im deutschen Rentensystem muss dringend etwas passieren.

(Foto: Imago/Westend61)

BerlinDie von der Großen Koalition eingesetzte Rentenkommission hat ihren enormen Auftrag, Wege für eine nachhaltige Reform der Alterssicherung in Deutschland zu finden, auf fünf Fragen heruntergebrochen. Nach dem Start im Juni verschickte das Gremium den Katalog mit der Bitte um Stellungnahme an Parteien und Verbände. Es geht um Generationengerechtigkeit, den Lebensstandard im Alter, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Rente der Zukunft.

Die Bandbreite der Antworten, die auf der Website der Kommission nachgelesen werden können, reicht von der Arbeiterwohlfahrt bis zum Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Jede Interessengruppe hat ihre eigenen Vorstellungen von der zukünftigen Altersvorsorge in der Bundesrepublik.

Einig sind sich die Befragten aber darin, dass etwas passieren muss. Ab Mitte des kommenden Jahrzehnts werden nach und nach die geburtenstarken Jahrgänge der sogenannten Babyboomer aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Zusammen mit der steigenden Lebenserwartung führt dies dazu, dass immer mehr Ruheständler immer weniger Erwerbstätigen gegenüberstehen.

Während 2015 auf 100 Menschen im erwerbstätigen Alter 35 Rentner kamen, werden es nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2035 schon 47 Rentner sein. Deutschland ergraut.

In einem Sozialsystem, das maßgeblich auf das Umlageprinzip setzt, stellt diese Entwicklung ein erhebliches finanzielles Risiko dar. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung kam kürzlich zu dem Schluss, dass die Sozialbeiträge ohne politische Reformen bis 2040 von heute 40 auf fast 50 Prozent des Bruttolohns steigen – und das Staatsdefizit auf sechs Prozent im Jahr klettern könnte.

Auch wenn derartige Berechnungen von Kritikern gerne als „Horrorszenarien“ dargestellt werden, lässt sich die absehbare Finanzierungslücke durch den demografischen Wandel kaum bestreiten. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kennt den großen Handlungsbedarf – trotz der jüngsten Rentengeschenke ihrer Regierung. Die langfristige Sicherung der Rente „wird vielleicht eines der schwierigsten Werkstücke dieser Legislaturperiode“, sagte sie im Mai in Berlin.

Zuwanderung kann die Alterung der Gesellschaft verlangsamen. Die Neuankömmlinge der vergangenen Jahre schlagen sich bereits in den Prognosen nieder. „Die hohe Nettozuwanderung insbesondere jüngerer Menschen wird voraussichtlich dazu führen, dass die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bis Mitte der 2030er-Jahre in deutlich geringerem Maße zurückgeht als bislang erwartet“, schlussfolgerte die Bundesregierung im letzten Demografiebericht.

Entscheidend wird aber sein, ob Flüchtlinge mit Bleibeperspektive in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Die Große Koalition plant dafür auch ein Fachkräftezuwanderungsgesetz, bis Ende des Jahres soll sich das Kabinett damit befassen.

Ein weiterer Schlüssel zur Stärkung der gesetzlichen Rente ist, die Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung weiter zu erhöhen. Nicht zuletzt kann eine durchgängige Erwerbsbiografie mit den angesammelten Rentenansprüchen Schutz vor Altersarmut bieten.

„Es geht um die vielen Frauen, die in Teilzeit arbeiten, genauso wie um die Menschen, die im Zuge des digitalen Wandels ganz neuen Formen der Beschäftigung nachgehen und neue Schutzbedürfnisse haben“, sagte etwa die SPD-Sozialexpertin Katja Mast, die für ihre Partei in der Rentenkommission sitzt.

Längeres Erwerbsleben

Vor allem müssen ältere Arbeitskräfte länger im Erwerbsleben gehalten werden. Hier befindet sich Deutschland nach Einschätzung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf einem guten Weg. Seit der Jahrtausendwende sei die Quote der erwerbstätigen 55- bis 64-Jährigen um gut 30 Prozentpunkte angestiegen.

„Ein längerer Verbleib im Erwerbsleben kann dazu beitragen, die finanzielle Tragfähigkeit des Rentensystems und die Angemessenheit der Alterseinkommen zu verbessern“, macht die OECD deutlich.

Daneben muss die Debatte um eine weitere Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters geführt werden, das nach derzeitiger Rechtslage bis Ende des kommenden Jahrzehnts auf 67 Jahre steigt. „Wir werden im Durchschnitt länger arbeiten müssen, weil wir sehen, dass die Lebenserwartung steigt“, sagte Junge-Union-Chef Paul Ziemiak kürzlich dem Handelsblatt. „Wenn wir wollen, dass die Menschen vernünftig von ihrer Rente leben können, müssen wir dafür sorgen, dass sie auch durchschnittlich länger einzahlen.“

Am Ende wird es allerdings nicht reichen, nur an den Stellschrauben der umlagefinanzierten gesetzlichen Rente zu drehen. Im internationalen Vergleich gelten vor allem Systeme der Alterssicherung als nachhaltig, die eine starke kapitalgedeckte Komponente haben. Vorbilder sind Länder wie Schweden oder die Niederlande, die ihren Ruheständlern überdies noch ein besseres Rentenniveau als in Deutschland bieten.

Für die Bundesrepublik bedeutet das, dass die betriebliche und die private Rentensäule ausgebaut werden müssen. „Es ist richtig, zu diversifizieren und nicht alles in die umlagefinanzierte Rente zu stecken“, meint die Leiterin der Abteilung Sozialpolitik bei der OECD, Monika Queisser. Sonst schnappt die Demografiefalle zu.

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  • Die gesetzliche Rentenversicherung zahlt jedes Jahr 15 - 20 Mrd Euro an Versicherungsfremden Leistungen.
    Die RV ist eine Sozialversicherung die Sozialleitungen an Mütter, Sozial Schwache, usw. zahlt. Der Staatsbeitrag deckt diese Ausgaben nur teilweise ab, daher auch die hohen Versicherungsfremden Leistungen.
    Eine Rentenversicherung ob staatlich oder privat kann nur langfristig funktionieren wenn es gelingt diese vor dem Zugriff der Politik zu schützen. Was nicht funktioniert ist weiterhin zwangsweise hohe Pflichtbeiträge in die RV abzuführen und privat vorzusorgen, die meisten haben kein Geld mehr für eine private RV. Betriebsrenten können sich nur große Unternehmen leisten, wobei es bei den Leistungen des Unternehmens es sich um vorenthaltenen Lohn handelt. Es ist einfach so, dass jeder Arbeitsplatz mehr erwirtschaften muß als seine Kosten.
    Betriebsrenten führen heute schon zu der grotesken Situation dass Rentner aus Großkonzerne eine satte Zusatzrente auf Steuerzahlers kosten haben, aber die restlichen 80% Rentner mit einer mageren Rente leben müssen.
    Norwegen macht es mit seinem Staatsfond vor wie eine Rentenversicherung funktionieren könnte. Nur unsere Politiker wollen weiter die RV mißbrauchen und das ginge dann nicht mehr. Hier sieht man wo unser Hauptproblem liegt.

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