Serie Agenda 2020 Die Deutschen zieht es in die Großstädte – mit drastischen Folgen für ländliche Regionen

Deutschlands Städte boomen, während viele ländliche Regionen veröden. Den einstigen Kraftzentren des Landes geht die Puste aus. Kommunen fordern ein Handeln.
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Verstopfte Stadt, verödetes Land: Viele ländliche Regionen sind zu unattraktiv. Darunter leiden auch Einzelhandel und Diesntleister. Quelle: imago/BildFunkMV
Verlassene Gewerberäume

Verstopfte Stadt, verödetes Land: Viele ländliche Regionen sind zu unattraktiv. Darunter leiden auch Einzelhandel und Diesntleister.

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BerlinGeschlossene Kindergärten und Schulen, kein Arzt, kein Bäcker, kein Bus, kaum Internet. Burkhard Lischka, innenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, redete sich in Rage. „In meiner Heimat, in Sachsen-Anhalt, liegt ein solcher Ort namens Schraplau“, sagte er im Bundestag und forderte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) auf, sich endlich um das Thema Heimat zu kümmern.

1.000 Einwohner, aber kein Zahnarzt, kein Blumen- oder Lebensmittelhändler.

Boomende Großstädte auf der einen, abgehängte Abwanderungsregionen auf der anderen Seite. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land werden immer größer. Während in Ballungsräumen Kauf- und Mietkosten für Wohnungen steigen und Menschen für eine Bleibe Schlange stehen, stehen in ländlichen Regionen viele Häuser leer.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln fordert die Politik auf, „klüger zu bauen“. In den Städten werde zu wenig gebaut, auf dem Land zu viel, trotz Abwanderungsbewegungen. IW-Immobilienökonom Ralph Henger warnt Kommunen in schrumpfenden Regionen davor, Bauland zu Dumpingpreisen zu verkaufen, um mehr Firmen und Einwohner zu gewinnen.

Flächen sollten restriktiver ausgewiesen werden, auch um eine Zersiedelung zu vermeiden, hieß es auf einem vom IW organisierten Kongress zu „Zukunftschancen und demografischem Kollaps“ in ländlichen Regionen.

Während es für die Städte von morgen darum geht, Verkehrschaos zu vermeiden und grüne Oasen zu schaffen, besteht auf dem Land die Herausforderung darin, die Infrastruktur für zentrale Lebensbereiche wie die medizinische Versorgung, Supermärkte, Mobilität und Bildung nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern zu verbessern.

„Langsames Internet wird zum Turbo für die Landflucht“, mahnt Axel Gedaschko, Präsident des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft GdW, seit Langem. Doch erst nach der Bundestagswahl hat die Politik die strukturschwachen Regionen wiederentdeckt.

Eine Heimatabteilung im Bundesinnenministerium von Horst Seehofer (CSU) soll dafür sorgen, dass die im Grundgesetz verankerte Verpflichtung, deutschlandweit für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen, besser als bisher umgesetzt wird.

Kurz vor der Sommerpause beschloss das Kabinett eine Kommission, die bis Herbst 2020 konkrete Vorschläge vorlegen soll, wie Stadt und Land in Einklang gebracht werden können. „Investitionen in die ländlichen Räume sind Investitionen in die Zukunft von ganz Deutschland“, erklärt Gitta Connemann, Vizechefin der Unionsfraktion im Bundestag. „Nur wenn ländliche Regionen attraktiv bleiben oder werden, wird Landflucht und damit der Zuzug in die Großstädte gestoppt.“

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sieht ländliche Räume als „die Kraftzentren unseres Landes“. Doch vielen dieser Kraftzentren ist die Puste ausgegangen. Kleinstädte verlieren dramatisch an Einwohnern.

Der Soziologe Rolf G. Heinze von der Ruhr-Universität Bochum warnt jedoch vor Verallgemeinerung. „Im ländlichen Raum wachsen soziale, ökonomische und kulturelle Ungleichheiten“, sagt Heinze. „Ländliche Räume werden einander immer unähnlicher.“ Manchmal befänden sich wachsende und schrumpfende Orte nebeneinander. Das gelte im Übrigen gleichermaßen für Städte: Auch in schrumpfenden oder durch hohe Arbeitslosigkeit betroffenen Kommunen gebe es neben abgehängten Quartieren attraktive Gebiete.

Programm „Jung kauft Alt“

Wie es funktionieren kann, zeigt die ostwestfälische Gemeinde Hiddenhausen mit ihren sechs Ortsteilen und 20.000 Einwohnern. Was tun, wenn Familien lieber am Dorfrand wohnen und der Ortskern verwaist? Diese Frage stellte sich Bürgermeister Ulrich Rolfsmeyer und ersann das mittlerweile vielfach prämierte Förderprogramm „Jung kauft Alt“, um gegen drohenden Leerstand vorzugehen.

Seit zehn Jahren erhalten Singles, Paare oder Familien beim Erwerb einer mindestens 25 Jahre alten Immobilie in der Dorfmitte Zuschüsse und für jedes Kind einen Bonus. Die Förderung liegt bei maximal 9.000 Euro, verteilt auf sechs Jahre. Zusätzlich lässt die Gemeinde bis zu 1.500 Euro für die Erstellung eines Altbaugutachtens springen, um Käufer vor teuren Überraschungen bei der Sanierung zu schützen.

Der Plan ging auf. Seit 2007 wurde der Verkauf von 500 Häusern gefördert. Neubaugebiete werden seit 2011 nicht mehr ausgewiesen. „Wir können die Demografie nicht aufhalten“, sagt Alexander Graf, im Rathaus zuständig für die Entwicklung der Gemeinde. „Aber wir schrumpfen nicht so stark, wie man es prognostiziert hat.“

Beispiele wie diese sorgen dafür, dass ländliche Räume attraktiv bleiben. Soziologe Heinze rät Kommunen, stärker zusammenzuarbeiten und in zentralen Orten sogenannte Ankerpunkte aufzubauen, um Wohnumfeld und Lebensqualität der Bevölkerung zu verbessern. Damit sind multifunktionale Dorfläden gemeint, in denen unterschiedliche Dienstleistungen gebündelt werden – vom Lebensmittelhandel über Post, Reinigung, Kfz-Zulassungen, Handwerkerdienste bis hin zu Gesundheitsangeboten.

Reiner Nagel, Vorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, fordert, den Fokus auf sogenannte Ankerstädte zu legen, stabile Mittelstädte mit Signal- und Ausstrahlwirkung auf ihr Umland. „Wir brauchen nicht weniger als einen nationalen Plan: eine neue Raumordnung, Steuer- und Förderpolitik, Infrastrukturentwicklung und digitale Anwendungen auf Basis eines schnellen Internets“, sagte GdW-Präsident Gedaschko.

Es sei eine Mär, dass es alle Menschen nur in die großen Städte ziehe: Viele wandern seit etwa zwei Jahren schon wieder raus aus den Städten, beobachtet auch IW-Experte Henger, weil es nicht nur zu wenig Wohnungen gibt, sondern die wenigen auch viel zu teuer sind.

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  • Manchmal verstehe ich die Menschen nicht, die in die Großstädte ziehen,dort horrende Mieten zahlen und von Verkehrslärm und Verkehrsinfarkt bedroht sind. Um vieles einfacher, billiger und mit mehr Lebensqualität verbunden ist das Leben in den Randgebieten der grossen Städte, wenngleich die Mieten auch hier inzwischen teilweise drastisch steigen. Ich nehme das Beispiel Köln; eine 100 m2 Wohnung kostet hier je nach Lage zwischen 1200 und 2000 Euro kalt; ca. 25 km von der Kölner Innenstadt entfernt im westlichen Umland bekommt man für dieses Geld ein Einfamilienhaus zur Miete oder auch zum Kauf. In 15 Minuten ist man per Bahn am Kölner Dom; die Autobahnanbindung ist gut und es gibt sämtliche sonstigen Angebote, die das Leben in der Großstadt angeblich angenehmer machen auch hier. Warum also Großstadt, wenn sich auch in den Großstadtnahen Gebieten bestens leben lässt ?

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