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Von links: Stephan Weil, Franziska Giffey und Heiko Maas.

Nach dem Rücktritt von Andrea Nahles suchen die Sozialdemokraten eine neue Person für den SPD-Vorsitz.

(Foto: imago/dpa Kai Nietfeld/imago [M])

Sozialdemokraten Wer übernimmt den SPD-Vorsitz? Zehn Kandidaten im Plausibilitäts-Check

Am Montag entscheidet die SPD über die Prozedur zur Kür eines neuen Parteivorsitzenden. Eine Übersicht mit möglichen Kandidaten und ihren Chancen.
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BerlinWie lebendig die schon fast totgesagte SPD sein kann, zeigt eine Zahl: 23.336 Ideen von der Basis sind in dieser Woche online in der Parteizentrale eingegangen. Sie alle beschäftigen sich mit nur einer Frage: Wie soll die Wahl des oder der künftigen Parteivorsitzenden ablaufen? SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil spricht von einer „überwältigenden Resonanz“. Man wolle „Türen aufstoßen und mit alten Ritualen Schluss machen“.

Bislang wurde die Parteiführung oft in Hinterzimmern und von der „Macht des Mittelbaus“ ausgekungelt, also von Parteifunktionären wie den Bezirksvorsitzenden. Damit soll nun Schluss sein. Am Montag will der SPD-Parteispitze ihren Vorschlag präsentieren, wie die Kür des Parteivorsitzenden ablaufen soll.

Dabei stützt sie sich maßgeblich auf die Online-Mitgliederbefragung. Zwei Wünsche zeichnen sich schon ab: Die Mitglieder wollen ein Mitspracherecht bei der Wahl bekommen. Außerdem wünschen sie sich eine Doppelspitze aus einer Frau und einem Mann. Nun müssen sich nur noch zwei finden, die die Führung übernehmen wollen.

Derzeit wird der Job des Vorsitzenden in der Partei herumgereicht wie Sauerbier. Die Minister Hubertus Heil und Olaf Scholz haben ebenso schon abgesagt wie Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, die viele Genossen fest auf dem Zettel hatten. In den letzten Tagen hat sich aber ein Kandidatenfeld herauskristallisiert. Das Handelsblatt unterzieht die Aspiranten einem Plausibilitäts-Check: Wer hat welche Chancen?

Franziska Giffey:

Franziska Giffeys Chancen auf den SPD-Parteivorsitz stehen nicht schlecht – wären da nicht die Plagiats-Vorwürfe gegen ihre Doktorarbeit. Quelle: dpa
Franziska Giffey

Franziska Giffeys Chancen auf den SPD-Parteivorsitz stehen nicht schlecht – wären da nicht die Plagiats-Vorwürfe gegen ihre Doktorarbeit.

(Foto: dpa)

Die 41-Jährige wäre für viele Genossen in einer Doppelspitze schon fast gesetzt. Als Familienministerin macht Giffey bislang eine ganz gute Figur, sie spricht eine klare Sprache, kennt als frühere Bürgermeisterin des Berliner Stadtteils Neukölln die Nöte einfacher Menschen. Giffey selbst hat bislang eine Kandidatur nicht ausgeschlossen, was viele als Bewerbung verstehen.

Es gibt nur einen großen Haken: Die FU Berlin überprüft Giffeys Doktorarbeit auf Plagiats-Vorwürfe. Handelt es sich nur um Schlampigkeiten, dürfte das einer Kandidatur nicht im Wege stehen. Hat sie aber bewusst schwer betrogen, wäre eine Übernahme des Parteivorsitzes hinfällig. Weiteres Problem: Die FU Berlin will sich bis zu zehn Monate für die Prüfung Zeit lassen. Bis dahin will die SPD aber längst einen neuen Parteivorsitzenden gewählt haben.

Chancen: Fast gesetzt. Es sei denn, die Doktorarbeit fliegt ihr um die Ohren.

Kevin Kühnert:

Kühnert könnte vielen SPD-Mitgliedern politisch deutlich zu weit links stehen. Quelle: dpa
Kevin Kühnert

Kühnert könnte vielen SPD-Mitgliedern politisch deutlich zu weit links stehen.

(Foto: dpa)

Neben Giffey ist Kevin Kühnert der Shooting-Star der SPD. Niemals zuvor war ein Juso-Vorsitzender mächtiger als er. Dass Andrea Nahles als Parteichefin gescheitert ist, liegt maßgeblich auch in seiner Verantwortung. Kühnert ist das Gesicht der GroKo-Gegner der SPD. Er versteht es gekonnt, auf der medialen Klaviatur zu spielen, etwa mit seinen Enteignungs-Thesen.

Für seine Anhänger verkörpert er einen neuen Politiker-Typ, der mit alten Strukturen bricht und wieder Visionen für die Zukunft entwickelt. Bei einer Mitgliederbefragung dürfte Kühnert allerdings keine guten Karten haben. Viele Mitglieder sind über 60, eher konservativ, ihnen dürfte Kühnert deutlich zu links sein. Auch stellt sich aus Sicht Kühnerts die Frage, warum er jetzt das Risiko einer Kandidatur eingehen sollte. Er ist jung und kann warten.

Chancen: relativ gering

Thomas Kutschaty:

Kutschaty hat als einziger öffentlich Ambitionen gezeigt. Quelle: dpa
Thomas Kutschaty

Kutschaty hat als einziger öffentlich Ambitionen gezeigt.

(Foto: dpa)

Der Fraktionschef aus NRW ist der einzige, der bislang öffentlich seinen Hut in den Rang geworfen hat. Allerdings ging es ihm dabei mehr um die Sache als um die eigene Person: Kutschaty regt es auf, dass es so aussieht, als ob niemand mehr das Amt übernehmen wolle.

Zwar kommt er aus dem einflussreichen nordrhein-westfälischen Landesverband, ist aber in der Partei recht unbekannt und selbst ins Amt des NRW-Fraktionsvorsitzenden erst frisch gewählt worden. In der Partei wird seine Kandidatur nicht wirklich ernst genommen.

Chancen: Aussichtslos

Nancy Faeser:

Nancy Faeser war auch für das Amt der Justizministerin im Gespräch. Quelle: dpa
Nancy Faeser

Nancy Faeser war auch für das Amt der Justizministerin im Gespräch.

(Foto: dpa)

Die designierte Chefin der hessischen SPD wird seit Monaten für diverse Ämter gehandelt, war unter anderem als Justizministerin im Gespräch. Da die Auswahl an Frauen für eine mögliche Doppelspitze überschaubar ist, fällt der Name der 48-Jährigen nun auch für das höchste Parteiamt. Doch das wäre der zweite Schritt vor dem ersten, zunächst muss sich Faeser erst in Hessen beweisen. In der Bundespartei ist sie noch zu unbekannt.

Chancen: Sehr gering.

Katarina Barley:

Barley hat klar gesagt, dass sie als EU-Abgeordnete nach Brüssel gehen wird. Quelle: dpa
Katarina Barley

Barley hat klar gesagt, dass sie als EU-Abgeordnete nach Brüssel gehen wird.

(Foto: dpa)

Barley bezeichnete sich einst als „Allzweckwaffe“ der SPD. Die aus dem Amt scheidende Justizministerin und Spitzenkandidatin für die Europawahl ist flügelübergreifend beliebt und gilt in ihrer Partei weiterhin als Führungsreserve, der verkorkste Europa-Wahlkampf wird ihr wenig angelastet.

Allerdings galt Barley in ihrer Zeit als SPD-Generalsekretärin bis 2017 nicht gerade als führungsstark. Auch hat sie klar gesagt, nach der Europawahl nach Brüssel zu gehen. Der Parteivorsitz in der Parteizentrale in Berlin und der Job der EU-Abgeordneten in Brüssel und Straßburg lassen sich zudem kaum unter einen Hut bringen.

Chancen: Gering.

Stephan Weil:

Der niedersächsische Ministerpräsident ist der letzte große Wahlsieger der SPD. Quelle: dpa
Stephan Weil

Der niedersächsische Ministerpräsident ist der letzte große Wahlsieger der SPD.

(Foto: dpa)

Niedersachsens Ministerpräsident hat zwar schon mehrfach erklärt, „keine Ambitionen“ auf den Parteivorsitz zu haben. Kategorisch ausgeschlossen hat er es allerdings nicht. Weil kann vor allem mit einem Pfund wuchern: Er ist der letzte große Wahlsieger der SPD, die Landtagswahlen in Niedersachsen hat er 2017 furios gewonnen. Doch der 60-Jährige steht für die „alte SPD“, das Herz der Partei verlangt eher nach neuen Typen. Aber vielleicht könnte Weil in einer Doppelspitze mit einer „Jungen Wilden“ für manche Genossen eine Konstante sein.

Chancen: Mittel bis gering.

Lars Klingbeil:

Eine Kandidatur für den Parteivorsitz könnte für den Generalsekretär zu einem Interessenskonflikt führen. Quelle: dpa
Lars Klingbeil

Eine Kandidatur für den Parteivorsitz könnte für den Generalsekretär zu einem Interessenskonflikt führen.

(Foto: dpa)

Der Generalsekretär ist besonders an der Basis und bei Jüngeren beliebt. Obwohl er Generalsekretär ist, ist Klingbeil nicht zu eng mit der Großen Koalition und deren SPD-Repräsentanten verbunden. Auch gilt er als eine Art Vermittler zwischen dem GroKo- und dem No-GroKo-Lager in der SPD.

Allerdings wird Klingbeil der schlechte Europawahlkampf angelastet. Zudem stellt das Amt des Generalsekretärs auf eine Art doch ein Problem dar: Aus dem Amt heraus könnte Klingbeil nicht für den Parteivorsitz kandidieren, er würde sonst schnell in Interessenskonflikte geraten. Ein Rücktritt für eine Kandidatur für den Parteivorsitz wäre aber ein Risiko. Am Ende könnte Klingbeil ganz ohne Amt dastehen.

Chancen: Mittelgut.

Heiko Maas:

Der Bundesaußenminister wird weniger mit der GroKo in Verbindung gebracht als andere Minister. Quelle: dpa
Heiko Maas

Der Bundesaußenminister wird weniger mit der GroKo in Verbindung gebracht als andere Minister.

(Foto: dpa)

Maas ist schon seit 2013 Minister in der großen Koalition, war zuerst Justiz-, jetzt Außenminister. Ein Aufbruchssignal wäre ein Parteivorsitzender Maas daher nicht. Allerdings hat sich Maas zuletzt aus der Innenpolitik herausgehalten, nur zum Thema rechte Gewalt hat er sich geäußert und damit eher gepunktet. Deshalb wird er deutlich weniger mit der Großen Koalition in Verbindung gebracht als andere Minister. Auch stünde er für eine gewisse Kontinuität in einem ansonsten runderneuerten Team. Das könnte für ihn im Rennen um den Parteivorsitz ein Vorteil sein.

Chancen: Hat die besten Chancen, den männlichen Teil einer Doppelspitze zu bilden.

Martin Schulz:

War bereits von 2017 bis 2018 SPD-Chef. Quelle: dpa
Martin Schulz

War bereits von 2017 bis 2018 SPD-Chef.

(Foto: dpa)

Auch der Name Martin Schulz kursiert unter manchen Genossen. Dabei erinnern sich viele Spitzengenossen noch mit Schrecken an seine Zeit als Parteivorsitzender. Er beging gleich einen doppelten Wortbruch: Zuerst schloss er eine Große Koalition aus, um später doch eine einzugehen. Dann strebte er das Amt des Außenministers an, obwohl er vorher ausgeschlossen hatte, in ein Kabinett Merkel einzutreten.

Daraufhin wurde Schulz gestürzt. Schulz habe seine Ambitionen aber noch nicht begraben, glauben manche in der Partei. Dass er an der Basis weiterhin beliebt ist, könnte ihm in einer Mitgliederbefragung helfen. Allerdings dürften seine Mitbewerber die Genossen dann an seine Fehler erinnern.

Chancen: Gering.

Gesine Schwan:

Die Politikwissenschaftlerin sagte dem „Spiegel“, sie würde „der SPD gerne helfen“. Quelle: dpa
Gesine Schwan

Die Politikwissenschaftlerin sagte dem „Spiegel“, sie würde „der SPD gerne helfen“.

(Foto: dpa)

Als Kandidatin für den SPD-Vorsitz gehandelt wird auch Gesine Schwan. Die 76-jährige Politikwissenschaftlerin, die bis 2008 Präsidentin der Europa-Universität in Frankfurt an der Oder war, sagte dem „Spiegel“: „Ich will der SPD gerne helfen. Und ich traue mir auch zu, dazu beizutragen, dass das Bild der Partei in der Öffentlichkeit positiver wird, als das im Moment der Fall ist“, sagt sie auf die Frage, ob sie selbst für den Parteivorsitz kandidieren werde. „Ich habe keinerlei Karriereambitionen, will also nicht Kanzlerin werden oder sonst etwas. Das erleichtert es vielleicht, wieder Vertrauen für die SPD zu schaffen.“

Schwan fordert einen neuen Stil. „Schon unsere Sprache ist ja teilweise schrecklich“, sagt sie. „Wir reden davon, Menschen ›mitnehmen‹ zu wollen. Auf einen solch bevormundenden Begriff reagiere ich sehr allergisch. Die Menschen sollen in unserer Politik mitmachen und ihre eigenen Vorschläge einbringen können.“ Schwan kandidierte 2004 und 2009 erfolglos für das Amt der Bundespräsidentin.

Chancen: gering

Mr./Mrs. X:

Viele in der SPD träumen davon, dass ein unbekannter Kandidat wie der Phoenix aus der Asche steigt und bei Regionalkonferenzen die Genossen für sich begeistern kann – so wie einst Barack Obama bei den Demokraten. Geht man die Reihen etwa der Landesminister oder Bürgermeister durch, fallen auch vielen Genossen nicht viele Überraschungs-Kandidaten ein. Aber ausgeschlossen ist in diesen Zeiten in der SPD nichts mehr. Auch nicht, dass plötzlich ein Kandidat aus der zweiten oder dritten Reihe gegenüber alte Recken überflügeln kann.

Chancen: Gar nicht so schlecht.

Mehr: Die Sozialdemokraten kämpfen um ihre Existenz und wollen sich mal wieder neu erfinden. Es ist die letzte Chance, den Absturz in die Bedeutungslosigkeit zu verhindern.

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