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Spargelfahrt des Seeheimer Kreises SPD macht sich Mut – doch hinter den Kulissen wächst die Unsicherheit

Bei der traditionellen Spargelfahrt des Seeheimer Kreises ist die Stimmung deutlich besser als die Lage. Sogar lobende Worte für Ex-Parteichefin Nahles fallen.
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SPD: Genossen machen sich Mut Quelle: dpa
Spargelfahrt des Seeheimer Kreises

Der konservative Seeheimer Kreis der SPD lud zur jährlichen Spargelfahrt auf dem Wannsee.

(Foto: dpa)

BerlinDie „Havel Queen“ hat noch nicht abgelegt, da bemüht Manuela Schwesig, im Hauptberuf Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, schon Sprachbilder aus der maritimen Welt, um den Genossinnen und Genossen Mut zu machen. „Wenn die Mannschaft zusammenhält, dann kommt das Schiff gut durch den Sturm“, ruft sie den 600 Gästen an Bord entgegen. Und nach Sturm und Regen scheine auch wieder die Sonne, sagt Schwesig.

Schwesig gehört gemeinsam mit ihrer rheinland-pfälzischen Amtskollegin Malu Dreyer und dem hessischen SPD-Politiker Thorsten Schäfer-Gümbel dem Trio an, das der Parteivorstand am Montag auserkoren hatte, die angeschlagene Partei übergangsweise zu führen. Es gehört zur Job-Beschreibung der drei SPD-Politiker, die Genossinnen und Genossen bei Laune zu halten, bis wieder geordnete Verhältnisse herrschen.

Hinter der Partei liegen turbulente Tage. Noch am Dienstag, wenige Stunden vor dem Beginn der Spargelfahrt, hatte sich Andrea Nahles auch ganz offiziell als Vorsitzende von der Fraktion verabschiedet. Das seien bewegende Minuten gewesen, sagt einer der 90 SPD-Abgeordneten an Bord der „Havel Queen“. Vereinzelt seien bei den Fraktionsmitgliedern sogar Tränen geflossen.

Nahles habe sich ganz unaufgeregt mit ein paar Sätzen für die Zusammenarbeit bedankt, dabei an ihre erste Rede im Bundestag erinnert, die sie am Ende eines langen Sitzungstages 1998, damals noch im Bonner Wasserwerk, vor einer Handvoll Abgeordneter gehalten habe. Es sei sehr deutlich geworden, dass da eine Kämpferin und überzeugte Sozialdemokratin gegangen sei, sagt ein Abgeordneter. Nahles habe die Abgeordneten in ihren Abschiedsworten als Fraktionschefin zum Zusammenhalt aufgerufen. Als sie den Fraktionssitzungssaal verließ, gab es nach Angaben der Teilnehmer stehende Ovationen. Nahles will sich komplett aus der Politik zurückziehen und auch ihr Bundestagsmandat zurückgeben.

Lobende Worte für Andrea Nahles

Sogar Johannes Kahrs, SPD-Bundestagsabgeordneter und einer der drei Chefs des Seeheimer Kreises, findet in seinen Grußworten an die Gäste der Spargelfahrt lobende Worte für Nahles. Sie sei „verlässlich und durchsetzungsstark“ gewesen, lobt er. Als Seeheimer ist Kahrs zwar dem konservativen Flügel der Partei zuzurechnen und somit ein natürlicher Antipode von Nahles, die links von den Seeheimern einzuordnen ist. Doch an diesem Dienstagabend an Bord des Ausflugsschiffes kippt die Stimmung für einen Moment ins Wehmütige, alte Gegensätze spielen keine Rolle mehr.

Nach Kahrs und Schwesig greift Olaf Scholz, SPD-Parteivize und Bundesfinanzminister, nach dem Mikrofon. Er versucht es mit einer programmatischen Rede, die sich dem Beginn der Industrialisierung, dem sozialen Zusammenhalt sowie den Themen Demokratie, Rechtsstaat und soziale Sicherheit widmet. Scholz schließt mit einem Appell: „Lasst uns alle unterhaken!“ Der Applaus ist sehr verhalten.

Die Genossen sind orientierungslos. Ende Juni will der Vorstand die Weichen stellen. Dabei soll es unter anderem um die Frage gehen, wer den Parteivorsitz übernimmt. Auch eine Doppelspitze ist im Gespräch. Und eine Mitgliederbefragung steht ebenfalls zur Debatte. Kahrs regte am Dienstag an, auch Nichtmitglieder an der Suche nach der geeigneten Vorsitzenden oder dem geeigneten Vorsitzenden zu beteiligen.

Im Moment sieht es danach aus, dass die Wahl frühestens Ende September stattfinden wird. Wer allerdings ins Rennen gehen wird, ist derzeit noch unklar. Bislang hat niemand seinen Hut in den Ring geworfen. Das gilt auch für die Mitglieder des Übergangs-Trios, die am Montag allesamt erklärten, sie stünden für den regulären Vorsitz nicht zur Verfügung. Stephan Weil, niedersächsischer Ministerpräsident und einer der letzten Wahlsieger der SPD, will ebenfalls nicht antreten. Von der allseits beliebten Katarina Barley ist nichts zu hören. Olaf Scholz hat bereits abgewunken. Spekulationen, Juso-Chef Kevin Kühnert könne nun ins Rennen gehen, sorgen bei den konservativen Seeheimern für eine erhöhte Pulsfrequenz.

Seeheimer für den Fortbestand der GroKo

An Bord der „Havel Queen“ warnen Abgeordnete vor einer zermürbenden Personaldebatte. Andere fühlen sich – trotz vorübergehender Wehmuts-Attacken – wie nach einem Befreiungsschlag. „Nahles war in ihrem Auftreten eine Zumutung. Das ist von Anfang an klar gewesen“, sagt ein SPD-Abgeordneter.

Zusätzlich will der Parteivorstand bei seinem Treffen Ende Juni festlegen, wie man die im Koalitionsvertrag festgeschriebene Revisionsklausel nutzen will. Malu Dreyer hatte bereits am Montag Befürchtungen zerstreut, die SPD lege es nun auf Biegen und Brechen darauf an, die Große Koalition zum Platzen zu bringen. „Wir sind vertragstreu“, sagte Dreyer.

Auch die Seeheimer, die schon für das Zustandekommen der Großen Koalition im vergangenen Jahr gekämpft hatten, scheinen bereit, für den Fortbestand des Bündnisses zu kämpfen. Die Koalition werde „bis September 2021 regieren“, sagte Kahrs. Folglich werde auch die 60. Spargelfahrt noch in die Zeit des Regierungsbündnisses von SPD und Union fallen, gab er sich überzeugt. Die Fahrt am Dienstagabend war die 58. Ausgabe der alljährlichen Bootstour. Nicht alle an Bord der „Havel Queen“ teilten diesen Optimismus.

Mehr: Die Partei ist inhaltlich und personell ermattet – ein Kandidat für die Nahles-Nachfolge fehlt. Ein Kampf um die künftige Führung würde den Sozialdemokraten helfen.

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