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SPD-Regionalkonferenz Olaf Scholz verhindern – aber wie?

Die Wahl zum SPD-Vorsitz steht bevor. Die Vielzahl linker Bewerber erhöht die Chancen des intern umstrittenen Olaf Scholz. Noch will niemand nachgeben.
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Der Finanzminister ist in der Bevölkerung beliebt. Unter den SPD-Mitgliedern gibt es Skepsis, ob er ein guter Vorsitzender wäre. Quelle: dpa
Olaf Scholz, Klara Geywitz

Der Finanzminister ist in der Bevölkerung beliebt. Unter den SPD-Mitgliedern gibt es Skepsis, ob er ein guter Vorsitzender wäre.

(Foto: dpa)

Duisburg Michael Roth steht gestikulierend auf der Bühne. Der Staatsminister für Europa, einer von 14 Bewerbern für den SPD-Vorsitz, macht eine kurze Pause in seinem Redebeitrag. Dann ruft er: „Ich bin kein Arzt, aber ich habe das Gefühl, wir leiden unter Herzrhythmusstörungen!“ Die SPD könne erst stärker werden, wenn das Herz der SPD im Ruhrpott wieder kraftvoll und gesund schlage.

Lauter Applaus im mit mehr als 1.000 Menschen prall gefüllten Saal der Duisburger Mercatorhalle. Roth nimmt das zufrieden zur Kenntnis. Lokalpatriotismus zieht hier, so etwas hören sie im Ruhrgebiet gern. Es ist die 21. von 23 Konferenzen. In gut einer Woche beginnt die Abstimmung. In Duisburg zeigt sich: Das Rennen ist knapp, das Ergebnis offen.

Duisburg ist wichtig für die Kandidaten. Mit mehr als einem Viertel der insgesamt mehr als 430.000 Parteimitglieder hat NRW den größten Landesverband. Auch viele Kandidaten kommen von hier: die frühere NRW-Familienministerin Christina Kampmann, die mit Roth kandidiert, der Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach und der frühere NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans.

Vor allem Walter-Borjans kann seinen Heimvorteil ausspielen. Der 67-Jährige, der mit der Bundestagsabgeordneten Saskia Esken ein Duo bildet, erhält besonders lauten Beifall. Auch in Duisburg wird er dafür gefeiert, dass er als Minister einst Steuer-CDs aus der Schweiz kaufte. Der Spitzname „Robin Hood“, den er sich dadurch erwarb, schadet ihm beim Rennen um den Vorsitz sicherlich nicht.

Auch was Walter-Borjans sonst sagt, kommt an. „Der große Bus fährt nicht mehr dahin, was er als Ziel angibt. Die Leute sind ausgestiegen.“ „Nowabo“, wie er genannt wird, spricht von einer „Fahrt in die neuliberale Pampa“.

Vom 14. bis 25. Oktober können die SPD-Mitglieder online oder per Brief über die neue Parteispitze abstimmen. Wenn kein Paar im ersten Wahlgang mindestens 50 Prozent erhält, und damit wird fest gerechnet, findet vom 19. bis zum 29. November eine Stichwahl statt. Auf einem Parteitag Anfang Dezember wird die neue SPD-Führung offiziell gekürt.

Die SPD sucht neue Vorsitzende. Bald wird gewählt. Quelle: dpa
SPD-Regionalkonferenz in Duisburg

Die SPD sucht neue Vorsitzende. Bald wird gewählt.

(Foto: dpa)

Gute Chancen haben neben Finanzminister Olaf Scholz und seiner Partnerin Klara Geywitz die Duos Walter-Borjans/Esken und wohl auch Roth/Kampmann. Als jüngstes Bewerberduo zählt Roth/Kampmann zu den positiven Überraschungen der Konferenzen. Die beiden punkten mit einer umarmenden Art, leidenschaftlichen Auftritten und verbreiten so etwas wie Aufbruchsstimmung – so beschreiben es viele Mitglieder.

Von dem Duo aus Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius und Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping sind dagegen viele eher enttäuscht. Zu blass, zu wenig Feuer, heißt es. Pistorius überrascht in Duisburg als Stimmdouble von SPD-Altkanzler Willy Brandt. „Wir wollen gute Nachbarn sein, nach innen und nach außen“, dröhnt es plötzlich durch den Saal.

Pistorius sagt jedoch, er sei ganz froh, dass die Konferenzen bald vorbei sind. Sein Problem liegt auch darin, dass er mit seinem Schwerpunkt innere Sicherheit kaum durchdringt. „Das ist kein Thema, mit dem man die Herzen der Menschen gewinnt“, räumt er ein.

In Duisburg dominieren vor allem linke Themen und Forderungen: Vermögensteuer, höherer Mindestlohn, Abschaffung der schwarzen Null, Abrüstung, eine grünere Klimapolitik, die Öffnung für rot-rot-grüne Bündnisse. Ein Großteil der Kandidaten stimmt dabei inhaltlich weitgehend überein.

Die linken Kandidaten könnten sich gegenseitig blockieren. Quelle: dpa
Gesine Schwan zwischen Mitbewerbern

Die linken Kandidaten könnten sich gegenseitig blockieren.

(Foto: dpa)

Dennoch steckt der linke Parteiflügel vor der Abstimmung in einem Dilemma. Es gibt die Befürchtung, dass sich Walter-Borjans/Esken, Stegner/Schwan, Lauterbach/Scheer und Hirschel/Mattheis gegenseitig Stimmen wegnehmen und dadurch womöglich keines der vier linken Kandidatenpaare in die Stichwahl kommt.

Er hoffe, dass eines der linken Paare seine Kandidatur aus Einsicht zurückzieht, sagt ein einflussreicher SPD-Bundestagsabgeordneter aus NRW. Bei Mattheis und Lauterbach gilt dies als unwahrscheinlich. SPD-Vizechef Ralf Stegner, der mit Gesine Schwan kandidiert, schließt ein Zurückziehen zugunsten eines anderen Bewerberpaars im Gespräch mit dem Handelsblatt aus: „Die Regionalkonferenzen haben eine weit über alle Erwartungen hinaus positive Resonanz für unser Team erbracht“, sagt er.

Zu wenig Euphorie

Die vielen linken Paare könnten für Olaf Scholz von Vorteil sein. Der bekannteste und in der Bevölkerung durchaus angesehene Finanzminister ist in der Partei umstritten. In Teilen der SPD gibt es ein großes Bedürfnis, „den Olaf“ als Vorsitzenden zu verhindern. Viele sind skeptisch, dass ausgerechnet er eine neue Ära prägen soll, der seit zwei Jahrzehnten in erster Reihe mitgemischt hat.

In Duisburg ist Scholz anzumerken, dass er sich in dem Format nicht besonders wohlfühlt. Er war nie jemand, der in Hallen für Standing Ovations sorgte, bei seiner Partnerin Geywitz ist es ebenso. Aber: Kann jemand den Aufbruch schaffen, der in den eigenen Reihen keine Euphorie auslöst? Die Frage treibt viele in der SPD um.

Der Gegenentwurf sind Roth und Kampmann. Der 49-Jährige und die 39-Jährige, die sich zwischen den linken und den pragmatischen Paaren verorten lassen, kommen auch in Duisburg gut an. Fraglich ist nur, ob die Partei bereit ist, eine so junge Führung zu wählen. Das Durchschnittsalter der SPD-Mitglieder liegt bei 61 Jahren.

In mehreren Runden werden die Kandidaten, die auf Hockern nebeneinander auf der Bühne sitzen, in Duisburg befragt. Viele Zuschauer machen sich Notizen. So richtig rau geht es nicht zu. „Lieber Olaf, der Versuch, die Partei aus der Regierung zu erneuern, ist doch krachend gescheitert“, raunzt ein Mitglied Scholz an. Einmal geht ein Raunen durch den Saal, als Lauterbach im Schlusswort martialisch erklärt: „Wir sind der Tod der Großen Koalition und die Geburt der linken SPD.“

Nach zweieinhalb Stunden ist das Kandidaten-Casting beendet. Der Moderator schwärmt: „Die SPD lebt. Ich weiß, wir könnten noch stundenlang weiterdiskutieren.“

Die Zuschauer verlassen den Saal. Vor der Halle sagt eine Frau zu ihrem Begleiter: „Ich fand den Walter-Borjans ja gut, wie ist dein Fazit?“ Der antwortet: „Puh, jetzt ist es noch schwieriger als vorher.“

Mehr: Diese SPD-Kandidaten haben die besten Chancen auf den Parteivorsitz.

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