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Sprachbarriere Integration in das deutsche Bildungssystem: Nur jedes dritte geflüchtete Kind bekommt Sprachförderung

Viele geflüchtete Kinder und Jugendliche haben Probleme mit der deutschen Sprache, zeigt eine Studie. Forscher nennen die Befunde „alarmierend“. Der Bund verspricht Hilfe. 
11.07.2021 - 12:07 Uhr Kommentieren
In den Schulen müssten mehr Maßnahmen zur Stärkung der Deutschkompetenz angeboten werden. Quelle: dpa
Deutschkurs

In den Schulen müssten mehr Maßnahmen zur Stärkung der Deutschkompetenz angeboten werden.

(Foto: dpa)

Berlin In den Jahren 2015 bis 2017 kam mit der Zuwanderung vieler geflüchteter Personen auch fast eine halbe Million Minderjährige nach Deutschland. Fast alle wurden nach einigen Monaten in Kindergärten und Schulen aufgenommen, und viele Politiker vertrauten darauf, dass sie durch den Kontakt mit den einheimischen Altersgenossen und das „Sprachbad“ in Kita und Unterricht schnell Deutsch lernen würden. 

Nun zeigt sich, dass sich diese Hoffnung nur teilweise erfüllt hat: Von den Kindern, die zwischen 2014 und 2016 nach Deutschland kamen, haben die meisten weiterhin große Sprachprobleme. Das liege auch daran, dass nur knapp ein Drittel von ihnen bisher spezielle Sprachförderung bekam. 

Das ergab die erste Langzeitstudie zur Integration der jungen Geflüchteten in das deutsche Bildungssystem des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) in Bamberg. Für die Studie „Refugees in the German Educational System“ (Reges) wurden seit 2016 jeweils gut 2400 Kinder ab vier Jahren, die noch nicht in die Schule gehen, mindestens 14-jährige Schüler sowie 3300 Eltern in fünf Bundesländern mehrfach befragt.  

Studienleiterin Jutta von Maurice erklärte bei der Vorstellung, was die Ergebnisse für die Jugendlichen bedeuteten: „Obwohl die meisten hohe Bildungsziele haben, verfügen sie nicht über den Sprachschatz, der für eine Berufsausbildung oder gar ein Studium ausreicht“. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), die die Studie finanzierte sieht „Handlungsbedarf“, weil die Sprachförderung in den Bildungseinrichtungen nicht alle Kinder erreiche. 

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    Sprachfördermaßnahmen notwendig

    Von den Jugendlichen ab 14 Jahren gaben 90 Prozent an, gut Deutsch sprechen zu können. Bei genauerem Nachfragen zeigte sich jedoch, dass nur gut 40 Prozent einen einfachen Zeitungsartikel verstehen oder den meisten TV-Sendungen problemlos folgen können.

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    Weniger als ein Fünftel der Befragten kann Literatur oder Sachbücher lesen. „Damit haben sie bei Weitem noch nicht das Niveau der deutschen Klassenkameraden erreicht“, sagte Studienleiterin Maurice. Insgesamt besuchte ein gutes Fünftel der Jugendlichen ein Gymnasium.

    Die Resultate „weisen sehr deutlich auf die Notwendigkeit von Sprachfördermaßnahmen hin“, stellt der Gründungsdirektor des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe, Hans-Günther Roßbach, klar.

    Der Befund, dass 65 Prozent der Jugendlichen zum Erhebungszeitpunkt an keiner Maßnahme zur Förderung der Deutschkompetenzen teilnahmen, nannte er „alarmierend“. Daher müssten dringend in den Schulen mehr solche Kurse angeboten werden.

    Helfen könnten auch außerschulische Maßnahmen, so Rossbach, beispielsweise gezielte TV-Nutzung mit deutschsprachigen Programmen oder unterstützenden Sprach-Apps über sprachgemischte Jugendgruppen bis hin zur Teilnahme an (Sport-)Vereinen.

    Die befragten Jugendlichen hatten durch die Flucht im  Schnitt mindestes ein Schuljahr verloren – und auch in Deutschland dauerte es im Mittel weitere sieben Monate, bis sie nach der Einreise in eine Schule aufgenommen wurden. Der Kontakt zu gleichaltrigen Einheimischen ist ausbaufähig: Elf Prozent gaben an, nur einmal im Monat oder seltener Zeit mit Deutschen zu verbringen. 

    Viele Eltern finden keinen Kita-Platz für ihr Kind

    Zusätzlich zu den Minderjährigen und ihren Eltern wurden für die Reges-Studie auch Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrkräfte befragt. Während die Teilnahmebereitschaft der geflüchteten Kinder und Jugendlichen selbst gut gewesen sei, sei die der Lehrer „erstaunlich gering“ gewesen, berichteten die Wissenschaftler. 

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    Von den Vorschulkindern besuchten 80 Prozent eine Kita – die Eltern der übrigen gaben überwiegend an, sie hätten keinen Platz gefunden. Zum Vergleich: Bei einheimischen Kindern mit Migrationshintergrund liegt die Quote bei 94 Prozent, bei denen ohne Migrationshintergrund sogar bei 98 Prozent. 

    Von den Eltern aller Vorschulkinder – inklusive derer, die keine Kita besuchen – sagten 70 Prozent, dass ihre Kinder Deutsch eher gut oder sehr gut verstehen, zwei Drittel gaben dies auch für das Sprechen an. Das heißt aber umgekehrt: Rund ein Drittel der Kinder hat deutliche Defizite bei der deutschen Sprache. 

    Fast 95 Prozent der befragen Kita-Kräfte hingegen waren der Überzeugung, die Integration der geflüchteten Kinder gelinge in ihrer Einrichtung „gut“ oder „eher gut“. Allerdings hatte weniger als jede zweite von ihnen zuvor an einer speziellen Fortbildung zur Arbeit mit Kindern mit Migrations- oder Fluchthintergrund teilgenommen – obwohl der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund auch ohne geflüchtete Kinder bei 30 bis 40 Prozent liegt.

    Bildungsministerin Karliczek kündigte eine neue Förderrichtlinie an, um Forschungsprojekte zu unterstützen, „die wissenschaftsbasierte und gleichzeitig praxistaugliche Konzepte zur Förderung der sprachlichen Bildung für alle Kinder und Jugendlichen entwickeln“.

    Ihr Staatssekretär Christian Luft sagte, man wolle gemeinsam mit den Kultusministern „überlegen, wer nun was tun kann“. Klar sei aber: „Da ist noch Luft nach oben – wir müssen uns kümmern.“ Vor allem müssten die Bildungspolitiker „genauer angucken, wen erreichen wir und wen nicht – und alle Flüchtlinge über vorhandene Fördermöglichkeiten informieren“.  

    Mehr: KI-gesteuerte Programme könnten endlich für die individuelle Förderung von Schülern sorgen – und Lehrer deutlich entlasten. 

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