Starkes Ost-West-Gefälle In welchen Branchen das höchste Azubi-Gehalt gezahlt wird

Auszubildende werden in Deutschland je nach Branche und Region sehr unterschiedlich vergütet. Die Politik plant nun eine Untergrenze.
Update: 25.07.2018 - 11:45 Uhr 1 Kommentar
Viele Branchen haben Schwierigkeiten, genug Lehrlinge zu finden. Auf dem Bau wird noch mit am besten bezahlt. Quelle: dpa
Auszubildender am Bau

Viele Branchen haben Schwierigkeiten, genug Lehrlinge zu finden. Auf dem Bau wird noch mit am besten bezahlt.

(Foto: dpa)

Berlin„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, sagt ein altes Sprichwort. Was das bedeutet, können Lehrlinge auch im eigenen Geldbeutel beobachten. Allerdings weisen die in Tarifverträgen vereinbarten Ausbildungsvergütungen eine große Spannbreite auf: Sie reicht von 610 Euro im Kfz-Handwerk in Thüringen im ersten Lehrjahr bis zu 1580 Euro im westdeutschen Bauhauptgewerbe im vierten Ausbildungsjahr.

Das zeigt eine aktuelle Auswertung der tariflichen Ausbildungsvergütungen durch das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Am besten entlohnt werden Lehrlinge zu Beginn ihrer Ausbildung im Bank- und Versicherungsgewerbe, im öffentlichen Dienst, in der Chemischen Industrie, in der Druckindustrie und bei der Deutschen Bahn.

Hier liegt die Vergütung zwischen 900 und 1000 Euro monatlich. Die Metall- und Elektroindustrie zahlt als einzige Branche schon im ersten Ausbildungsjahr in den meisten Regionen mehr als 1000 Euro.

Die Schlusslichter bei der Bezahlung mit Vergütungen unter 700 Euro im ersten Ausbildungsjahr finden sich allesamt im Osten. Dazu gehören neben dem Kfz-Handwerk die Gebäudereiniger, das Hotel- und Gaststättengewerbe und die Speditions- und Logistikbranche.

Der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Thorsten Schulten, fürchtet aber, dass viele Lehrlinge in nicht tarifgebundenen Betrieben noch deutlich schlechter bezahlt werden. Denn das Berufsbildungsgesetz schreibt nur eine „angemessene Vergütung“ vor. Diese soll sich laut gültiger Rechtsprechung an den Tarifverträgen orientieren und das dort gezahlte Niveau um nicht mehr als 20 Prozent unterschreiten.

Die Angemessenheit eines bestimmten Vergütungssystems sei jedoch kaum transparent, kritisiert Schulten: „Deshalb ist neben einer generellen Stärkung der Tarifbindung die im Koalitionsvertrag vereinbarte Einführung einer gesetzlichen Mindestausbildungsvergütung sinnvoll, um Missbrauch bei Betrieben, die außerhalb des Tarifvertragssystems stehen, vorzubeugen.“

Union und SPD haben sich vorgenommen, im Rahmen einer Novelle des Berufsbildungsgesetzes auch die Mindestausbildungsvergütung zu verankern. Das Gesetz soll bis zum 1. August 2019 beschlossen werden und zum 1. Januar 2020 in Kraft treten. Geht es nach dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), sollte die Politik die Untergrenze bei 80 Prozent der durchschnittlichen tariflichen Ausbildungsvergütung des jeweiligen Ausbildungsjahres einziehen.

Legt man die Zahlen des Jahres 2017 zugrunde, erhielten Auszubildende im ersten Lehrjahr mindestens 635 Euro. Im zweiten Ausbildungsjahr stiege die Mindestvergütung auf 696 Euro, im dritten auf 768 Euro und im vierten Lehrjahr auf 796 Euro. Die Gewerkschaften machen auch deshalb Druck, weil sie niedrige Vergütungen mit dafür verantwortlich machen, dass eine Rekordzahl von Lehrstellen unbesetzt bleibt oder Auszubildende vor dem Abschluss hinschmeißen.

So konnte im vergangenen Jahr gut jeder dritte vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) befragte Betrieb nicht alle angebotenen Lehrstellen besetzen. Die Ausbildungsvergütung sieht DIHK-Präsident Eric Schweitzer dennoch skeptisch, erwartet aber, dass die meisten DIHK-Mitglieder davon gar nicht betroffen sein werden, weil sie ohnehin mehr zahlen.

So locken 16 Prozent der vom DIHK befragten Unternehmen Lehrlinge mit „Goodies“ wie Smartphones oder Fitness-Studio-Verträgen, 43 Prozent dieser Betriebe zahlen eine übertarifliche Ausbildungsvergütung.   

Vergütung im 3. LehrjahrEuro
Kfz-Handwerk Thüringen710
Privates Verkehrsgewerbe Brandenburg780
Hotel- und Gaststättengewerbe Sachsen790
Holz u. Kunststoff verarb. Industrie Sachsen823
Textilindustrie Ost845
Einzelhandel Brandenburg905
Gebäudereinigerhandwerk gewerbl.: Ost905
Privates Transport- und Verkehrsgewerbe NRW905
Kfz-Handwerk Baden-Württemberg956
Holz u. Kunststoff verarb. Industrie Westf.-Lippe970
Gebäudereinigerhandwerk gewerbl.: West975
Süßwarenindustrie Ost975
Hotel- und Gaststättengewerbe Bayern990
Einzelhandel Nordrhein-Westfalen995
Textilindustrie Baden-Württemberg1029
Chemische Industrie Ost1.030
Druckindustrie1.032
Deutsche Bahn AG1.041
Öffentlicher Dienst Länder (o. Hessen, Berlin)1041
Öffentlicher Dienst Bund, Gemeinden1.064
Süßwarenindustrie Nordrhein-Westfalen1.068
Bankgewerbe (o. Genossenschaftsbanken)1.100
Versicherungsgewerbe1109
Chemische Industrie Nordrhein1.117
Metall- und Elektroindustrie Sachsen1122
Bauhauptgewerbe Ost1.190
Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg1199
Bauhauptgewerbe West  1.475
Quelle: WSI
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1 Kommentar zu "Starkes Ost-West-Gefälle: In welchen Branchen das höchste Azubi-Gehalt gezahlt wird"

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  • Die Untergrenze kann ein Rohrkrepierer werden. Ausbildung ist aufwendig. Irgendwann
    muessten wir auch den Studenten Gehaelter zahlen. Ich bekam als angehender Industrie-
    kaufmann DM 25/mtl "Erziehungsbeihilfe" und habe mich nicht beklagt.

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