Start-up-Allianz Wie deutsche und japanische Gründer zusammenarbeiten könnten

Vertreter der deutschen und japanischen Wirtschaft haben eine Start-up-Plattform gegründet. Es gibt bereits Erfolgsmodelle. Doch die kulturellen Unterschiede sind groß.
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Die japanische Flagge weht im Hafen von Tokio. Am Sonnabend fand die zweite Vollversammlung der deutsch-japanischen Start-up-Plattform statt. Quelle: dpa
Japan

Die japanische Flagge weht im Hafen von Tokio. Am Sonnabend fand die zweite Vollversammlung der deutsch-japanischen Start-up-Plattform statt.

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TokioIn Sonntagsreden beschwören deutsche und japanische Politiker oder Unternehmensbosse gerne immer wieder das Potenzial deutsch-japanischer Zusammenarbeit. Gemeinsam sollen die Unternehmen beider Exportnationen ihr Know how in den verarbeitenden Industrien bündeln, um in der vernetzten Produktion der Zukunft gemeinsam Amazon und Google Paroli bieten, so das Mantra.

Tatsächlich gibt es eine Reihe von Beispielen, in denen deutsche und japanische Firmen gemeinsam die Weltmärkte erobern. Der Baumaterialkonzern Lixil aus Japan hat den Badezimmerarmaturenhersteller Grohe gekauft, TDK den Hersteller elektronischer Bauteile Epcos. Und der globale Maschinenbauer DMG Mori ist eine deutsch-japanische Fusion. Der deutsch-japanische Wirtschaftskreis (DJW), eine Vereinigung deutscher und japanischer Unternehmen, Politiker und Privatleute, versucht jetzt, diese Idee auch bei Start-ups mit Leben zu füllen.

Am Sonnabend fand die zweite Vollversammlung der deutsch-japanischen Start-up-Plattform statt. Und der Traum ist groß. „Wir sehen ein großes Potenzial für die Kooperation von Start-ups“, sagte Julia Münch, das geschäftsführende Vorstandsmitglied des DJW zur Begrüßung.

Die Konferenz fand zeitgleich in Berlin, in Krefeld im Deutschland-Hauptquartier von Canon und in Tokio statt und wurde per Videokonferenz zusammengeschaltet. Für die Botschafter beider Länder, Takshi Yagi in Berlin und Hans Carl von Werthern in Tokio, liegen die gemeinsamen Herausforderungen besonders in den Bereichen künstliche Intelligenz, Robotik und Vernetzung von Fabriken und Menschen. Industrie 4.0 in Deutschland, Society 5.0 in Japan lauten die Stichworte.

Vom Finanzattaché zum Ideengeber

Derweil freute sich in Japan der Initiator der Plattform über die wachsende Popularität seiner Idee. „Bei der ersten Konferenz 2017 hatten wir rund 200 Teilnehmer, nun sind es an den drei Standorten schon über 300“, sagt Goya Kobayashi hoch oben über Tokio in der 35. Etage eines Bürohochhauses.

Der Japaner sieht aus, wie man sich einen Startup-Gründer vorstellt. Im T-Shirt und normaler Hose steht er am Mikrofon. Seine Augen werden von einer schwarzen modischen Brille eingerahmt, die Haare sind dezent wild zu einem Minikamm zusammengeschoben. Doch Kobayashi ist kein Unternehmer, sondern ein Spitzenbeamter des Finanzministeriums.

Die Idee zu der grenzüberschreitenden Plattform hatte er, als er Finanzattaché an der japanischen Botschaft in Berlin war, erzählt er in Japans Hauptstadt. Denn die Gründer im Reich der Sonne stehen vor einem Problem. „Die Tokioter Start-up-Szene ist global unsichtbar“, klagt der Bürokrat.

Natürlich versucht Japans Regierung ebenfalls, dieses Problem zu lösen. Mit viel Geld werden staatliche Programme aufgelegt, um Japans Start-ups zu internationalisieren. Kobayashi glaubt aber, dass auch private Initiative notwendig ist. Er wollte daher auf intelligente Weise Japan mit der Welt verbinden. In Berlin traf er dann auf die dortige Gründerszene und die Idee der grenzüberschreiten, digitalen Plattform wurde geboren, über die Unternehmer sich ohne Reisekosten kennenlernen können

Staatliche Hilfen und Geld von privaten Investoren seien dabei nicht alles. „Ich möchte ein Netzwerk aufbauen, in dem Menschen sich verbinden und Vertrauen aufbauen“, begründet er seine Idee. „Die produzieren am Ende auch Geschäfte.“

Von Robotern und Sake- deutsch-japanische Initiativen

Schon ohne das Netzwerk haben sich deutsch-japanische Kooperationen herausgebildet wie sich auf den drei Podien der Veranstaltung zeigt. Der Münchner Roboterexperte RoboticsX stellte vor, wie er für den japanischen Industrieroboterriesen Yaskawa smarte Industrieroboter mitentwickelte.

Motognosis, ein medizintechnisches Startup der Charité in Berlin, kooperiert wiederum mit dem Krankenhaus der japanischen Chiba-Universität, um eine automatische Bewegungsanalyse für beispielsweise Parkinson-Patienten zu entwickeln. Denn Daten über Verhaltensweisen in unterschiedlichen Kulturen sind gerade in der Medizin sehr wichtig, um globale Produkte zu entwickeln. So habe man festgestellt, dass Japaner schneller und straffer aufstehen als Deutsche, erzählt Karen Otte von Motognosis. Das muss die Software natürlich wissen.

Auch Japaner sind bereits in Deutschland aktiv. Die japanische Plattform für Personalsuche Wantedly versucht, sich von Berlin aus in Europa auszudehnen. Und der japanische Startup-Investor Ikuo Hiraishi hat bereits in zwei deutsche Projekte investiert. Eines davon ist Infarm, das in innerstädtischen modularen Hightech-Gewächshäusern Salat ziehen will.

Selbst die junge deutsch-japanische Start-up-Plattform hat ein erstes Aushängeschild bilateralen Geschäftssinns. Go-Sake nennt sich das Berliner Projekt, mit dem Gründer Bastian Schwithal japanischen Sake-Reiswein in Deutschland populär will.
Bei seiner Mission stieß er schon zu Beginn auf große Probleme. Dass kaum jemand in Deutschland Sake kennt und sich japanische Marken merken kann, war zu erwarten. Aber als die wohl größere Hürde stellte sich heraus, dass die japanischen Flaschen zu groß und damit zu teuer für den deutschen Markt waren, erklärt Schwithal in der Videokonferenz. „Die Deutschen sind sehr preisbewusst“, so der Gründer. Und dies offenbar auch im Rausch.

Doch Schwithal meint, das Problem gelöst zu haben – mit Go-Sake, dem ersten deutschen Sake-on-the-Go. Dafür baute er den Kontakt zu kleinen japanischen Sake-Brauereien auf und überzeugte sie, ihn zu beliefern. Zudem entschied er sich, die Kostproben japanischer Trinkkultur in 180 Milliliter kleine Fläschchen abzufüllen und unter dem einfachen Namen Go-Sake zu verkaufen. Auch der Preis ist nicht ganz zufällig gewählt. 5,50 Euro kostet der Flakon mit dem Schraubverschluss, wobei fünf auf Japanisch „go“ ausgesprochen wird. Bald wird er mit der Idee auch in Japan erwartet.

Deutsch-japanische Start-up-Probleme

Dennoch ist aller Anfang schwer. Gerade deutsche und japanische Startups internationalisieren sich oft nur schleppend, wenn überhaupt. Bei japanischen Kleinunternehmen kommt noch erschwerend hinzu, dass viele Gründer kaum Englisch können und sich daher lieber auf den allerdings recht großen Heimatmarkt konzentrieren. Japan hat immerhin 126 Millionen Einwohner, rund 50 Prozent mehr als Deutschland.

Und bei aller von Politik und Wirtschaftsvertretern beschworener Seelenverwandtschaft als qualitätsbewusste, ingenieursgetriebene Industriegesellschaften haben Japaner mit Deutschland zudem ein Orientierungsproblem. In Japan ist die Szene wie die gesamte Wirtschaft hochgradig auf die Hauptstadt Tokio konzentriert, in Deutschland auf Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt, München und andere Städte in bester föderaler Tradition verteilt. Diese regionale Vielfalt müssen Japaner bei der Standortwahl erstmal durchschauen.

Doch für den japanischen Startup-Investor Ikuo Hiraishi vom Inkubator DreamVision gibt es eine viel größere Frage, auf die er in der Diskussion am Sonnabend keine Antwort gehört hat. „Was könnte die Brücke zwischen Berlin und Tokio sein?“ Die globale Startup-Szene sei auf das Silicon Valley fokussiert. China würde mit seinem großen Markt locken. „Was aber sind die Alleinstellungsmerkmale von Berlin und Tokio, die Start-ups anlocken könnten?“, fragt er. Von anderen deutschen Standorten ganz zu schweigen. „Wenn man keine Geschäftsanreize sieht, gibt es keine Begründung für weite Reisen“, erklärt er eine simple Wahrheit.

Für Berlin hat Hiraishi eine Antwort parat: kulturelle Diversität. Im Mikrokosmos an der Spree spiegelt sich für ihn die große, weite Welt besser wieder als in den meisten anderen Städten der Welt. Menschen aus fast allen Nationen und Regionen würden in der Millionenmetropole leben und damit internationale Start-ups ermöglichen. Für eine seiner Investitionen arbeiten 50 Mitarbeiter mit 34 Nationalitäten. „In Tokio haben wir so ein Merkmal noch nicht“, meint er selbstkritisch. „Daher ist Tokio noch nicht der Start-up-Hub in Asien.“ Die deutsch-japanische Plattform hat daher noch viel Arbeit vor sich, um bei der Lösung dieses japanischen Problems zu helfen.

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