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Start-ups Szenen der Entfremdung zwischen CDU und Gründern

Die CDU will sich als Anwalt von Start-ups profilieren. Doch ihr schlägt die Skepsis der Jungunternehmer entgegen.
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Die Bundesrepublik, heißt es, verschlafe die Digitalisierung, reguliere zu viel und riskiere zu wenig. Quelle: Imago/Westend61
Start-up

Die Bundesrepublik, heißt es, verschlafe die Digitalisierung, reguliere zu viel und riskiere zu wenig.

(Foto: Imago/Westend61)

Berlin Bauern, sagt Maximilian von Löbbecke, haben dicke Finger. Oder sie tragen dreckige Handschuhe. Und meistens sind sie draußen, im grellen Tageslicht. Von Löbbecke ist kein Bauer, hat keine dicken Finger und trägt auch keine dreckigen Handschuhe, sondern Jackett mit Einstecktuch.

Er ist Unternehmer, aber er kennt sich mit Bauern aus. Seine Firma 365 Farmnet bietet Datenanalysen für Agrarbetriebe an – bessere Ernten und weniger Aufwand, so lautet das Versprechen.

Die Digitalisierung der Landwirtschaft bietet große Chancen, hat aber ganz besondere Tücken, weiß von Löbbecke, und mit dem Software-Design fängt es an: Eingabefelder auf Touchdisplays zum Beispiel müssen besonders hell und groß sein, ackeralltagstauglich eben.

Das macht jede Menge Arbeit, und daher wäre von Löbbecke froh, wenn er sich etwas mehr mit den speziellen Bedürfnissen seiner Kundschaft beschäftigen könnte – und weniger mit den besonderen Anforderungen der deutschen Bürokratie. „Ich war schon an etlichen Gründungen beteiligt, in Thailand, Südafrika, der Schweiz und in den USA. Aber nirgendwo wird es einem so schwer gemacht wie in Deutschland“, klagt er.

Von Löbbecke führt an diesem Tag hohen Besuch durch seine Büroflure am gediegenen Berliner Hausvogteiplatz. Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus ist gekommen und hat Verstärkung mitgebracht: seine Stellvertreterin Nadin Schön, den Digitalpolitiker Tankred Schipanski und den Bundestagsneuling Marc Biadacz.

Die Christdemokraten wollen ein Zeichen setzen. Gerade jetzt, da sich die Konjunktur eintrübe, dürfe die Bundesregierung nicht nur Sozialpolitik im Angebot haben, mahnt Brinkhaus: „Der Blick muss nach vorne gehen, nicht zurück.“ Es gelte, den Start-up-Standort zu stärken und ein neues Geschäftsmodell für Deutschland zu finden.

Der Unionsfraktionsvorsitzende muss sich scharfer Kritik von Firmengründern stellen. Quelle: dpa
Ralph Brinkhaus

Der Unionsfraktionsvorsitzende muss sich scharfer Kritik von Firmengründern stellen.

(Foto: dpa)

Der Firmenbesuch soll dazu dienen, das durch Mütterrente, „Ausländermaut“, allgemeinen Regierungsverschleiß und allerhand Koalitionskompromisse verwischte Wirtschaftsprofil der Union zu schärfen. Doch das Gespräch zwischen den Unionspolitikern und von Löbbecke zeigt vor allem, wie groß die Kluft zwischen CDU und Unternehmern geworden ist.

Der Gastgeber ist um deutliche Worte nicht verlegen: „Die CDU hatte einmal große Wirtschaftskompetenz, aber das ist vorbei.“ Von Löbbecke beschwert sich über „ausufernde Arbeitnehmerrechte“ und ein „zunehmend abschreckendes Steuer-, Arbeits- und Gesellschaftsrecht“. Einmal in Fahrt gekommen, echauffiert er sich weiter: Friedrich Merz habe sich bei seiner – letztlich erfolglosen – Kandidatur für den CDU-Vorsitz „für seinen Erfolg entschuldigen“ müssen. Das sage doch schon alles.

Die Kritik, mit der von Löbbecke Brinkhaus konfrontiert, ist ungewöhnlich scharf. Aber inhaltlich deckt sie sich mit den Klagen, die man von Gründern und Start-up-Investoren überall in Deutschland hört. Die Bundesrepublik, heißt es, verschlafe die Digitalisierung, reguliere zu viel und riskiere zu wenig.

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Das föderale Geflecht sei ein bürokratisches Dickicht, in dem sich nur Spezialisten zurechtfänden. Allein 17 Datenschutzbeauftragte gebe es, und sie alle machten Digitalfirmen das Leben schwer. Genauso wie die Funklöcher, die ganze Regionen verschlucken. Die Hauptklage aber lautet: Es fehlt an Investoren, die erfolgreiche Start-ups mit einer Kapital-Infusion auf die nächste Stufe heben.

Statistiken verdeutlichen den Ernst der Lage: Nach Angaben des Start-up-Verbands geht hierzulande doppelt so vielen jungen Firmen in der Wachstumsphase die Puste aus wie in den USA. In Amerika gehen erfolgreiche Start-ups an die Börse, in Deutschland werden sie verkauft – in 70 Prozent der Fälle ins Ausland, wie der Start-up-Verband ebenfalls errechnet hat.

Leere Versprechen

Gerade erst hat eine Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau ein düsteres Lagebild der Branche gezeichnet: Der Wunsch nach Selbstständigkeit war in Deutschland noch nie so gering wie heute. Doch viel mehr als ein breites Lächeln und das vage Versprechen, die Stärkung des Start-up-Sektors zur „Priorität der Fraktion“ zu machen, kann Brinkhaus an diesem Tag nicht anbieten.

Er hat ein Positionspapier der Unionsabgeordneten dabei, und dessen bloße Existenz will die Fraktion schon als politischen Erfolg verstanden wissen. Auch die Beförderung des CDU-Abgeordneten Thomas Jarzombek zum Start-up-Beauftragten im Bundeswirtschaftsministerium hebt Brinkhaus hervor.

Doch wer auf einen großen Reformschub nach der Sommerpause hofft, wird wohl enttäuscht. Für das Handelsblatt skizziert Jarzombek seine Agenda so: „Ein zentrales Vorhaben ist für mich die Verabschiedung der Blockchain-Strategie der Bundesregierung. Ich möchte erreichen, dass wir Deutschland in diesem Bereich weiter voranbringen. Daneben gehen wir das Themenfeld ,digitale Plattformen‘ an, das auch Gegenstand des diesjährigen Digitalgipfels in Dortmund ist.“ Wie der ganz große Wurf klingt das noch nicht.

Die Antworten der Großen Koalition auf die drängenden Fragen nach der Digitalisierung der Verwaltung, dem Netzausbau und der Verbesserung der Finanzierungsoptionen wirken wie Ausflüchte nach dem Motto: Da sind wir dran, das dauert noch, wir kümmern uns.

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Brinkhaus spürt inzwischen, dass der Firmenbesuch eher die Entfremdung zwischen Union und Unternehmerschaft unterstreicht als die Wirtschaftskompetenz der Partei. Darum bemüht er Max Weber und ein weiteres Mal sein breites Lächeln: „Politik ist das Bohren dicker Bretter.“ Nicht nur die Gründer fühlen sich von der Politik nicht verstanden – auch die Politik von den Gründern. Für die Start-up-Agenda verheißt das wenig Gutes.

Er sei „erschrocken und besorgt“, sagt von Löbbecke hinterher. Er hätte gern konkretere Ansagen gehört, zum schleppenden Netzausbau etwa, der ihm stark zu schaffen macht. Nicht nur, dass auf vielen Bauernhöfen die Handyverbindung schlecht ist – wenn sie überhaupt existiert.

Auch die Internetverbindungen im Festnetz sind so langsam, dass an moderne Datenverarbeitung kaum zu denken ist. Der Markt für Agrar-Software wird so erheblich eingeschränkt. Wachstumspotenzial bleibt ungenutzt, wie in vielen anderen Branchen auch.

Löbbeckes Bilanz: „Es hat sich bestätigt, wie tief der Graben zwischen Politik und Wirtschaft ist. Man folgt Themen und Stimmungen der Gesellschaft, um wiedergewählt zu werden, statt endlich das Wohl des Landes in den Fokus zu rücken.“

Mehr: Die deutsche Start-up-Szene ist immer noch männlich dominiert. Welche Frauen es dennoch geschafft haben.

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