Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Steuerdebatte Vermögensverteilung in Deutschland: Weniger ungleich als gedacht

SPD, Grüne und Linke wollen die Vermögensteuer wieder einführen. Doch laut einer Studie ist die Vermögensungleichheit geringer als behauptet.
01.07.2021 - 17:14 Uhr 8 Kommentare
Je älter die Menschen, desto weniger stark klaffen die Vermögen auseinander, besagt eine neue Studie. Quelle: imago/Westend61, Gerhard Westrich/laif
Blick vom Belziger Ring auf Marzahn und die Ahrensfelder Berge (l.).

Je älter die Menschen, desto weniger stark klaffen die Vermögen auseinander, besagt eine neue Studie.

(Foto: imago/Westend61, Gerhard Westrich/laif)

Berlin Die Initiative „taxmenow“ hat einen ungewöhnlichen Wunsch. Das Bündnis von Millionären aus Deutschland und Österreich fleht den Staat an, endlich stärker besteuert zu werden.

Seit Jahrzehnten nehme die Ungleichheit in Deutschland zu, die Machtkonzentration in Form von Kapital und Einfluss sei sogar „demokratiegefährdend“, schreiben sie in ihrem Onlineappell und fordern unter anderem die Wiedereinführung der Vermögensteuer.

Doch die These von der zunehmenden Ungleichheit ist umstritten: Ein Gutachten des IW Köln im Auftrag der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw), die dem Handelsblatt vorliegt, kommt zu dem Schluss: Die Vermögensungleichheit in Deutschland wird überschätzt, weil zu viele Faktoren außer Acht gelassen werden.

Werden etwa Rentenansprüche berücksichtigt, sinkt allein dadurch die Vermögensungleichheit um 22 Prozent. „Durch die Hinzurechnung von Ansprüchen an Altersvorsorgesysteme nimmt das durchschnittliche Nettovermögen deutlich zu“, sagt vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.

Zudem nehme die Vermögensungleichheit immer stärker ab, je mehr Altersgruppen ans Rentenalter heranrückten. All diese Effekte sind in der Diskussion um die Vermögensverteilung zu beachten, um auf einer sachlich fundierten Grundlage Handlungsoptionen zu prüfen“, so Brossardt.

Jahrzehntelang hatte es in Deutschland eine Vermögensteuer gegeben, bis das Bundesverfassungsgericht 1995 in einem Urteil bemängelte, Immobilien würden wegen veralteter Bewertungsmaßstäbe bei der Vermögensteuer deutlich bevorzugt.

Grafik

Die damalige Bundesregierung unter Helmut Kohl (CDU) handelte nicht, ab 1997 wurde die Steuer nicht mehr erhoben und verschwand erst einmal in der Schublade. In den vergangenen Jahren erlebte die Diskussion über die Steuer mit dem Aufkommen einer neuen Ungleichheitsdebatte in Deutschland ein Comeback.

In genau dieser Diskussion gerät allerdings vieles durcheinander. So ist die Schere bei den Nettoeinkommen hierzulande vergleichsweise gering, weil der Staat über das Steuersystem sehr viel umverteilt.

Bei Vermögensungleichheit ist Deutschland an der Spitze

Die Vermögensungleichheit in Deutschland ist im internationalen Vergleich dagegen tatsächlich sehr hoch. Unter 29 Staaten ist die Schere laut Credit Suisse nur in fünf anderen Ländern größer.

Dieser Umstand allein sagt noch nicht viel aus. So sind etwa die Vermögen in Dänemark oder Schweden noch ungleicher verteilt als in Deutschland. Und ausgerechnet diese Länder gelten insbesondere im linken Lager eigentlich als Vorbild in Sachen soziale Gerechtigkeit.

Gegenstand hitziger Debatten ist auch immer wieder, was die Ursache von Vermögensungleichheit ist und wie sie gemessen wird. So glauben viele, die Vermögensungleichheit in Deutschland sei eigentlich noch höher als bekannt, weil hohe Vermögen unzureichend erfasst werden und die Vermögenskonzentration dadurch systematisch unterschätzt werde.

Ein Indiz, dass da etwas dran sein könnte, lieferte im Vorjahr eine DIW-Studie. Auf Basis neuer Daten kamen die Forscher zu dem Schluss, das reichste Prozent der Bevölkerung vereine in Deutschland nicht 22, sondern rund 35 Prozent des Nettovermögens auf sich.

Grafik

Auf der anderen Seite gibt es Faktoren, die die Ungleichheit in Deutschland besonders in die Höhe treiben, allen voran die Wiedervereinigung. Viele Ostdeutsche fingen nach der Wende bei null an und bauen seitdem erst Vermögen auf.

Eine weitere Frage ist, was in die Betrachtung bei der Messung von Vermögensungleichheit einfließt. Hier setzt auch die IW-Studie im Auftrag der bayerischen Wirtschaft an. Insbesondere wenn Rentenanwartschaften einbezogen werden, ändert sich laut Studie das Bild vom „Ungleichland“.

Ungleichheit unter älteren Altersgruppen geringer

Werden Rentenansprüche berücksichtigt, verbessert sich in der Altersgruppe zwischen 18 und 35 Jahren, die noch wenig eigenes Vermögen bilden konnten, die Situation deutlich. Hier beträgt der Vermögensanstieg laut Studie das 2,6-Fache. Die Vermögensverteilung variiert zudem nach Altersgruppen. So ist die Ungleichheit der Vermögen innerhalb älterer Altersgruppen deutlich geringer.

Um zu den obersten zehn Prozent der jüngsten Altersgruppe von unter 30 Jahren zu gehören, muss ein Haushalt mindestens über das 14-Fache des mittleren Vermögens verfügen. Bei den 55- bis 59-Jährigen reicht hingegen das Fünffache.

Grafik

Die linken Parteien hält das aber nicht davon ab, Vermögen steuerlich stärker belasten zu wollen. Sie verweisen neben der hohen Vermögensungleichheit auch auf die im internationalen Vergleich geringe Vermögensbesteuerung in Deutschland.

Vermögensbezogene Steuern, unter die etwa die Erbschaft- oder die Grundsteuer fallen, machen hierzulande nur einen Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 1,1 Prozent aus. Im OECD-Durchschnitt sind es dagegen 1,9 Prozent.

Und Corona hat aus Sicht der Parteien die Ungleichheit noch verschärft. Während viele Geringverdiener Einkommenseinbußen zu verkraften hatten, etwa weil sie in Kurzarbeit waren, mehrte sich das Vermögen vieler Wohlhabender dank steigender Immobilienpreise und Aktienkurse auch in der Krise immer weiter.

Hohe Steuerbelastung für Unternehmen

Die SPD will deshalb Nettovermögen ab zwei Millionen Euro mit einem Prozent besteuern, Vermögen ab einer Milliarde Euro mit zwei Prozent. Zwischen 17 und 24 Milliarden Euro würde die Steuer nach DIW-Berechnungen im Jahr einspielen, bei Freibeträgen für Unternehmen etwas weniger. Die Pläne der Grünen sehen ähnlich aus, das Konzept der Linken sieht vor, Vermögen ab einer Million Euro mit ein bis fünf Prozent zu besteuern.

Auch wenn diese Steuersätze zunächst gering erscheinen, die Belastung für einzelne Unternehmen fiele hoch aus. So rechnet der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) vor, durch die Vermögensteuerpläne etwa der SPD stiege die Steuerbelastung für Unternehmen inklusive anderer Steuern auf bis zu 79 Prozent. Und: Ausgerechnet ertragsschwächere Unternehmen wären besonders betroffen.

Ein weiteres Gegenargument gegen die Wiederbelebung der Vermögensteuer ist der Bürokratieaufwand. Anders als etwa bei der Erbschaftsteuer fällt die Erfassung des Vermögens nicht alle paar Jahrzehnte, sondern jedes Jahr an. Alle Vermögensgegenstände zu erfassen, etwa den Picasso an der Wand oder die Jacht, sei extrem aufwendig und rechtlich angreifbar.

Befürworter einer Vermögensteuer sehen dagegen keine gravierenden Probleme. So könne sich Deutschland ein Beispiel an der Schweiz nehmen, wo es eine Vermögensteuer gibt. Dort werde Unternehmen in wirtschaftlicher Schieflage die Steuer gestundet.

Auch die Bewertungsprobleme ließen sich lösen, insbesondere die von Immobilien, wegen der die Vermögensteuer 1995 gekippt wurde. So werden im Zuge der Grundsteuerreform in den nächsten Jahren ohnehin der aktuelle Wert sämtlicher Immobilien in Deutschland neu erfasst.

Die IW-Autoren warnen dagegen in ihrer Studie, die Einführung einer Vermögensteuer könnte sogar ungewollt zu mehr Ungleichheit führen. So zeigten vermögensbezogene Steuern „regelmäßig eine begrenzte umverteilende Wirkung auf“, schreiben die Forscher.

Zugleich ziehe die Besteuerung von Betriebsvermögen „negative Beschäftigungseffekte nach sich“, weil Investoren ihre Standortentscheidungen hinterfragten. Dadurch drohten nicht nur Einbußen bei Einkommen, sondern auch bei Rentenansprüchen – dabei würden gerade die die Ungleichheit reduzieren.

Immobilien spielen entscheidende Rolle

Auch die diskutierte Stabilisierung des höheren Rentenniveaus sehen die Forscher unter Ungleichheits-Gesichtspunkten kritisch. Denn dafür seien höhere Rentenbeiträge notwendig, die wiederum den privaten Vermögensaufbau erschwerten.

Um breiten Teilen der Bevölkerung Chancen auf Vermögensaufbau zu eröffnen, müssten Steuern und Abgaben eher sinken, sagt vbw-Hauptgeschäftsführer Brossardt.

„Zweitens müssen wir alles daransetzen, nach der Coronakrise an die Arbeitsmarkterfolge der letzten Jahre anzuknüpfen und Beschäftigungsperspektiven zu schaffen“, so Brossardt. Und drittens müsse die Politik gezielt Wohnraum fördern.

Tatsächlich spielen gerade Immobilien bei der Vermögensverteilung in Deutschland eine wichtige Rolle. Deshalb liege „es nahe, die Einstiegshürden durch die insbesondere in einigen deutschen Bundesländern hohe Grunderwerbsteuer in den Blick zu nehmen“, schreiben etwa auch die Steuerrechtler Peter Hongler und Mattias Valta in einem neuen Fachaufsatz zur Vermögensteuer.

Mit anderen Worten: Ausgerechnet die Grunderwerbsteuer, die Vermögen besteuern soll, könnte die Vermögensungleichheit verschärfen.

Mehr: Vermögensteuer – Liechtenstein lockt mit tiefen Steuersätzen

Startseite
8 Kommentare zu "Steuerdebatte: Vermögensverteilung in Deutschland: Weniger ungleich als gedacht"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die Studie wird auch nicht viel helfen wenn die geringen Einkommensschichten immer größer werden und irgendwann (hoffentlich) aufstehen und sich zur Wehr setzen. Mittlerweile hat jeder verstanden wie die Lobby funktioniert und die Augenwischerei der Politiker ist zu primitiv als dass es noch jemand glaubt.

  • Ein "Gutachten" eines Lobbyinstituts im Auftrag eines Lobbyverbands, und schon kommt das gewünschte Ergebnis heraus.

  • Unabhängig von der Meinung zur Vermögenssteuer:
    IW Köln... Mutterkonzern der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft". Wer so eine Schmutzaktion finanziert, wie die von der INSM, wird bei seinen Studien nicht mehr glaubwürdig erscheinen. Vom Ergebnis zu der Excel-Tabelle mit den gerade passenden Werten.

    Nichtsdestotrotz wurde sich ja in dem Artikel auch auf aussagekräftige Studien bezogen.

  • Wenn eine Studie von einem Arbeitgeberverband gesponsert wird, kann man schon das Ergebnis vorausschauen, bevor sie noch veröffentlicht wird, oder?!
    Aber warum wird sie ausgerechnet noch vor der Wahl publiziert, nachdem die beiden FDP und Union "keine Steuererhöhung" für die reichen Minderheit versprechen?
    Also, man muss den schlechten Witz aus Bayern mit Humor nehmen. :-)

  • @Hr. Meier: was die Unsinnigkeit der Vermögenssteuer angeht stimme ich zu. Ihren Gedankengang der Erbschaftssteuer sollten Sie in aller Konsequenz nochmal überdenken: Wäre ich Erbe von Betriebsvermögen und wäre dieses nicht begünstigt im Falle einer Fortführung, würde ich den Laden dicht machen. Ob das dem Gemeinwesen gut täte darf bezweifelt werden.

  • Wer es glaubt
    wird selig.

  • Dass die Befürworter einer Vermögenssteuer immer vergessen, die Barwerte der Pensionen und Renten zu berücksichtigen, unterstreicht nur, wie unsinnig eine Vermögensteuer ist. Stattdessen sollte die Erbschaftssteuer deutlich erhöht werden (Stichwort Chancengleichheit), die steuerlichen Ausnahmetatbestände bzw. Abzugsmöglichkeiten sollten komplett abgeschafft werden und die Steuersätze im Gegenzug deutlich gesenkt werden. Last but not least hat die Umverteilung über eine negative Steuer bei Abschaffung sämtlicher personenbezogener Subventionen zu erfolgen. Die damit einhergehende Transparenz in Kombination mit niedrigeren Steuersätzen würde die Bereitschaft, den erforderlichen Beitrag zum Funktionieren des Gemeinwesens zu leisten, wohl erhöhen.

  • CO2 Steuer reicht nicht!!!
    Deutschland zahlt die höchsten Steuer, aber die linken Parteien bekommen einfach nicht genug!

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%