Stifterverband-Generalsekretär Andreas Schlüter „Wir müssen es schaffen, Bildungsförderung als Gesellschaftsspiel anzulegen“

Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes, über den langen Anlauf zur neuen Bildungslotterie und Lose als Unternehmensgeschenke.
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Gut 20 Millionen Euro Startkapital. Quelle: Peter Himsel/Stifterverband
Andreas Schlüter

Gut 20 Millionen Euro Startkapital.

(Foto: Peter Himsel/Stifterverband)

Die deutsche Wirtschaft startet eine „Bildungs-Chancen-Lotterie“, die mittelfristig dreistellige Millionenbeträge für Bildungsprojekte einspielen soll. Ab Herbst sollen bundesweit die ersten Projekte gefördert werden. Initiator der neuen Online-Soziallotterie ist der Stifterverband der Wirtschaft, der sich dafür mit den SOS-Kinderdörfern weltweit und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung zusammengetan hat. Dessen Generalsekretär Andreas Schlüter erklärt, was hinter der Idee steckt.

Herr Schlüter, das ist sicher die erste Lotterie, die Sie gründen?
(lacht) Nein, die dritte. Ich habe in den 1990ern schon mal in Gütersloh und Bielefeld Weihnachtslotterien gestartet, für die ersten Bürgerstiftungen Deutschlands. Die Regeln waren die gleichen wie heute: jeweils mindestens 30 Prozent für den gemeinnützigen Zweck und die Gewinnausschüttung, 16,7 Prozent Lottosteuer und den Rest für die Kosten – das waren damals die Bretterbuden auf dem Weihnachtsmarkt und ein paar Mark für die Lose.

Warum schiebt ausgerechnet der Stifterverband – eine Organisation der Wirtschaft – eine Bildungslotterie an?
Natürlich ist Bildung in erster Linie Aufgabe des Staates, aber er ist, wie wir wissen, nicht so gut darin, Einzelne so zu fördern, dass sie ihr volles Potenzial entwickeln. Diese Lücke wollen wir helfen zu füllen. Deshalb hat ja auch der Stifterverband selbst Programme für Kinder aufgelegt, die sonst durch den Rost fallen, weil sich keiner kümmert. Das nützt dann wieder der Gesellschaft insgesamt.

Aber es gibt schon viele Stiftungen.
Ja, stimmt. Aber im Verhältnis zum Bedarf gibt es nur wenige, die neben Pilotprojekten auch in der Fläche fördern können. Oder wollen: Grade große Stiftungen konzentrieren sich eher auf Strukturprogramme oder Politikberatung. Gelder, die junge Menschen unmittelbar fördern, gibt es kaum.

Ihre Partner sind die SOS-Kinderdörfer und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung – warum?
Beide haben enorm viel Erfahrung mit Bildungsprojekten. Die SOS-Kinderdörfer kennen sich international bestens aus, die DKJS setzt sich für Bildungserfolg und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen ein. Zudem ist das ein großes Rad, das wir da drehen wollen, und wir dachten, mit solchen Partnern ist die Chance deutlich größer, dass wir das schaffen.

Sie wollen möglichst viele Millionen einspielen.
Natürlich. Aber nicht nur: Genauso wichtig ist uns, dass die Lotterie das Thema Bildung insgesamt beflügelt. Weil alles online abläuft, können wir Spieler per Mail direkt ansprechen: Ihnen mitteilen, dass sie zwar diesmal nicht gewonnen haben, das Geld aber in den Kindergarten in ihrer Nähe fließt. Oder in eine Schule im Senegal. Fragen, was sie von welchen Projekten halten, wofür wir Geld ausgeben sollen. Wenn wir dann wissen, wofür sich welche Kunden interessieren – frühkindliche Bildung, musische Erziehung, Entwicklungshilfe durch Ausbildung, was auch immer – können wir sie gezielt informieren.

Die Idee entstand 2013 – warum der lange Vorlauf?
Wir haben uns zunächst das Lotteriegeschäft in Deutschland und im Ausland angeschaut, von dem wir ja keine Ahnung hatten. Schnell war klar: Das klassische Lotteriegeschäft stagniert, online geht es gerade los. Natürlich kann man Lose im Netz kaufen, aber bei uns spielt sich alles ausschließlich online ab. Der regulierte Glücksspielmarkt ist 35 Milliarden Euro schwer, davon entfallen rund 860 Millionen auf die großen Soziallotterien, deren Erlöse einem gemeinnützigen Zweck zukommen: Aktion Mensch, Deutsche Fernsehlotterie und Glücksspirale.

Fünf Jahre für eine Lizenz?
Zunächst einmal mussten sich die drei Partner zusammenfinden und auf eine gemeinsame Linie verständigen. Für uns war das alles komplettes Neuland. Und wir haben eine Lotterie geplant, die ebenfalls vieles neu und anders machen will. Wir agieren von vorneherein nur online – übrigens auch, um den anderen Soziallotterien keine Konkurrenz zu machen, sondern vor allem neue Zielgruppen zu erschließen. Dadurch war der Einstieg sehr komplex. Hinzu kommt: Unser Förderzweck ist enorm wichtig, aber nicht ohne Weiteres am Markt zu vermitteln. Unsere Marktstudien haben gezeigt: Für Bildung sind die Leute gar nicht ohne Weiteres bereit, Geld zu geben – eben weil sie es für eine Staatsaufgabe halten. Die „Chancen junger Menschen“ jedoch sind etwas, wofür viele bereitwilliger spenden.

Und nun hoffen Sie auf die Geldgier der Spieler nach dem großen Los über zwei Millionen Euro.
Natürlich. Aber die Erfahrung der anderen zeigt: Menschen kaufen das erste Los, weil sie gewinnen wollen. Und sie bleiben dabei, weil sie gern etwas Gutes tun. Es gibt Menschen, die haben seit Jahrzehnten ein Dauerlos für eine Soziallotterie und noch nie gewonnen, aber das gute Gefühl, eine Art Dauerspende zu geben. Wir hoffen auf noch größere Bindungseffekte, wenn wir unsere Teilnehmer einbeziehen. Aber dafür brauchen wir langen Atem ...

... und Geld!
Richtig, denn wir müssen die Struktur vorfinanzieren und von Anfang an Gewinne auszahlen. Wenn wir Pech haben, nehmen wir am Anfang nur wenig ein, müssen aber mehrere Millionen auszahlen, wenn die richtige Losnummer gezogen wird.

Wie viel Startkapital war nötig?
Gut 20 Millionen. Die haben uns etwas mehr als zehn Privatleute, Unternehmen und Stiftungen in Form von Darlehen zur Verfügung gestellt, denen Bildung am Herzen liegt. Denn der Stifterverband und auch die Partner hätten das rechtlich nicht gedurft, weil wir gemeinnützig sind.

Verraten Sie, wer Ihnen die Millionen geliehen hat?
Zum Beispiel Christian Boehringer von Boehringer Ingelheim, Bettina Würth von der Würth-Gruppe und Nicola Leibinger-Kammüller von Trumpf. Auch für unseren Ex-Präsidenten Arend Oetker war es Ehrensache, sich zu beteiligen. Sie alle haben sich überlegt: Wenn ich zum Beispiel eine Million Euro Kredit gebe, können damit unterm Strich über die Lotterie womöglich zehn Millionen Euro an finanziellen Mitteln für Förderprojekte zurückkommen. Die Investoren bekommen zudem ihre Darlehen zurück und können das Geld an anderer Stelle erneut einsetzen.

Wenn‘s nicht funktioniert, ist die Million weg ...
Wir sind sehr optimistisch, dass das nicht passiert, aber wir sind natürlich ein Start-up, mit allen Chancen und Risiken. Als wir unsere Förderer gefragt haben, hatten wir nur die Idee, aber kein Produkt, keine Lizenz, kein Marketingkonzept – das war ein hohes Risiko. Unsere Geldgeber sind also tatsächlich keine ausschließlich kühl kalkulierenden Investoren, sondern Überzeugungstäter.

In welcher Liga wollen Sie spielen?
Insgesamt spielen in Deutschland fünf Millionen Menschen in Soziallotterien. Davon zehn Prozent zu erreichen – also 500.000 Spieler – ist machbar. Wir haben uns ganz bescheiden vorgenommen, in zehn Jahren jährlich mindestens ein Viertel des Umsatzes zu erzielen, den heute der Marktführer Aktion Mensch macht. Das wären gut 100 Millionen Euro. Das würde bedeuten, dass wir dann jährlich rund 30 Millionen Euro in Bildungsprojekte stecken können. Über das erste Jahrzehnt hinweg wollen wir also auf jeden Fall einen dreistelligen Millionenbetrag für gute Bildungszwecke einsammeln.

Welche Rolle nimmt denn die Wirtschaft ein – vor allem die 3.000 Stifterverbandsmitglieder?
Schon jetzt gibt es das Solo-Los und das Team-Los für bis zu zehn Spieler. Dazu planen wir ein Jahreslos: Das wäre ideal für Firmen, die gern in Bildung investieren und Lose an Mitarbeiter, Partner oder Kunden verschenken. Die Gespräche, die wir dazu geführt haben, stimmen uns ganz zuversichtlich.

Diese Lotterie ist Ihr ganz persönliches Baby. Wann dachten Sie erstmals, dass es klappt?
Am Anfang war das eher so ein Traum. Dann aber waren die Rückmeldungen äußerst positiv. Ich erinnere mich noch gut, dass ich das erste Gespräch vor drei Jahren mit Christian Boehringer geführt habe und der sofort einen sehr großen Betrag zugesagt hat. Das zweite Gespräch war mit Nicola Leibinger-Kammüller. Ab da war ich eigentlich sehr zuversichtlich. Jetzt gibt es noch ein großes Fragezeichen und ein Ausrufezeichen.

Und zwar?
Die große Frage ist: Funktioniert eine reine Onlinelotterie auch in Deutschland? Das Ausland zeigt, dass es bei kommerziellen Lotterien funktioniert, das ist ein Milliardenmarkt. Unsere Überzeugung ist: Nach dem Handel und dem Banking wird sich auch bei uns das Lotteriegeschäft zunehmend ins Netz verlagern. Das Ausrufezeichen: Wenn wir es schaffen, die Bildungsförderung als Gesellschaftsspiel anzulegen, als zeitgemäße Form des Engagements, bei dem Spieler und Geförderte gleichermaßen gewinnen, wenn wir mit den Spielern in einen echten Dialog treten und sie in unsere Förderarbeit einbinden, dann werden wir dauerhaft Erfolg haben!

Herr Schlüter, vielen Dank für das Interview.

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