Streit um Sanktionen Hartz-IV-Rebellin ganz wider Willen

Keine Sanktionen für Erwerbslose, fordert Hartz IV-Rebellin Inge Hannemann. Denn sie seien unmenschlich. Ihr Appell ruft Protest hervor, auch beim Jobcenter Hamburg-Altona, ihrem Arbeitgeber.
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Hartz IV-Rebellin Inge Hannemann ist gegen Sanktionen für Erwerbslose. Natürlich hat sie schon welche verhängt, manchmal seien sei nötig gewesen, um nicht aus dem Job zu fliegen, sagt sie Quelle: Maike Freund

Hartz IV-Rebellin Inge Hannemann ist gegen Sanktionen für Erwerbslose. Natürlich hat sie schon welche verhängt, manchmal seien sei nötig gewesen, um nicht aus dem Job zu fliegen, sagt sie

(Foto: Maike Freund)

HamburgEs klingelt. Und Inge Hannemann springt auf: „Moment, da muss ich hin“, sagt sie. „Das ist bestimmt schon wieder das Jobcenter, das mir ein Einschreiben schickt.“ Und ergänzt: „Wer weiß, was sie mir jetzt wieder vorwerfen?“ Auf ihren Lippen liegt ein leichtes Lächeln. Doch das, was in ihren Augen liegt, ist Härte. „Mich schockt nichts mehr“, sagt sie.

Hannemann arbeitet im Jobcenter Hamburg-Altona. Eigentlich. Doch nun ist sie freigestellt. Der Grund: Wenn einer der rund 30 bis 40 erwerbslosen jungen Erwachsenen, die sie betreut, beispielsweise nicht zum ausgemachten Termin erscheint, muss sie handeln. Und zwar mit Sanktionen. Konkret heißt das: Hartz IV wird gekürzt. Manchmal um zehn Prozent, im schlimmsten Fall ganz. Und das hat Hannemann nicht getan.

Denn von diesen Sanktionen hält die 45-Jährige nicht viel. Sie glaubt, dass die Kürzungen die Betroffenen in menschenunwürdige Umstände bringen. „Wovon sollen sie leben, wenn von der Unterstützung nichts mehr übrig bleibt?“, fragt sie. Das könnte die Arbeitsagentur noch schlimmer machen. Denn sie will die Sanktionen noch verschärfen. Bisher wird bei den Bestrafungen unterschieden, ob ein Bezieher einen Termin im Jobcenter verpasst oder eine vom Jobcenter vorgeschlagene Maßnahme ablehnt. Das könnte in Zukunft pauschal beurteilt werden. Für Hannemann ist klar: Die Vorschläge sind „mehr als ungerecht“.

Denn für Hannemann gibt es einen besseren Weg, als Menschen durch Abzüge bei den Leistungen in lebensunwürdige Umstände zu bringen. Sie findet, das verstößt gegen das Grundgesetz. Und danach hat sie in ihrem Job auch gehandelt.

Hartz IV-Rebellin ist der Name, den sie dafür von den Medien verpasst bekam – der so gar nicht zu ihr passen will. Zu dieser zierlichen, freundlichen Frau, deren Augen hinter ihrer Brille fast immer lächeln. Vom Arbeitgeber gab es dafür die Freistellung.

Vorgeworfen wird ihr Verschiedenes. Hauptsächlich aber, dass eine, die die vom Gesetz vorgegebenen Sanktionen nicht gut heiße, nicht für das Jobcenter arbeiten könne. Mit der Freistellung will sie sich nicht abfinden. Sie will ihren Job, den sie gerne macht, zurück. Deshalb klagt sie gegen die Entscheidung, ihr nächster Gerichtstermin ist im Sommer. Zur Not will sie durch alle Instanzen gehen. Aufgeben kommt nicht in Frage.

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34 Kommentare zu "Streit um Sanktionen : Hartz-IV-Rebellin ganz wider Willen"

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  • "Doch so drastisch, wie Sie das schildern, das kann ich aus meinem Umfeld und aus meinem beruflichen Einblick heraus nicht bestätigen, nicht annähernd."
    Wie schön für Sie, aber außerhalb Ihres Wolkenkuckucksheims gibt es das in zunehmender Zahl - leider.

  • Das Problem ist, dass diese "beschissenen Jobs" langsam die Überhand über normale Arbeitsverhältnisse gewinnen.
    Diese "Jobs" müssen nicht mal im Niedriglohnbereich mit seinen knapp 9 Mio Beschäftigten angesiedelt sein.

    Ein Zufall wird es ja kaum sein, dass eine wirkliche Überzahl der Menschen ihren Job in erster Linie als belastung empfindet und die Älteren in einer erdrückenden Mehrheit lieber gestern als heute rauswollten, wenn es ginge.

    Nicht umsonst steigt die Anzahl verhaltensauffälliger oder "lernresistenter" Kinder in den Schulen, da die Unternehmer ihre Eltern für ihren Doppelferrari noch schlimmer rannehmen.

  • Wieso eigentlich bedingungsloses Grundeinkommen nur für Deutsche oder für Nichtdeutsche, die in Deutschland leben. Ich fordere ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Menschen auf der Welt. Es ist ja schliesslich kein eigener Verdienst zufällig als Deutscher geboren zu sein oder zufällig in Deutschland zu wohnen. Das ist gegenüber all den anderen Menschen auf der Welt ungerecht.

  • Du liebe Güte.

    Dass es richtig beschissene Jobs mit gibt, bestreitet ja wohl niemand ernsthaft.

    Doch so drastisch, wie Sie das schildern, das kann ich aus meinem Umfeld und aus meinem beruflichen Einblick heraus nicht bestätigen, nicht annähernd.

  • Rebelin? Ich kenne nicht einen einzigen Vermittler in Berlin, der gewillt und wfähig ist, Arbeitslose zu vermitteln. Jeder Vermittler darf nur Lohn von 10 Euro erhalten für jeden Vermittelten in den 1. Arbeitsmarkt. Die Arbetslosenzahl würde explodieren, da diese Arbeitsvermittler nicht gewillt sind zu vermitteln. In Berlin jedenfalls!!!

  • Nein, darauf läuft es nicht hinaus! Ganz sicher nicht!
    Ich habe mein Portfolio in einem gesunden Mix aus Immobilien, Aktien und Wertgegenständen angelegt, die auch dann reißenden Absatz finden würden, sollte es einmal für die Loser unter uns nichts mehr zum Abfingern geben!

  • Wie verstrahlt muss man eigentlich sein?!
    Man gönnt jemandem sein eigenes Bett mit Mauern und Fenstern drumherum und die tägliche Essensration nicht, weil er oder sie nicht pünktlich war oder nicht mit dem System konform geht. Andererseits ist es per Gesetz voll in Ordnung asoziale Politiker, die vorsätzlich einen Milliarden Schaden zu verantworten haben, mit fürstlichen Übergangsgeldern und Ruhebezügen zu pampern. Entsprechendes gilt natürlich auch für Vorstände von Aktiengesellschaften oder Staatsbetrieben.

    Die Mehrheit der Deutschen sind immer noch obrigkeitshörige Zombies und treten aus Frust darüber alles was unter ihnen in Reichweite ist mit steigernder Begeisterung. Vorbildliche Vasallen wie sich die Elite selbst gar nicht besser kreieren könnte. Widerlich, ich könnte kotzen!!!

  • Und wenn der Teich dann trocken ist, haben Sie auch nichts mehr zu saufen. Denn darauf läufts hinaus.

  • Die Ha Long Bucht ist schöner, Augias,
    Am besten, Sie verschwinden dorthin.

  • Nein, ich polarisiere nicht. Es ist so, wie es ist. Bei den meisten Jobs jedenfalls, die in den ominösen "Aufschwüngen" seit der Lehman-Pleite so geschaffen worden sind.
    Die Menschen mit wirklichen Altverträgen stehen noch besser da.

    Seit Lehman sind fast ausschliesslich Jobs geschaffen worden, welche "präkär" zu nennen, noch untertrieben ist. Daher kommen dann auch die guten Zahlen vom Arbeitsmarkt.

    Und die vielen Opfer,mit denen ich zu tuen habe. Die Kinder in der Grundschule, die keine Lobby bei Arbeitgebern haben .
    Und die wiederum wurden zu Opfern, weil ihre Eltern regelmässig für Menschen arbeiten müssen, zum Teil auch von den "Job"centern da reingezwungen werden, die es nicht nur nicht gut mit ihnen meinen, sondern die sie als Nutztiere begreifen.

    Und nun können Sie sich vorstellen, welche Entwicklung die Kinder nehmen,6-10 Jahre alt, wenn sie erleben, was man mit ihren Eltern macht.

    Nein, unsereins kann das auch nicht 100% ausbügeln. Aber die Unternehmer, die dieses Verbrechen an diesen Kindern verüben, werden in diesem Staat eben nicht zur Rechenschaft gezogen.

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