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Stromknappheit Lücke oder Lüge?

Kommt es in Deutschland bald zu Stromengpässen? Die Deutsche Energieagentur geht davon aus, dass 2020 etwa 15 Großkraftwerke fehlen. Das Umweltbundesamt widerspricht, Umweltschützer wittern hinter der Prognose gar "strategisches Kalkül" der Stromkonzerne.

BERLIN. Die Deutsche Energieagentur (Dena) warnt davor, die Gefahr einer Lücke in der Stromversorgung zu unterschätzen. „Niemand behauptet, dass wir morgen im Dunkeln stehen. Wenn wir aber nicht heute den Bau neuer, effizienter Kraftwerke voran treiben, müssen alte Anlagen länger laufen. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Klimaziele“, sagte Dena-Chef Stephan Kohler dem Handelsblatt. Würden Neubauten verzögert, sei auch der Ausstieg aus der Kernenergie nur schwer zu halten.

Die Warnungen vor einer drohenden Lücke in der Stromversorgung beherrschen seit Wochen die energiepolitische Debatte. So war die Dena in einer Analyse zu dem Ergebnis gekommen, 2020 fehlten in Deutschland 15 konventionelle Großkraftwerke. Schon ab 2012 stehe nicht mehr genügend gesicherte Kraftwerksleistung zur Verfügung, um die Verbrauchsspitzen zu decken. Die Verengung des Stromangebots werde die Preise deutlich steigen lassen.Das Umweltbundesamt (UBA) dagegen zog die Erkenntnisse kürzlich in Zweifel: Die Versorgung mit Strom sei in Deutschland nicht gefährdet, eine „Stromlücke“ mithin nicht zu erwarten, sagte UBA-Präsident Andreas Troge. Das UBA spricht damit Umweltschützern aus der Seele. Die Warnung vor einer Stromlücke entspringt nach Ansicht der Deutschen Umwelthilfe (DUH) allein dem „strategischen Kalkül“ der vier großen Energiekonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW. Ziel der Unternehmen sei es, in Deutschland den Boden für den Bau einer Vielzahl neuer Kohlekraftwerke zu bereiten. Lücke oder Lüge – wer liegt richtig mit seinen Annahmen?

Die Energiebranche warnt eindringlich davor, das Thema zu verharmlosen. In internen Papieren kritisieren die Unternehmen, das UBA gehe von falschen Voraussetzungen aus. Der wesentliche Unterschied liege in den Annahmen zum Kraftwerksbestand ohne Zubau bis 2020 und in den Annahmen zur Entwicklung der Kraft-Wärme-Kopplung. „Insbesondere über diese beiden Stellschrauben lässt das UBA die Lücke verschwinden“, heißt es in einem Papier eines großen Energieversorgers.

Die Dena dagegen ist in ihren Prognosen für Kraftwerksbauten wesentlich zurückhaltender – und trifft damit aus Sicht der Branche eher den Kern. Die Agentur hat drei Kategorien von Projekten definiert: Solche Kraftwerke, die nach 2005 in Betrieb gegangen oder derzeit im Bau sind („Kategorie A“); Kraftwerke, für die Baugenehmigungen erteilt oder zumindest absehbar sind und für die zugleich die Komponenten bereits bestellt sind („Kategorie B“); Kraftwerke, die noch nicht über das Projektstadium hinausgehen oder deren weitere Planung zurückgestellt wurde („Kategorie C“).

Besonders lang ist die Liste mit den äußerst wackligen Projekten der Kategorie C: Sie umfasst 59 Kraftwerksprojekte. Die Liste der Kategorie A dagegen umfasst dagegen nur 19 Kraftwerke. Die Dena hat die Zahlen ermittelt, indem sie mit allen relevanten Betreibern gesprochen hat. Gerade viele Projekte von Stadtwerken oder neuen Energieanbietern liegen nach Erhebungen der Dena auf Eis. „Das Fernbleiben neuer Anbieter führt tendenziell dazu, dass die alten Erzeugungsstrukturen auf den Energiemärkten erhalten bleiben - mit allen negativen Folgen für den Wettbewerb“, warnt Kohler.

UBA-Chef Troge dagegen bleibt bei seiner Bewertung. Er wirft der Dena vor, den Bestand der erneuerbaren Energien nur zum Teil als gesicherte Leistung mit in die Berechnungen einbezogen zu haben. Außerdem gebe es „unterschiedliche Sichtweisen“ bei der Bewertung der Verfügbarkeit von Pumpspeicherkraftwerken. Allein dieser Aspekt wirke sich ganz erheblich auf die verfügbaren Kapazitäten für die Spitzenlast aus, sagte Troge dem Handelsblatt. Pumpspeicherkraftwerke können sehr kurzfristig zugeschaltet werden und tragen damit dazu bei, Strom für Verbrauchsspitzen bereit zu stellen. Das UBA gehe außerdem von einer „flacheren Sterbekurve“ für Kohle- und Gaskraftwerke aus, sagte der UBA-Präsident.

„Es gibt eine laufende Ertüchtigung des Bestandes. Solange Geld in bestehende Anlagen investiert werden, produzieren sie weiter Strom“, sagte er. Die Dena sei in dieser Hinsicht zu pessimistisch. Außerdem unterstelle die Energieagentur einen zu schwachen Rückgang des Stromverbrauchs, kritisierte er. „Jetzt können sich die Experten darüber streiten, wie realistisch die unterschiedlichen Prognosen sind.“ Gewissheit habe man erst in einigen Jahren.



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