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Studie Deutschlands Arbeitskräfte sind nicht reif für die digitale Zukunft

Bis 2023 werden laut einer Studie fast 700.000 Tech-Experten gebraucht. Doch schon bei den digitalen Grundfertigkeiten hat die Arbeitswelt Nachholbedarf.
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Allein mit der Rekrutierung von Studienabsolventen aus entsprechenden Fachrichtungen wird sich der Bedarf an Tech-Spezialisten nicht decken lassen. Quelle: picture alliance / Westend61
Nachholbedarf

Allein mit der Rekrutierung von Studienabsolventen aus entsprechenden Fachrichtungen wird sich der Bedarf an Tech-Spezialisten nicht decken lassen.

(Foto: picture alliance / Westend61)

BerlinEnBW – das klingt nach Old Economy. Nach Kraftwerken und Windrädern. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der Energieversorger aus Baden-Württemberg ist längst in der digitalen Zukunft angekommen. Die intelligente Straßenbeleuchtung etwa, die Laterne, Ladesäule und WLAN-Station in einem ist, wurde in einer internen Ideenschmiede erdacht, bei der sich jeder Mitarbeiter einbringen konnte.

Auch der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim verändert sich. Waren früher klinische Studien die wichtigste Informationsquelle, so liefern heute auch Krankenkassen, Arztpraxen oder Gesundheits-Apps Daten. Und dafür braucht es Spezialisten, die sie auswerten.

„Wir haben immer von der starken Ausbildung in naturwissenschaftlich-technischen Fächern in Deutschland profitiert, aber das reicht heute nicht mehr“, sagt die Personalleiterin des Pharmakonzerns, Maria Eugenia Castresana. „Es geht darum, neue Talente in unser Unternehmen zu holen.“

Die Digitalisierung beschäftigt nicht nur Start-ups und Softwareunternehmen, sie hat längst auch traditionelle Wirtschaftszweige erfasst. Und sie verändert das Anforderungsprofil der Beschäftigten. Doch welche Qualifikationen in der Industrie künftig genau benötigt werden, ist bisher kaum systematisch erfasst, kritisiert IG-Metall-Chef Jörg Hofmann.

Nun versuchen die Berater von McKinsey und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Sie haben gut 600 Unternehmen aus der gewerblichen Wirtschaft und dem Finanzsektor befragt. Das Ergebnis: Schon bis 2023 gibt es in der deutschen Wirtschaft Bedarf an knapp 700.000 zusätzlichen technischen Experten. Allein rund 455.000 Spezialisten werden für die Analyse komplexer Daten gebraucht.

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„Dieser hohe Wert deutet darauf hin, dass Unternehmen zukünftig noch stärker als bisher große Datenmengen erheben und verarbeiten werden und dass die künstliche Intelligenz, die auf komplexer Datenanalyse basiert, einen immer größeren Stellenwert haben wird“, heißt es in der Studie, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Aber auch in der Robotik, der Entwicklung „smarter“ Hardware für das „Internet der Dinge“ oder der klassischen Web-Entwicklung fehlen Fachkräfte.

Ausgehend von diesem Bedarf müssten in den kommenden fünf Jahren also im Schnitt rund 140.000 Personen jährlich fortgeschrittene technologische Fähigkeiten erwerben. Überträgt man die Ergebnisse auch auf den öffentlichen Dienst, wächst der Bedarf sogar auf 1,1 Millionen Tech-Spezialisten.

„Eine immense Qualifikationsaufgabe“, schreiben die Autoren. Allein mit der Rekrutierung von Studienabsolventen aus entsprechenden Fachrichtungen wird sich der Bedarf an Tech-Spezialisten nicht decken lassen, warnen sie. „Was die Spezialisten angeht, da konkurrieren wir alle um die gleichen Kräfte“, sagt auch Boehringer-Personalfrau Castresana.

Die Studienautoren mahnen deshalb, auch die Belegschaften in den Unternehmen gezielt für die Arbeit 4.0 weiterzubilden. Nach einer jüngst veröffentlichten Studie des IT-Branchenverbands Bitkom tun das bisher erst 57 Prozent der Unternehmen. Drittens müssten technologische Fertigkeiten auch mehr in der dualen Ausbildung vermittelt werden. Und schließlich gelte es, stärker auch im Ausland um die begehrten Fachkräfte zu werben.

Bei Führung loslassen

Neue Anforderungen ergeben sich aber nicht allein auf technologischer Ebene. Auch die Arbeitswelt insgesamt verändert sich. Bei EnBW etwa legt man seit einigen Jahren deutlich mehr Wert auf eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Bereichen bei gleichzeitig mehr Entscheidungsspielraum für die Mitarbeiter. „Das bedeutet für die Führung, loszulassen, und für die Mitarbeiter, die Verantwortung auch zu nutzen“, sagt Personalchef Marcel Schmid-Oertel. „In bisher stark hierarchisch organisierten Unternehmen muss das erst mal gelernt werden.“

Wie stark diese Veränderungen um sich greifen, haben McKinsey und Stifterverband ebenfalls ermittelt. „Für alle Arten von beruflichen Tätigkeiten, von der Vertriebsleiterin bis zum Sachbearbeiter, werden einige Fähigkeiten und Fertigkeiten zu Schlüsselqualifikationen in der Arbeitswelt 4.0“, heißt es in der Studie.

Der routinierte Umgang mit elektronischen Daten und Software sowie Grundkenntnisse in Fragen des Datenschutzes (Digital Literacy) gehören dazu. Da aber immer öfter in abteilungs- oder fachübergreifenden Teams zusammengearbeitet wird, sind auch Kollaborationsfähigkeit, Durchhaltevermögen, unternehmerisches Denken und Eigeninitiative zunehmend gefragt.

Auch hier besteht aus Sicht der befragten Unternehmen noch viel Nachholbedarf. So sollten in fünf Jahren rund drei Viertel der Beschäftigten das digitale Lernen beherrschen, also aus einer Vielzahl digitaler Informationen valides Wissen zu ausgewählten Themengebieten aufbauen können. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten bis dahin 3,8 Millionen Erwerbstätige weitergebildet werden. Ähnlich sieht es bei anderen gefragten Kompetenzen aus.

Neues Chancengesetz

„Punktuelle Schulungen reichen deshalb nicht aus“, sagt Mathias Winde, der für den Stifterverband an der Studie mitgearbeitet hat. Die Bundesregierung will daher zusammen mit den Sozialpartnern eine nationale Weiterbildungsstrategie entwickeln. Als erster Schritt soll am Mittwoch das „Qualifizierungschancengesetz“ von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ins Kabinett. Es sieht unter anderem eine stärkere präventive Rolle für die Bundesagentur für Arbeit (BA) vor, die Beschäftigte beraten soll, um Arbeitslosigkeit zu verhindern.

Zudem ist geplant, das Fortbildungsprogramm „Wegebau“, das bisher vor allem auf Geringqualifizierte und Beschäftigte in kleinen und mittelständischen Unternehmen zugeschnitten ist, für alle Arbeitnehmer zu öffnen.

Unternehmen können sich – gestaffelt nach Größe – bis zur Hälfte der Lehrgangskosten und bis zu 75 Prozent der Lohnfortzahlung für Mitarbeiter, die sich weiterbilden, erstatten lassen. Für Kleinstbetriebe sind Ausnahmen von der Kofinanzierung möglich.

Für die Ausweitung der Weiterbildungsförderung kalkuliert das Arbeitsministerium mittelfristig rund 800 Millionen Euro pro Jahr aus Beitragsmitteln der Arbeitslosenversicherung ein. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass die Weiterbildungsbereitschaft der Beschäftigten nur gering ausgeprägt ist. So wurden die Mittel für das „Wegebau“-Programm nie vollständig abgerufen.

Die BA verweist zwar darauf, dass die Ausgaben zuletzt deutlich gestiegen sind – von 150 Millionen Euro im Jahr 2014 auf 274 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Das hat aber nicht zuletzt damit zu tun, dass das Instrument auch für die Integration von Flüchtlingen geöffnet wurde. Es werde sicher nicht leicht, Beschäftigte für Weiterbildung zu motivieren, sagt IG-Metall-Chef Hofmann. Aber es führe kein Weg daran vorbei.

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