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Studie Die Jugend flüchtet in die Stadt – ein Teufelskreis für Unternehmen

Junge Menschen zieht es zunehmend in die Städte und ihr Umland, zeigt eine IW-Studie. Unternehmen finden nur noch schwer Akademiker und Auszubildende.
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Viele Fachkräfte müssen in ihrer Ausbildung weite Wege in Kauf nehmen – das löst einen Teufelskreis aus. Quelle: Imago/Westend61
Ausbildungsberufe

Viele Fachkräfte müssen in ihrer Ausbildung weite Wege in Kauf nehmen – das löst einen Teufelskreis aus.

(Foto: Imago/Westend61)

Berlin Helmut Schulz weiß, was es bedeutet, Arbeitgeber in der Provinz zu sein. „Es ist schwierig, motivierte Leute zu finden“, sagt der Geschäftsführer der Elektro Schulz GmbH, eines mittelständischen Betriebs mit 16 Mitarbeitern, der Trafostationen und Umspannwerke baut.

Der Firmensitz, die kleine Gemeinde Möllenhagen, hat seinen Reiz durch die Nähe zur malerischen Mecklenburgischen Seenplatte, aber sonst für junge Leute nicht viel zu bieten. Der Landkreis hat seit der Wiedervereinigung mehr als ein Fünftel seiner Einwohner verloren.

Doch Schulz hatte Glück. Von Möllenhagen bis ins polnische Stettin sind es nur gut 120 Kilometer. Und so konnte der Unternehmer vom Programm „Glowka pracuje – Cleveres Köpfchen“ der Agentur für Arbeit in Greifswald profitieren.

Seit 2011 wirbt die Behörde um junge Polen, die sich für eine Ausbildung in Deutschland interessieren. Unterstützt vom EU-Portal zur beruflichen Mobilität (EURES) informiert die Agentur in Polen über offene Lehrstellen, filtert Bewerbungen vor, organisiert Vorstellungsgespräche und den Deutschkurs. Ist das Sprachniveau für die Ausbildung ausreichend, erstatten die deutschen Ausbildungsbetriebe 1.000 Euro zurück.

Mehr als 50 Arbeitgeber haben seit Programmbeginn teilgenommen und 140 junge Polen. Einer davon, Lukasz, hat 2014 seine Ausbildung bei Elektro Schulz begonnen und macht inzwischen seinen Meister.

Unternehmer Schulz steht mit seinen Problemen nicht allein da. Strukturschwache ländliche Räume wie in Mecklenburg-Vorpommern gibt es auch in vielen anderen Teilen Deutschlands. Sie leiden darunter, dass es junge, gut ausgebildete und mobile Menschen zunehmend in die Städte zieht. Weil sie dort auch ihre Familien gründen und ihre Kinder zur Schule oder Universität schicken, verschärft sich der Mangel an Fachkräften oder Ausbildungsinteressierten auf dem Land weiter – vor allem im Osten der Republik.

Zunehmende Spaltung der Regionen

Das belegt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Die Binnenwanderung habe mit dazu beigetragen, „dass Ostdeutschland abseits der Großstädte größtenteils überaltert ist“, heißt es darin. Die Kölner Forscher konstatieren eine „deutliche großräumige Bildungs- und Alterssegregation“ im Land.

Bei der Betrachtung von 401 Landkreisen und kreisfreien Städten konzentrieren sich Akademiker vor allem auf die Großstädte und deren Umland. Während beim Spitzenreiter Heidelberg 44 Prozent der Beschäftigten einen Hochschulabschluss haben, sind es beim Schlusslicht, dem Landkreis Wittmund bei Wilhelmshaven, nur sechs Prozent.

Abseits der Städte sei es für viele Unternehmen oft schwierig, Akademiker zu gewinnen, heißt es in der Studie. Vor allem in Teilen von Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt sei die Nachfrage nach Arbeitskräften mit Hochschulabschluss größer als das Angebot.

Bei den Auszubildenden zeigt sich vor allem in Ostdeutschland ein gravierendes Nachwuchsproblem. Während im Bundesdurchschnitt auf 100 Beschäftigte mit Berufsausbildung 7,1 Auszubildende kommen, sind es in allen Ostländern abseits der Städte weniger als fünf. Aber auch Unternehmen in ländlich geprägten Regionen von Bayern, Hessen oder Rheinland-Pfalz haben Probleme bei der Gewinnung von Berufsnachwuchs.

Die Sogwirkung der Städte führt dazu, dass in ländlichen Regionen immer weniger Kinder geboren und großgezogen werden, was den Fachkräftemangel verschärft. Hinzu kommt: „Fällt der Bevölkerungsanteil junger Menschen in einer Region unter einen kritischen Punkt, wird es schwierig, die für diese Zielgruppe relevante Infrastruktur, etwa im Kinderbetreuungs- und Bildungsbereich, aufrechtzuerhalten“, schreiben die IW-Forscher Alexander Burstedde und Dirk Werner.

Betriebe befinden sich im Teufelskreis

Ein Teufelskreis, dessen man sich beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sehr bewusst ist. Betriebe im ländlichen Raum seien mit Rahmenbedingungen konfrontiert, die sie nicht allein angehen könnten, sagte Vizehauptgeschäftsführer Achim Dercks dem Handelsblatt. „So wurden in den vergangenen Jahren in vielen Standorten ganze Schulen oder Klassen geschlossen, sodass die jungen Azubis heute lange Wege auf sich nehmen müssen.“

Im Heimatort bleiben zu können sei für viele junge Menschen durchaus ein Grund für eine Berufsausbildung vor Ort. Das funktioniere aber nur, wenn es in der Nähe auch eine Berufsschule gebe, so Dercks. Hier müssten innovative Wege wie virtuelle Klassenzimmer erprobt werden.

Die IW-Forscher empfehlen, das Leben junger Menschen durch eine Erhöhung ihrer Mobilität zu verbessern. Der beste Ausbildungsplatz nützt wenig, wenn abends nach Feierabend kein Bus mehr fährt. Laut Dercks reagieren Betriebe verstärkt auf diesen Mangel und bieten ein Zimmer, einen Dienstwagen oder ein Jobfahrrad an oder helfen beim Erwerb des Führerscheins.

Das Institut der deutschen Wirtschaft mahnt aber auch an, die ländlichen Räume generell zu stärken. Dazu gehöre die Anbindung ans schnelle Internet genauso wie der Umfang und die Qualität von Kinderbetreuungsangeboten oder Gesundheitsversorgung. Die Forscher empfehlen, eine Start-up-Kultur zu fördern und Hochschulen auch in ländlichen Regionen anzusiedeln oder neu zu gründen.

Wenn der Aufbau ausreichender Infrastruktur in der Fläche auf absehbare Zeit nicht erreichbar sei, „sollten betroffene Regionen ihre vorhandenen Mittel auf zentrale Orte fokussieren, die eine Alternative zur Abwanderung in weiter entfernte Regionen bieten können“, heißt es in der Studie. Auch Migranten können helfen, die Probleme der Firmen auf dem Land zu lösen.

Allerdings konzentriere sich auch die Zuwanderung aus dem Ausland zunehmend auf die Städte und verschärfe die Divergenzen, schreibt das IW. Seit 2011 speise sich das Bevölkerungswachstum der Städte primär aus dem Ausland – mit wachsender Tendenz.

Hinzu kommt, dass viele europäische Nachbarländer heute selbst unter Überalterung und Fachkräftemangel leiden und eine berufliche Karriere in der deutschen Provinz deshalb weniger attraktiv erscheint. Das bekommt auch Elektrounternehmer Schulz zu spüren. Er würde über das „Cleveres Köpfchen“-Programm gerne weitere Polen als Azubis gewinnen. Aber es kommt niemand mehr.

Mehr: Eine Folge der Landflucht ist ein Immobilienmangel in der Stadt. Ein funktionierender Markt braucht daher ein attraktives Umland, kommentiert Handelsblatt-Redakteur Matthias Streit.

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