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Studie Die Löhne in Deutschland wachsen, die Ungleichheiten auch

Eine neue Studie entkräftet einen alten Vorwurf: Deutschland erkaufe sich seine Exportstärke mit Lohnzurückhaltung. Doch auch, wenn die Löhne steigen, bleibt ein Haken.
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In Deutschland sind die Löhne deutlich gestiegen. Quelle: dpa
Forderungen haben sich gelohnt

In Deutschland sind die Löhne deutlich gestiegen.

(Foto: dpa)

Berlin Diese Forderung hat es in sich: Sechs Prozent mehr Geld und eine Verdoppelung des Urlaubsgeldes – das will die Gewerkschaft IG BCE in der laufenden Chemie-Tarifrunde erreichen. Unabhängig davon, wie am Ende das Ergebnis ausfällt: Die Tarifverdienste werden in diesem Jahr kräftig anziehen. Dafür sorgen schon die ordentlichen Abschlüsse in der Metall- und Elektroindustrie, im öffentlichen Dienst, im Gastgewerbe oder am Bau.

Trotzdem reißen die Klagen nicht ab, dass Deutschland seine Exportüberschüsse vor allem einer moderaten Lohnpolitik verdankt, die letztlich zu Lasten der europäischen Nachbarländer geht. So hatte etwa der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) vor der Regierungsbildung im Frühjahr an Union und SPD appelliert, die „wirksame Bekämpfung der makroökonomischen Ungleichgewichte“ anzugehen und dabei auch Leistungsbilanzüberschüsse und „eine zu schwache Lohnentwicklung“ in den Blick zu nehmen.

Nun muss aber selbst das gewerkschaftsnahe Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung einräumen, dass es um die Lohnentwicklung in Deutschland so schlecht nicht bestellt ist.

So sind nach einer neuen WSI-Studie die Reallöhne hierzulande im vergangenen Jahr um 0,9 Prozent gestiegen. Für das laufende Jahr werden 1,5 Prozent prognostiziert. Deutschland liegt damit weit über dem EU-Durchschnitt von 0,4 Prozent in 2017 und erwarteten 1,0 Prozent in diesem Jahr.

In neun der 28 EU-Staaten sind die realen Effektivlöhne im vergangenen Jahr sogar gesunken – darunter Österreich und die Euro-Krisenländer Griechenland, Italien, Portugal und Spanien. Und das, obwohl die Wachstumsraten in allen EU-Staaten 2017 erstmals seit Ende der Finanz- und Euro-Krise positiv waren. Doch die wieder anziehende Inflation hat in einigen Ländern aus Nominallohnzuwächsen ein Minusgeschäft gemacht.

Von Lohnzurückhaltung in Deutschland kann allerdings keine Rede sein. So haben die Tarifparteien hierzulande in den Jahren seit 2015 den Verteilungsspielraum mehr als ausgeschöpft. Dieser wird gemessen als Summe aus prozentualer Preisentwicklung und Produktivitätsfortschritt.

Trotz anziehender Inflation stiegen die Löhne im vergangenen Jahr schneller als die Preise und die Produktivität. Und auch in diesem Jahr dürfte das nach WSI-Prognose so bleiben.

Dennoch sehen die gewerkschaftsnahen Forscher wenig überraschend noch Luft nach oben. Angesichts des stabilen Aufschwungs und der relativ niedrigen Arbeitslosigkeit könne man in Deutschland nur von moderaten Lohnzuwächsen reden – auch wenn sie deutlich über dem EU-Durchschnitt liegen, schreiben die Studienautoren Malte Lübker und Thorsten Schulten.

Außerdem komme von den soliden Tariflohnzuwächsen im Niedriglohnbereich nur wenig an, weil viele Beschäftigte dort nicht nach Tarif beschäftigt seien. Die sinkende Tarifbindung sehen die Wissenschaftler auch als eine Ursache für zunehmende Ungleichheit in der Gesellschaft.

Länder mit geringer Lohnungleichheit – allen voran Schweden, Belgien, Finnland und Dänemark – erreichten das durch eine hohe Tarifbindung. Hierzulande seien die Gehälter der Besserverdiener unter den Vollzeitbeschäftigten 3,3 Mal so hoch wie die der Geringverdiener, schreibt das WSI unter Verweis auf OECD-Daten von 2016. Deutschland liege damit im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld.

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Ins Verhältnis gesetzt werden dabei die höchsten Löhne der unteren zehn Prozent der Einkommensbezieher mit den Löhnen, die knapp unterhalb des obersten Zehntels liegen. Am weitesten klafft die Schere zwischen Top- und Geringverdienern in Rumänien, Bulgarien und Lettland auseinander.

Auch der 2015 eingeführte Mindestlohn hat wenig an dem nach wie vor großen Abstand zwischen niedrigen und mittleren Löhnen in Deutschland geändert. Nach OECD-Daten arbeiteten 2016 hierzulande 18,9 Prozent der Beschäftigten im Niedriglohnsektor. In Westeuropa lagen die Quoten nur in Irland (22,5 Prozent) und Großbritannien (19,3 Prozent) höher.

Um alle Beschäftigten an der wirtschaftlichen Erholung in Europa teilhaben zu lassen und Ungleichheit zu bekämpfen, sei eine höhere Reichweite von Tarifverträgen unerlässlich, schlussfolgern die Studienautoren.

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