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Studie Digitalisierung des Gesundheitswesens gefährdet freie Arztwahl in Deutschland

Eine Studie prophezeit: Durch die Digitalisierung werden Patienten stärker von Krankenkassen gesteuert. Was bedeutet das für die freie Arztwahl?
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Das „Digitale-Versorgung-Gesetz“ des Gesundheitsministers könnte bei der freien Arztwahl zu Problemen führen. Quelle: dpa
Jens Spahn

Das „Digitale-Versorgung-Gesetz“ des Gesundheitsministers könnte bei der freien Arztwahl zu Problemen führen.

(Foto: dpa)

Berlin Die Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) genießen im Gegensatz zu Patienten in vielen anderen europäischen Ländern ein großes Privileg: Grundsätzlich können sie den Arzt selbst wählen, bei dem sie sich in Behandlung begeben. Im digitalisierten Gesundheitswesen könnte die freie Arztwahl aber zunehmend in Frage gestellt werden.

Einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger zufolge werden sich die Rollen der Gesundheitsakteure durch die Digitalisierung massiv verändern. Fast 80 Prozent der befragten Experten erwarten demnach, dass Krankenkassen ihre Versicherten in Zukunft digital so steuern werden, dass diese vor allem die Dienste bevorzugter Partner im Netzwerk der Krankenkasse nutzen werden.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) öffnet im Digitale-Versorgung-Gesetz die Tür für diese Entwicklung, zumindest ein bisschen. Krankenkassen sollen einen Teil ihrer Rücklagen in Innovationen aus dem Bereich Digital Health investieren können. Außerdem sollen sie die Möglichkeit erhalten, den Versicherten ein „umfassendes individualisiertes Beratungsangebot“ für ihren Versorgungsbedarf zu unterbreiten.

„Ziel ist allein eine Verbesserung der Versorgung und die Förderung der Verbreitung von Versorgungsinnovationen wie etwa von digitalen Angeboten“, steht im Gesetzentwurf, der aktuell im Bundestag beraten wird. „Die ärztliche Therapiefreiheit und die Wahlrechte der Versicherten bleiben unberührt.“

Die Ärzteschaft sieht aber genau diese Wahlfreiheit in Gefahr. Der Passus in Spahns Gesetz wird in der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) mit einem „Trojanischen Pferd“ verglichen. Wenn die Krankenversicherung digitale Versorgungsangebote ohne Einbeziehung der behandelnden Ärzte machen könne, drohe die Rolle der Kassenärzte ausgehebelt zu werden.

Tech-Riesen strömen auf den Gesundheitsmarkt

„Maßstab und Kern des ärztlichen Verständnisses einer guten Versorgung ist das Arzt-Patienten-Verhältnis – auch im digitalen Zeitalter“, erklärte KBV-Vizechef Stephan Hofmeister. „Auch digitale Angebote müssen in ein therapeutisches Gesamtkonzept integriert sein. Dieses Know-how haben wir und wollen es auch einbringen. Man muss uns nur lassen.“

Für die Studie „Future of Health“ befragte Roland Berger 400 Vertreter von Patienten und Ärzten, Führungskräfte bei Krankenkassen sowie aus dem Klinikbereich und der Pharmaindustrie. Die Experten sollten eine Prognose abgeben, wie sich das Gesundheitssystem bis zum Jahr 2025 entwickelt.

Fast die Hälfte der Befragten glaubt demnach, dass Versicherungen digitale Diagnosen und Therapieunterstützungen anbieten und Versicherte diese Angebote nutzen werden. Sechs von zehn Experten gehen davon aus, dass Amazon, Apple, Google und andere Tech-Riesen in wenigen Jahren zu etablierten Kräften auf dem Gesundheitsmarkt zählen werden.

„Im Zeitalter der Digitalisierung wird jeder Marktteilnehmer versuchen, die Patienten entlang einer Versorgungskette durch das Gesundheitssystem zu steuern“, sagt Karsten Neumann, einer der Studienautoren von Roland Berger. „Das wird zunächst die Primärversorgung betreffen, also insbesondere die Behandlung von leichteren, aber häufigen Beschwerden, die heute meist noch bei Hausärzten stattfindet.“

Nicht nur die Krankenkassen hoffen auf den Schlüssel für die digitale Versorgungslandschaft. Auch die großen Technologiekonzerne preschen auf den Gesundheitsmarkt, bald könnten sie auch in Deutschland mit Angeboten zur medizinischen Versorgung präsent sein.

Niedergelassene Ärzte unter Druck

„Das Auftreten der Tech-Konzerne im Gesundheitsbereich bedeutet, dass die etablierten Player zum ersten Mal in ihrer Rolle bedroht sind“, so Studienautor Ulrich Kleipaß von Roland Berger. „Bislang hat niemand Ärzten oder Krankenkassen ihre angestammte Rolle streitig gemacht.“

Niedergelassene Ärzte stehen der Studie zufolge vor besonders großem Veränderungsdruck. Unter den Experten erwarten 61 Prozent, dass große Telemedizinanbieter zunehmend in die ambulante Versorgung drängen werden.

Dazu kommen Diagnose-Apps, die mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) eine Ersteinschätzung liefern. Bis zum Jahr 2025, so die Expertenmeinung, könnten 20 Prozent der ärztlichen Leistungen durch KI ersetzt werden.

Neumann glaubt, dass die Marktteilnehmer im Kampf um den Patienten der Zukunft unterschiedliche Trümpfe in der Hand haben. Die Krankenkassen würden beispielsweise die gesamte Versorgungskette überblicken und über die Daten der Versicherten verfügen. Für die Ärzte spreche der direkte Kontakt und das Vertrauensverhältnis mit den Patienten.

„Die Tech-Konzerne wiederum sind im Alltag schon mit anderen digitalen Produkten präsent und könnten sie mit Gesundheitsanwendungen verbinden“, sagte er. „Es wird darauf ankommen, wer seinen Startvorteil am besten nutzt.“

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus unserem neuen Newsletter „Handelsblatt Inside Digital Health“. Zweimal in der Woche analysieren wir dort die neuesten Entwicklungen im Bereich digitale Gesundheit.
Zur Anmeldung geht es hier: hb.digital/health

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