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Studie Masern, Röteln, Mumps: Impflücken sind größer als angenommen

Hunderttausende Kinder in Deutschland sind einer Studie zufolge nicht ausreichend geimpft. Gesundheitsminister Spahn sieht sich bestätigt, eine Impfpflicht festzuschreiben.
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Masern, Röteln, Mumps: Große Impflücken in Deutschland Quelle: dpa
Impfpass

Nicht geimpfte Kinder sollen zukünftig vom Kindergartenbesuch ausgeschlossen werden.

(Foto: dpa)

Berlin Die Lücken beim Impfschutz in Deutschland sind größer als bisher angenommen. Mehr als jedes fünfte 2015 geborene Kind war in den ersten beiden Lebensjahren nicht oder unvollständig gegen Masern geimpft, wie aus einer am Donnerstag veröffentlichten Untersuchung der Barmer hervorgeht.

Die Krankenkasse legt in ihrem diesjährigen Arzneimittelreport einen Schwerpunkt auf das Impfthema, das auch die Große Koalition beschäftigt. Mitte Juli hatte das Kabinett eine verpflichtende Masernimpfung für Kinder und bestimmte Erwachsene beschlossen, im Herbst soll das Gesetz vom Bundestag verabschiedet werden.

Hochgerechnet auf Grundlage der Daten der Barmer-Versicherten waren 2017 waren bundesweit knapp 166.000 Zweijährige ohne vollständigen Masernschutz. Auch im Alter von sechs Jahren sei noch jedes neunte Kind ohne ausreichenden Schutz gegen die hochansteckende Infektionskrankheit, heißt es in dem Bericht.

„In Deutschland werden immer noch zu wenige Kinder geimpft“, sagte Barmer-Chef Christoph Straub. Das mache die Ausrottung von Infektionskrankheiten wie Masern unmöglich. Außerdem gefährde der unzureichende Impfschutz in der Bevölkerung Säuglinge, die selbst noch nicht geimpft werden können.

„Eine Masern- aber auch eine Rötelnerkrankung ist kein unvermeidbares Lebensrisiko, sondern ein Versagen der Gesundheitsvorsorge“, sagte Straub weiter. Masern können in manchen Fällen zu lebensbedrohlichen Komplikationen wie Lungen- und Hirnentzündungen führen. Masernimpfungen konnten nach Schätzungen des Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit der Jahrtausendwende rund 21 Millionen Todesfälle verhindern.

Herdenimmunität gar nicht vorhanden

Auch bei anderen Infektionskrankheiten wie Röteln stellt der Barmer-Bericht in Deutschland Schutzlücken fest. Gut drei Prozent der 2015 geborenen Kinder hätten in den ersten beiden Jahren demnach überhaupt keine der 13 Impfungen erhalten, die die beim Robert Koch-Institut angesiedelte Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt.

Bei den Kindern im einschulungsfähigen Alter sei im Jahr 2017 bei keiner der 13 wichtigsten Infektionskrankheiten ein Durchimpfungsgrad von 90 Prozent erreicht worden. Für eine ausreichende Herdenimmunität, die auch Säuglingen und anderen nicht geimpften Menschen Schutz bietet, ist eine Immunisierungsrate von mindestens 95 Prozent erforderlich.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sah sich durch die Zahlen der Barmer bestätigt. „Egal, wie man es rechnet, es bleibt dabei: Zu viele Kinder in Deutschland sind unnötig gefährdet, denn zu wenige Kinder sind gegen Masern geimpft“, sagte der CDU-Politiker. Kein Kind müsse heutzutage mehr an Masern leiden.

2018 wurden in Deutschland 543 Masernerkrankungen gemeldet, im laufenden Jahr sind es schon mehr als 400. Spahns geplantes Gesetz sieht vor, dass alle Kinder beim Eintritt in die Schule oder den Kindergarten die Schutzimpfung gegen Masern nachweisen müssen. Die Impfpflicht gilt auch für Erzieher, Lehrer und anderes Personal in diesen Einrichtungen.

Nicht geimpfte Kinder können vom Besuch des Kindergartens ausgeschlossen werden. Eltern, die schulpflichtige Kinder nicht impfen lassen, drohen Bußgelder von bis zu 2500 Euro. Die Regelung soll im März 2020 in Kraft treten. Kinder, die zu dem Zeitpunkt schon eine Kita oder eine Schule besuchen, müssen die Impfung bis spätestens Mitte 2021 nachweisen.

Grundsätzliche Impfpflicht schwierig

Der Gesundheitsminister will künftig allen Medizinern mit Ausnahme von Zahnärzten das Impfen erlauben. Der Öffentliche Gesundheitsdienst soll zudem wieder verstärkt in Schulen freiwillige Reihenimpfungen auch gegen anderen Krankheiten anbieten.

Straub sagte am Donnerstag, dass Spahns Gesetz in die richtige Richtung gehe. Die Masernimpfpflicht in Schulen, Kindergärten und Gemeinschaftseinrichtungen sei vertretbar, „weil es hier nicht nur um den Schutz des eigenen Kindes, sondern auch der anderen Kinder“ gehe.

Eine grundsätzliche Impfpflicht sei aber schwierig – nicht nur, weil es dies einen Eingriff in die Selbstbestimmung bedeute. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigten, dass Zwangsmaßnahmen bisweilen unerwünschte Nebenwirkungen hätten und die Impfwilligkeit in der Bevölkerung negativ beeinflussen würden.

„Wir brauchen, um Schutz in Bevölkerung zu erreichen, mehr als diese Verpflichtungen. Wir brauchen auch Informationen“, sagte Straub. Der Barmer-Chef forderte „laienverständliche und zielgruppenspezifische Impfkampagnen, um die Skepsis, aber auch mögliche Ängste vor Impfungen grundsätzlich abzubauen.“

Die Barmer-Untersuchung stellt in Deutschland größere Impflücken fest als die offizielle Statistik des Robert-Koch-Instituts. Nach Angaben des Studienautors Daniel Grandt, Chefarzt am Klinikum Saarbrücken, sind die nun vorgelegten Ergebnisse genauer.

Bei den häufig zitierten Schuleingangsuntersuchungen würden die Impfquoten nur anhand der vorgelegten Impfpässe ermittelt, sagte er. Der Impfstatus von Kindern, die keinen Impfpass vorlegen, werde in der Statistik nicht berücksichtigt. Dies führe dazu, dass die Impfquoten systematisch überschätzt würden. Denn nicht geimpfte Kinder hätten natürlich auch keinen Impfpass.

Die Barmer-Untersuchung beruht dagegen auf Daten der mehr als neun Millionen Versicherten der Krankenkasse, die dann für die Gesamtbevölkerung hochgerechnet wurden.

Mehr: Lesen Sie den Kommentar: Warum die Masern-Impfpflicht ein richtiger Schritt ist.

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