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Studie Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist ein weit verbreitetes Problem

Sexualisierte Kommentare, körperliche Nötigung, unerwünschtes Entblößen: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz kommt in vielen Facetten vor – und zwar häufig, wie eine aktuelle Studie zeigt.
25.10.2019 - 10:07 Uhr Kommentieren
Belästigung am Arbeitsplatz ist ein weiterverbreitetes Problem Quelle: dpa
Belästigung am Arbeitsplatz

Laut einer Studie im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle haben 13 Prozent der erwerbstätigen Frauen in den vergangenen drei Jahren sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt.

(Foto: dpa)

Berlin Es sind Fälle wie dieser: Während einer After-Wiesn-Party kommt es zwischen einem Anwalt und der Werksstudentin seiner Kanzlei zu sexuellen Handlungen im Wirtsgarten, die ein Gericht später als Vergewaltigung wertet. Oder im Altenheim: Hier müssen sich Pflegekräfte anzügliche Bemerkungen gefallen lassen oder es kommt sogar zum Griff an den Po.

Es gibt viele Facetten von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Und viele Menschen in Deutschland sind davon betroffen. Das zeigt eine aktuelle Studie im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle (ADS) des Bundes, die am Freitag veröffentlicht wurde. Demnach haben 13 Prozent der erwerbstätigen Frauen in den vergangenen drei Jahren sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. Bei Männern lag der Anteil bei fünf Prozent.

Mehr als die Hälfte, nämlich 53 Prozent, der Belästigungen ging von Dritten aus – also von Kunden, Patienten oder Klienten. In 43 Prozent der Fälle waren Kollegen für die sexuelle Belästigung verantwortlich. Bei 19 Prozent waren es Vorgesetzte oder betrieblich höhergestellte Personen. 82 Prozent der Betroffenen gaben ausschließlich oder überwiegend Männer als Täter an.

„Die ADS-Studie zeigt, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist ein weitverbreitetes Problem“, sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). Jeder Fall sei einer zu viel. „Nicht nur die individuell Betroffenen müssen mit den negativen Folgen umgehen, häufig wirken sich solche Vorfälle auch auf das Arbeitsklima und auf die Arbeitsfähigkeit aus“, betonte Giffey. Sexuelle Belästigung treffe weit überwiegend Frauen. „Sie ist Ausdruck von Machtmissbrauch und eine Form von Gewalt gegen Frauen, aber auch gegen Männer“, erklärte die Ministerin.

„Sexuelle Belästigung im Job ist ein gravierendes Problem und kann für die Betroffenen schwerwiegende Folgen haben“, sagte der kommissarische ADS-Leiter Bernhard Franke. „Es liegt im Interesse der Unternehmen, hier durch klare Richtlinien und Maßnahmen einzugreifen, damit sexuelle Belästigung verhindert wird – beispielsweise, indem sie feste Ansprechpersonen benennen und obligatorische Schulungen für Führungskräfte anbieten.“

Gehe die Belästigung von Kunden aus, müssten Arbeitgeber sofort einschreiten, um ihre Beschäftigten zu schützen, forderte Franke. Das könne bis zu einem Lokal- oder Hausverbot führen. Zugleich warnte der ADS-Leiter davor, Übergriffe im Gastronomiebereich oder Einzelhandel als „Berufsrisiko“ zu bagatellisieren und zu ignorieren. „Im Gesundheitsbereich kann als Schutzmaßnahme auch eine Beendigung des Behandlungsvertrages in Betracht kommen“, sagte Franke.

Blicke, Gesten, unerwünschtes Entblößen

Laut der Studie werden viele Formen und Schweregrade von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz sichtbar. Am häufigsten nennen Betroffene verbale Belästigungen wie sexualisierte Kommentare (62 Prozent) oder Belästigungen durch Blicke und Gesten (44 Prozent). Unerwünschte Berührungen oder körperliche Annäherungen erfuhr rund ein Viertel (26 Prozent) der Betroffenen.

Ebenfalls häufig erlebte Formen der sexuellen Belästigung waren das unerwünschte Zeigen sexualisierter Bilder und Filme, unerwünschte Aufforderungen zu sexuellen Handlungen, belästigende Nachrichten sowie unerwünschtes Entblößen. Erpressung und Nötigung sowie Zwang zu sexuellen Handlungen wurden selten genannt.

Und noch etwas macht die Studie deutlich: Nur selten handelt es sich um einmalige Vorfälle. Meist kommt es zu wiederholten Belästigungen: 83 Prozent der Befragten erlebten demnach mehr als eine solcher Situationen. Oft berichten Betroffene auch, dass sie über lange Zeit belästigt würden, sagte Ministerin Giffey.

Die Folgen solcher Übergriffe wiegen schwer: So gaben laut Studie 48 Prozent der betroffenen Frauen an, sie hätten sich durch die Belästigung mittel bis sehr stark erniedrigt und abgewertet gefühlt. Bei den Männern geben das 28 Prozent der Betroffenen an. Von mittelstarken bis sehr starken psychischen Belastungen berichteten 41 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer. 30 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer empfanden die Situation als mittel bis stark bedrohlich.

Opfer sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu werden, dafür besteht laut Studie grundsätzlich in allen Branchen ein Risiko. Als Bereiche mit „Auffälligkeiten“ werden genannt: das Gesundheits- und Sozialwesen, hier waren 29 Prozent der Betroffenen tätig. Elf Prozent arbeiteten im verarbeitenden Gewerbe, zwölf Prozent im Handel und zehn Prozent im Bereich Erziehung und Unterricht.

Was aufhorchen lässt: Mehr als 40 Prozent aller Beschäftigten hatten keine Kenntnis über betriebsinterne Beschwerdestellen bei Diskriminierung und sexueller Belästigung. Denn gesetzlich sind alle Arbeitgeber nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) verpflichtet, eine betriebsinterne Beschwerdestelle einzurichten und Informationen über solche Stellen im Betrieb oder in der Dienststelle bekannt zu machen. In der Praxis scheint das jedoch nicht zu funktionieren.

Kritik an der Gesetzgebung

Nur in vier von zehn Fällen schalten die Betroffenen von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz Kollegen, Vorgesetzte oder andere professionelle Ansprechpersonen ein. „Den Rechtsweg gehen sie praktisch nie“, heißt es in der Studie der Antidiskriminierungsstelle.

„Von ganz zentraler Bedeutung ist die Unterstützung des sozialen Umfeldes - jede und jeder von uns kann etwas tun, um Betroffenen den Rücken zu stärken“, sagte Bundesfrauenministerin Giffey. „Arbeitgeber und Personalvertretungen haben die Pflicht, sich aktiv mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz auseinanderzusetzen und ihr konsequent entgegenzutreten – egal, ob es sich um Kunden, Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzte handelt“, mahnte die SPD-Politikerin.

Die ADS-Studie weist auch auf Gesetzeslücken hin. Demnach sind die Fristen im Gleichbehandlungsgesetz mit derzeit zwei Monaten für die Geltendmachung von Ansprüchen auf Schadensersatz und Entschädigung und von drei Monaten für die Klageerhebung zu kurz. Empfohlen werden sechs Monate. Schließlich müsste die Gewalterfahrung zunächst verarbeitet und dann Rechtsrat eingeholt werden.

Auch müsse gesetzlich klargestellt werden, welche (Haftungs-)Pflichten Arbeitgeber bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz durch Kunden oder Geschäftspartner, aber auch durch Arbeitskollegen hätten.

Da sich sexuelle Belästigung oft in „Vier-Augen-Situationen“ ereigne, gelte es zudem, die Richter für die Beweisnot der Opfer zu sensibilisieren. Gerichte könnten Anhörungen und Vernehmung des Klägers ausnutzen für den Fall, dass keine Zeugen zur Verfügung stünden.

Für die Studie „Strategien im Umgang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz – Lösungsstrategien und Maßnahmen zur Intervention“ im Auftrag der unabhängigen Antidiskriminierungsstelle des Bundes erfolgte eine repräsentative Telefonbefragung von 1531 Personen, Vertiefungsinterviews mit Betroffenen und Fokusgruppendiskussionen mit Vorgesetzten, Kollegen, Betriebsräten, Frauenbeauftragten und Anwälten. Zudem wurden Rechtsfälle ausgewertet.

Mehr: Die American Economic Association geht gegen Diskriminierung und Belästigung von Forscherinnen vor. Der deutsche Verband setzt auf eine Bestandsaufnahme.

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