Merkel zu Besuch in Pflegeheim

Die Bundeskanzlerin im Juli 2018 beim Besuch des Evangelischen Pflegeheims St. Johannisstift in Paderborn.

Studie Vier Millionen Pflegebedürftige im Jahr 2035

Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland wird laut einer Studie stark ansteigen. Das Fachkräfteproblem dürfte sich damit noch weiter verschärfen.
Update: 10.09.2018 - 13:50 Uhr Kommentieren

BerlinDer Personalnotstand in der Pflege treibt die Große Koalition um. Angeführt von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Regierung den Fachkräftemangel mit mehr Stellen, einer höheren Bezahlung und besseren Arbeitsbedingungen bekämpfen. Doch die Maßnahmen dürften nicht ausreichen: Der Pflegebedarf wird in der alternden Gesellschaft dramatisch ansteigen.

Eine Simulation des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW) zeigt, wie sich die Lage in der Pflege bis zum Jahr 2035 entwickeln könnte. Das Ergebnis: Bei unverändertem Gesundheitszustand steigt die Zahl der Menschen, die auf Pflegeleistungen angewiesen sind, auf über vier Millionen. Das sind ein rund ein Drittel mehr als heute.

Nachfrage nach Pflegekräften wird weiter wachsen

Auch wenn in den vergangenen Jahren das Interesse am Altenpflegeberuf gewachsen ist, können bereits jetzt viele offene Stellen nicht besetzt werden. Und die Nachfrage wird stark anziehen: Den IW-Berechnungen zufolge muss sich die Zahl der Fachkräfte in der Branche um gut 44 Prozent auf rund eine halbe Million erhöhen.

„Die Zahl der Altenpfleger steigt zwar derzeit an, doch langsamer als der Bedarf“, sagt Studienautorin Susanna Kochskämper. „Die Lücke wird größer.“

Bei der Simulation stützt sich das IW auf Erhebungen des Statistischen Bundesamtes zur Pflege, die aktuellsten Zahlen stammen von 2015. Bundesweit waren in diesem Jahr demnach rund drei Millionen Menschen pflegebedürftig, rund 50 Prozent mehr als Ende der 90er-Jahre.

Bleibt der Gesundheitszustand der Deutschen gleich, könnte es Mitte des kommenden Jahrzehnts schon mehr als 3,5 Millionen Pflegebedürftige geben. Im Jahr 2035 wird dann die Vier-Millionen-Marke geknackt.

Die IW-Forscher rechneten auch ein Alternativszenario durch, bei der sich die Pflegebedürftigkeit mit zunehmender Lebenserwartung in höhere Lebensalter verschiebt. Doch auch unter diesen Annahmen müsste für 2035 mit knapp 3,9 Millionen Pflegefällen unter der Senioren gerechnet werden.

Neue Definition für Pflegebedürftigkeit

Dazu kommt: Die zum 1. Januar 2017 in Kraft getretene Pflegereform, die den Kreis der Anspruchsberechtigten deutlich ausweitete, ist in den Berechnungen noch gar nicht berücksichtigt. Während früher vor allem körperliche Einschränkungen ausschlaggebend für die Pflegebedürftigkeit waren, fallen unter die neue Definition auch mehr Menschen mit geistigen Schwierigkeiten wie etwa Demenzkranke.

Die Zunahme der Leistungsberechtigten führte bereits dazu, dass Spahn eine Anhebung des Beitrags zur Pflegeversicherung ankündigen musste. Auch die IW-Wissenschaftler machen daher deutlich, dass ihre Ergebnisse „eher als Untergrenze“ zu interpretieren seien.

Besonders von der Entwicklung betroffen sind die ostdeutschen Bundesländer. In Mecklenburg-Vorpommern könnte 2035 jeder fast jeder dreizehnte Einwohner (7,3 Prozent) ein Pflegefall sein.

In Brandenburg und Thüringen dürfte der Anteil der Pflegebedürftigen an der Bevölkerung der Studie zufolge bei 6,8 Prozent liegen. Entspannter sind die Aussichten für Berlin (3,5 Prozent), Bayern (3,9 Prozent) und Baden-Württemberg (4,3 Prozent).

Neben der alternden Bevölkerung befeuert auch der Trend weg von der familieninternen Betreuung hin zur professionellen Pflege die Nachfrage. Zuletzt nahmen der Studie zufolge 52 Prozent der Pflegebedürftigen eine Betreuung durch ambulante Anbieter oder in Pflegeheimen in Anspruch.

Nicht genug Personal für künftige Aufgaben

Das IW ermittelte einen bundesweiten Bedarf von 130.000 bis 150.000 zusätzlichen Pflegefachkräften bis 2035. Auch wenn die Zahl der Beschäftigten und der Auszubildenden in Altenpflegeberufe zuletzt spürbar zugenommen habe, reiche der Personalbestand für die künftige Nachfrage keineswegs aus.

Zwischen 2013 und 2016 stieg die Anzahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Fachkräfte in der Altenpflege demnach um 14,5 Prozent, die der Helfer sogar um 15,7 Prozent an. Die Zahl der Anfänger in der Altenpflegeausbildung legte in den vergangenen zehn Jahren um zwei Drittel zu.

Dennoch kommen auf 100 offene Stellen für Altenpfleger in Deutschland derzeit gerade einmal 22 arbeitslos gemeldete Fachkräfte. „Im Gegensatz zu vielen anderen Engpassberufen, die zum Teil nur regional auftreten, gibt es einen flächendeckenden bundesweiten Mangel an Fachkräften in Altenpflege“, sagt IW-Chef Michael Hüther.

„Die genannten Zahlen zeigen eindrücklich, über welche Dimensionen wir reden“, sagt der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, dem Handelsblatt. Das Problem sei lange vertagt worden, „jetzt aber hat die Politik es in seinen Fokus genommen“.

Spahn hat ein Sofortprogramm in den Gesetzgebungsprozess eingebracht, das unter anderem die Schaffung von 13.000 zusätzlichen Stellen in der Altenpflege vorsieht. Außerdem startete die Bundesregierung die sogenannte Konzertierte Aktion Pflege, bei der Politik, Verbände, Kirchen und Arbeitgeber bis spätestens zum nächsten Sommer nach Wegen suchen sollen, um den Pflegeberuf attraktiver zu machen.

Diskutiert werden eine Reihe von Maßnahmen wie die gezielte Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland, eine höhere Entlohnung in der Branche oder die Weiterbildung von Pflegehelfern zu Fachkräften. IW-Expertin Kochskämper fordert, auch bürokratische Hürden für die Anbieter von Pflegedienstleistungen abzubauen. Nur so könnten die anderen Maßnahmen langfristig fruchten, sagte sie.

Pflegedienste müssen sich an eine Reihe von starren Vorschriften halten, etwa beim Personalschlüssel und den Dokumentationspflichten. Dabei schieße die Politik in vielen Bereichen über das sinnvolle Ziel der Qualitätssicherung hinaus, moniert die IW-Studie.

Der „viel engere Rahmen“ als in anderen Wirtschaftszweigen lasse wenig Spielräume zu, etwa um Mittel anderweitig einzusetzen, zum Beispiel für Investitionen in digitale Lösungen. Die Digitalisierung könnte nach Einschätzung des IW die Personalprobleme deutlich lindern, indem die Pflegekräfte von Routineaufgaben entbunden werden.

Westerfellhaus sieht auch ein besseres Zusammenwirken der verschiedenen Gesundheitsberufe als Teil der Lösung. „Beim Blick auf die Versorgungsengpässe in ländlichen Regionen muss jedem klar sein, dass wir hier eine Neujustierung brauchen“, sagt der Pflegebeauftragte dem Handelsblatt. „Es muss auf den Prüfstand, was kann am besten nur der Arzt, was nur die Pflegekraft oder der Physiotherapeut.“

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