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Studie zu Lebensmittelverpackungen Lebensmittelwirtschaft in der Misstrauensfalle

Wenn Lebensmittel-Etiketten mehr Fragen aufwerfen, als Antworten liefern, ist der Ärger bei den Kunden groß. Eine Studie hat geprüft, ob der Unmut berechtigt ist. Der Befund ist alarmierend. Vor allem für die Hersteller.
06.09.2017 - 10:00 Uhr 2 Kommentare

„Das Original wurde gefälscht“

Berlin Im Supermarkt kann einem manchmal schwindelig werden. Zwar weiß der Verbraucher in der Regel, wo er welches Produkt findet. Doch beim genauen Hinsehen wird es dann kniffelig. Viele fühlen sich schon beim Studieren der Zutatenhinweise überfordert. Hält das Produkt schließlich nicht das, was auf dem Etikett versprochen wird, ist der Ärger groß.

Für solche Beschwerden wurde eigens das Portal Lebensmittelklarheit.de eingerichtet. Seit Juli 2011 geht dort der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) in Kooperation mit den Verbraucherzentralen der Bundesländer Hinweisen auf Verbrauchertäuschung nach. Verbraucher können Produkte nennen, deren Aufmachung sie als täuschend wahrnehmen. Eine Fachredaktion bewertet dann die Kennzeichnung und Aufmachung aus ihrer Sicht, und die betreffenden Unternehmen können dazu Stellung nehmen.

Die Produktbeschwerden haben den VZBV nun veranlasst, genauer untersuchen zu lassen, was die Verbraucher umtreibt, wenn sie mit bestimmten Zutaten auf der Lebensmittelverpackung umworben werden, also welche Erwartungen bei ihnen ausgelöst werden. Die Universität Göttingen und die Marketingberatung Zühlsdorf + Partner haben dazu eine repräsentative Verbraucherbefragung durchgeführt. Die Erhebung, die dem Handelsblatt vorab vorlag und am Mittwochvormittag vorgestellt werden sollte, fördert vor allem für die Lebensmittelwirtschaft ernüchternde Ergebnisse zutage.

Unter deutschen Verbrauchern herrscht demnach offenbar ein sehr großes Misstrauen gegenüber den Herstellern von Lebensmitteln. Grund dafür sind unzureichende Zutatenhinweise auf Lebensmittelverpackungen. Jedenfalls glauben 84 Prozent der 1.284 im Juni Befragten, dass auf den Verpackungen die Lebensmittel besser dargestellt werden, als sie es in Wirklichkeit sind. Dies ist ein Anstieg von 7,5 Prozentpunkten im Vergleich zu einer ähnlichen Studie aus dem Jahr 2012 und verdeutlicht laut den Studienautoren das vorhandene Misstrauen der Verbraucher gegenüber Lebensmittelverpackungen. Verbraucher seien demnach „sensibilisiert für mögliche übertriebene oder verzerrte Darstellungen auf Produktverpackungen“, heißt es in der Untersuchung.

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    Selbst wenn sich etwa auf einem Joghurtbecher kein Hinweis auf Aromen findet, vermuten drei Viertel der Befragten (75 Prozent) Aromen im Produkt. Entsprechend groß ist das Misstrauen der Verbraucher gegenüber der Lebensmittelwirtschaft. Der Großteil der Verbraucher hat der Umfrage zufolge kein Vertrauen in die Lebensmittelhersteller. Nur 10,1 Prozent gaben an, dass sie Vertrauen in Lebensmittelhersteller haben (38,4 Prozent teilweise); 2012 waren es mit 12,9 Prozent etwas mehr. „Dieses Misstrauensvotum ist alarmierend“, sagte der VZBV-Chef Klaus Müller. „Nur mit einer besseren Kennzeichnung können Hersteller Vertrauen zurückgewinnen.“ Er bot den Herstellern an, gemeinsam mit dem Projekt „Lebensmittelklarheit“ über konkrete Kennzeichnungsverbesserungen zu sprechen.

    Der Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft ist zum Dialog bereit, versicherte allerdings zugleich, sich an die europaweit gesetzlich vorgeschriebenen Kennzeichnungsvorgaben zu halten und die Produkte nach dem Grundsatz „was drauf steht, muss auch drin sein“ kennzeichnet. „Das ist keine leere Worthülse, denn kein Hersteller will seine Kunden enttäuschen oder gar täuschen“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), Marcus Girnau, dem Handelsblatt. „Das steht völlig im Gegensatz zu einer dauerhaften Kundenbindung in einem umkämpften Markt.“

    Das ist die Mogelpackung des Jahres
    Negativpreis
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    Die Verbraucherzentrale Hamburg verleiht den Negativpreis Mogelpackung des Jahres seit 2013. An der Wahl 2016 nahmen insgesamt 26.132 Verbraucher teil, sechs Mal so viele wie im vergangenen Jahr. 2014 erhielt die Windelmarke Pampers von Procter & Gamble den Negativpreis. Diese Produkte waren in diesem Jahr nominiert...

    (Foto: dapd)
    Nominiert: „Dentagard“ von Colgate-Palmolive
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    Der Konsumgüterriese hat im vergangenen Jahr die Füllmenge seiner Dentagard-Zahnpasta von 100 Milliliter auf 75 Milliliter reduziert. Doch die Tube sei weiterhin in den meisten Drogerien und Supermärkten zum gleichen Preis verkauft worden, sagen die Verbraucherschützer. Der geschrumpfte Inhalt entspreche einer versteckten Preiserhöhung von 33,3 Prozent.

    (Foto: Screenshot: Dentagard)
    Nominiert: „Herta Finesse Schinken“ von Nestlé
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    Auf den ersten Blick wurden die Schinkenspezialitäten von Herta sogar billiger. Statt 2,19 Euro oder 2,29 Euro kosteten sie laut Verbraucherzentrale nur noch 1,89 Euro oder 1,99 Euro. Gleichzeitig sei die Füllmenge der neuen Packungen aber drastisch reduziert worden – von 150 auf 100 Gramm. Dadurch ergebe sich eine Preiserhöhung von rund 30 Prozent.

    (Foto: Screenshot: Nestlé)
    Nominiert: „Curry Ketchup“ von Heinz
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    Bei der sogenannten Kopfsteher-Flasche seines Curry Ketchups hat das Unternehmen die Füllmenge von 500 auf 400 Milliliter reduziert. Da gleichzeitig auch der Preis etwas gestiegen sei, entspreche das einer versteckten Preiserhöhung von bis zu 28 Prozent, beklagen die Verbraucherschützer. Zudem sei die ganze Palette der verschiedenen Heinz-Kopfsteherflaschen kleiner geworden.

    (Foto: Screenshot: Heinz)
    Nominiert: „Jacobs Latte macchiato classico“ von Jacobs Douwe Egberts
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    Der Kaffeekonzern hat die Füllmenge der Kapselpackung um fast die Hälfte reduziert. Sie sank von 475,2 auf 264 Gramm. Außerdem hat das Unternehmen laut den Verbraucherschützern statt echter Milch in Form von Vollmilchkonzentrat nun „Mogelmilch“ verwendet. Diese werde aus Sahneerzeugnis, Milchproteinen, Milchmineralien und Wasser zusammengefügt und von Verdickungsmittel zusammengehalten.

    (Foto: Screenshot: Jacobs)
    Der Sieger: „Bebe Zartcreme“ von Johnson & Johnson
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    Die Mogelpackung des Jahres ist nach Ansicht von Verbrauchern die Bebe Zartcreme. In einer Online-Abstimmung der Verbraucherzentrale Hamburg votierte knapp ein Drittel von insgesamt mehr als 26.000 Verbrauchern für das Kosmetikprodukt aus dem Hause Johnson & Johnson, wie die Verbraucherschützer am Montag mitteilten. Die Bebe Creme ist ihren Angaben zufolge durch neue Füllmengen um bis zu 84 Prozent teurer geworden.

    (Foto: Screenshot: bebe)

    Girnau wertet die Studie denn auch eher als Hinweis auf Unklarheiten bezüglich der geltenden Kennzeichnungsregeln. Dem begegne man aber in erster Linie mit Aufklärung, sagte er. Der BLL-Geschäftsführer nannte in diesem Zusammenhang die Mengenkennzeichnungsregel Quid (Quantitative Ingredient Declaration). Wert- und geschmacksgebende Zutaten, die in der Bezeichnung des Lebensmittels erwähnt oder durch Abbildungen hervorgehoben werden, müssen danach mit ihrem prozentualen Anteil im Zutatenverzeichnis angegeben werden.

    „Ihr Mengenanteil ist also für den Verbraucher nachprüfbar“, betonte Girnau. Es liege aber in der Natur der Sache, „dass nicht alle relevanten Informationen auf der Vorderseite der Verpackung stehen können“. Aus diesem Grund sei es rechtlich auch nicht vorgesehen. „Wer die Verpackung also als Gesamtes betrachtet und besonders das Zutatenverzeichnis aufmerksam liest, kann die Produktaufmachung einordnen“, so der Experte.

    „Hauptsache, es schmeckt“
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    2 Kommentare zu "Studie zu Lebensmittelverpackungen: Lebensmittelwirtschaft in der Misstrauensfalle"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • " Jedenfalls glauben 84 Prozent der 1.284 im Juni Befragten, dass auf den Verpackungen die Lebensmittel besser dargestellt werden, als sie es in Wirklichkeit sind."

      Vor einiger Zeit habe ich im Fernsehen (ARD odeder ZDF) gesehen, mit welchen Tricks Food-Fotografen die Fertiggerichte auf den Verpackungen aufhübschen. Gleichzeitig wurden die Gerichte zubereitet.


      Fazit: Das, was man auf der Verpackung sieht, wird niemals auf dem Teller genauso aussehen. Die Geriche sind nur mit SEHR viel Aufwand optisch ansprechend fotografierbar. Das was der Fotograf abgelichtet hat, ist nicht mehr eßbar.

    • Und den Rest des Geschmacks verderben uns die meisten Köche.

      Jeder meint er könne kochen eröffnet scheinbar ein Restaurant. Ich möchte nicht wissen, was alles so an den Spießen uns verkauft wird.

      Mit guten Appetit hat das nichts zu tun.



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