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Studium Baden-Württemberg startet eine Offensive gegen Studienabbruch

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer will die Abbrecherquoten mit Tests und Auswahlgesprächen auf 15 Prozent drücken.
23.10.2019 - 04:01 Uhr Kommentieren
Mit diversen Auswahlgesprächen, Tests und Beratung sollen Universitäten und Fachhochschulen den Schwund an Studenten bekämpfen. Quelle: dpa
Studierende im Hörsaal

Mit diversen Auswahlgesprächen, Tests und Beratung sollen Universitäten und Fachhochschulen den Schwund an Studenten bekämpfen.

(Foto: dpa)

Berlin In Heidelberg machten einige Erstsemester im Medizinstudium Anfang Oktober einen neuartigen Test: Sie wurden mit einem Diabetes-Patienten konfrontiert, der sich ausgesprochen störrisch zeigte, Diät zu halten und Sport zu treiben. Die Studenten sollten versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass beides dringend nötig und zu seinem eigenen Wohl sei.

Der Patient war ein Schauspieler, das Gespräch wurde gefilmt und später von Experten analysiert. „Multiple Mini-Interviews“ sind Teil der Forschung an der ältesten Uni Deutschlands. Ab frühestens Wintersemester 2022/23 wird ein solcher Test der „sozialen und kommunikativen Kompetenzen“ künftiger Mediziner womöglich Teil der Zulassung – neben der Abi-Note und dem schon weit verbreiteten Medizinertest TMS.” Der Sozial-Test soll dann etwa denen eine Zusatzchance geben, „die die anderen Kriterien knapp verfehlt haben“, erklärt Studiendekanin Sabine Herpertz.

Das Heidelberger Projekt ist zugleich ein kleiner Baustein der landesweiten neuen Strategie „Eignung und Auswahl“. Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer startet einen flächendeckenden Kampf gegen die teilweise viel zu hohen Abbrecherquoten an den Hochschulen – vor allem in MINT-Fächern und im Lehramt.

Mit diversen Auswahlgesprächen, Tests und Beratung sollen Universitäten und Fachhochschulen den Schwund an Studenten bekämpfen – sie also entweder wegen mangelnder Eignung oder Motivation gar nicht erst aufnehmen oder sie so begleiten, dass sie einen Abschluss schaffen.

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    Das Ziel ist hochgesteckt: „Zehn bis 20 Prozent Schwund sind tragbar – knapp unter zehn Prozent ist gut – insgesamt sollten wir die 15-Prozent-Marke anpeilen“, kündigte Bauer im Gespräch mit dem Handelsblatt an. Das gelte „auf jeden Fall für stark strukturierte Studiengänge wie bei den Ingenieur- und den Naturwissenschaften, wo auch der Fachkräftemangel besonders groß ist“.

    Verfeinerte Auswahlverfahren geplant

    Bauer unterstützt daher die Hochschulen des Landes mit insgesamt zehn Millionen Euro beim Aufbau neuer oder verfeinerter Auswahlverfahren. Die Teilnahme ist freiwillig, denn „wir kriegen das nur gut hin, wenn sie es aus innerer Überzeugung engagiert umsetzen. Daher habe ich mich gegen eine Pflicht entschieden, denn dann kommt nur Murks raus“, so Bauer. Alle neun Universitäten des Landes und die Hälfte der 45 Hochschulen für angewandte Wissenschaften beteiligen sich.

    Von den Erstsemestern der Jahre 2012/13 gingen im Bachelor 19 Prozent verloren – brachen also ab oder studierten anderswo weiter (das kann die Statistik nicht trennen). Bundesweit steht das Ländle damit noch gut da: In den anderen Flächenländern Bayern, Hessen, Niedersachsen, NRW und Sachsen waren es nach einer Studie des Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung im Schnitt 27 Prozent.

    Innerhalb Baden-Württembergs haben die Universitäten mit 28 Prozent Schwund das weit größere Problem – in Mathematik und Naturwissenschaften, aber auch in Geisteswissenschaften sind die Ausfälle noch viel größer. Bei den Fachhochschulen beträgt der Drop-out über alle Fächer im Schnitt nur 13 Prozent.

    Theresia Bauer, seit 2011 Wissenschaftsministerin bei Ministerpräsident Winfried Kretschmann, betont, dass sie nicht in erster Linie abschrecken will: „Unser Ziel ist, den Studienabbruch zu verringern und den Studienerfolg zu erhöhen, indem wir dafür sorgen, dass das Studium zum Studierenden passt.

    Indem wir früher Alternativen aufzeigen und die Studierenden selbst testen lassen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen.“ Die Alternative könne dann ein anderes Fach sein – oder auch eine duale Ausbildung, für die es heute schon Berater der Industrie- und Handelskammern an den Hochschulen gibt.

    Klare Rückmeldungen geben

    Am Ende brauche es einen „guten Mix aus einer härteren Auslese zu Beginn und mehr Unterstützung für die, die man aufnimmt“. Manchen Bewerber müsse man auch vor sich selbst schützen: „Wenn jemand nicht genug weiß über die Anforderungen und meint, ‚ich probier’s einfach mal‘, ist das keine gute Idee“, so Bauer.

    Den anderen müsse man klare Rückmeldungen geben, was sie etwa in Mathe in den ersten zwei Semestern nachholen müssen – „das kann man dann auch zur Auflage machen“. Auf keinen Fall wolle sie „die Abbrecherquote dadurch reduzieren, dass wir die Ansprüche senken“.

    In den MINT-Fächern tun sich die Unis Stuttgart und Ulm sowie das Karlsruhe Institut für Technologie (KIT) zusammen: Sie erproben vor allem persönliche Auswahlgespräche „inklusive eines persönlichen Feedbacks – auch zu individuellen Lücken“, sagt der Stuttgarter Prorektor für die Lehre, Hansgeorg Binz.

    Stuttgart und Ulm entwickeln zudem einen kombinierten Test für die MINT-Fächer, der nicht nur fachlich-mathematisches Wissen prüft, sondern zusätzlich kognitive Fähigkeiten, also das Denkvermögen. „Das könnten wir dann eventuell bundesweit an den führenden deutschen Technischen Hochschulen, den TU9, ausrollen“, erzählt Binz.

    Besonders hoch ist der Studentenschwund auch im Lehramt. Aktuell herrscht dort ein enormer Andrang, der NC für Grundschullehrer etwa liegt in Baden-Württemberg bei 1,8. „Trotzdem haben wir dann während des Studiums 30 Prozent Schwund, und später wollen viele nur wenige Stunden arbeiten“, schildert Bauer die unerfreuliche Lage. „Also macht es doch Sinn, lieber mehr Zweierkandidaten aufzunehmen, die für den Beruf brennen, und dann auch tatsächlich in den Schulen ankommen.“

    Zeitmanagement ein Problem

    Das KIT und die Pädagogische Hochschule Karlsruhe haben ein Programm aus Beratung und Bewertung entwickelt, dass die künftigen Lehrer durchs ganze Bachelorstudium begleitet – damit sie spätestens zu Beginn des Masterstudiums sicher sind, dass sie Lehrer werden wollen. „Studierende kennen den Lehrerberuf nur aus Schülersicht und möchten mit Kindern arbeiten. Sie haben oft keine Vorstellung davon, dass man daneben mit Eltern, Kollegen und Vorgesetzten arbeiten muss“, sagt Silke Traub, Leiterin des Lehr-Lern-Zentrums der PH.

    Auch sei nicht klar, „dass man als Lehrer im Prinzip ständig auf dem Präsentierteller steht – und kaum Möglichkeit zum Rückzug hat“. Für viele sei das Zeitmanagement ein Problem – besonders Engagierte tendierten dazu, sich zu überfordern.

    Schließlich komme „ein kleiner Teil mit der irrigen Vorstellung, dass es sich um ein leichtes Studium und einen sicheren De-facto-Halbtagsjob handelt“. Die neuen Checks könnten somit sicher einem Drittel helfen, das Studium besser zu bewältigen und besser vorbereitet in die Schulen zu gehen. „Bei fünf bis zehn Prozent könnte es sein, dass sie erkennen, dass es für sie nicht das Richtige ist“, schätzt Traub.

    Der Rektor der Uni Heidelberg, Bernhard Eitel, der auch die Landesrektorenkonferenz führt, ist angetan von den zusätzlichen Möglichkeiten, dort, wo es zu wenig Studienplätze gibt, Studenten nicht nur nach der Abi-Note auszuwählen. „Es ist ein sehr hoher Aufwand, aber er lohnt sich, weil wir so die Abbruchquoten senken können.“

    Die Erfahrung zeige, dass ein Drittel der Bewerber zu Auswahlgesprächen gar nicht erscheine, weil ihre erste Wahl eine andere Hochschule ist. „Die, die kommen, lernen schon vor Semesterstart die Uni kennen, die Dozenten, die anderen Studenten – das erhöht die Bindekraft enorm.“ Auch Professoren profitieren, meint Eitel: „Sie werden sich eher bewusst, welche Verantwortung sie gegenüber den Erstsemestern haben, wenn sie sie aktiv mit auswählen.“

    Wichtig sei aber, „dass wir die Verfahren je nach Fach gestalten können – und dass wir sie unbürokratisch ändern können“. Der Stuttgarter Prorektor Binz verweist auf die Grenzen des Projekts: „Egal mit welchem Verfahren: Ungeeignete Bewerber können wir nur ablehnen, wenn es insgesamt zu wenig Plätze gibt. Gibt es genug Plätze, müssen wir sowohl nach den Gesetzen des Landes als auch nach dem Grundgesetz jeden nehmen.“

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