Sturmgewehr G36 Bundeswehrverband fordert schnellen Ersatz für umstrittene Standardwaffe

Der Bundeswehrverband hat einen Ersatz für das Sturmgewehr G36 gefordert - und das schneller als in den anvisierten zehn Jahren. Am Mittwoch nimmt Von der Leyen vor den Fachausschüssen des Bundestags Stellung.
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Ein Rekrut während einer Schießübung: Der Bundeswehrverband fordert schnelleren Ersatz für das Gewehr G36. Quelle: dpa

Ein Rekrut während einer Schießübung: Der Bundeswehrverband fordert schnelleren Ersatz für das Gewehr G36.

(Foto: dpa)

Hamburg/BerlinDer Bundeswehrverband fordert schnellen Ersatz für das umstrittene Sturmgewehr G36. Zwar vertrauten die Soldaten weiter ihrer Standardwaffe, sagte Verbandschef André Wüstner der Deutschen Presse-Agentur. „Natürlich erwarten sie dennoch, dass als Konsequenz eine neue Waffe beschafft wird - und das wesentlich schneller als in den anvisierten zehn Jahren.“

In der vergangenen Woche hatten Experten dem G36 ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. Nach ihren Untersuchungen sinkt die Trefferquote bei extremer Erhitzung von den erforderlichen 90 auf 7 Prozent. Der Austausch der rund 167.000 G36 würde nach Schätzung des Bundesamts für die Ausrüstung der Bundeswehr bis zu zehn Jahre dauern.

Am Mittwoch nimmt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) vor den Fachausschüssen des Bundestags zu dem Bericht Stellung. Wüstner sagte, die G36-Probleme verdeutlichten einen enormen Modernisierungsstau bei der Bundeswehr. „Er betrifft neben Handwaffen auch Funkgeräte, Nachtsichtgeräte und vieles mehr. All diese Systeme müssen dringend heutigen sowie künftigen Einsatzszenarien angepasst werden.“

Über die Probleme der Bundeswehr mit dem Sturmgewehr G36 wurde Medienberichten zufolge bereits vor drei Jahren der damalige Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) informiert. De Maizière sei bereits im März 2012 in einer Vorlage an ihn persönlich detailliert über erhebliche Präzisionsprobleme des G36 unterrichtet worden, berichteten „Spiegel Online“ und die „Süddeutsche Zeitung“ am Mittwoch unter Berufung auf interne Dokumente.

„Spiegel Online“ schrieb, die Vorlage vom 23. März 2012, die de Maizière mit seiner Paraphe abgezeichnet habe, decke sich mit den Ergebnissen der gerade vorgestellten Untersuchung verschiedener Institute über die gravierenden Probleme des G36, wenn es heiß geschossen ist.

Das Phänomen der Ausweitung des Streukreises und der abnehmenden Trefferwahrscheinlichkeit bei einer heiß geschossenen G36-Waffe stelle „aus militärischer Sicht einen erheblichen Mangel“ dar, zitierten beide Medien aus dem internen Papier. Die Probleme seien von „erheblicher Einsatzrelevanz“, da Soldaten im Gefecht den Gegner auf 200 Meter nicht mehr sicher bekämpfen könnten.

Die Mängel der Maschinengewehre
Bundeswehr-Soldaten mit Maschinengewehr
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Das Sturmgewehr G36 ist nicht die einzige Waffe der Bundeswehr mit Problemen bei der Treffsicherheit. Beim Maschinengewehr MG5 sei „eine Überschreitung des vertraglich vereinbarten Abstandes des Mittleren Treffpunktes“ festgestellt worden, räumte das Verteidigungsministerium nach einem Bericht des „Spiegel“ ein. Das Maschinengewehr wird wie das G36 von Heckler & Koch produziert. Die Abweichung beim MG5 wurde vom Ministerium aber offensichtlich als verkraftbar eingestuft. Wegen der Streuung sei „eine Vertragsanpassung mit Preisreduzierung“ ausgehandelt worden.

Schraube locker
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Ein Teil der Gefechtshelme der Bundeswehr muss wegen einer mangelhaften Schraube zur Befestigung am Kopf aus dem Verkehr gezogen werden. Das Verteidigungsministerium teilte am Dienstag mit, dass die Schraube nicht ausreichend gegen Splitter geschützt sei. Um eine mögliche Gefährdung der Soldaten im Einsatz auszuschließen, würden die Helme dort zuerst ausgetauscht. „Danach erfolgt auch der Austausch aller betroffenen Gefechtshelme für den Grundbetrieb im Inland“, heißt es in der Mitteilung. Nach einem Bericht des verteidigungspolitischen Blogs „Augen geradeaus!“ stammen die defekten Helme vom spanischen Hersteller Induyco.

Das Sturmgewehr G36 schießt angeblich schief
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Experten stellen dem umstrittenen Sturmgewehr G36 ein verheerendes Zeugnis aus. Dessen Trefferquote soll bei extremer Erhitzung stark sinken. Der Bundeswehrverband fordert daher einen schnellen Ersatz für das G36. Zwar vertrauten die Soldaten weiter ihrer Standardwaffe, sagte Verbandschef André Wüstner. Trotzdem erwarteten sie, dass als Konsequenz eine neue Waffe beschafft werde – und das wesentlich schneller als in den anvisierten zehn Jahren. Heute nimmt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vor den Fachausschüssen des Bundestags zu dem Bericht Stellung.

Im Einsatz gegen den IS
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Das Sturmgewehr G36 gehört seit 1996 zur Standardausrüstung jedes Bundeswehrsoldaten. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums wurden 176.544 der Waffen bei dem baden-württembergischen Hersteller Heckler & Koch eingekauft, von denen noch 166.619 genutzt werden. Das Gewehr besteht zum großen Teil aus Kunststoff und ist deswegen mit einem Gewicht von dreieinhalb Kilogramm vergleichsweise leicht. Es hat ein Kaliber von 5,56 mal 45 Millimetern und kann Einzelschüsse und Dauerfeuer abgegeben. 8000 G36-Gewehre hat die Bundeswehr an die kurdische Armee im Nordirak für ihren Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) abgegeben. Es ist die jüngste, aber bei weitem nicht die erste Blamage in Sachen Bundeswehrausrüstung.

Software-Panne bei Hubschraubern
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Eine schadhafte Software, mit der die Wartung der Maschinen überwacht und Ersatzteile beschafft werden, sorgte im Februar 2015 dafür, dass viele der Helikopter am Boden bleiben mussten. Nach einem Update waren die Daten so durcheinandergeraten, dass die Techniker nicht mehr nachvollziehen können, welche der Maschinen flugtauglich ist. Besonders betroffen von der Software-Panne ist der Bundeswehr-Transporthubschrauber NH 90. Das ist insofern besonders bitter, weil der wichtiger Bestandteil bei der schnellen Eingreiftruppe im Ukraine-Konflikt ist.

Ausfälle bei den Bordhubschraubern
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Auch bei den Bordhubschraubern vom Typ Sea Lynx der Marine gab es erhebliche Ausfälle, wie ebenfalls im September 2014 bekannt geworden war. Von 22 Maschinen sei keine einzige einsatzbereit. Im Juni war laut einem Süddeutschen Zeitung vorliegenden internen Dokument in einem Modell einer Fregatte ein 20 Zentimeter langer Riss entdeckt worden, woraufhin der komplette Betrieb mit dem Modell zunächst eingestellt wurde. Wohl zu Recht: Danach wurden an drei weiteren Hubschraubern ähnliche Schäden gefunden. Unter Auflagen sind im Januar die ersten Sea Lynx wieder gestartet. Insgesamt ist der Zustand der Hubschrauber-Flotte besonders besorgniserregend. Der Stand einsatzbereiter Maschinen ist auf extrem niedrigem Niveau. Nach einer internen Statistik waren Ende des vergangenen Jahres nur elf Prozent aller Exemplare des Kampfhubschraubers Tiger startklar. Beim Transporthubschrauber NH 90 lag die Quote im Jahresmittel 2014 bei 17,45 Prozent.

Defekte Transall-Maschinen
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Die Panne sorgte im September 2014 für Aufsehen und lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit nach längerer Zeit wieder auf die Ausrüstungsmängel bei der deutschen Bundeswehr: Weil die Transall-Maschinen der Bundeswehr technische Defekte aufwiesen, konnten die Ausbilder, die kurdische Peschmerga-Kämpfer bei ihrer Arbeit gegen den IS im Irak vorerst nicht zu ihrer Mission aufbrechen. Sie mussten die Maschinen auf dem Militärflugplatz Hohn wieder verlassen.

Trotz der Warnung seien bis zum Ende von de Maizières Amtszeit kaum Konsequenzen gezogen worden, schrieb „Spiegel Online“. Der weitere Ankauf von G36-Gewehren sei nicht gestoppt oder zumindest angehalten worden. Vielmehr wurden nach Informationen von „Spiegel Online“ im April 2012, also kurz nach der Warnung an den Minister, 3770 neue G36-Modelle bestellt.

Die „SZ“ schreibt, der damalige Verteidigungs- und heutige Innenminister de Maizière habe in einer Anmerkung auf dem Dokument eine neue Vorlage mitsamt einer Chronologie der Ereignisse verlangt. Diese Vorlage habe ihn Mitte April erreicht. Darin sei das Sturmgewehr G36 „als grundsätzlich tauglich für die Erfordernisse der laufenden Einsätze bewertet“ worden. Einschränkungen der Treffleistung bei heißgeschossener Waffe seien „Gegenstand von laufenden Untersuchungen“.

Die Ausweitung des Streukreises der Waffe durch Überhitzung sei in der „heutigen Einsatzrealität“ „nicht auszuschließen“, heißt es laut „SZ“ in der Vorlage. Dennoch gebe es „keine belastbaren Erkenntnisse“, die Anlass gäben, „die Bewertung des Sturmgewehrs G36 als grundsätzlich einsatztauglich zu revidieren“. Eine „belastbare Aussage“ zur Einsatzfähigkeit der Waffe sei allerdings erst nach dem Abschluss weiterer Untersuchungen möglich.

Laut „Spiegel Online“ waren die Soldaten in Afghanistan zuvor allerdings vor dem G36 gewarnt worden. Am 20. März 2012 habe das Einsatzführungskommando eine geheime Order verschickt: Bei heiß geschossenen G36-Gewehren werde das „zuverlässige Bekämpfen“ von Gegnern wegen „einer erheblich größeren Streuung“ „erschwert“, die Trefferquote sinke sogar auf „ca. ein Drittel“. Ähnliche Werte ergaben dem Bericht zufolge auch die neuesten Tests.

Dem Bundestag verschwieg das Verteidigungsministerium laut „Spiegel Online“ die Probleme. Noch im November 2012, acht Monate nach dem Warnschreiben, habe der Verteidigungsstaatssekretär Thomas Kossendey dem zuständigen Ausschuss mitgeteilt, am G36 sei „kein Mangel“ festgestellt worden. Das Ministerium habe damals auf Nachfrage von „Spiegel Online“ außerdem erklärt, die Voraussetzungen für die Nutzung im Auslandseinsatz seien „nach wie vor gegeben“.

  • dpa
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  • Die Probleme des G36
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    Es schießt nicht zuverlässig. Bei höheren Temperaturen sinkt die Treffergenauigkeit auf 7%.
    Macht aber nichts, Heckler & Koch hat einen guten Lobbyisten: Volker Kauder!
    Auch Thomas de Maizière wußte schon 2012 davon, hat aber noch weitere G36 bestellt.

    Lobbyarbeit lohnt sich!

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